
Ein Dorf voller Bücher? In Redu stehen Antiquariate dort, wo anderswo Cafés und Souvenirläden zu finden sind. Warum der kleine Ort in den belgischen Ardennen selbst für Nichtleser überraschend verführerisch ist.

Manchmal braucht es keinen spektakulären Aussichtspunkt, keinen mittelalterlichen Marktplatz und nicht einmal ein Schloss, damit ein Dorf zum lohnenden Ziel wird. In Redu in der Wallonie reichen dafür Bücher, Tonnen von Büchern.

Sie stehen in Schaufenstern, stapeln sich hinter alten Türen und warten zwischen knarrenden Regalen auf ausgesprochene Leseratten oder einfach auf jemanden, der eigentlich nur kurz hineinschauen wollte. Aus dem kurzen Schauen kann allerdings schnell ein halber Nachmittag werden.
Vom sterbenden Dorf zum „Village du Livre“

Das kleine Redu mit seinen schiefergedeckter Häusern liegt in der belgischen Provinz Luxemburg, eingebettet in die bewaldete Landschaft der Ardennen. Anfang der 1980er Jahre drohte das Dorf aufgrund mangelnder Perspektive auszusterben. Die Landwirtschaft warf nicht mehr genug ab, junge Familien zogen reihenweise weg, Häuser, Scheunen, Garagen, Werkstätten und Ställe verfielen. Doch dann lernte der Journalist Noël Anselot auf einer Recherchereise durch Wales das kleine Hay-on-Wye kennen.

Ein Leidensgenosse von Redu, der aber Anfang der 1960er Jahre dank der Initiative des exzentrischen Richard Booth einen erfolgreichen Wandel zum weltweit ersten Bücherdorf vollzog. Überall schossen Antiquariate aus dem Boden und sogar das Schlossareal von Hay wurde über Nacht zum Freiluftbuchhandel.
Noël Anselot griff die Idee auf und vermochte die verblieben Bewohner von Redu von dem Konzept zu überzeugen. Mit Erfolg. Das Ardennen-Dorf erwachte aus dem Dornröschenschlaf. Und so trägt der winzige Ort nun seit 1984 voller Stolz den Beinamen „Village du Livre“, also Bücherdorf.

Damals verwandelte sich die kleine Ortschaft am Osterwochenende versuchsweise in einen großen Markt für seltene und gebrauchte Bücher aller Art. Und die Buchliebhaber aus nah und fern stimmten eindrucksvoll mit den Füßen ab. Rund 15.000 (!) Menschen kamen innerhalb von drei Tagen – ein erstaunlicher Andrang für einen Ort dieser Größe. Seither dreht sich in Redu fast alles um das gedruckte Wort.
Kilometerweise Lesestoff

Wer heute durch Redu spaziert, merkt schnell, dass hier nicht nur ein paar dekorative Buchhandlungen nebeneinanderstehen. Gebrauchte Bücher sind längst Teil der Dorfidentität, werden in Ladenlokalen, alten Ställen, Werkstätten und Scheunen präsentiert. Die Buchhandlungen sind auf Literatur, Geschichte, Natur, Astronomie, Reisen, Musik, Archäologie oder Comics spez6. Zusammen kommen mehrere Kilometer Bücherregale. Die Auswahl ist schlicht gewaltig, wobei der Fokus in diesem Teil Belgiens auf französischer Literatur liegt. Aber auch englische und deutsche Titel sind vielfach zu finden.
Ein Buchdorf, das auch Nichtleser verführt

Das klingt zunächst nach einem Paradies für Bibliophile. Tatsächlich funktioniert Redu aber auch für Menschen, die mit dem Vorsatz anreisen, garantiert kein Buch zu kaufen. Denn genau darin lauert die Gefahr. Ein abgegriffener Reiseführer über eine längst vergessene Region, ein belgischer Comic-Klassiker oder ein kunstvoll illustrierter Bildband kann im richtigen Moment erstaunlich überzeugend wirken. Redu ist damit ein Ort, an dem Souvenirs plötzlich mehrere hundert Seiten haben können.
In Zeiten von Internet und Digitalisierung

Redu hat allerdings auch erlebt, wie sich das Leseverhalten zunehmend verändert. Internetbuchhandel und Digitalisierung setzten dem Geschäftsmodell zu; die Zahl der Buchhändler sank im Laufe der Jahrzehnte deutlich. Zu Spitzenzeiten zählte das Dorf 26 Buchhandlungen. Heute sind es nur knapp ein Drittel, was für eine 400-Seelen-Gemeinde weiterhin eine bemerkenswerte Zahl darstellt.
Zwischen Büchern, Ardennenwald und Raumfahrt

Das Dörfchen in den Ardennen versucht nicht, verzweifelt die Zeit anzuhalten, sondern verbindet seine Buchtradition mit Kunst, Handwerk, Gastronomie und die faszinierende Natur der Ardennen. Das macht Redu zu einem ungewöhnlich Ziel. Erst wird zwischen alten Buchrücken gestöbert, dann geht es hinaus ins Grün. Wer nach dem Stöbern im Antiquariat das Gefühl bekommt, dringend Frischluft zu benötigen, muss also nicht weit suchen. Der Wald liegt quasi direkt vor der Tür.
Astronautentraining und interaktive Wissenschaft

Und dann wäre da noch eine Überraschung, die kaum zum Bild des stillen Bücherdorfs passen will: Nur wenige Kilometer entfernt liegt in Transinne das Euro Space Center. Dort dreht sich alles um Raumfahrt.

Das Zentrum bezeichnet sich ausdrücklich nicht als klassischen Freizeitpark, sondern als immersives wissenschaftliches Entdeckungszentrum. Das aktuelle Programm reicht vom Planetarium über das Mars Village bis zu Simulatoren und Erlebnissen rund um Mond- und Marsgravitation. Damit entsteht in der Region eine eigentümliche Dramaturgie: In Redu blättert man in Reiseberichten über ferne Länder, wenige Kilometer weiter geht die Reise gleich über die Erdumlaufbahn hinaus.
Wenn das ganze Dorf zur Buchmesse wird

Besonders lebendig zeigt sich Redu übrigens rund um seine Buchveranstaltungen. Die Fête du Livre findet traditionell am Osterwochenende statt und verwandelt die Straßen in eine Bühne für Bücher, Autoren und Händler. Eine weitere Besonderheit ist die Nuit du Livre, die traditionell im Sommer gefeiert wird und bei der Buchhandlungen bis in die Nacht hinein öffnen.
Informationen: www.redu-villagedulivre.be und www.visitwallonia.de

Tipp: Gegenüber der Kirche mit der markant schiefen Spitze lädt das Kunstmuseum Mudia mit mehr als 300 Original-Gemälden und Skulpturen zu einer interaktiven Reise durch sieben Jahrhunderte der Kunstgeschichte Ein. Der Eintritt beträgt für Erwachsene 15,50 Euro, ermäßigt 12,50, für Kinder ab 5 Jahren 8,50 Euro.

Die Recherche fand – ohne Einfluss auf die journalistische Ausarbeitung – auf Einladung / mit Unterstützung von VISITWallonia statt.
Karsten-Thilo Raab
berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.