Von 14. Januar 2016 Mehr →

Zell am See – Wedeln mit Kunstgenuss

Einer der vielen Hingucker auf Galerie auf der Piste in Zell am See: die Skulptur "Lebensbäume". (Foto Karsten-Thilo Raab)Eigentlich ist es eher unüblich, Kunstobjekte derart an den Rand zu rücken. Dabei geht es hier nicht um Diebstahlsicherung oder Angst vor Vandalismus. Dazu sind die 28 Kunstobjekte schlicht zu groß und zu schwer. Zudem kommen hier nachts und im Morgengrauen wohl keine zwielichtigen Gestalten oder übermutige Jugendliche mit Spraydosen vorbei. Die Wahl der Standorte für die ungewöhnlichen Hingucker erfolgte vielmehr rein aus Sicherheitsaspekten. Denn der Schutz der Skifahrer und Snowboarder genießt oberste Priorität.

Und doch geht es gleichzeitig darum, den Wintersport mit Kunstgenuss und Aha-Erlebnissen zu kombinieren. Wobei die Skulpturen und Installationen in der Regel eher im Vorbeigehen – oder besser gesagt, im Vorbeiwedeln – wahrgenommen werden. Oftmals auch erst, wenn die Pisten an der Schmittenhöhe im österreichischen Zell am See zum zweiten oder dritten Mal runtergerauscht werden.

Auf den ersten Blick durchaus schockkierend: die Skulptur "Frei sein". (Foto Karsten-Thilo Raab)„Die Kombination aus Kunst und Wintersport dürfte in dieser Form wohl einmalig sein“, verweist Christian Pfeffer von der Zell am See-Kaprun Tourismus GmbH auf die Tatsache, dass die Freiluftgalerie auch künftig weiter wachsen wird. Dank der Fördermittel des Landes Salzburg, der Gemeinde und vor allem der Bergbahnen sollen nach und nach weitere Kunstobjekte hinzukommen.

Auf 18 Hektar gestalteten Künstler aus Italien, Spanien, Deutschland und Österreich seit dem Jahre 1995 die frei zugängliche „Kunst am Berg“. Anders als in „normalen“ Galerien ist der Galerie auf der Piste nicht als Rundweg konzipiert, sondern setzt mehr auf die zufällige Begegnung mit der Kunst sowie den Überraschungseffekt.
Quasi zwischen Wendeln, Schussfahrt und Einkehrschwung fast drei Dutzend Kunstwerke vor diesem beeindruckenden Alpenpanorama zu entdecken, sorgt unweigerlich für jede Menge Aha-Erlebnisse und Gesprächsstoff.

Auf den herrlich breiten Hängen der Areitbahn, entlang der Glocknerwiese und der Schüttabfahrt, aber auch zwischen Sonnenkogel und Sonnenalm lassen sich faszinierende Großskulpturen entdecken, die je nach Wetterlage und Tageszeit ihr Aussehen zu verändern scheinen.

Die "Tomographie eines Porträts" gehört sicher zu den schönsten Blickfängen auf der Schmittenhöhe. (Foto Karsten-Thilo Raab)
Einige Kunstwerke sind mit Schnee überdeckt, andere scheinen sich schüchtern in kleine Waldschneisen zu ducken. Wiederum andere stehen mitten auf der Piste oder an Wegegabelungen. Im Speicherteich Brunnenmais findet sich mit der „Zelle am See“ des Italieners Gianpietro Carlesso sogar ein schwimmendes Kunstwerk.

Das Gros der Kunstwerke besteht im Wesentlichen aus Holz. Seit 2012 verwenden die internationalen Künstler, die sich bereits fünf Mal zu großen Symposien in Zell am See trafen, auch andere Materialien wie Stein und Ton – und sogar die Stahlseile einer Seilbahn.

So könnten die übergroßen Stühle nebst Tisch unterhalb der Hochzelleralm als Ausdruck der Gigantomanie gewertet werden. Der Österreicher Michael Printschler konstruierte die Sitzmöbel, deren Rücklehnen sich 4,50 Meter in den Himmel strecken, während der mächtige Tisch vom Boden aus 3,50 Meter misst. Was Wintersportler und Wanderer jedoch nicht davon abhält, hier spaßeshalber einmal Platz zu nehmen.

Im vorbeiwedeln lässt sich in Zell am See beim Skifahren manches Kunstwerk entdecken. (Foto Karsten-Thilo Raab)Derweil lässt Helmut Machhammers Skulptur „Frei sein“ sicher so manchen zunächst einmal erschaudern. Denn das Kunstwerk, das mitten auf der Piste platziert ist, erinnert an eine Fallschirmspringerin, die in einem Baumwipfel hängen geblieben ist. Nicht weniger „menschelt“ die „Tomographie eines Porträts“, ein weiteres augenfälliges Kunstwerk des Österreichers. Aus einem drei Meter hohen und 2,40 Meter breiten Haufen aus geschichtetem Holz formte Machhammer das plastische Gesicht eines Mannes.

Derweil zeigt sich der Deutsche Hans-Joachim Freymuth nicht allein für drei überdimensionale Tulpen mit dem Titel „Flowers Meeting“ verantwortlich, sondern auch für das „Fenster zum Himmel“. Dahinter verbirgt sich ein Baumstamm mit ausgesägtem Fenster und einer Krone aus Rundstäben. Beim Blick durch das Fenster bieten sich je nach Sonnenstand und Tageszeit großartige Kontraste zur Piste und zum Alpenpanorama.

Stimmungsvoll im Gegenlicht: die Skulptur "Lieber Waldbesucher". (Foto Karsten-Thilo Raab)Zu den Kuriositäten auf der Schmuttenhöhe gehören daneben ein geschraubter Totem von Gianpaolo D´Andrea Moravecia (Italien) und die drei Lebensbäume von Erika Inger (Italien), die auf je sechs Metern Länge Fruchtbarkeit und Kraft symbolisieren. Kaum minder ungewöhnlich ist die „Genmanipulation“ des Österreichers Max M. Seibald, der unweit der Bergstation der Sonnenkogelbahn eine „Bananenfichte“ schuf – einen Nadelbaum, an dem Bananen mitten im Schnee zu wachsen scheinen. Nicht zu vergessen ist auch der Hirschfang von Herbert Golser (Österreich). Das Gewirr aus sechs Meter langen Hölzern, die sternförmig auseinander gehen, wirkt wie die Speichen eines überdimensionalen Balles.

Eher wie ein hölzernes Indianerzelt wirkt die „Windskulptur“ des Österreichers Adalbert Wazek, während sein Landsmann Michael Kos mit „Lust der Mitte“ eine Skulptur schuf, die wie eine gigantische Suppenschüssel mit roten Plastikborsten anmutet. Holz in Verbindung mit der Signalfarbe Rot kennzeichnet auch sein Kunstwerk „Formspiel – Spielform“, das wie ein Kinderkreisel für ein Riesenbaby wirkt.

Wie eine Speiseplatz für Riesen wirkt die Skulptur "Grüss Gott nehmt Platz". (Foto Karsten-Thilo Raab)Derweil platzierte die Spanierin Matilde Grau unweit der Sonnenalm zwei überdimensionale Tassen aus Steinzeug in zwei Astgabeln einer Buche. Die Trinkgefäße wecken sicher bei manch einem die Erinnerungen an das gute Porzellan in Omas Küchenschrank. Vor allem machen sie aber Durst auf einen Kaffee auf der Sonnenalm und machen ganz nebenbei Appetit auf weitere Kunstwerke, die es an der Schmittenhöhe zu entdecken gibt.

Allgemeine Informationen: Zell am See-Kaprun Tourismus, Brucker Bundesstraße 1a, A-5700 Zell am See, Österreich, Telefon 0043-6542-770, www.zellamsee-kaprun.com

Kunst am Berg: Schmittenhöhebahn AG, Postfach 8, A-5700 Zell am See, Telefon 0043-(0)6542-7890, www.schmitten.at

Essen & Trinken: Areitalm, Schmittenhöhe; Kontakt: c/o Schmittenhöhebahn, Salzachtal Bundesstraße 7, A-5700 Zell am See, Telefon 0043-(0)6542-57177, info@areitalm.at, www.areitalm.at. Modern gestaltete Alm mit großer Speisenauswahl und einladender Sonnenterasse.

Das "Fenster zum Himmel" macht seinem Namen alle Ehre. (Foto Karsten-Thilo Raab)Ketting-Alm, Schmittenhöhe; Kontakt: Schernthaner KG, Dorfstraße 43, A-5721 Piesendorf, Telefon 0043-(0)676-6156460, www.kettingalm.at. Traditionelle Alm mit typischen Speiseangebot von Germknödel bis Schnitzel.

Zum Hirschen, Dreifaltigkeitsgasse 1, A-5700 Zell am See, Telefon 0043-(0)6542-7740, www.zum-hirschen.at. Gehobene österreichische Küche direkt in der Fußgängerzone.

Übernachten: Schmittenhof, Schmittenstraße 109, 5700 Zell am See, Österreich, Telefon 0043-(0)6542-70364, www.schmittenhof.at. Das Vier-Sterne-Hotel liegt nur fünf Gehminuten von der Talstation entfernt und bietet Doppelzimmer ab 65 Euro an.


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