Von 7. Juni 2015 Mehr →

Tarpon Springs – ein mediterranes Stück Florida

In Tarpon Springs wird noch immer die alt hergebrachte griechische Methode des Schwammtauchesn zelebriert.

In Tarpon Springs wird noch immer die alt hergebrachte griechische Methode des Schwammtauchens zelebriert. (Foto St. Petersburg/Clearwater Area Convention & Visitors Bureau)

George Billiris, der eigentlich Georgios mit Vornamen heißt, ist so etwas wie der ungekrönte König von Tarpon Springs, eine Art Pate. Sein Wort hat Gewicht, sein Wort ist Gesetz. Sogar bis in die hohe Politik reicht sein Einfluss – und dies nicht nur, weil seine Frau zufällig lange Zeit Bürgermeisterin der 25.000-Einwohner-Gemeidne am Golf von Mexiko war. Wo er auftaucht, grüßen ihn die Menschen mit Respekt. Und doch stiehlt ihm sieben, acht Mal am Tag ein ehemaliger Banker aus Wisconsin die Show. Dabei ist das vermeintliche Problem eher hausgemacht. Denn Travis Jewell ist Angestellter von George Billiris. Sieben, acht Mal am Tag simuliert er einen griechischen Schwammtaucher, der nach alter Väter Sitte in die Fluten des Hafenbeckens hinabsteigt, um mit Harke bewaffnet den Boden noch Schwämmen zu durchkämmen.

Riesige Naturschwämme werden in Tarpon Springs noch heute an Land gebracht und verkauft. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Riesige Naturschwämme werden in Tarpon Springs noch heute an Land gebracht und verkauft. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Ich wollte weg von der Kälte und haben Spaß am Tauchen“, erläutert der 31-jährige seine Beweggründe, wohl wissend, dass diese Art des Tauchens ein echter Knochenjob ist. „In meiner kleinen Welt bin ich so etwas wie ein Star. Der Preis, den ich dafür zahlen muss, sind die täglichen Rückenschmerzen“, fährt der hoch aufgeschossene Schlacks fort, während ihm zwei Helfer aus der schweren Ausrüstung hinaus helfen. Deren Anblick lässt unweigerlich die Herzen aller Nostalgieliebhaber höher schlagen.

Zur Ausrüstung gehört neben dem orange-gelben Gummianzug, einem Bleigurt, Bleischuhen und einem Beatmungsschlauch ein Kupferhelm, der mit dicken Schrauben und Flügelmuttern an einem eisernen Kragen verschraubt wird. Das Ganze wiegt stolze 85 Kilo – fünf Kilo mehr als Travis Jewell auf die Waage bringt. Im Rahmen von halbstündigen Bootsfahrten in Spring Bayou, dem kleinen Hafen, vermittelt Travis Jewell den Touristen aus aller Herren Länder einen Eindruck davon, unter welch schwierigen Bedingungen die Schwammtaucher einst ihrem gefährlichen Beruf nachgingen.

Unter dem Beifall der zahlenden Gäste zieht der Taucher eine Blubberblasenspur durch das Wasser, um dann nach einigen Minuten mit einem porösen Etwas auf die Harke gespießt, wieder triumphierend aufzutauchen. Ein Stück lebendige Industriegeschichte, die vom Klicken der surrenden Kameras minutiös auf Zelluloid oder den digitalen Chip gebannt wird. Dabei interessiert es eigentlich niemanden, dass die Schwämme tatsächlich in einem eigens abgestellten Korb auf dem Grund des Hafenbeckens lagern. Dafür ist der Taucher ja auch keine Grieche, sondern ein ehemaliger Banker aus Wisconsin.

Mit schwerem Gerät steigt der Schwammtaucher ins Wasser. (Foto St. Petersburg/Clearwater Area Convention & Visitors Bureau)

Mit schwerem Gerät steigt der Schwammtaucher ins Wasser. (Foto St. Petersburg/Clearwater Area Convention & Visitors Bureau)

Und dennoch ist Tarpon Springs so etwas wie die mediterrane Ausgabe Floridas, ein Klein-Hellas am Golf von Mexiko. Blau-weiß ist hier die dominierende Farbkombination. Die Sonne lacht am strahlend blauen Himmel. Die Häuser sind weiß getüncht, Türen und Fensterläden schimmern in freundlichem blau. Tavernen liegen Tür an Tür mit griechischen Restaurants und Bäckereien. Aus den Lautsprechern dröhnen Sirtaki-Klänge. Fröhlich lachende Männer sitzen um einen Tische herum, trinken starken schwarzen Kaffee und spielen Karten oder Backgammon. Und über allem weht die blau-weiße griechische Flagge.

„Ich bin mitten in den USA und doch nur fünf Minuten von Griechenland entfernt“, schwärmt George Billeris von seiner amerikanischen Heimat. Fast die Hälfte aller Einwohner von Tarpon Springs haben griechische Wurzeln. Ihre Väter und Urgroßväter kamen vor mehr als einhundert Jahren nach Tarpon Springs. Sie alle waren erfahrene Schwammtaucher, angelockt von den riesigen, knapp 15.000 Quadratkilometer großen Naturschwammgründen im Golf von Mexiko.

Mit einer Harke wird der Meeresboden "durchkämmt". (Foto St. Petersburg/Clearwater Area Convention & Visitors Bureau)

Mit einer Harke wird der Meeresboden „durchkämmt“. (Foto St. Petersburg/Clearwater Area Convention & Visitors Bureau)

Sie alle sprachen kein Wort Englisch, hatten keine müde Mark in der Tasche. Dafür brachten sie ihre Tauchausrüstung und griechische Lebensart mit und importierten das jahrhundertealte Know-how der griechischen Schwammtaucher. Schon bald florierte die Schwammindustrie, in den 1930er Jahren wuchs die Taucherflotte auf 200 Boote an und Tarpon Springs stieg zur „Welthauptstadt der Schwämme“ auf.

Noch immer stammt das Gros der Weltproduktion aus dem Little Hellas in Florida. Obschon heute gerade einmal noch drei Dutzend Taucher dieser Profession nachgehen. „Früher haben wir bis zu zwölf Millionen Schwämme pro Jahr an Land gebracht, jetzt sind es nur noch knapp zwei Millionen“, sieht George Billiris die Gründe für den Niedergang der kommerziellen Schwammindustrie nicht allein in der Konkurrenz durch künstliche Schwämme. Schlechtwetterperioden, die zunehmende Umweltverschmutzung und eine schwere Algenpest sind nur einige der Ursachen. Schlimmer aber wiegt die Tatsache, dass es den Taucher an Nachwuchs mangelt.

Überall in Tarpon Springs werden Naturschwämme feilgeboten, auch wenn längst billige Kunstschwämme zu Marktführern geworden sind. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Überall in Tarpon Springs werden Naturschwämme feilgeboten, auch wenn längst billige Kunstschwämme zu Marktführern geworden sind. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Der Job ist hart und entbehrungsreich. Die Boote sind oft wochenlang auf dem Wasser und der Lohn ist vom Ertrag abhängig“, erläutert George Billiris, wohl wissend, dass die Nachfrage für Naturschwämme achtmal größer als das Angebot ist. In seinem Warenhaus aus den 1920er Jahren werden die Tierskelette zunächst mit einem Hochdruckreiniger vom Knochengerüst gespült, dann in handliche Stücke zerteilt und mit der Schere in Form bracht. Je nach Qualität können für jedes Kilo Naturschwamm Beträge ab 50 Dollar aufwärts erzielt werden.

„Jeder Schwamm ist einzigartig. Ich liebe Schwämme, sie sind mein Leben“, setzt sich Billiris mit ganzer Kraft für den Erhalt des Industriezweiges ein, auch wenn längst der Tourismus die Haupteinnahmequelle von Tarpon Springs geworden ist. In den 125 Souvenirläden werden Amphoren, mit Muscheln besetzte Schatullen oder griechische Statuen aus Gips feilgeboten. Und natürlich Schwämme, Schwämme und Schwämme!

Mit seinen griechischen Restaurants, Tavern und Schwammtauchern wirkt Tarpon Springs wie Klein-Hellas in Florida. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Mit seinen griechischen Restaurants, Tavern und Schwammtauchern wirkt Tarpon Springs wie Klein-Hellas in Florida. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Wir sind nicht Mickey Mouse, hier ist alles authentisch“, verkündet George Billiris mit dem Brustton der Überzeugung. Gleichzeitig ist dies ein verbaler Seitenhieb auf die Freizeitparks rund um das nahe gelegene Orlando. Und doch kommen leichte Zweifel auf. Zumindest dann, wenn Travis Jewell nach einem erfolgreichen Tauchgang sich mit den Touristen fotografieren lässt und ihnen dann Autogrammkarten für den Schnäppchenpreis von nur einem Dollar verkauft, die er selbstverständlich handsigniert.

Allgemeine Informationenwww.ctsfl.us

Sehenswürdigkeiten: Über die Geschichte der griechischen Siedler und die Schwammindustrie informiert das „Spongeorama“ im Rahmen einer kleinen Dauerausstellung. Informationen: Spongeorama, 510 Dodecanese Boulevard., Tarpon Springs FL 34688.


Archiviert unter Topthema, Amerika, Florida, USA