Von 11. Mai 2017 Mehr →

Sightjogging – im Laufschritt durch Bergen

Nicht von ungefähr gehört Bergen zu den magischen Orten in Norwegen.

Verwinkelte Gassen, Berg- und Stadtpanoramen kombiniert mit frischer Fjordluft im Laufschritt, so könnte man das Patentrezept von Erik Eidsheim nennen, der in der norwegischen Stadt Bergen Jogging-Sightseeing-Touren anbietet. Dabei geht es vorbei an der UNESCO-Welterbestätte Bryggen, der mittelalterlichen Festungsanlage und durch charmante Wohnsiedlungen, in denen sich windschiefe weiße Holzhäuser aneinanderschmiegen. Der 43-jährige hat sein Hobby Laufen und seine Liebe zu seiner Heimatstadt Bergen kombiniert und führt nun sportliche Touristen durch die Stadt, die sich mit Recht „Das Tor zu den Fjorden“ nennt.

Ein ganz anderer Blickwinkel auf bergen lässt sich beim Sightjogging gewinnen. (Foto Joggetur)

Es herrscht Hochbetrieb im angrenzenden Frühstücksraum als sich ein kleines Grüppchen in bunter Laufkleidung in der Hotellobby trifft. Die vier Sportler schütteln sich die Hände und fragen den Guide Erik mit einem skeptischen Blick nach draußen, was für ein Wetter sie auf ihrer Jogging-Sightseeing-Tour wohl erwarten wird. Der sympathische 43-jährige lacht und kneift dabei die Augen vor purer Freude hinter seiner großen Nerd-Brill zusammen: „Bergen ist die Regen-Hauptstadt Europas und Bergen liefert.“ Die Laufgäste grinsen ebenfalls und weisen ihn darauf hin, dass das da draußen wohl eher Schnee als Regen ist – aber jetzt gibt es kein Zurück mehr.

Bei der Lauftour geht es wahlweise flach am Wasser entlang oder auch mal hoch in ie Berge rund um die norwegische Regenhauptstadt.

Der Jogging-Guide legt seinen Gästen aufmunternd die Hand auf die Schulter und schiebt sie durch die Drehtür ins Freie. Er weist über den direkt vor der Nase liegenden Fjord und verspricht: „In Bergen kann man vier Jahreszeiten in einer Stunde erleben!“ Tatsächlich blitzt in diesem Moment durch die Wolken ein freundliches Blau kurz auf und seine Schützlinge ziehen die Reißverschlüsse der Laufjacken hoch. In der folgenden halben Stunde werden sich die Touristen vertrauensvoll in die Hände des Jogging-Guides begeben – und auf den Segen von Petrus in Sachen Wetter hoffen.

Besonders stimmungsvoll ist der Lauf durch die Altstadt des Stadtteils Bryggen.

Munter plappert der vergnügte Guide drauf los und so bemerken die Läufer gar nicht, wie der Weg durch die Befestigungsanlage Bergenhus langsam ansteigt. „Hier finden im Sommer Konzerte mit Robbie Williams, Elton John und anderen Pop-Ikonen statt – Fjordblick und Festungs-Atmosphäre inklusive“, schwärmt der sportliche Bergenser und führt das Grüppchen durch den steinernen Torbogen.

„An dieser Stelle passen aber auch nur schlanke Jogger durch“, lacht Britta, eine muntere IT-Angestellte aus Berlin, und quetscht sich seitlich durch eine kleine Lücke zwischen zwei weißen Holzhäusschen. „Ja, es gab zur Zeit der Erbauung noch keine Vorschriften und so sehen die schönen Häuschen aus wie hingewürfelt“, bestätigt der Lauf-Guide.

Der Faszinazion Holzhaus kann sich in dem UNESCO-Weltkulturerbe niemand entziehen.

Dass es sich hier angenehm leben lässt, beweisen zahlreiche kleine Plätzchen, die mit Bänken, Sandkästen und Spielzeug bestückt sind. „Diese Treffpunkte, die von uns Bergensern vor allem im Sommer gern genutzt werden, wenn die Sonne erst weit nach Mitternacht untergeht, sind nicht entstanden, weil jemand städteplanerische Weitsicht hatte, sondern oft, weil an dieser Stelle ein oder mehrere Holzhäuser abgebrannt sind.“

Beim Sightjogging bestimmt der Langsamste das Tempo. (Foto Joggetur)

Während das Laufgrüppchen lockeren Schrittes über das Kopfsteinpflaster trabt, hebt Guide Erik am laufenden Band seine rechte Hand zum Gruße. Mal winkt er lachend einer Mutter mit Kinderwagen zurück, mal einem rüstiges Rentnerpaar auf dem Weg zum Einkaufen. Der „bunte Vogel“ Erik ist stadtbekannt und es scheint, die Einheimischen freuen sich darüber, dass er sein Hobby zum Beruf machen konnte – und staunen gleichzeitig offensichtlich auch darüber, dass man mit Joggen Geld verdienen kann.

Neben den Sehenswürdigkeiten kennt sich der Bergenser auch mit den Bewohnern in den schnuckeligen weißen Holzhäusern aus. „Hier wohnt die Wettermoderatorin von NRK, unserem staatlichen Fernsehsender“, weiß er zu berichten und in der Gruppe wird munter darüber gescherzt, dass die Wettermoderatorin ausgerechnet in Bergen, der regenreichsten Metropole Europas zuhause ist.

Für geübte Läufer wird auch eine Tour zwischen Fjord und Fjell angeboten. (Foto Joggetur)

„Schaut mal“, ruft Erik, „Dort drüben ist mal eine japanische Jogging-Kundin von mir völlig ausgeflippt, als sich die Haustür öffnete und ein junger Mann mit Kind auf dem Arm herauskam. „Das kann doch nicht wahr sein“, rief sie aufgeregt und zückte gleich das Handy für ein paar Selfis mit dem Sänger Erlend Øye der Band „Kings of Convenience“ – ungläubig darüber staunend, dass ein so berühmter Musiker in einem kleinen, bescheidenen Holzhaus ohne Bodyguard wohnt. „Die Band wird in Asien so gefeiert wie Justin Biber hierzulande“, lacht unser Jogging-Guide, wohl wissend, dass er auf seiner Joggingtour einen ganz besonderen Augenblick geschaffen hat.

Auch auf der weiteren Tour hält Erik im Laufschritt, was er eingangs versprochen hat: Er zeigt die versteckten Perlen der Fjordmetropole mit atemberaubenden Aussichten über Berge, Meer, Fähren und die alten, bunten Handelshäuser in „Bryggen“ und den Fischmarkt.  „Da die Berge fast zum Greifen nah sind, bietet sich Bergen als Laufterrain für Läufer aller Leistungsstufen an. Perfekt lassen sich hier urbane Erlebnisse mit einmaligen Naturerlebnissen kombinieren“, erzählt der überzeugte Bergenser voller Heimatliebe.

Besonders prachtvoll präsentiert sich Bryggen von der Wasserseite aus.

Die Tour ist kurzweilig, weil Erik wie ein Wasserfall redet. Und weil die Wege abwechslungsreich mal über verwunschene Naturstiege, dann über Kopfsteinpflaster und auch über Holzbohlen gehen, vergessen die vier Läufer schnell, dass sie nebenbei noch etwas für ihre Gesundheit und Fitness tun.  „Und nicht vergessen, Leute, ihr schont ganz nebenbei noch die Umwelt, weil ihr Euer eigenes Segway seid“, lacht der dunkelblonde Sportsmann gut gelaunt.

Auch wenn der Trend des Sight-Joggings inzwischen in vielen Städten Einzug gehalten hat – Bergen eignet sich besonders für diese Art der Entdeckungstour. Schließlich liegt alles fußläufig beieinander, Stadt und Natur, flaches Gelände am Wasser und hügeliges Terrain in den angrenzenden Bergen, historische Wohngebiete, ein Fort, ein belebter Fischmarkt, über den die Tour führt – diese Kombination auf so kleiner Fläche ist wohl einzigartig in Europa.

Die Wahl der Route hängt auch vom individuellen Laufvermögen der Teilnehmer ab,

Unter den Kunden der Firma „Joggetur“ sind dabei Geschäftsleute, die vor dem Frühstück eine erfrischende Tour buchen, um den langen Tag in Meeting-Räumen gut überstehen zu können. Auch Touristen aus aller Welt nehmen das Angebot gerne an „Wir hatten schon alles, von der CIA-Agentin über koreanische Mädchenbands… wirklich, you name it, we run it“, scherzt Erik ausgelassen und hüpft vom Bordstein auf die leere Straße im ruhigen Wohnstadteil Nordnes. Auch von Alleinreisenden, die ein wenig Ortskenntnis und Gesellschaft vermissen, werden Erik und seine Kollegen gerne gebucht.

Die Auswahl der angebotenen Routen ist dabei so vielfältig wie die Hansestadt selber. Leichte Touren für Einsteiger, die sich meist auf Meersniveau bewegen sind genauso im Angebot wie anspruchsvollere Touren, die über den „Fjellveien“, den „Bergweg“, ins herrlich unberührte Gebirge führen.

Am Fjord lassen sich laufend grandiose An- und Aussichten genießen.

Das beste am Joggen ist aber – da ist sich die vierköpfige Lauftruppe einig – dass man danach ohne schlechtes Gewissen schlemmen kann. Und Erik hat so einiges an Tipps auf Lager. Als Einheimischer weiß er genau, wo man den besten Fisch serviert bekommt, wo das Preis-Leistungsverhältnis passt. Und auch, wo der beste Kaffee der Stadt serviert wird: „Die Kaffemisjonen heißt so, weil dort wirklich früher eine Missionsstelle untergebracht war, heute ist es der Himmel für alle, die Capucciono & Co lieben!“, versichert der in einer grünen Windjacke Gekleidete beim Vorbeilaufen.

Im wahrten Sinne des Wortes lernen die vier Jogger die Sehenswürdigkeiten der hübschen Stadt am Fjord wie im Flug kennen: Hier das Theater, die Grieghalle, die Museen KODE 1-4, dort der Fischmarkt – immer gespickt mit den wichtigsten Fakten. „So laufen wir praktisch leichten Fußes durch Hunderte von Jahren an Stadtgeschichte“, bemerkt die Berlinerin Britta, die alle Zweifel, dass sie das Lauftempo nicht mithalten kann, längst über Bord geworfen hat.

In der Altstadt von bergen führt die Route auch über Holzdielen.

„Der Langsamste gibt das Tempo an“, hatte Erik gleich zu Beginn versprochen. Und er passt gut auf, dass sich alle dran halten. Nach kleineren Steigungen geht er ein Stück, statt zu joggen, bis alle Teammitglieder wieder über einen ruhigen Atem verfügen. Sehr angenehm, sehr professionell, sehr leichtfüßig.

Als der Lauftrupp wieder im Hotel ankommt sind die Gesichter rosig und frisch und die Stimmung auf dem Höhepunkt angelangt. Der (Schnee-) Regen hat die Jogger verschont und der Duft von frischem Kaffee und duftenden Brötchen lockt sie ohne Umwege ans Frühstücksbuffet. Ob er nicht mit uns frühstücken mag, fragen die Sportler? „Doch, das wäre sehr hyggelig, eine Tasse Kaffee vertragen wir Norweger nämlich zu jeder Stunde…“, freut sich Erik über diese Einladung, bevor er wieder für die nächste Tour die Laufschuhe schnüren muss

Auch die Bergwelt rund um Bergen lohnt einen Abstecher. (Foto Joggetur)

Informationen: Die kleinste Tour „Bergen in einer halben Nussschale“ kostet 200 NOK pro Person (rund 20 Euro), die Tour „Bergen in einer Nusschale“ kostet 250 NOK pro Person, (rund 27 Euro), Rabatt ab vier Personen, Tourenbuchung: Erik Eidsheim, Telefon 0047-47414737, www.joggetur.no, Termine nach Absprache.

Essen & Trinken: Bryggeloftet, Bryggen 11, Bergen 5003, Norwegen, http://bryggeloftet.no

Charmante Holzhäuser sorgen immer wieder für Postkartenmotive.

Kaffee & Kuchen: Kaffemisjonen; Øvre Korskirkealmenning 5, 5017 Bergen, www.kaffemisjonen.no

Übernachten: Radisson Blu Royal Hotel, www.radissonblu.com. Doppelzimmer werden ab 120 Euro angeboten.

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