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Von 24. März 2018 Mehr →

Kraxel-Schmankerl: Klettersteigen in Reit im Winkl

Der Klettersteig am Hausbachfall bei Reit im Winkl ist vom TÜV zertifiziert. (Foto Norbert Eisele-Hein)

„Zum TÜV muss ich auch noch“, jammert man meist und meint damit eigentlich sein Auto. Und schon schwingt eine Mischung aus Respekt, Nervosität und unterschwelliger Angst in der Stimme. Hoffentlich beanstandet der TÜV nichts. Reißt der Besuch in der Kfz-Werkstatt ein klaftertiefes Loch in den Geldbeutel, bevor die begehrte Prüfplakette endlich wieder für zwei Jahre Ruhe und Sicherheit verschafft? Anders beim Tretroller für die Kids oder dem Wasserkocher. Da wird der TÜV vom Zeigefinger-bewehrten Über-Papi sofort zum Verbündeten. Der Nachwuchs soll schließlich nicht aus der Kurve fliegen, weil der Lenker bricht. Der Wasserkocher nicht explodieren, wenn man gerade den Frühstücksspeck brät. Geräte ohne Prüfsiegel würden die meisten gar nicht erst kaufen.

Traumhaft schön ist de Regiuon rund um Reit im Winkl. (Foto Norbert Eisele-Hein)

Dass der Technische Überwachungsverein nun auch ein Auge auf Klettersteige wirft, kann auf keinen Fall schaden. Denn in der Vertikalen kann bereits eine lockere Schraube fatale Folgen haben. Zumal Klettersteigen boomt. Immer mehr zieht es an den Fels. Die Kosten für die Grundausstattung: Sitzgurt, das Klettersteig-Set mit den beiden Karabinerarmen, Handschuh und Helm sind überschaubar. Zum Antesten kann die Ausrüstung ja auch mal im Rahmen einer geführten Tour ausgeliehen werden.

Kalkulierbarer Adrenalinkick am Klettersteig

Oberhalb des Hausbachfalls erstreckt sich der malerische Klettersteig mit Blick auf Reit im Winkl. (Foto Norbert Eisele-Hein)

Mit Hilfe von Seilen und Leitern, Bügeln, Tritten und Klemmen aus hartem Stahl werden steilste Wände machbar. Lässt sich ein Territorium meistern, das sonst nur top trainierten Kletterern vorbehalten war. Klettersteige bringen das luftige Erlebnis steiler Felswände in die Reichweite einer viel, viel größeren Zielgruppe – Schwindelfreiheit und adäquate Fitness vorausgesetzt. Klettersteige sorgen für einen kalkulierbaren Adrenalinkick. Immer mehr finden Klettersteige richtig stark.

Schwindelfrei und trittfest sollte die Abenteurer sein, um den Klettersteig anzugehen. (Foto Norbert Eisele-Hein)

Der Hausbachfall-Steig in Reit im Winkl ist nun Deutschlands erster TÜV-geprüfter Klettersteig – und ganz ehrlich, das TÜV-Logo beschert ein fast schon irrational heimatlich-mütterlich-positives Gefühl. Denn schon am Einstieg geht es ordentlich zur Sache. Das Stahlseil führt über einen bauchigen Fels. Da heißt es zupacken, den Bizeps schon mal aufjaulen lassen, die Tritte sorgsam auswählen. Eine fast überhängende Leiter entschärft die Steilstufe neben einer Höhle. Ein toller Einstieg, wie auf der brandneuen Übersichtstafel kurz vor dem Einstieg bereits angekündigt. Vor uns liegen 170 Höhenmeter im Schwierigkeitsgrad C, dafür wird eine Stunde Durchstiegszeit veranschlagt.

Deutschlands erster TÜV-geprüfter Klettersteig

Die Sicherung mit dem Seil ist auch am Klettersteig Hausbachfall obligatorisch. (Foto Norbert Eisele-Hein)

Die nackten Fakten werden durch eine wundervoll luftige Route veredelt. Sie führt direkt auf einem wuchtigen Felswall durch eine zauberhafte Wasserfallschlucht. Die Quergänge über den ausgewaschenen Rinnen des Wasserfalls, begleitet vom leisen Glucksen des Wassers, offenbaren ein Klettersteigmärchen. Der Steig selbst zieht alle Register. In der Wand hängende Holzbalken entlasten die Arme, fordern das Gleichgewicht. Seilbrücken über Nebenarme des Hausbachs sorgen für Tiefblicke mit Adrenalinkick. Ein langer exponierter Quergang erzeugt einen meditativen Flow. Konzentriert die Karabiner ein- und ausklinken, voranschreiten.

Auch eine wachelige Seilbrücke muss beim Aufstieg bewältigt werden. (Foto Norbert Eisele-hein)

Noch einmal über eine schwankende Seilbrücke tänzeln. Über einen schmalen Baum balancieren. Geschafft. Durchatmen. Der Blick zurück in die Schlucht präsentiert eine romantisch-kitschige Postkarte. Vor den Gipfeln der versammelten Chiemgauer Alpen ragt der mustergültige Kirchturm Reit im Winkls in den stahlblauen Himmel und auch die Steinplatte, unser nächstes Ziel, lächelt uns mit ihrer in der Sonne erglühenden Gipfelwand entgegen.

Grandioses Alpenpanorama

Über dem Hausbachfall geht es teilweise steil nach oben. (Foto Norbert Eisele-Hein)

Eines gleich vorweg. Die Steinplatte ist alles andere als platt. Sie reckt ihren wulstigen Bierbauch dem nahen Wilden Kaiser entgegen. Dahinter strahlen die Hohen Tauern, wie frisch gebleachte Hollywood-Schönheiten um die Wette. Der Zustieg über den Gamssteig ist ein Gedicht. Gleich zu Beginn fordern ein paar knifflige, Stahlseil-versicherte Passagen zwingend das Anlegen der kompletten Montur. Ein Wanderpfad durch einen wahren Blütentraum aus Sumpfdotterblumen, Schusternägeln und Enzianen beglückt bis zum Wandfuß Augen und Bronchen. Der dort startende Klettersteig, das „Schuasta-Gangl“ lässt sich auch nicht lange bitten. Senkrechte Seile und Behelfstritte führen rapide in die Höhe. Ein kurzer Rinnenkamin mit dem vielversprechenden Namen Himmelsleiter verspricht auch nicht zu viel.

Am Hausbachfallsteig lässt sich auch entspannt wandern. (Foto Norbert Eisele-Hein)

Gut versicherte Quergänge und schier senkrechte mit Trittstiften gangbar gemachte Aufschwüngen führen zum „Knie-Schladerer“. Diese etwas schwierigere Variante führt – durchwegs vorbildlich versichert – um einen atemraubend ausgesetzten Turm herum. Nomen est omen, der Tiefblick ist nichts für schwache Nerven. Hier können die Knie tatsächlich mal zu Schlottern beginnen und der ebenso illustren wie passenden bayerisch-tirolerischen Lautmalerei Rechnung tragen. Erfahrene Klettersteiger bekommen bei dieser Variante allerdings leuchtende Augen.

Um die Wette schuhplatteln

Verschnaufspause für Wanderer auf dem Wetterkreuz, (Foto Norbert Eisele-Hein)

Über eine kurze Seilbrücke führt der Steig wieder auf die Hauptroute. Latschen-durchsetzte Schrofen kennzeichnen das Ende des Steigs. Ein harmloser Wanderweg führt die letzten Höhenmeter zum Gipfelkreuz, wo die Chiemgauer und Berchtesgadener Platzhirschen ein gewaltiges Panorama an den Horizont zeichnen. Weit reicht der Blick in die Runde, vom Sonntagshorn rüber zum Watzmann und bis zum Hochkalter. Die Loferer Steinberge ergänzen die Runde. Wow, wir klatschen kurz ab und nicken nur stumm. Packen die Brotzeit aus und unsere Glückshormone schuhplatteln um die Wette.

Vom Wetterkreuz bieten sich herrliche An- und Aussichten des Chiemgaus. (Foto Norbert Eisele-Hein)

Allgemeine Informationen: www.reitimwinkl.de

Infos zum Hausbachfall-Klettersteigwww.reitimwinkl.de/sommerurlaub/klettersteig-in-bayern-chiemgau

Lage: Reit im Winkl, im äußersten Südosten des Chiemgaus, offenbart Wanderern und Klettersteigern zahllose Möglichkeiten. Viele Touren bieten zudem lohnende Badeoptionen in der nahen Seentrilogie von Weit-, Mitter- und Lödensee.

Rund um den Hausbachfallsteig erwarten die Wanderer auch schattige Waldstücke. (Foto Norbert Eisele-Hein)

Anbieter: Bergsteiger- und Klettersteigkurse in den Bayerischen Alpen und anderen Gebirgszügen bietet Hauser Exkursionen, Spiegelstr. 9, D-81241 München, info@hauser-exkursionen.de, www.hauser-exkursionen.de. 

Klettersteigausrüstung (auch zum Verleih): www.sportmuehlberger.de

Kletterwald: Wer sich nicht gleich an eine ausgewachsene Tour heranwagen will, kann im Kletterwald bei Reit im Winkl seine Grenzen ausloten, die Routen in diversen Schwierigkeiten in bis zu 25 Metern Höhe sind auch für Familien mit Kindern ein spaßiges und durchaus sportliches Übungsfeld.

Deftige bayerische Küche wartet in und um Reit m Winkl als Stärkung auf Wanderer und Kletterer. (Foto Norbert Eisele-Hein)

Essen & Trinken: Pizza Pasta da Angelo, Rathausplatz 8, 83242 Reit im Winkl, Telefon 08640-796763, große Steinofenpizzas, pikante Pasta und riesige Eisbecher.

Dorfratsch, Gartenstr. 1, 83242 Reit im Winkl, Telefon 08640-5340, rustikal, asiatische und bayrische Küche, Kellerbier.

Milchbar, 83242 Reit im Winkl, Rathausplatz, Reit im Winkl, Telefon 08640- 8325, www.milchbar-riw.de, Essen und Drinks bis spät in die Nacht.

An einladenden Einkehrmöglichkeiten mangeld es im Chiemgau nicht. (Foto Norbert Eisele-Hein)

Übernachten: Unterwirt, Kirchplatz 2, Reit im Winkl, Telefon 08640-8010, www.unterwirt.de, Vier-Sterne-Haus mit top Wellness-Bereich

Sonnhof’s Residenz, Gartenstr. 3, Reit im Winkl, Telefon 08640-98800, www.sonnhof.de, mit reichhaltigem Frühstück

Gästehaus Klara, Seerosenweg 7, Reit im Winkl, Telefon 08640-8644, www.gaestehaus-klara.de, tolles Frühstück.

Interview mit Diplom-Ingenieur Volker Kron

Die TÜV-Abnahme verleiht dem Kletterer zusätzliche Sicherheit. (Foto Norbert Eisele-Hein)

Volker Kron, Diplom-Ingenieur von der TÜV-SÜD Sportabteilung, der den Hausbachfallsteig geprüft und abgenommen hat, stellte sich dem Mortimer-Reisemagazin zum Interview:

Mortimer: „Sie haben die Abnahme des Hausbachfall-Steigs in Reit im Winkl betreut. Wie lange dauert denn so eine Abnahme?“

Kron: „Bei dieser Vor-Ort-Abnahme werden die Konstruktionsdokumente gecheckt, sowie der Klettersteig begangen. Auf dieser Basis erstellen wir einen Prüfbericht und gegebenenfalls eine Abnahmeurkunde. Dies dauert etwa einen Tag.“

Kleine Verschnaufspause am Berg. (Foto Norbert Eisele-Hein)

Mortimer: „Was kommt dabei alles auf den Prüfstand? Gibt es Belastungstests und technische Vorschriften?“

Kron: „Hier erarbeiten wir gerade mit anderen Verbänden und den Alpenvereinen eine Norm als Grundlage (der Normenausschuss heißt CEN TC 136 WG5 PG1). Und natürlich gibt es dazu bereits eine Menge an Vorgaben. So muss der Durchmesser für Sicherungsseile, die auch zur Fortbewegung eingesetzt sind, zwischen 12 und 16 mm betragen. Der vertikale Abstand zwischen zwei Ankerpunkten der Sicherungsseilbefestigung darf maximal drei Meter betragen. Der erste Ankerpunkt nach dem Einstieg muss in einer Höhe zwischen 4,5 und 5 Metern angebracht sein. Die Liste ist lang und selbstverständlich muss alles sicher angebracht und verarbeitet sein.

Die Orientierung am Klettersteig am Hausbachfall fällt nicht sonderlich schwer. (Foto Norbert Eisele-Hein)

Mortimer: „Steigen die Anfragen nach einer Expertise des TÜV’s, seit der Abnahme des Hausbachfall-Steigs?“

Kron: „Ja, in der Tat. Wie ich gehört habe, kommt der Hausbachfallsteig sehr gut an und auch bei uns steigt die Nachfrage, weil es sich wohl auch touristisch sehr gut vermarkten lässt.“

Wanderer auf dem Wetterkreuz. (Foto Norbert Eisele-Hein)

Mortimer: „Wie lange hat Ihre Begehung des Hausbachfall-Steigs gedauert beziehungsweise wie oft sind sie ihn gegangen?“

Kron: „Es war eine einmalige Begehung die rund vier Stunden gedauert hat. Wir prüfen vorab ja auch die Konstruktionsdokumente eingehend.“

Wanderer auf dem Weg zur Aussichtskanzel bei Reit im Winkl. (Foto Norbert Eisele-Hein)

Mortimer: „Was hat Ihnen besonders daran gefallen?“

Kron: „Solide Anschlagpunkte, fachmännische Ausfertigung, geringer ökologischer Eingriff, landschaftlich spektakulär durch den schönen Wasserfall, ein toller Baum zum Abschluss – ein wunderbarer Klettersteig.“

Auch abseits des Klettersteigs zeigt sich Reit im Winkl wunderbar wanderbar – so wie hier auf der Eggenalm. (Foto Norbert Eisele-Hein)

Mortimer: „Wie sehen Sie die Entwicklung der Klettersteige im gesamten Alpenraum?“

Kron: „Klettersteige werden leider immer schwieriger und dadurch steigt auch das Sturzrisiko. Stürzen war früher auch im Klettersteig tabu, aber heute wird da teilweise anders rangegangen. Dies macht es auch erforderlich, dass die Anlage 100 Prozent verlässlich ist. „

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