Von 5. November 2012 Mehr →

Belfast – Hauptstadt auf der Überholspur

Über viele Jahrzehnte galt Belfast als ein touristisches Niemandsland, als ein Zentrum des Schreckens und der Angst. Statt der Besucher aus aller Herren Länder bestimmten gepanzerte Fahrzeuge, Straßensperren und uniformierte Sicherheitskräfte das Straßenbild. Die Spannungen zwischen der katholischen und protestantischen Bevölkerung gipfelten immer wieder in handfesten Auseinandersetzungen. Hinzu kamen der Terror der irischen Untergrundbewegung IRA. Dies alles gehört mittlerweile der Vergangenheit an. Seit dem Waffenstillstand im Jahre 1994, mehr noch seit dem Karfreitags-Abkommen von 1998 hat Belfasts Innenstadt vom wachsenden Zutrauen ihrer Bürger und vor allem ausländischer Investoren profitiert und ist zum Inbegriff kommunalen Wohlstands geworden. Im Stadtzentrum, dessen Bild noch vor wenigen Jahren von Barrikaden und gepanzerten Militärfahrzeugen geprägt war, herrscht heute ein geschäftiges Treiben, das man sich während der Troubles nie hätte vorstellen können. Mit einer gehörigen Portion Selbstironie sprechen die Bewohner von Belfast heute von der Schattenseite dieser Entwicklung. Sie sagen, früher hätten sich die Polizisten und Sicherheitskräfte allein auf die Bekämpfung von Gewalt konzentriert, jetzt, nach dem Ende der Troubles, machen sie verstärkt Jagd auf Verkehrssünder.

Ungeachtet der Hinweise auf eine stein- und bronzezeitliche Besiedlung des Gebiets, die Gründung Belfasts erfolgte jedoch erst im Jahre 1177 mit dem Bau einer normannischen Burg namens Beálfeirste, was soviel bedeutet wie die „Furt an der Sandbank“, durch John de Courcy. Edward Bruce zerstörte die Siedlung 1315, als er den irischen Thron bestieg. Belfast ging danach in den Besitz der Earls of Tyrone über und fiel, als diese 1607 während der Flight of the Earls das Land verließen, an Sir Arthur Chichester, der das Land mit Engländern und Schotten besiedelte. Zusammen mit den Grafschaften Antrim und Down bildete Belfast in der Folgezeit das Kernstück der protestantischen Besiedlung.

Im späten 17. Jahrhundert landeten hier geflohene Hugenotten aus Frankreich und ließen Belfast zum größten Zentrum der Leinenindustrie auf den Britischen Inseln werden. Ein Jahrhundert später wurde der Hafen erweitert, und der Schiffbau begann in großem Maßstab. Die Bevölkerungszahl explodierte förmlich, stieg von 40.000 im Jahr 1825 bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf fast 400.000. Der Erhebung zur Stadt im Jahre 1888 durch Queen Victoria folgte der Bau zahlreicher prachtvoller öffentlicher Gebäude. Gleichzeitig entstanden streng nach Konfessionen getrennte Arbeiterviertel. Eine Ghettoisierung, die nicht ohne Folgen blieb. Die massive Verschmutzung, die große bauliche Enge und die unzureichende Wasserversorgung förderten Epidemien, aber auch erhöhten Alkoholkonsum, Gewaltbereitschaft und Prostitution.

1920 wurde Belfast zur Hauptstadt Nordirlands. Im 2. Weltkrieg erlitt die Stadt schwere Zerstörungen durch deutsche Bomber. Rund 1.000 Bewohner der Kapitale kamen bei den Luftangriffen ums Leben. Ab 1969 war Belfast dann fast drei Jahrzehnte lang Schauplatz bürgerkriegsähnlicher Auseinandersetzungen zwischen irisch-republikanischen Katholiken und probritischen Protestanten. Wohl keine europäische Hauptstadt stand während dieses Zeitraums öfter in den internationalen Schlagzeilen. Auf der anderen Seite konnte wohl keine ausländische Hauptstadt in den gut 30 Jahren weniger Besucher empfangen. Doch dies alles ist Schnee von Gestern. Heute präsentiert sich Belfast als eine der pulsierendsten Metropolen Europas mit zahlreichen interessanten Sehenswürdigkeiten.

Das markanteste Gebäude im Herzen der Innenstadt ist ohne Zweifel die pittoreske City Hall am Donegall Square. Mit seiner 100 Meter langen neoklassizistischen Front und der 53 Meter hohen Kupferkuppel diente der Prachtbau einigen Rathäusern im British Empire als Vorbild – beispielsweise im südafrikanischen Durban. Die nach Plänen des Architekten Brumwell Thomas zwischen 1896 und 1909 errichtete City Hall mit ihren ionischen Säulen verfügt über eine großzügige barocke Inneneinrichtung. Besonders eindrucksvoll mutet der Ratssaal mit seinen Holzschnitzereien, bunten Fenstern und gepolsterten Lederbänken an. Vor dem Eingang blickt die Statue der Queen Victoria in großer Anmut und Erhabenheit von ihrem Sockel und an der Ostseite des Rathauses fällt das Denkmal für die Opfer der Titanic ins Auge. Der 1912 gesunkene Luxusliner lief 1911 in Belfast vom Stapel.

Ebenfalls am Donegall Square ist die prachtvolle Linenhall Library angesiedelt. Die Bücherei aus dem Jahre 1788 verfügt über alle Publikationen, die je in Nordirland erschienen sind, darunter allein über 80.000 Medien über den Nordirland-Konflikt. Auch eine ausgezeichnete Sammlung der Werke des schottischen Nationaldichters Robert Burns nennt die Bibliothek ihr Eigen. Eine weitere Rarität ist Paddy´s Resource, eine Sammlung patriotischer irischer Lieder aus dem Jahre 1796. Der erste Bibliothekar der Linenhall Library war übrigens Thomas Russell. Das Gründungsmitglied der United Irishmen wurde 1803 wegen seiner Beteiligung an der Rebellion unter Führung von Robert Emmets erhängt.

Über dem Eingang der Bücherei hängt das Symbol Ulsters, die Red Hand. Die rote Hand soll der Legende nach auf die mächtige O´Neill-Familie zurückgehen. Clanchef Owen O´Neill soll lange darüber nachgedacht haben, wenn er zu seinem Nachfolger bestimmen sollte. Als er eines Tages mit seinen Gefolgsleuten aus Schottland nach Irland zurückruderte, bestimmte er, dass derjenige der zuerst mit seiner Hand den Boden der Heimat berührte, neuer Stammesfürst werden sollte. Darauf hin hackte sich einer seiner Männer die Hand ab und warf sie über die übrigen Gefolgsleute hinweg ans Ufer.

Nordöstlich des Donegall Square, nur wenige Gehminuten entfernt, fällt von der High Street der Blick auf Belfasts Antwort auf den Schiefen Turm von Pisa: Der Albert Memorial Clock Tower, 1869 nach Plänen W. L. Barre im Gedenken an den Prinzgemahl von Queen Victoria (der allerdings nie nach Belfast kam) errichtet, ist mittlerweile in eine beträchtliche Schieflage geraten. Der sumpfige Untergrund sorgte dafür, dass sich der 35 Meter hohe Uhrenturm trotz einer Pfahlgründung um 1,25 Meter zur Seite neigte. Das Schicksal des Clock Towers teilen viele Häuser in Belfast. Das Gros von ihnen ist auf morastigem und schlammigem Untergrund  gebaut. Noch heute soll in einigen Häusern rund um die Uhr das Wasser aus dem Fundament gepumpt werden.

Nur wenige hundert Meter weiter östlich wartet das Ufer des River Lagan mit zahlreichen Hinguckern auf. Das alt-ehrwürdige Custom House am Donegall Quay, erbaut zwischen 1854 und 1857, wurde von Sir Charles Lanyon entworfen. Den Giebel zieren die Figuren von Britannia, Neptun und Merkur. Heute beherbergt das ehemalige Zollgebäude eine Sammlung von Gemälden mit vorwiegend maritimen Motiven. Anthony Trollope (1815-1882) soll viele Jahre als Inspektor im Custom House seinen Dienst getan haben. Bekannt wurde der Schriftsteller vor allem für seine Romanchroniken, die Barchester-Reihe und Palliser-Reihe, in denen er ein detailliertes Bild der Oberschicht der viktorianischen Gesellschaft zeichnet.

Vor dem Zollamt zieht eine monumentale Skulptur von John Kindness die Blicke auf sich: Big Fish, ein überdimensionaler blau-weißer Fisch, der an die Rückkehr der Lachse in den River Lagan erinnert, nachdem die Wasserqualität des Flusses in den vorangegangenen Jahren mehr und mehr verbessert wurde. Überhaupt hat die  Hauptstadt Nordirlands in den letzten anderthalb Jahrzehnten sein Uferviertel neu entdeckt und dem Gebiet um den gezeitenabhängigen Lagan mit gewaltigen Investitionen in Höhe von rund 800 Millionen britischen Pfund (etwa 1,2 Milliarden Euro) neues Leben eingehaucht. Seit 1987 wurden hier zudem 12.000 Arbeitsplätze geschaffen.

Über Jahrzehnte war der Fluss vernachlässigt worden, war kaum mehr als eine matschige, verschmutzte, von den Gezeiten abhängige Fahrrinne. Aufgrund der Tatsache, dass der Tidenhub bis zu drei Meter beträgt, war der Lagan nicht nur ein Schandfleck, sondern sorgte – vor allem in den Sommermonaten – für einen permanenten Gestank. Und so wurde binnen drei Jahren rund 80 Meter flussabwärts der Queen Elizabeth Bridge mit dem Lagan Weir ein futuristisches Wehr errichtet. 30.000 Tonnen Beton wurden verbaut, 60.000 Steine zum Verfüllen herangekarrt, 100.000 Kubikmeter Schlamm abgetragen und – als interessante Fußnote am Rande – die Bauarbeiter verbrauchten 84.763 Teebeutel! Am 24. Mai 1994 konnte Umweltminister Tim Smith das monumentale Bauwerk offiziell seiner Bestimmung übergeben. Mit Hilfe von fünf computergesteuerten Toren kann nun das Wasserniveau kontrolliert werden. Im oberen Flussabschnitt wurde zudem eine Umwälzanlage installiert, die dafür sorgt, dass Salz und Frischwasser gemischt werden und dem Ganzen Sauerstoff zugeführt wird.

Parallel dazu entstanden an beiden Seiten des Ufers neue, schicke Wohnkomplexe und Hotels sowie die 1997 eingeweihte Waterfront Hall, eine moderne Konzerthalle, deren Auditorium 2.000 Besuchern Platz bietet. Alles Wissenswerte zur Revitalisierung des Stadtteils und rund um die Umgestaltung des Lagan und seiner Uferzonen, aber auch zur Geschichte von Hafen und Handwerk in Belfast kann im Lagan Lookout Visitor Centre am gleichnamigen Wehr erfahren werden.

An der gegenüberliegenden Flussseite öffnete im Jahre 2000 das Odyseey seine Pforten. Das Veranstaltungszentrum nennt neben einer multifunktionellen Arena mit 10.000 Plätzen, der Heimat des Eishockeyteams „Belfast Giants“, Bars, Restaurants und einen Kinokomplex sein Eigen. Daneben ist in dem Freizeittempel das Whowhatwherewhenwhy, kurz W5, angesiedelt. Bei der Namensgebung für das Wissenschaftsmuseum standen die fünf meist gebrauchten Fragewörter Pate: Wer? Was? Wo? Wann? Warum? Das interaktive Zentrum erklärt physische Gesetze, wobei die Themen Energie und Bewegung besondere Schwerpunkte bilden. Es macht mit der Welt der Sinne vertraut, insbesondere mit Licht und Ton. Das Zentrum erlaubt den Besuchern aller Altersgruppen auch, ihre kreativen Ideen auf vielerlei Art direkt zu erproben. So können kleine Engel mit der “Laserharfe” spielen und Schwindler versuchen, einen Lügendetektor zu überlisten.

Nördlich des Odyseey schließt sich der Hartland & Wolff Shipyard an. Wahrzeichen der Werft sind die beiden Hebekräne Samson and Goliath. Mit mehr als 90 Metern Höhe und einer Spannweite von 140 Metern gelten die von Krupp gefertigten Riesen als der zweit- und drittgrößte Kran der Welt. Die einst größte Werft der Welt baute neben den Ozeanriesen Olympic und Britannic auch die Titanic.

Am 31. Mai 1911 um 12.13 Uhr rauschte der vermeintlich unsinkbare Koloss ins trübe Hafenbecken. Keine elf Monate später sank das Luxusschiff bei seiner Jungfernfahrt nach einer Kollision mit einem Eisberg vor Neufundland und nahm 1500 Passagiere mit in den Tod. Eine Tatsache, die der nordirischen Hauptstadt Hohn und Spott einbrachte. Denn immer wieder schießen insbesondere die Briten verbale Giftpfeile gen Belfast: „Ist es nicht seltsam, dass die Stadt für den Bau eines Schiffes bekannt ist, das gesunken ist und Tausende in den Tod riss?“ Ein Stichelei, die am Lagan mit Humor hingenommen wird. Und so werden die Belfaster nicht müde zu kontern: „Als das Schiff Belfast verließ, war es noch heile…“

Zur Blütezeit beschäftigte Hartland & Wolff 33.000 Mitarbeiter – heute sind es kaum mehr als 100. Der Schiffsbau ist in Billiglohnländer abgewandert. 100 Jahre nachdem die Titanic zu ihrer Jungfernfahrt ohne Wiederkehr aufgebrochen ist, hat sich Belfast auf seine Meisterleistungen im Schiffsbau des 20. Jahrhunderts besonnen. Auf dem ehemaligen Gelände von Harland & Wolff nimmt seit Frühjahr 2012 mit dem „Titanic Belfast Centre“ der alte Traum neue Gestalt an. Das 97 Millionen Pfund schwere Projekt hat ungefähr jene gigantischen Ausmaße der einstigen Ozeanriesen.

Hypermoderne Architektur aus hochgereckten Bugspitzen, mit einer Außenhaut aus spiegelnd glitzernden Aluminiumplatten, Fenstereinlassungen wie große Bullaugen – so empfängt das „Titanic Belfast“ seit seiner Eröffnung am 31. März 2012 tausende Gäste und führt diese ins Innere einer wohl doch nicht endgültig versunkenen Titanic. In neun Galerien eröffnet sich eine Erlebniswelt, die mit bisher nicht da gewesenem Dokumentarmaterial von der Belfaster Aufbruchszeit der frühen 1900er Jahre, über den Schiffsbau und die Entstehung der „Titanic“ bis zu ihrem Epitaph des Untergangs die Geschichte aufleben lässt, als würde auf der alten Slipanlage unweit des Komplexes bald eine neue „Titanic“ vom Stapel laufen können. Ringsum ist zudem ein neues postmodernes Viertel im Aufbau, das 20.000 Menschen Wohnungen und Arbeitsplätze bieten soll.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Lagan befindet sich am Corporation Square unweit des Seacat Terminals ein überaus ungewöhnliches Gotteshaus: Sinclair´s Seaman´s Church. Die Kirche wurde 1857 von Sir Charles Lanyon erbaut und diente den Seeleuten im nahe gelegem Hafen als eine geistliche Anlaufstelle. Augenfällig ist die maritime Innenausstattung. Fischerboote und Schlepper zieren die Buntglasfenster. Die Kanzel ist aus einem Schiffsbug gefertigt. Die Kollektenbehälter sind als Miniausgaben von Rettungsbooten gestaltet. An den Wänden hängen Schiffsmasten sowie Signallampen für Backbord und Steuerbord. Traditionell beginnt der Gottesdienst mit sechs Schlägen der Messingschiffsglocke der HMS Hood, einem Schiff, das während des 1. Weltkrieges von der deutschen Marine vor der englischen Küste versenkt wurde.

Wenige hundert Meter weiter südwestlich reckt sich der Turm der Saint Anne´s Cathedral gen Himmel. Im Innern des 1904 geweihten Doms ist das größte keltische Kreuz des Landes zu bestaunen. Das Deckenmosaik der Taufkapelle setzt sich aus 150.000 Teilen zusammen und zeigt die Schöpfungsgeschichte. Für den Bau dieser Hauptkirche der anglikanischen Church of Ireland wurden Steine aus allen Grafschaften der Grünen Insel verwendet.

Wer den Writer’s Square vor der Kathedrale überquert, tritt die berühmtesten Literaten von Belfast buchstäblich mit den Füßen. Denn auf dem Boden des Platzes sind Zitate aus ihren Werken verewigt. Sie reichen vom deklamatorischen „Far fam´d Belfast“ von James Orr (1770-1816) und „See Belfast, devout and profane and hard“ von Louis MacNeice (1907-1965) bis hin zu „What a bloody environment for a man of imagination“ von Joseph Tomelty (1916-1998).

Die Gegend rings um die St. Anne’s Cathedral war in der Vergangenheit wegen seiner Kneipen bei allen Seeleuten beliebt. Nach einigen Jahrzehnten der Vernachlässigung wurde es behutsam wiederbelebt und ist heute ein pulsierendes Künstler- und Medienviertel. Dennoch steht es deutlich im Schatten der Golden Mile. Das überaus lebhafte, von Bars, Restaurants und Nachtclubs gesäumte Vergnügungsviertel erstreckt sich vom Opera House in der Great Victoria Street südwärts über die Lisburn Road, Malone Road und Stranmillis.

Zu den markantesten Bauwerken zählt hier das Hastings Europa Hotel. Die Besonderheit des Hotels lässt einen nachdenklich die Lippen spitzen: Es ist das meist bombardierte Hotel der Welt! Rund 30 Anschläge hat es in 25 Jahren unbeschadet überstanden. Die Suite, in der der amerikanische Präsident Bill Clinton 1995 mit Gattin Hillary logierte, wird gepflegt wie ein Heiligtum.

Das wohl berühmteste Pub Nordirlands, wenn nicht sogar der gesamten Grünen Insel, ist zweifelsohne der Crown Liquor Saloon. Die im Besitz des National Trust befindliche Kneipe besticht durch reiche Holzschnitzereien und schwülstiges Dekor aus dem Jahre 1885. Im wahrsten Sinne des Wortes jeden Quadratzentimeter hat der erste Besitzer, Patrick Flanagan, dekorieren und mit Ornamenten verzieren lassen. Der leidenschaftliche irische Patriot ließ dem Vernehmen nach eine Krone auf dem Boden anbringen, damit sich jeder der wollte, seine Schuhe daran abwischen konnte und so symbolisch die Macht der britischen Besatzer mit Füßen trat.

Auf der gegenüber liegenden Straßenseite erstrahlt das Grand Opera House ebenfalls im viktorianischen Glanz. Der Bau der Oper, deren Interieur durch Pomp und Glanz, Goldstuck und Holzarbeiten sowie von goldenen Elefanten mit Rüsseln getragenen Logen besticht, begann 1854 nach Plänen von Frank Matcham. Erst 1920 erfolgte die Fertigstellung. Hier feierte übrigens der italienische Startenor Luciano Pavarotti 1963 sein internationales Bühnendebüt in einer Inszenierung von Madame Butterfly.

Das Universitätsgelände schließt im Süden an die Golden Mile an. Die im Tudorstil zwischen 1845 und 1849 nach einem Entwurf von Charles Lanyon aus rotem Backstein errichtete Queen’s University zählt rund 10.000 Studierende. Mit Seamus Heaney und David Trimble brachte die renommierte Lehranstalt bis dato zwei Nobelpreisträger hervor.

An das Gelände der Hochschule grenzt der liebevoll gestaltete Botanic Garden, eine Oase der Ruhe, der 1828 eingeweiht wurde. Das Palm House, eine Glas- und Eisenkonstruktion des Dubliner Eisengießers Richard Turner, war das erste seiner Art weltweit. Fertiggestellt wurde das beeindruckende Palmenhaus zwischen 1839 und 1852. Ein weiteres Paradebeispiel viktorianischer Gartenbaukunst ist der Tropical Ravine, eine tropische Schlucht mit exotischen Pflanzen wie Lilien, Orchideen, Guaven oder Bananenstauden.

Im botanischen Garten erhebt sich auch die Statue von Sir William Thomson, besser bekannt als Lord Kelvin of Largs (1824-1907). Der in Belfast geborene Mathematiker und Physiker schlug 1848 eine Skala von 00 bis 2730 für die absolute Temperatur vor, die auch heute noch seinen Namen trägt. Zu den Geräten, die er entwickelte oder verbesserte, gehören ein Gerät zur Vorhersage der Tiden und ein Apparat, mit dem man Lotungen in flachen und tiefen Gewässern durchführen konnte.

Alles, von Dinosaurierknochen über Fundstücke der keltischen und frühchristlichen Epoche bis hin zu moderner, zeitgenössischer Kunst, präsentiert das Ulster Museum unter einem Dach. Beachtenswert sind die Schätze der Girona, jenem Schiff der spanischen Armada, das im 16. Jahrhundert vor der Causeway Coast sank. Die Sammlung der Art Gallery umfasst unter anderem Werke von Picasso, Henry Moore, Turner, Gainsborough und Wilson.

Im Norden der Kapitale thront auf dem Cave Hill über dem Belfast Lough, der Bucht von Belfast, eine schlossartige Burg. Belfast Castle hatte mehrere Vorgänger, die erste Festung wurde hier im 12. Jahrhundert von den Normannen errichtet. Das Schloss, das optisch an das schottische Balmoral gemahnt, wurde von 1862 bis 1870 von W.H. Lann für den 3. Marquis von Donegal errichtet und  beherbergt heute neben Restaurants und Gesellschaftsräumen ein kleines Museum. Der Legende nach ist das Glück den Schlossbewohnern nur dann holt, wenn hier zwei weiße Katzen leben. Kein Wunder daher, dass überall weiße „Stubentiger“ in Form von Gemälden, Mosaiken, Skulpturen und Möbelstücken verewigt wurden.

Von den Höhen des Cave Hill, insbesondere vom Gipfel, der als Napoleon´s Nose bekannt ist, reicht bei klarer Sicht der Blick bis nach Schottland. Der Anblick der Bergspitze, die an einen auf dem Rücken liegenden Riesen erinnert, soll Jonathan Swift (1667-1745) als Inspiration für sein Meisterwerk Gullivers Reisen gedient haben.

An den Hängen des Cave Hill erstreckt sich Belfast Zoo, der als einer der besten Tiergärten Europas gilt und überdies weite Blicke über die Stadt und Belfast Lough bietet. Zu den Markenzeichen des 1934 eröffneten Tierparks zählen rote Pandas, Meerkatzen und Lemuren.

In Little Lea, einem schmucken Giebelhaus an der Sydenham Avenue in Ost-Belfast, wuchs auch Autor C. S. Lewis (1898-1963) auf. An seine Kinderbuchserie Chronicles of Narnia, die mit The Lion, the Witch and the Wardrobe beginnt, erinnert eine lebensgroße Skulptur unweit seines Geburtsortes an der Ecke Holywood Road und Newtownards Road. Gezeigt wird Lewis, wie er in den Magic Wardrobe, den Zauberschrank steigt.

Bevor C.S. Lewis in Oxford studierte und Professor für englische Literatur des Mittelalters und der Renaissance in Cambridge wurde, genoss er eine erstklassige Erziehung in einer der renommiertesten Privatschulen des Landes, dem Belfaster Campbell College. Dort unterrichtete übrigens auch der irische Literatur-Nobelpreisträger Samuell Beckett für einige Jahre.

Im Osten der Kapitale liegen auch die Stormont Buildings. Bis 1972, als die Briten das Parlament entmachteten, war Stormont Sitz des nordirischen Parlaments. Heute ist das pittoreske Gebäude Sitz der Regionalverwaltung, der Northern Ireland Assembly. Das neoklassizistische, weiße Gebäude liegt auf einem Hügel am Ende einer 1,6 Kilometer langen Anfahrt, dem Prince of Wales Drive, von der aus sich die besten Blicke auf den beeindruckenden Gebäudekomplex bieten.

Etwas außerhalb von Belfast, unweit des gleichnamigen Loughs, lädt das Ulster Folk & Transport Museum zu einer interessanten Zeitreise. In dem Freilichtmuseum wurde eine komplette Kleinstadt nachgebaut. Alte Handwerkskünste wie das Flechten von Körben oder Spinnen von Wolle werden hier lebendig. Daneben können Transportmittel vom Eselkarren bis zu Flugzeugen, von Lokomotiven bis hin zu Handelsschiffen in Augenschein genommen werden.

Über viele Jahrzehnte war Belfasts Westen eine No Go Area. Kein Tourist traute sich in die Viertel entlang der Falls Road, mit ihren katholischen Anwohnern, und der protestantischen Shankill Road, die als Zentrum der Gewalt in der nordirischen Kapitale galten. Die beiden Straßen verlaufen fast parallel, und zwischen ihnen zieht sich eine verstacheldrahtete fünf Meter hohe Trennmauer dahin, die Peace Line. Auch wenn die Unruhen längst der Vergangenheit angehören, werden noch immer nachts die Tore der Mauer geschlossen.

Jedes dieser Stadtviertel bekennt auf seine Art Flagge. Entlang der protestantischen Bereiche flattert auf Häusern und auf Seilen über der Straße der britische Union Jack. Bürgersteige und Laternenmasten sind in dessen Farben gehalten.

Die katholischen Viertel sind dagegen mit der grün-weiß-orange-farbenen Fahne der Republik Irland geschmückt. Zudem zeugen riesige Wandmalereien, so genannte Murals, von den über viele Jahrzehnte anhaltenden Spannungen und Kämpfen zwischen den beiden Gruppierungen. Ungeachtet der politischen Aussagen, die hinter jedem einzelnen Bild stehen, haben sich ldiese ängst zu einem Magneten für die Besucher entwickelt, die beim Anblick der Kunstwerke eine Mischung aus Faszination und Sprachlosigkeit verspüren.

So glorifizieren beispielsweise einige Häuserfronten entlang der Falls Road den Hungerstreik der IRA-Häftlinge von 1981 im Maze-Gefängnis oder solidarisieren sich mit nationalistischen Befreiungsbewegungen aus anderen Ländern. Daneben finden sich auch Motive aus der weiter zurückreichenden Geschichte wie der großen Hungersnot vor über 150 Jahren oder auch aktuelle politische Botschaften wie die Ablehnung des reformierten nordirischen Polizeidienstes PSNI, der als ungebrochene Fortsetzung der verhassten RUC angesehen wird.

Allgemeine Informationen: Irland Information, Gutleutstraße 32, 60329 Frankfurt, Telefon 069-66800950, Fax 069-92318588, Email info@entdeckeirland.de,  www.entdeckeirland.de

Informationen Belfast Visitor and Convention Bureau, 47 Donnegall Place, Belfast BT1 5AD, Telefon 0044-28-90246609, www.gotobelfast.com

Restaurants & Pubs: Beatrice Kennedy, 44 University Road, Belfast, Telefon 0044-(0)28-90202290, www.beatrice-kennedy.co.uk

Crown Liquor Store, 46 Great Victoria Street, Belfast, Telefon 0044-(0)28-9027-9901,  www.crownbar.com

Unterkünfte: Roseleigh House, 19 Rosetta Park, Belfast, Telefon 0044-(0)28-90644414, www.roseleighhouse.co.uk

Hastings Europa Hotel, Great Victoria Street, Belfast, Telefon 0044-(0)28-90327000, www.hastingshotels.com

Duke´s Hotel 65/67 University Street, Belfast, Telefon 0044-(0)28-90236666, www.dukeshotelbelfast.com

Buchtipps: Ulrike Katrin Peters & Karsten-Thilo Raab: Nordirland Reisehandbuch, Westflügel Verlag, ISBN 978-3-939408-00-0, bestellen

Karsten-Thilo Raab: Irland und Nordirland – Auf den Spuren von Heiligen, Dichtern und Denkern, Morstadt Verlag, ISBN 978-3-88571-325-8

Ulrike Katrin Peters, Karsten-Thilo Raab: Oh, diese Iren, Conrad Stein Verlag, ISBN 978-3-86686-804-5. Das Buch ist im Buchhandel oder direkt beim Conrad Stein Verlag erhältlich.

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