Von 4. Februar 2019 Mehr →

Reisezielprosa – die spezielle Sprache der Kataloge

Die Karte im Postkartenständen spricht vielen aus der Seele, Urlaubskataloge sprechen hingegen oft eine spezielle Sprache. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Die Karte im Postkartenständen spricht vielen aus der Seele, Urlaubskataloge sprechen hingegen oft eine spezielle Sprache. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Die vermeintlich schönste Zeit des Jahres rückt mit riesigen Schritten näher. Mit ihr schreiten die Planungen für den nächsten, fraglos überaus verdienten Urlaub näher. Die potentiellen Ziele für die Reise werden im Katalog oder dem Online-Reiseportal des Vertrauens in Augenschein genommen. Dabei stößt der geneigte Reisende immer wieder auf herrliche Werbeprosa in Vollendung, die in Auszügen fraglos auch für ein modernes Märchenbuch durchaus geeignet wäre.

Wahre Schrottplätze werden da schon mal gerne zum Traumschloss hochstilisiert. Der bevorstehende Höllentrip wird als „Reise des Lebens“ angepriesen. Daher sollten diejenigen, die eine Urlaubsreise planen, unbedingt aufhorchen, wenn sie Formulierungen wie diese in Katalogen oder Online-Angeboten finden:

„Überaus verkehrsgünstig (1) in Sichtweite des Meeres (2) gelegen, genießen Gäste unseren dezenten wie unaufdringlichen Service (3) in der mit regionalem Chic (4) und landestypischen Standards (5) ausgestatteten Unterkunft. Genießen sie das multikulturelle Flair (6) im direkten Umfeld (7) unseres mehrfach ausgezeichneten Hauses (8) nicht nur am Tag (9) und die Weite des weitgehend unberührten und oft menschenleeren Strandes (10).“

All dies klingt in der Tat überaus verlockend. Nur leider gibt es zwischen Dichtung und Wahrheit oft den einen oder anderen Unterschied. Um also zu verstehen, was sich tatsächlich hinter einem solchen Angebot verbirgt, bedarf es der nachstehenden kleinen Übersetzungshilfe:

„Direkt angrenzend an die Schnellstraße und in der Einflugschneise des geschäftigen Flughafens (1) gelegen, von wo aus mit etwas Glück und einem Fernrohr am Horizont ein Wellenkamm des Meeres (2) erspäht werden kann, sind die Gäste aufgrund des eigentlich nicht existenten Services (3) weitgehend auf sich allein gestellt, wohnen in einer mit billigen Pressspanmöbeln ausgestatteten Bretterbude (4) ohne jeglichen Komfort und ohne jeden unnützen Luxus wie Fön, Fernseher oder Bügeleisen (5).

Thekenbrust-CoverLaut grölende Jugendliche und Betrunkene aus vielen Ländern (7) ziehen bis in die frühen Morgenstunden durch die Straßen (9) vor dem Hotel (8), dessen einzige Auszeichnung darin bestand, dass es vor 57 Jahren ungeachtet der fehlenden Baugenehmigung doch noch öffnen durfte und ohne weitere Investitionen bis heute existiert.

An den kleinen, mit Steinen und Müll übersäten Strandabschnitt (10) verläuft sich wirklich kein Mensch. Denn niemand hat Bock, an einer derart verkommenen und ungepflegten Stelle sein Handtuch auszubreiten.“ Dank dieses kleinen Vorgeschmacks dürfte die Wahl des nächsten Reisezieles nun auch nicht mehr sonderlich schwer fallen. Motto: „Wir buchen, sie fluchen.“

Buchtipps: Karsten-Thilo Raab: Thekenbrust & Zackendruse, Westflügel Verlag, ISBN 978-3-939408-11-6, 12,50 Euro. Erhältlich ist das Buch im Buchhandel oder direkt beim Verlag.

Karsten-Thilo Raab: San Diego Waldfried,  (ISBN: 978-84-9015-620-9). Erhältlich  im Buchhandel oder direkt beim Verlag für 20,90 Euro.

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