Kyushu – unterwegs im größten Krater der Welt

Die hoch aufschießenden Berge gemahnen ein bisschen an das Voralpenland, wäre da nicht die merkwürdige Form der Schluchten und Tal-Einschnitte. Bäume sind mit Ausnahme vereinzelter Zedern-Schonungen überaus rar gesät. Dafür sind die von Lava geformten Hügel und Hänge fast ausnahmslos mit mannshohen Gräsern bewachsen. Dazwischen fallen immer wieder Terrassen mit Reisfeldern ins Auge. Was wie eine riesige Gebirgskette anmutet, ist tatsächlich der mit 128 Kilometern Umfang größte Vulkankrater der Welt. Der Mount Aso im gleichnamigen Nationalpark gehört fraglos zu den faszinierendsten Naturschauspielen auf Kyushu, der südlichsten der vier japanischen Hauptinseln.

Schon bei der knapp zweistündigen Anreise mit dem Nostalgiezug ASO 1962 von Kumamoto nach Aso lassen sich die gewaltigen Ausmaße des Kraters erahnen. Im Schneckentempo quält sich das Schienenross die steilen Berge hinauf, wechselt dabei immer wieder in Spitzkehren die Fahrtrichtung. Und mit jeder Wende fällt ein weiteres Stück des feuerspeienden Berges ins Auge. Der Mount Aso umfasst fünf Gipfel, Aso-gogaku genannt, und viele kleinere Gipfel, die somma, die zusammen von der Kontur her an einen liegenden Buddha erinnern.

Vulkan Nakadake weiterhin aktiv

Während die Vulkane Takadake (1592 Meter hoch), Nekodake (1433 Meter), Kishimadake (1362 Meter) sowie Eboshidake (1337 Meter) längst erloschen sind, brodelt der Nakadake (1506 Meter) weiter vor sich hin. Weithin sichtbar sind seine weißlichen oder gelblichen Rauchsäulen mit ihrem hohen Schwefelgehalt. Wenn der Vulkan – wie zuletzt im Jahre 1990 – ausbricht, bedeckt er weite Teile Kyushus mit Asche. In der Regel legt der Nakadake aber ein weitaus freundlicheres Gesicht an den Tag, erlaubt Besuchern bis auf wenige Meter an den Kraterrand heranzutreten. Zu diesem Zweck wurde bereits 1958 die weltweit erste Seilbahn eröffnet, die zu einem aktiven Vulkan hinaufführt. Um gegen eventuelle Launen des speienden Berges gewappnet zu sein, befinden sich am Kraterrand Betonbunker, die den Besuchern im Falle eines plötzlichen Ausbruchs Schutz bieten.

Wer sich das Naturschauspiel lieber aus sicherer Entfernung anschauen möchte, muss jedoch nicht auf den Blick in den Krater verzichten. Für umgerechnet rund 47 Euro kann der Nakadake mit einem Hubschrauber überflogen werden. Alternativ bietet das nahegelegene Aso Volcano Museum auf großen Bildschirmen Live-Bilder aus dem Kraterinneren an. Daneben kann hier alles Wissenswerte rund um Vulkane erfahren werden.

Entspannung pur im Onsen

Auf ganz andere Art und Weise sorgt der Mount Aso in umliegenden Kurorten wie Kurokawa für Entspannung und wohlige Wärme. Insgesamt 24 öffentliche Bäder, Sentō genannt, werden mit Wasser aus einer heißen Quelle, dem Onsen, gespeist. Zahlreiche heiße Quellen finden sich auch in Yufuin am Fuße des 1584 Meter hohen Berges Yufu (auch Bungo Fuji genannt). In der 11.500-Seelen-Gemeinde ist die Badekultur derart ausgeprägt, dass selbst in der Wartehalle des von Stararchitekt Arata Isozaki entworfenen Bahnhofs für 160 Yen ein Fußbad in einem Onsen genommen werden kann.

Treibende Kraft für die Entwicklung von Yufuin zu einem der beliebtesten Kurorte in Japan ist Mizoguchi Kumpei. Der hoch betagte Hotelier, der das mondäne Tamanoyu Hotel betreibt, reiste Anfang der 1970er Jahre für 50 Tage nach Deutschland, um sich vor Ort über Konzepte für Kurorte zu informieren. Besonders fasziniert zeigte er sich von Baden-Baden, Wiesbaden und Badenweiler. „Die Geräumigkeit der Einrichtungen, die Naturverbundenheit und die Anordnung der Straßen hat mich sofort begeistert“, räumt Kumpei ein, viele Ideen aus Deutschland mitgebracht und kopiert zu haben. Dank der Initiative des rüstigen Rentners, der seine Geschäfte längst an seine Tochter übertragen hat, wandelte sich Yufuin von einer verschlafenen Kleinstadt zu einem touristischen Kleinod mit mehr als 3,8 Millionen Besuchern jährlich.

Japanische Handwerkskunst in Mingeimura

Zu den beliebtesten Einrichtungen gehört neben den Onsen ein kleines Freilichtmuseum. Im Mingeimura wird traditionelle japanische Handwerkskunst von der Herstellung von Kinderkreiseln (auch in Reiskorngröße) über Glasbläserei, Papierschöpfen bis hin zu Tuchfärberei präsentiert. Auch bei der Herstellung von  Miso, einer Paste, die hauptsächlich aus Sojabohnen mit Reis, Gerste oder anderem Getreide besteht, lassen sich die Museumsmitarbeiter bereitwillig über die Schultern schauen.

Daneben sorgen in Yufuin Film- und Musikfestspiele, aber auch ein ungewöhnlichen Wettbewerb für Kurzweil: Beim Ushikui-Zekkyo-Taikai, was frei übersetzt so viel heißt wie „Rindfleisch essen und laut brüllen“, lassen die Milchbauern der Region gewaltige Urschreie erklingen. Bewertet werden die Phonzahl und die Länge des Schreies. Zugleich sollen mit diesem Ritual Götter gelinde gestimmt werden, um sicher stellen, dass jederzeit saftiges Gras in ausreichenden Mengen zur Verfügung steht.

Um nichts dem Zufall zu überlassen, schlachten die Bauern daher im Rahmen des Wettbewerbs auch gleich ein paar Rinder. Damit tragen sie dazu bei, dass für die übrigen Paarhufer mehr Gras da ist. Schließlich sind die Wiederkäuer neben den Touristen die wichtigste Einnahmequelle in Yufuin. Ihr Steakfleisch gilt als besonders exzellent. Kein Wunder, denn die Bauern lassen den Rindern eine ganz spezielle Pflege angedeihen. Damit das Fleisch möglichst saftig ist, sollen sich die Kühe möglichst wenig bewegen. Dafür werden ihnen regelmäßig die Fesseln massiert und dem Futter wird Bier beigemischt, was dem Fleisch eine spezielle Note verleiht.

Wissenswerte für die Japan-Reise

Informationen: Japanische Fremdenverkehrszentrale, Kaiserstraße 11, 60311 Frankfurt, Telefon 069-20353, www.jnto.de

Lage: Kyushu ist die südlichste der vier japanischen Hauptinseln. Das vulkanische Island im nördlichen Pazifik misst 42.000 Quadratkilometer. Die größten Städte sind Fukuoka (1,4 Millionen Einwohner) und Kumamoto (700.000 Einwohner).

Einreise: Bei Aufenthalten bis zu maximal drei Monaten Länge genügt ein gültiger Reisepass.

Reisezeit: Mit Ausnahme der Regenzeit im Juni und Juli sind Japan und speziell Kyushu ein Ganzjahresziel. Besonders empfehlenswert sind März und April zur Zeit der Kirschblüte sowie die warmen Herbstmonate von September bis November.

Yufuin: Yufuin Sightseeing Information Office, Yufuin Station, Telefon 0081-(0)977-854464, www.yufuin.gr.jp

Aso Volcano Museum, Akamizu 1939-1, Aso City, Kumamoto Prefecture, Telefon 0081-(0)967-342111, www.asomuse.jp

Aso Ropeway: Die Seilbahn zum Vulkan Nakadake verkehrt täglich von 9 bis 18.30 Uhr sofern die Witterung und die Aktivität des Vulkans es zulassen.