Von 24. September 2014 Mehr →

Berlin – ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall

Die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße ist der zentrale Ort der vErinnerung an die Teilung Deutschlands. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Die Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße ist der zentrale Ort der vErinnerung an die Teilung Deutschlands. (Foto Karsten-Thilo Raab)

25 Jahre nach dem Fall der Mauer hat sich Berlin als Kulturmetropole etabliert, die in einem Atemzug mit New York, London und Paris genannt wird. Die Mischung aus Hoch- und Subkultur, Zeitgeschichte und Entertainment kreieren ein neues Image und liefern die Geschichten für den Mythos Berlin.

Künstler aus aller Welt wurden nach 1989 von den optimalen Bedingungen für ihr kreatives Schaffen angezogen und prägen die Atmosphäre der Stadt. Aus dem doppelten Berlin ist eine einzigartige Kulturlandschaft geworden, von der die Berliner und die Besucher aus aller Welt gemeinsam profitieren.

Der Mauerfall von 1989 hat nicht nur viele Orte in Berlins Innenstadt wieder freigelegt, sondern auch kreative Energien in der urbanen Hoch- und Subkultur erzeugt. Ob bei Opernaufführungen, bei Kunstausstellungen, mit Tanz- Theaterinszenierungen, einem riesigen Konzertangebot und einem vielfältigen Festivalangebot – Berlins Kultur- und Kunstszene setzt immer wieder Maßstäbe und bildet heute mit rund 180 Museen und Sammlungen, über 400 Galerien, drei Opernhäusern, acht großen Symphonieorchestern, vielen ungewöhnlichen Ausstellungsorten, rund 100 Kinos und 150 Bühnen eine der reichsten Kulturlandschaften Europas.

Auf dem Areal der Gedenkstätte befindet sich das letzte Stück der Berliner Mauer, das in seiner Tiefenstaffelung erhalten geblieben ist und einen Eindruck vom Aufbau der Grenzanlagen Jahre vermittelt. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Auf dem Areal der Gedenkstätte befindet sich das letzte Stück der Berliner Mauer, das in seiner Tiefenstaffelung erhalten geblieben ist und einen Eindruck vom Aufbau der Grenzanlagen Jahre vermittelt. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Entlang der einstigen Grenzlinie finden sich Kulturinstitutionen, die auf sehr unterschiedliche Weise die Geschichte des 20. Jahrhunderts und der Teilung Berlins widerspiegeln. Symbolisch dafür steht der Martin-Gropius-Bau, in unmittelbarer Nähe zum Preußischen Landtag und in direkter Nachbarschaft zur „Topographie des Terrors“. Vor ´89 auf der Kreuzberger Mauerseite gelegen, zeigt der Gropius-Bau in diesem Sommer Ausstellungen mit Werken von Ai Weiwei und David Bowie. Beide Kunstikonen setzen sich auf ihre Weise mit Freiheit, Individuum und Gesellschaft auseinander.

In direkter Nachbarschaft zum Martin-Gropius-Bau findet sich an der Zimmerstraße die Dauerausstellung „Die Stasi“ über die Tätigkeit und Methoden des Ministeriums für Staatssicherheit. Direkt am Checkpoint Charlie erinnern die BlackBox und das Mauermuseum an die Geschehnisse im Kalten Krieg. Daneben gibt das Mauerszenario im Panometer des Künstlers Yadegar Asisi Rund- und Einblicke in das Kreuzberger Leben an der Mauer in den 1980er Jahren.

An der Nahtstelle zwischen Ost und West, am Potsdamer Platz, wird wie nirgends sonst sichtbar, dass die Halbstadt West-Berlin den ab 1961 im Osten der Stadt „eingeschlossenen“ Institutionen wie der Museumsinsel etwas Neues entgegensetzen wollte. Als Gegenstück entstand das Kulturforum mit der Philharmonie, deren goldenes Dach wie ein Leuchtturm gen Ostteil strahlen sollte. Dass der einstige Hintereingang der Philharmonie sich heute als Zweiter Haupteingang den aus Mitte kommenden Besuchern präsentiert, ist mehr als eine Anekdote: Kultur und Stadt mussten sich nach 1989 neu aufeinander ausrichten. Auch die einstige Kongresshalle, ein im Ostteil der Stadt gut sichtbares Geschenk der Amerikaner an West-Berlin, steht heute als „Haus der Kulturen der Welt“ für die Öffnung der Stadt nach dem Mauerfall.

Die Kapelle der Versöhnung ist eine Kirche wurde auf dem Fundament der Versöhnungskirche in Lehmbauweise gebaut und ist Teil der Gedenkstätte Berliner Mauer. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Die Kapelle der Versöhnung ist eine Kirche wurde auf dem Fundament der Versöhnungskirche in Lehmbauweise gebaut und ist Teil der Gedenkstätte Berliner Mauer. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Für die Berliner Sub- und Gegenkultur stand Kreuzberg als „Sackgasse West-Berlins“ wie kein anderer Stadtteil. In heruntergekommenen Gründerzeitquartieren des alten Postbezirks SO36, der an drei Seiten von der Mauer umgeben war, entstand seit den 70er Jahren eine besondere Berliner Mischung aus Alteingesessenen, Migranten, Künstler und Studenten auf der Suche nach politischen Gegenentwürfen, alternativen Lebenswegen und neuen künstlerischen Ausdrucksformen.

Welche Energie verlassene Orte freisetzten, lässt sich gegenwärtig an zahlreichen umgenutzten Bauten sehen. Viele Betriebe der einstigen Industriemetropole Berlin wanderten in den Teilungsjahren ab – nun werden sie dank einer Mischung aus Unternehmergeist und künstlerischer Freiheit in lebendige Kulturzentren verwandelt. Brauereien, Industriebetriebe, ja sogar ein Krematorium und eine Kirche in der Nähe des Mauerstreifens wurden auf diese Weise Zentren der urbanen Szene.

An der Gedenkstätte Berliner Mauer wird auch derer gedacht, die Fluchtversuche mit ihrem Leben bezahlten. (Foto Karsten-Thilo Raab)

An der Gedenkstätte Berliner Mauer wird auch derer gedacht, die Fluchtversuche mit ihrem Leben bezahlten. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Zur Kultur in der wiedervereinigten Stadt gehören auch Häuser, die sich mit der Alltagskultur vor 1989 und der Teilungsgeschichte selbst auseinandersetzen wie das DDR-Museum, der „Tränenpalast“ am Bahnhof Friedrichstraße, die Ausstellung zur DDR-Alltagskultur in der Kulturbrauerei Prenzlauer Berg sowie die Gedenkstätte Berliner Mauer. Dabei werden Relikte der Teilung selbst zu vielbesuchten Kunst- und Eventorten wie die East Side Gallery und der Mauerpark.

Nicht zuletzt kommen heute nicht nur Künstler und Kunstwerke aus der ganzen Welt in die einst geteilte Stadt. Bei Konzerten, Ausstellungen und Galerie-Vernissagen treffen internationale Gäste auf Besucher aus allen Berliner Stadtteilen. Noch vor 26 Jahren wäre es undenkbar gewesen: Berliner aus Ost, West, Nord und Süd strömen gemeinsam mit amerikanischen, russischen und chinesischen Gästen nach dem Schlussapplaus im Friedrichstadt-Palast, der Staatsoper im Schillertheater oder der „Linie 1“ in die Biergärten, Bars und Restaurants in die Berliner Nacht.


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