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Von 22. März 2014 Mehr →

Alltagsphänomene links und rechts der Mauer – Panometer zeigt fiktiven Tag im geteilten Berlin

Im asisi Panometer öffnet sich der imaginäre Blick über die Berliner Mauer in den 1980er Jahren. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Im asisi Panometer öffnet sich der imaginäre Blick über die Berliner Mauer in den 1980er Jahren. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Am wohl berühmtesten Grenzübergang der Welt, dem Checkpoint Charlie, veranstalten zwei als amerikanische Soldaten verkleidete junge Männer ein wenig Mickey-Mouse-Theater für Touristen. Gegen ein kleines Entgelt lassen sie sich bereitwillig fotografieren und nehmen die Besucher aus aller Welt für einen unvergesslichen Schnappschuss an einem der geschichtsträchtigsten Orte von Berlin in ihre Mitte. An den umliegenden Straßenkreuzungen verkaufen fliegende Händler (fast) echte Devotionalien der russischen Armee, der NVA und der Alliierten.

Von Ordenszeichen über Kopfbedeckungen und Uniformjacken bis hin zu Gasmasken wird alles an den Mann oder die Frau gebracht. Vor allem Jugendliche erliegen immer wieder der Verlockung, eine vermeintliche echte Erinnerung an die Zeit des Kalten Krieges und des geteilten Berlins zu erwerben. Dabei haben nur wenige Augen für ein ungewöhnliches Objekt, das sich hier seit Herbst 2012 nur wenige Meter entfernt breit macht. Ein eher tristes, gräulich-schwarzes Gebilde, das es in sich hat – und dies im wahrsten Sinne des Wortes. Was von außen wie ein typischer Gasometer anmutet, ist in Wirklichkeit die Verpackung für ein faszinierendes Kunstobjekt, das die Teilung Berlins lebendig werden lässt: das Asisi Panometer. 

Nur einen Steinwurf vom Panometer posieren sich Uniformierte am Checkpoint Charlie für Erinnerungsfotos. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Nur einen Steinwurf vom Panometer posieren sich Uniformierte am Checkpoint Charlie für Erinnerungsfotos. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Geschaffen wurde die ungewöhnliche Landmarke nach Plänen des gebürtigen Wieners und Namensgebers Yadegar Asisi. Der Architekt, Künstler und ehemalige Hochschullehrer, der in Leipzig aufwuchs und in Berlin studierte und dozierte, war nicht nur der geistige Vater des Kunstobjektes, sondern auch der Wortschöpfer für das „Panometer“. Ein Begriff, der sich aus Panorama und Gasometer zusammensetzt. Womit schon klar ist, was sich im Inneren des Panometers verbirgt: Unter dem Titel „DIE MAUER“ ziert den nachgebauten Gasbehälter ein 60 Meter langes und 15 Meter hohes Riesenrundbild, das einen Blick über die Mauer an fiktiven Novembertag in den 1980er Jahren in der Sebastianstraße zeigt.

Während mit Hilfe von Scheinwerfern Tag und Nacht simuliert werden, erklingen aus den Lautsprechern historische Tonbandaufnahme. Darunter so markante Sätze wie „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ von Walter Ulbricht vom 15. Juni 1961. Damals hatte der DDR-Staats- und Parteichef auf die Frage der Journalistin Annamarie Doherr, ob die DDR eine Mauer am Brandenburger Tor errichten wolle, dies öffentlich verneint. Doch wenige Wochen später befahl der SED-Generalsekretär bekanntlich, die als „antifaschistischer Schutzwall“ deklarierte Mauer rund um West-Berlin zu errichten.

Besucher im Panometer werden aufgefordert, mit Stift auf eine Wand zu schreiben, was Freiheit und Frieden ihnen bedeuten. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Besucher im Panometer werden aufgefordert, mit Stift auf eine Wand zu schreiben, was Freiheit und Frieden ihnen bedeuten. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Yadegar Asisi verdichtete zahlreiche Aspekte des Kalten Krieges in seinem fesselnden Panoramabild. Dabei macht er mit der riesigen Momentaufnahme deutlich, wie banal alltäglich und zugleich subtil grausam das Leben in der geteilten Stadt war.

„Ich habe in den 1980er Jahren in Kreuzberg an und mit der Mauer gelebt. Das Panorama bündelt meine Erfahrungen und erzählt dem Betrachter detailreich Geschichten, die so nicht zeitgleich geschehen wären“, erläutert Asisi, der auch in Dresden und Leipzig beeindruckende Panometer schuf, sein Eigenverständnis. Ergänzend fügt er hinzu: „Die vielen Alltagsgeschichten im Panoramabild zeigen, dass die Bewohner sich mit den Umständen arrangiert haben.“

Gut zu erkennen sind im Panometer die Mauer und der dahinter liegende Todesstreifen. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Gut zu erkennen sind im Panometer die Mauer und der dahinter liegende Todesstreifen. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Und so erweist sich das Panorama über die 1961 gebaute und 1989 überwundene Berliner Mauer als eine sehr persönliche, künstlerisch verdichtete Sicht auf die Zeit des geteilten Berlin mit Blick von Kreuzberg in den Ostteil der Stadt. Das Bild symbolisiert die Anpassungsfähigkeit der Menschen an nicht ideale Bedingungen als Überlebensstrategie. Zu sehen sind ein Kreuzberger Wohnungsumzug, ein Graffiti-Maler an der Mauer oder die Gäste an einem.

Auf den grauen Fassaden im Osten sind DDR-Parolen in Weiß auf rotem Grund zu sehen, während auf den grauen Kreuzberger Fassaden bunte West-Reklamen leuchten. Nicht zu übersehen sind die Grenzer in ihren Wachtürmen im Ostteil, die über den Todesstreifen hinweg das Leben auf West-Berliner Seite genauestens beobachten. Eine Szene, die ebenso realistisch wie bedrohlich ist – und ebenso wie das gesamte Panometer nicht von ungefähr bis dato weit mehr als 200.000 Besucher in den Bann zog.

Informationen: Asisi Panometer Berlin, Checkpoint Charlie, Friedrichstraße 205, 10117 Berlin, Telefon 0341-3555340, www.asisi.de.

Eintritt: 10 Euro; ermäßigt 8 Euro; Kinder und Jugendliche 4 Euro.

Öffnungszeiten: Noch bis voraussichtlich Ende 2014 ist das Panometer täglich von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Anfahrt: Das Panometer ist mit den Buslinien 147 (bis Haltestelle U Stadtmitte/Leipziger Straße) und M29 (bis Haltestelle U Kochstraße/Checkpoint Charlie) sowie mit der U-Bahnlinie 6 bis Kochstraße/Checkpoint Charlie zu erreichen.


Archiviert unter Topthema, Europa, Berlin, Deutschland
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