Ein Stück Japan unterm Bayer-Kreuz

Leverkusen
Ein Stück Asien am Rhein: Der Japanische Garten in Leverkusen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Der Japanische Garten in Leverkusen lädt im Schatten des mächtigen Chemparks zu einer Reise nach Fernost ein – und dies mitten im Rheinland.

Leverkusen
Der Vision von Carl Duisberg folgend wurde der Garten angelegt. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Im Schatten der großen Rhein-Metropolen, der Millionenstadt Köln und der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt Düsseldorf, gehört Leverkusen nicht gerade zu den städtebaulichen Schönheiten. Wer an die 170.000-Seelen-Gemeinde im Rheinland denkt, hat zumeist neben Autobahnkreuzen vor allem das gewaltige Panorama des weithin sichtbaren Chemparks im Sinn. Doch inmitten des riesigen Areals, das die Chemieindustrie hier einnimmt, duckt sich wie eine kleine Oase einer der wohl unumstritten schönsten japanischen Gärten des Kontinents. Eine liebevoll gepflegte Anlage, die sich als ein kontemplativer Dialog zwischen Kultur und Natur, Vergangenheit und Gegenwart, Rheinland und Fernost erweist; ein Areal, das den Geist der Edo-Zeit atmet.

Die duisbergische Vison

Die Entstehung dieses Kleinods ist eng mit Carl Duisberg verbunden, einem Mann, der nicht nur die Geschicke der Farbenfabriken leitete, sondern auch ein leidenschaftlicher Sammler kultureller Eindrücke war. Nach einer Weltreise im Jahr 1912 brachte er die Vision eines Gartens mit nach Hause, der nicht den europäischen Idealen von Symmetrie und Prunk entsprach, sondern die Natur in ihrer idealisierten Form abbilden sollte. Was ursprünglich als privater Rückzugsort für die Familie Duisberg gedacht war, entwickelte sich schnell zu einem Prestigeobjekt, das seit den 1950er Jahren der Öffentlichkeit zugänglich ist.

Kunst der Wegführung

Viel Liebe zum Detail kennzeichnet den Japanischen Garten. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Steinlaternen markieren Übergänge, verschlungene Wege erzählen von der Philosophie des Zen, Wasserläufe verbinden Ruhe und Bewegung. Nichts ist Zufall – jeder Findling, jede Schicht Moos, jedes Stück Trittstein ist Ausdruck einer tiefen, rituellen Ordnung. Die Wege innerhalb des Japanischen Gartens sind überwiegend gewunden und zwingen förmlich dazu, das eigene Tempo zu drosseln und aufmerksam zu werden für die kleinen Dinge am Wegesrand. Hier ist es ein besonders schön geformter Stein, dort eine Gruppe von Gräsern, die sich im Wind wiegen. Es gibt keine Hinweisschilder, die den Blick stören, sondern nur die Einladung, sich treiben zu lassen.

Wo Zeit und Wasser fließen

Der Japanische Garten wartet ganzjährig mit einer imposanten Pflanzenpracht auf. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Im Zentrum der Anlage steht das Element Wasser, das in der japanischen Gartenkunst weit mehr ist als nur eine dekorative Beigabe ist. Es symbolisiert den Fluss des Lebens, die Vergänglichkeit und gleichzeitig die Erneuerung. Die Teiche im Leverkusener Garten, der innerhalb des weitläufigen Carl-Duisberg-Parks zu finden ist, sind so angelegt, dass sie immer neue Perspektiven bieten. Mal spiegeln sie die bizarren Formen der Kiefern wider, mal werden sie durch steinerne Brücken überspannt, die wie ein Versprechen auf die nächste Entdeckung wirken. Besonders markant ist die rote Mikadobrücke, die sich elegant über den Wasserspiegel wölbt. Unter der Wasseroberfläche ziehen neben Schildkröten auch Kois ihre Bahnen.

Architektur der Stille

Kirschblütenpracht mit japanischer Anmutung. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Ein architektonisches Highlight ist das Teehaus mit seinen geschwungenen Dachlinien und den filigranen Holzarbeiten. Jedes Fenster und jede Tür ist so positioniert, dass sie den Blick auf ein sorgfältig komponiertes Naturbild freigeben, fast so, als blicke man auf ein lebendiges Gemälde. In der Nähe finden sich steinerne Laternen, die teilweise als Geschenke aus Japan den Weg nach Leverkusen fanden und heute mit ihrer Patina aus Moos und Flechten von der Beständigkeit der Tradition zeugen. Pavillons, Tore und kleine Gebäude fügen sich harmonisch in die Landschaft ein und wirken wie natürliche Bestandteile des Gartens. Ihre Formen sind schlicht, klar und von einer Eleganz, die sich nicht aufdrängt.

Kaleidoskop der Jahreszeiten

Das Teehaus wird von japanischen Gewächsen umrahmt. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Wer den Garten besucht, erlebt je nach Jahreszeit ein völlig anderes Schauspiel. Im Frühjahr verwandelt die Kirschblüte das Areal in ein rosa Wolkenmeer, das die Vergänglichkeit der Schönheit auf poetische Weise zelebriert. Es ist die Zeit des Aufbruchs, in der die zarten Farben gegen das Grau des Winters ankämpfen. Im Sommer hingegen dominiert ein tiefes, sattes Grün, und die Schatten der dichten Bäume bieten eine willkommene Kühle, während die Azaleen in verschwenderischer Pracht blühen.

Jenseits der Blütenpracht

Sogar quer über den Teich führt ein Weg. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Der Herbst bringt schließlich eine dramatische Wendung, wenn die japanischen Fächerahorne ihr Laub in flammendes Rot und tiefes Orange tauchen, ein optisches Feuerwerk, das den Abschied vom Jahr einläutet. Selbst im Winter, wenn der Frost die Steine überzieht und die Strukturen der kahlen Bäume wie Tuschezeichnungen gegen den Himmel wirken, verliert der Garten nicht seinen Reiz. Die Stille wird dann fast greifbar, und die klare Luft lässt die geometrischen Formen der Anlage besonders deutlich hervortreten.

Neben Pflanzen gibt es weitere Hingucker in dem 15.000 Quadratmeter großen Garten im Schatten des Chemparks. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Jede Jahreszeit spricht eine eigene Sprache, jede Veränderung folgt den unsichtbaren Regeln japanischer Ästhetik: Balance, Asymmetrie und Raum für Interpretation. Weitere Informationen unter www.bayer.com.

Brücken und Tore gehören zu den typisch japanischen Features. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.