Energie aus eigener Kraft am Leitlhof

Leitlhof
Malerisch liegt der Leitlhof inmitten der Südtiroler Bergwelt. – Foto: Klaus Pfenning / Mortimer Reisemagazin

130 Betten, ein großes Restaurant, ein 3.000 Quadratmeter großer SPA-Bereich mit mehreren Außenpools, Saunen und Dampfbad – da braucht es ganz schön viel Energie in Form von Wärme und Strom. Vor allem im Winter, wenn das Thermometer hier am Rande der Dolomiten in klaren Nächten bis unter minus zehn Grad Celsius fällt. Genaugenommen braucht es 650.000 Kilowattstunden Strom, so viel wie mehr als 200 Durchschnittshaushalte pro Jahr. Lässt sich ein solches 4-Sterne-plus-Hotel wirklich energieautark betreiben? Und dazu noch im höchsten Maße umweltfreundlich? Kann das wirklich funktionieren? „Ja es kann“, ist Hotelbetreiber Stephan Mühlmann überzeugt.

Hotel mit Geschichte und steilem Erbe

Gemütlichkeit mit Ausblick. – Foto: Mike Rabensteiner / Leitlhof

Ort des Geschehens: Der Leitlhof in Innichen, gelegen im Südtiroler Hochpustertal, Teil des weltberühmten Naturparks Drei Zinnen. Der Leitlhof war früher ein Bauernhof mit landwirtschaftlichen Flächen und einem Dutzend einfachen Gästezimmern, gelegen etwas oberhalb des alten Ortskerns. „Leite bedeuten so viel wie steiler Hang“, erläutert Mühlmann. Und steil geht es wirklich zu oberhalb des Leitlhofs, sehr steil sogar. Vor gut einem Vierteljahrhundert kaufte Mühlmanns Vater den Hof und baute ihn zu einem Hotel um. Sohn Stephan, heute Mitte 39, übernahm ihn und machte den Hof zu dem, was er heute ist: ein familiäres Luxusressort mit allen Annehmlichkeiten und dennoch voll warmer Herzlichkeit.

Der unkonventionelle Hotelier

Hotelier Stephan Mühlmann ist einer, der anpackt. – Foto: Klaus Pfenning / Mortimer Reisemagazin

Dabei sieht Stephan Mühlmann gar nicht aus wie ein erfolgreicher Hotelbesitzer. Im Gegenteil. Zum Gespräch empfängt er nicht alpenländisch smart casual, sondern in Monteursklamotten. Es gebe da noch eine Baustelle, sagt er, da habe er noch bei Installationsarbeiten helfen müssen. Ohnehin lässt sich der Leitlhof-Patron in keine Schublade stecken. Bei der Frage nach seiner Berufsbezeichnung antwortet er mit „Bauer“. Schließlich betreibt er ja in Innichen auch noch einen Bauernhof mit 30 Angus-Kühen und mehreren Kälbern. Stephan Mühlmann ist Hotelbauer, Hausbauer, Holzbauer, Kuhbauer und auch Kraftwerksbauer zugleich.

Vom Pool zur Pionierleistung

Schwimmvergnügen mit Bergpanorama. – Foto: Mike Rabensteiner / Leitlhof

Kraftwerksbauer? Erst baute Mühlmann einen großen Außenpool, das Wasser ist auch im Winter mehr als 30 Grad Celsius warm. Mit freiem Blick auf den fast 3.000 Meter hohen Haunold, einem wild zerklüfteten Dolomitenkamm im Süden von Innichen. Was die Gäste freute, trieb dem Hotelmanager die Schweißtropfen auf die Stirn: die Energiekosten explodierten. „Das muss anders gehen“, dachte sich der Multibauer. Und machte sich ans Werk.

Auch ein Kuhstall gehört zum Leitlhof. – Foto: Klaus Pfenning / Mortimer Reisemagazin

Dank der Mischung aus einer Menge Ingenieurskunst und noch mehr Tüftelei konnte er 2012 sein eigenes Heizkraftwerk in Betrieb nehmen. Eines Kraftwerks also, dass sowohl Wärme als auch Strom produziert. In diesem Fall nicht durch das Verbrennen von Öl oder von Gas, sondern von einheimischem Holz. „Es war ein Pionierprojekt, das es in dieser Form noch nicht gab“, sagt Stephan Mühlmann.

Wie das Holzkraftwerk funktioniert

Die großzügige Terrasse ist perfekt für einen entspannten Drink. – Foto: Mike Rabensteiner / Leitlhof

Das Prinzip der Strom- und Wärmeerzeugung klingt recht simpel, der Teufel steckte aber wie üblich im Detail. Zunächst werden Baumstämme, meist Fichten, gehäckselt und getrocknet. Scheint die Sonne, kommt der hierfür benötigte Strom von einer Photovoltaikanlage auf dem Dach des Kraftwerks. Beim Verbrennungsprozess entsteht Holzgas, das aufgefangen und erneut verbrannt wird. Die dabei entstehende heiße Luft treibt eine Turbine an, diese wiederum setzt einen Generator in Gang, der Strom erzeugt.

Genussmomente dürfen am Leitlhof nicht fehlen. – Foto: Klaus Pfenning / Mortimer Reisemagazin

Im nächsten Schritt lässt sich die Abwärme zum Heizen nutzen. Es sei ein mühsamer Prozess mit vielen Rückschlägen gewesen, sagt Mühlmann. Anfangs schlief er so manche Nacht auf einer Matratze im Kraftwerk – aus Angst, der Prozess käme zum Stillstand und er könne nicht schnell genug eingreifen. Vier Jahre dauerte es, bis die Anlage störungsfrei lief. Rund 1,5 Millionen Euro habe ihn das bis dahin gekostet, gibt der Hotelkraftwerksbetreiber zu Protokoll.

Energieautarkie in Zahlen

Etwas Süßes zum Dessert … – Foto: Klaus Pfenning / Mortimer Reisemagazin

Pro Jahr produziert die Anlage verlässlich 770.000 Kilowattstunden Strom. Das meiste braucht der Unternehmer für sein Hotel, den Rest speist er ins öffentliche Netz ein. Auch seinen Wärmebedarf kann er problemlos decken. Sollte das Kraftwerk dennoch einmal ausfallen, steht als Back-up das deutlich größere Fernheizkraftwerk Toblach-Innichen zur Verfügung.

Auch Wellness und Entspannung kommen nicht zu kurz. – Foto: Mike Rabensteiner / Leitlhof

Betrieben wird es ebenfalls mit Holz. Strom käme im Leitlhof dann aus einem Notstromaggregat. Gebraucht hat er es noch nicht. 2013 gab es im oberen Pustertal einen großen Stromausfall. „Da war hier fast alles dunkel, nur bei uns war es dank des Kraftwerks hell“, lacht Stephan Mühlmann. „Das hat uns einige neue Gäste gebracht“, fügt er schmunzelnd hinzu.

Informationen: Naturhotel Leitlhof, Via Pusteria, 29, 39038 San Candido BZ, Italien, Telefon 0039-0474 913440, www.leitlhof.com

Klaus Pfenning

arbeitete jahrzehntelang in der Unternehmenskommunikation. Statt über Druckmaschinen, Schaltanlagen oder Gabelstapler schreibt er heute lieber über andere Dinge: guten Wein, tolles Essen, spannende Reisen.