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Unterwegs im Wüstenwunderland Wadi Rum – Sandlamm im Beduinenzelt

Mit dem geländegängigen Fahrzeug lassen sich die Weiten des Wadi Rum erschließen. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Mit dem geländegängigen Fahrzeug lassen sich die Weiten des Wadi Rum erschließen. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Schon wieder abgehoben. Für einen Bruchteil von Sekunden scheinen alle über der dünn gepolsterten Sitzbank auf der Ladefläche des Geländewagens zu schweben. Dann drückt sich der Rücken wieder in den dünnen Schaumstoff, bis die nächste Bodenwelle wieder für unfreiwilligen Schüttelspaß sorgt. Wie schnell der Pick-up durch die nächtliche Wüste saust, vermag niemand zu sagen. Die Geschwindigkeitsanzeige lässt sich durch die Scheibe hinter dem Fahrersitz partout nicht erkennen, zumal das Gefährt ohne Licht über die Sandpisten und Dünen rauscht.

Die berühmte Zwillingsbrücke Khrazza im Wadi Rum. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Die berühmte Zwillingsbrücke Khrazza im Wadi Rum. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Das Funkeln der Sterne und der satte Vollmond verleihen dabei den bizarren Gesteinsformationen des Wadi Rums etwas Gespenstiges. Und doch strahlt die riesige Wüste im Süden Jordaniens etwas Beruhigendes aus. Nach einer halben Ewigkeit taucht am Horizont ein mächtiger Felsen auf, an dessen Fuße ein Feuer flackert. Hier, in der Mitte vom Nichts, wartet das Nachtlager. Kreisförmig sind hier einige Beduinenzelte aufgeschlagen. Im Größten brennen ein paar Gaslampen, während ein Feuer für wohlige Wärme sorgt. Darum herum sind einladende Kissen gruppiert.

Willkommene Erfrischung: Ein über dem Feuer gebrühter Kaffee. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Willkommene Erfrischung: Ein über dem Feuer gebrühter Kaffee. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

„Willkommen in Jordanisch-Sibirien“, flachsen Ahmed Hassein und Mohammed Ibrahim angesichts der schnell sinkenden Temperaturen. Tagsüber klettert die Quecksilbersäule im Wadi Rum selbst während der Wintermonate locker auf angenehme 20, 25 Grad. Nachts nähern sich die Temperaturen dann mit Riesenschritten der Nullgradgrenze. Als Willkommensgruß reichen Ahmed und Mohammed einen schwarzen Tee, in dem einige Pfefferminzblätter schwimmen.

In kleinen Zeltdörfern lässt sich im Wadi Rum übernachten. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

In kleinen Zeltdörfern lässt sich im Wadi Rum übernachten. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

An der Rückseite des Zeltes haben die beiden Wüstensöhne mit arabischer Gastfreundschaft ein üppiges Büffet aufgebaut. Traditionelle Vorspeisen, Mezze in der Landessprache, wie Hummus, jene legendäre Kichererbsenpaste, Manaqeesh, mit Olivenöl und Thymian bestreute Brotstücke, Moutabbal, ein Auberginen-Mus, oder Kubbe, frittierte Kugeln aus Fleisch und Zwiebeln, warten dort.

Wärmespender in den kalten Wüstennächten. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Wärmespender in den kalten Wüstennächten. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Doch der eigentliche kulinarische Höhepunkt ist noch versteckt – ein Sandlamm. Dieses brutzelt in Alufolie gewickelt seit Stunden in einem metertiefen Erdloch im Wüstensand vor sich hin. Mit einer Schüppe buddeln Ahmed und Mohammed das köstliche Mal aus. Das Lamm ist so zart, dass es schon bei der bloßen Berührung mit der Gabel auseinanderfällt. Wie bei den alten Römern werden die Speisen weitgehend im Liegen eingenommen, bevor im Kerzenschein die Schlafzelte zugeteilt werden.

Zahlreiche Dromedare durchstreifen das Wadi Rum. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Zahlreiche Dromedare durchstreifen das Wadi Rum. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Auf dem Fußboden des Zeltinnenraums umrahmen kleine handgefertigte Teppiche das provisorische Nachtlager auf einem Holzgestell. Derweil besteht die mit Sandsäcken beschwerte Außenhaut der Zelte aus gewebtem Ziegenhaar. „Das war über Jahrhunderte das beste Material, das wir Beduinen in der Wüste finden konnten“, erläutert Ahmed Hassein angesichts der skeptischen Blicke der Gäste. „Im Winter zieht sich das Ziegenhaar bei Feuchtigkeit zusammen und wird sehr dicht. Im Sommer ist die Außenhaut eher luftig“, versucht der junge Araber, die Vorteile der Beduinenunterkunft anzupreisen.

Mohamed Ibrahim serviert das ungemein schmackhafte Sandlamm. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Mohamed Ibrahim serviert das ungemein schmackhafte Sandlamm. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Doch irgendwie scheint all dies eher graue Theorie. Vielleicht ist es auch einfach nicht feucht genug in diesem Wüstenabschnitt. Auf jeden Fall ist die Zeltwand voller Nähte und Löcher, durch die ein eisiger Wind pfeift und hier und da die Sterne funkeln. Selbst mit der Decke bis an die Kinnkante gezogen, lässt sich die Dauergänsehaut nicht wirklich vertreiben. Das leichte Schnarchen aus einem der Nachbarzelte trägt ebenfalls dazu, dass es nicht schwer fällt, bereits um kurz nach Fünf aufzustehen, um den spektakulären Sonnenaufgang zu beobachten.

Fast schon kitschig schön sind die Sonnenaufgänge in der Wüste. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Fast schon kitschig schön sind die Sonnenaufgänge in der Wüste. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Zentimeter für Zentimeter taucht der rot glühende Feuerball am Horizont auf und schiebt sich gen Himmel. Und mit jedem Zentimeter steigt die Temperatur ein wenig. Nun zeigt das Wadi Rum sein schönstes Gesicht. Die Sandstein- und Granitformationen schillern je nach Sonnenstand in den verschiedensten Farben. Mal sind die Steine in Rot getaucht, mal in Gelb, Orange oder Pink. Dazwischen biegen sich einige Gräser und Sträucher im Wind.

Sand und bizarre Gesteinformationen prägen das Wadi Rum. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Hier gibt es viel, viel mehr als nur Sand und Steine“, verweist Mohammed auf die Tatsache, dass im Wadi Rum mehr als 2000 Pflanzenarten zuhause sind – von roten Anemonen über Mohnblumen und roten Windröschen bis hin zur schwarzen Iris, der jordanischen Nationalblume.

Für viele sind die Dromedare noch immer das wichtigste Transportmittel. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Für viele sind die Dromedare noch immer das wichtigste Transportmittel. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Wadi bedeutet trockenes Tal. Rum heißt so viel wie Gebiet mit vielen Gazellen“, erzählt Mohammed, während er einen mit Kardamon gewürzten Kaffee verteilt. Rund 120 Vogelarten, darunter Gänsegeier, Borsten-Raben, Habichtsadler und Fahlkauze seien hier heimisch, lässt uns der ansteckend fröhliche Jordanier wissen. Außerdem sei die Wüste der Lebensraum von Antilopen, Streifenhyänen, Schakalen, Wüstenfüchsen, Sandkatzen und Steinböcken, die allerdings überaus scheu gegenüber Menschen seien. Dies gilt nicht für die Dromedare, die hin und wieder gemächlichen Schrittes durch das Ödland watscheln. Die Höckertiere, die auch als arabische Kamele bekannt sind, gelten seit Jahrhunderten als der beste Freund des Beduinen.

Ohne Allrad geht für Fahrzeuge im Wadi Rum nichts. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Ohne Allrad geht für Fahrzeuge im Wadi Rum nichts. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Ein besseres Tier für das entbehrungsreiche Leben in der Wüste kann man sich kaum vorstellen“, schwärmt Ahmed von dem ebenso vielseitigen wie genügsamen Lasten- und Tragetier. Sein Fleisch ist überaus schmackhaft; die fettarme Milch besonders vitaminreich. Die Haut der Wüstenschiffe dient als Rohmaterial für Gürtel, Sandalen und Taschen. Sogar die Exkremente sind nutzbar. Der Dung dient als Brennstoff und das Urin als keimfreier Wundreiniger.

Je nach Tageszeit und Sonnenstand verändert sich die Farbe des Wüstensands. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Je nach Tageszeit und Sonnenstand verändert sich die Farbe des Wüstensands. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Dromedare sind geniale Wüstenfahrzeuge. Bis zum fünf Stundenkilometer schnell und mit einer Traglast von gut 200 Kilogramm“, nennt Ahmed einige „technische Details“ der Kamelart, die über ein „Tankvolumen“ von rund 130 Litern Wasser verfügt und bis zu 30 Jahren alt werden kann.

Kleine Verschnaufspaus für Dromedar und Beduine. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Kleine Verschnaufspaus für Dromedar und Beduine. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Mit den Dromedaren, aber immer häufiger auch mit Jeeps, sind auch die Mitglieder des Desert Camel Corps unterwegs. Die Wüstenpolizei, die sich aus Beduinen rekrutiert, wurde in den 1930er Jahren vom damaligen britischen Oberbefehlshaber Glubb Pascha ins Leben gerufen und hat ihr Hauptquartier in Wadi Rum. Von hier aus durchkämmen die Männern in den kakifarbenen Uniformen und den rotweißkarierten Kopftüchern, den ledernen Patronengurten, dem silbernen Dolch und altertümlichen Gewehren täglich das 7.000 Quadratmeter große Areal – immer auf der Suche nach Schmugglern aus dem nahe gelegenen Saudi-Arabien oder nach verirrten Touristen.

Wärmespender in den kalten Wüstennächten. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Wärmespender in den kalten Wüstennächten. (Foto Karsten-Thilo Raab)

In der Tat ist es nicht schwer, sich im Wadi Rum zu verirren. Ohne einen einheimischen Führer sollte die Tour nicht angetreten werden. Zudem kennen die Guides die spektakulärsten Stellen. So etwa die Abschnitte, wo Lawrence von Arabien Anfang des 20. Jahrhunderts mit seinen Beduinen gegen die Türken aufmarschierte und wo der gleichnamige Hollywood-Klassiker mit Peter O’Toole in der Hauptrolle gefilmt wurde. Nicht zu vergessen sind auch die Zwillingsbrücken von Khrazza.

Ahmed Hassein wärmt sich üan dem kleinen Feuer (Foto Karsten-Thilo Raab)

Die Steinbögen sind ein beliebtes Fotomotiv, aber auch ein guter Startpunkt, um einfach mal die Sanddünen herunter zu rollen. Dabei ist ein kostenloses Peeling mit Schwindeleffekt und jeder Menge Spaß garantiert. Und dies mit Langzeitwirkung. Denn noch nach Tagen finden sich trotz intensiver Dusche überall am Körper kleine Sandkörner als kleine Erinnerungsstücke an eine der prächtigsten Wüsten der Welt.

Wassercamp - wie hier in einem Wüstencamp - sind im Wadi Rum Gold wert. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Wassercamp – wie hier in einem Wüstencamp – sind im Wadi Rum Gold wert. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Allgemeine Informationen: www.visitjordan.com

Allgemeines: Das Königreich Jordanien liegt in Vorderasien. Nachbarländer sind im Westen Israel und die Palästinensischen Autonomiegebiete, im Norden Syrien, im Osten bzw. Süden Irak und Saudi-Arabien.

Bei der gleißenden Hitze sollte immer genügend Wasser mitgeführt werden. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Bei der gleißenden Hitze sollte immer genügend Wasser mitgeführt werden. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Lage: Das 7.000 Quadratkilometer große Wadi Rum liegt rund 300 Kilometer oder viereinhalb Autostunden südlich der Hauptstadt Amman. Von dort ist das Naturschutzgebiet über den Desert Highway Richtung Aqaba zu erreichen. Informationen: www.wadirum.jo

 

Klima: Es herrscht trockenes Mittelmeerklima mit zumeist sonnigen, wolkenlosen Tagen und kühleren Nächten bei einer Durchschnittstemperatur von 23 Grad Celsius, wobei es von Juni bis August extrem heiß werden kann.

Ein Stück Bildbuch-Jordanien: Beduine mit Dromedar. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Ein Stück Bildbuch-Jordanien: Beduine mit Dromedar. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Sprache: Landessprache ist Arabisch, aber Englisch ist ebenfalls weit verbreitet.

Uhrzeit: Der Zeitunterschied zu Deutschland beträgt plus eine Stunde.

Archiviert unter Topthema, Asien, Jordanien
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