Von 1. September 2011 Mehr →

Wunderbar wanderbar – der Cleveland Way

Unaufhörlich bläst der Wind über das Land. Einen Moment lang verdunkeln schwarze Wolken den Himmel, Regentropfen prasseln nieder. Sekunden später reißt die dichte Wolkendecke ein wie Seidenpapier. Die Sonne taucht das Meer in gleißendes Licht, färbt das wild tosende Wasser in leuchtendes Grün. Ein Regenbogen schlägt seinen Halbkreis über die pittoreske Moorlandschaft. Haushohe Wellen werfen sich donnernd den steilen Klippen entgegen. An den Felsen zerstäuben sie zu winzigen Wassertröpfchen. Hier in den North York Moors, der größten Heide- und Moorlandschaft Englands, ist es nichts ungewöhnliches, alle vier Jahreszeiten binnen weniger Stunden zu erleben. Dabei zeichnen die Launen des Wetters mit wechselndem Lichteinfall ein bezauberndes Bild von der landschaftlichen Vielfalt in Yorkshire, das nicht nur von den Bewohner gern als „God’s own country“ bezeichnet wird. Im Westen durchziehen bewirtschaftete Täler, die sogenannten Dales, die weitläufige Moorlandschaft, im Osten wechseln steile Klippen mit ruhigen Buchten und malerischen Sandstränden.

Durchkreuzt wird der 1.436 Quadratkilometer große North York Moors Nationalpark von einem der schönsten Wanderwege der britischen Inseln: dem 1969 eingeweihten Cleveland Way. Auf einer Länge von 173 Kilometer verbindet dieser hufeisenförmig die ungemein abwechslungsreiche Landschaft zwischen Helmsley, Whitby und den Seebädern Scarborough und Filey. Auch ungeübte Wanderer können den gut ausgeschilderten Cleveland Way bequem in neun bis zehn Tagen auf Schusters Rappen bewältigen. Etwas Kondition sollte dennoch mitgebracht werden, obwohl nirgendwo tollkühnes Klettern notwendig ist. Gleichwohl gilt es hier und da einige steile Passagen zu bewältigen.

Startpunkt für die grandiose Tour über Stock und Stein durch den Nordosten Englands ist das heitere Marktstädtchen Helmsley, das im 17. Jahrhundert ein blühendes Zentrum der Weberei war. Neben der sehenswerten normannischen All Saints Kirche stechen hier besonders die Ruinen von Helmsley Castle ins Auge. Die 1186 errichtete und im 16. Jahrhundert zum Wohnschloss umgebaute Burg wurde 1644 während einer dreimonatigen Belagerung zerstört. Seither nagt der Zahn der Zeit an dem dennoch beeindruckenden Gemäuer.

Vom Marktplatz im Helmsley führt der Weg über 4,5 Kilometer durch Felder, Wiesen und ein Waldstück zu einem der ersten ganz großen Highlights entlang des Cleveland Ways: Rievaulx Abbey im Tal des River Rye. Die Abtei wurde im 12. Jahrhundert von zwölf Zisterziensern, die 1131 im Auftrag des heiligen Bernhards von Clairvaux aus Frankreich gekommen waren, gegründet. In ihrer Blütezeit unter Abt Ailred (1146-1167) wurde die Abtei von 140 Ordensgeistlichen und 160 Laienbrüdern bewohnt. Anfang des 13. Jahrhunderts wurde der Chor der Klosterkirche erweitert, um Platz für mehr Mönche zu schaffen. 1349 hatte die Pest dann die meisten Laienbrüder dahingerafft und damit den Niedergang der Abtei eingeläutet. Im 15. Jahrhundert wurden Teile des Kapitelsaals, des Kalefaktoriums (Wärmstube) und des Dormitoriums (Schlafraums) abgerissen, weil sie zu groß für die noch hier lebenden Mönche waren. 1530 ließ König Heinrich VIII. die Abtei – genau wie alle anderen Klöster in England – auflösen.

Obwohl inzwischen großteils verfallen, ist die Klosterkirche noch immer ein überaus imposantes Bauwerk. Abschnitte des ursprünglichen Fliesenbodens sind ebenso erhalten wie die Bühne des Hochaltars, die Ruinen von fünf Kapellen und die Sakristei. Auch das große Mittelschiff, in dem die Laienbrüder den Gottesdiensten beiwohnten, steht im Kontrast zum später erbauten östlichen Teil der Kirche mit seinen Spitzbögen und dekorativen Steinmetzarbeiten. Zu den interessanten Baumerkmalen gehören der fast sieben Meter hohe Kamin in der Wärmestube, ein Teil eines Schreins, der für den ersten Abt geweiht wurde, fünf Grabplatten im Kapitelsaal, Büchernischen in der kleinen Bibliothek und die Abflusskanäle des klösterlichen Aborts.

Von Rievaulx Abbey erstreckt sich der Cleveland Way via Cold Kirby über knapp zehn Kilometer nach Kilburn, wo die weltberühmten Werkstätten des als „Mouseman“ bekannten Schreiners Robert Thompson angesiedelt sind. Thompson trug diesen Spitznamen durch seine Angewohnheit, stets eine kleine Maus in seine handgefertigten Eichenmöbel einzuarbeiten. Die kleinen Mäuse sind in ganz Yorkshire anzutreffen, vor allem in Kirchen, aber auch an Tischen und Stühlen in Pubs und Restaurants.

Ebenso bekannt ist das beschauliche Dörfchen für sein weithin sichtbares weißes Pferd, das die üppig grünen Hügeln ziert. Kilburns Schuldirektor John Hodgson soll mit Hilfe seiner Schüler Mitte des 19. Jahrhunderts die Umrisse des 96 Meter langen und 70 Meter hohen Pferdes in den Fels gehauen haben. 1857 machten sich dann 30 Freiwillige daran, die Oberfläche zu entfernen und mit Kalkstein zu überziehen. Die starke Erosion und das Wetter sorgen dafür, dass das White Horse in regelmäßigen Abständen mit weißer Farbe und Kreidestückchen restauriert werden muss. Und jedes Jahr wandelt sich die Sehenswürdigkeit für einige Tage in ein Zebra, wenn Schüler zu Beginn der Ferien das Pferd mit grauen Mülltüten in ein Zebra verwandeln. Von oberhalb des White Horses bietet sich bei klarem Himmel sogar ein Blick auf die Spitze des York Minster in 32 Kilometern Entfernung.

Vorbei am Besucherzentrum Sutton Bank, dem westlichsten Zipfel des Cleveland Ways, führt vom weißen Pferd ein Höhenweg über gut 7,5 Kilometer durch wilde Wiesen entlang des Vale of York zum Sneck Yate. Ein Landstrich, den der berühmte Tierarzt und Autor James Herriot, der nur einen Steinwurf von hier lebte und wirkte, als „some of the finest in England“ beschrieb. Rund 150 Meter unterhalb des Weges liegt der mehr als 10.000 Jahre alte Gormire Lake, der einzige natürliche See in der North York Moors, der von den spektakulären Whitestone Cliffs überragt wird.

Durch die faszinierenden Hambleton Hills schlängelt sich der Cleveland Way in das rund 13 Kilometer entfernte Osmotherley, einem hübschen Städtchen, das einst ein bedeutender Umschlagplatz für Schafe und Rinder war, und von dort weiter durch das Urra Moor zum Roseberry Topping. Trotz beachtlicher Höhenunterschiede gibt es auf diesen rund 32 Kilometern nur wenige steile Passagen. Besonders beeindruckend ist die Landschaft im August und September, wenn die Heide blüht und das Moor in einen purpurfarbenen Teppich verwandelt wird. Der Cleveland Way erstreckt sich bis Skelton über Täler und Kämme, aber auch über Plateaus mit über 300 alten Steinkreuzen, die von Mönchen als Wegmarkierungen aufgestellt worden sind. Das älteste, das Lilla Cross bei Ellerbeck Bridge, datiert aus dem 7. Jahrhundert. Englands größtes Heidemoor wird nur von wenigen Straßen durchkreuzt, dafür von ausgedehnten Wanderwegen mit einer Gesamtlänge von 1.600 Kilometern. Und obwohl jährlich allein rund 10 Millionen Besucher den Cleveland Way erwandern, kann auch hier stundenlang gelaufen werden, ohne eine Menschenseele zu treffen.

In Saltburn-by-the-sea, dem nördlichsten Punkt des Cleveland Way, zeigt der abwechslungsreiche Wanderweg ein neues Gesicht. Von dem einstigen Schmuggler-Nest mit seinem markanten Pier im Stile bekannter englischer Seebäder führt der Pfad über weichen Boden vorbei an Port Mulgrave, Staithes und der pittoresken Runswick Bay, die seit 600 Jahren ein beliebter Tummelplatz der Fischer ist, nach Whitby. Rund um den engen Hafen, von dem einst Kohlefrachter und Walfänger ausliefen, schmiegen sich an beiden Seiten der Mündung des River Esk mit rotem Ziegel gedeckte Häuser in die Hügel.

Bekanntester Sohn Whitbys ist Südseeforscher James Cook, der 1728 in Marton, einem kleinen Dorf, das heute zu Middlesbrough gehört, das Licht der Welt erblickte. In Whitby absolvierte er bei der Reederfamilie Walker eine Lehre. Auch sein Schiff, die Endeavour, ist in Whitby vom Stapel gelaufen. Heute erinnern eine Statue und das Captain Cook Memorial Museum an den Abenteurer, der ab 1768 Entdeckungsreisen nach Neuseeland, Neuguinea und zur Ostküste Australiens unternahm und 1799 von Eingeborenen auf Hawaii erschlagen wurde.

Auf den über die berühmten 199 Steps erreichbaren Klippen am Südufer des Esk befinden sich die Ruinen der Whitby Abbey. Die imposante Ruine der Benediktiner-Abteikirche ragt fast geisterhaft auf einer Landzunge in die Nordsee. Sie ist alles, was von einem der ältesten und einst reichsten Klöstern Nordenglands übriggeblieben ist. Die heilige Hilda of Hartlepool, Tochter des Königs Oswiu von Northumbrien, gründete 657 dort die erste Kirche. Hier fand im Jahre 664 die Synode statt, in deren Verlauf die römische Kirche die keltisch-irische unterwarf und Ostern festlegte.

Angesichts der zunehmenden Überfälle durch die Wikinger wurde das Kloster im 9. Jahrhundert aufgegeben. Nach der normannischen Eroberung Englands im Jahre 1066 gründete ein Benediktinermönch namens Reinfried abermals eine religiöse Gemeinschaft an diesem Ort. Um 1220 begann dann der Wiederaufbau der Abteikirche. Die Arbeiten gingen nur langsam voran. Um 1280 war die Vierung errichtet, aber das Hauptschiff wurde erst im 15. Jahrhundert vollendet. Nach seinem Bruch mit Rom ließ Heinrich VIII. die Klöster schließen und die Abtei Whitby musste 1539 ihr Land und Gut an die Krone ausliefern. Sir Richard Cholmley erwarb das Klostergelände und war vermutlich für den Abbruch eines Großteils der Wohn- und Vorratsgebäude verantwortlich. Möglicherweise überstand die dachlose Ruine der Abteikirche diese Umbruchzeit nur, weil sie weiterhin als Seezeichen diente. 1736 stürzte das südliche Querschiff ein, dann, im Jahre 1762, das Hauptschiff und 1830 der mittlere Kirchturm.

In der benachbarten Pfarrkirche St. Mary, die durch eine kuriose Mischung aus Stilen des 17. bis 19. Jahrhunderts besticht, soll Graf Dracula in dem gleichnamigen Schauerroman von Bram Stoker erstmals englischen Boden betreten haben. Dracula soll den Tag im Grab einer Selbstmörderin verbracht haben und stellte nachts der mutigen Heldin Lucy nach. Zwischen der Kirche und Abtei erhebt sich majestätisch ein sechs Meter hohes Hochkreuz, das an den Mönch Caedmon erinnert. Dieser soll zu Zeiten Hildas den Neunzeiler „Song of Creation“, das älteste erhaltene Gedicht Großbritanniens, verfasst haben. Whitby Abbey gilt daher nicht nur als die Wiege des englischen Christentums, sondern auch als Wiege der Literatur. In den Felsen rund um Whitby wird übrigens „Jet“, besser bekannt als schwarzer Gagat, gefunden, ein Halbedelstein aus tiefschwarzer Pechkohle, der hier zu Schmuck verarbeitet wird.

Von Whitby führt der Cleveland Way über Klippen, Wiesen und Felder in die elf Kilometer entfernte Robin Hood’s Bay, wo sich zwischen steil abfallenden Felsen Steinhäuser an verwinkelte Gassen schmiegen. Am Kai des ehemaligen Piraten- und Schmugglernestes reihen sich Häuser aus der Gründerzeit rund um den kleinen Hafen und laden zum Träumen und Verweilen ein.

Rund 5,5 Kilometer sind es von Robin Hood´s Bay nach Ravenscar, wo 200 Meter über der tosenden Brandung im 5. Jahrhundert ein römisches Fort stand. Auf der ständig von kräftigen Winden umwehten Anhöhe erhebt sich heute das Raven Hall Country House Hotel. Das großzügige und weitläufige Herrenhaus war 1774 für Williams Child erbaut worden, der ab 1763 Besitzer der Alum Works, die rund um Ravenscar die für die Textilindustrie wertvollen aluminiumsauren Salze förderte, war. Nach Childs Tod im Jahre 1829 erbte seine Tochter Anne Willis das Haus und beherbergte dort namhafte Gäste wie King George III. und die Königin von Portugal. Ihr Sohn, der spielsüchtige Reverend Dr. Richard Willis, soll Raven Hall dann 1840 bei einem Kellerasselrennen an William Hammond verloren haben.

Und dieser William Hammond hatte eine Vision: Er wollte Ravenscar in einen Ferienort für die Schönen und Reichen mit schmucken Häusern und einer großzügigen Straßenführung umwandeln. Dazu sollte die Siedlung mit der Bahnlinie von Scarborough nach Whitby verbunden werden und einen unterirdischen Bahnhof erhalten, um die landschaftliche Schönheit nicht zu zerstören. Drei Monate vor der Fertigstellung der Bahnverbindung im Jahre 1885 verstarb William Hammond. Nach dem Tod seiner Frau im Jahre 1890 wurde das gesamte Areal an die Peak Estate Company veräußert, die Raven Hall 1895 in ein Hotel umfunktionierte.

Von Ravenscar führt der Küstenweg vorbei am Burniston Wyke, wo Dinosaurier-Spuren im Sandstein ihre Spuren hinterlassen haben, nach Scarborough, das im Kontrast zu den winzigen Dörfern, die sich entlang der steilen Küste in enge Buchten schmiegen, steht. Das traditionsreiche viktorianische See- und Thermalbad, das liebevoll „Queen of the Watering Places“ genannt wird, verfügt über zwei Sandstrände zwischen denen sich hoch oben auf einer Klippe die Ruinen des Castles aus dem 12. Jahrhundert erheben. Neben einigen Mauern ist lediglich noch ein vierstöckiger Wehrturm weitgehend erhalten. Schon zur Bronzezeit war die Klippe befestigt. Später errichteten die Wikinger auf dem strategisch günstigen Felsen eine Siedlung, die von einem gewissen Scardi, was soviel heißt wie „Hasenlippe“, befehligt wurde. Auf ihn soll der Name Scarboroughs zurückgehen. Am Fuß der Burg steht die normannische St. Mary´s Church aus dem 12. Jahrhundert, auf deren Friedhof die englische Schriftstellerin Anne Brontë (1920-1849) begraben liegt. Von Oliver´s Mount, einem Mahnmal für die Weltkriege am südlichen Strand, bietet sich ein faszinierender Blick auf Scarborough und auf Teile des Cleveland Ways, der im knapp 13 Kilometer entfernten Badeort Filey endet.

Allgemeine Informationen: Visit Britain, Urlaubsservice Großbritannien, Dorotheenstraße 54, 10117 Berlin, Telefon 01801-468642 (Ortstarif), Fax: 030-31571910, www.visitbritain.com/de

Informationen:  www.clevelandway.gov.uk und www.northyorkmoors-npa.gov.uk

Empfohlene Route:
1. Tag: Von Helmsley nach Sutton Bank (circa 16,5 Kilometer)
2. Tag: Von Sutton Bank nach Osmotherley (circa 18,4 Kilometer)
3. Tag: Von Osmotherley nach Clay Bank (circa 17.9 Kilometer)
4. Tag: Von Clay Bank nach Kildale (circa 14,8 Kilometer)
5. Tag: Von Kildale nach Saltburn-by-the-sea (circa 23,7 Kilometer)
6. Tag: Von Saltburn-by-the-sea nach Sandsend (circa 27,7 Kilometer)
7. Tag: Von Sandsend nach Robin Hood´s Bay (circa 16,1 Kilometer)
8. Tag: Von Rob Hood´s Bay nach Scarborough (circa 25,6 Kilometer)
9. Tag: Von Scarborough nach Filey (circa 13,4 Kilometer)

Literaturtipp: Ulrike Katrin Peters & Karsten-Thilo Raab: England: Cleveland Way, Conrad-Stein-Verlag,  ISBN 3-89392-550-3, Preis 9,90 Euro, bestellen

Cleveland Way


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Saltburn-by-the-Sea

Scarborough

Whitby

Rievaulx Abbey

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