Von 11. Juli 2015 Mehr →

Tschechiens Biermetropole Pilsen im Kulturfieber

In Pilsen fließt das Bier seit Jahrhunderten in Strömen - allerdings nicht wie hier angedeutet, aus einem Brunnen. (Foto Martin Andel)

In Pilsen fließt das Bier seit Jahrhunderten in Strömen – allerdings nicht wie hier angedeutet, aus einem Brunnen.

Wir sitzen zu viert im stylishen Café Andel im Herzen der Stadt. Und diskutieren: Wo soll es heute Abend hingehen? Pilsen, Europas Kulturhautpstadt 2015, bietet dieser Tage ein üppiges kulturelles Programm. Und die Wahl fällt schwer. Am 17. Januar erfolgte der Startschuss für insgesamt über 600 Highlights aus allen Genres – von Theater über Tanz bis hin zu Installationen und vielem mehr. Das ganze Jahr über feiert die Stadt unter dem Motto „Open Up“ – das einen regen künstlerischen Austausch mit anderen Ländern signalisieren soll.

Im Kulturhauptstadtjahr wartet Pilsen mit über 600 hochkarätigen Veranstaltungen auf.

Im Kulturhauptstadtjahr wartet Pilsen mit über 600 hochkarätigen Veranstaltungen auf.

Einige Haferl Kaffee und belegte Panini später ist sich unsere kleine Gruppe einig. Wir sehen uns heute Abend ein Stück im ältesten professionellen Puppentheater Tschechiens an. Das Theater „Spejbl und Hurvínek“ wurde 1930 eröffnet: Der Bühnenbildner und Kunststudent Josef Skupa erweckte damals die zwei gleichnamigen – mittlerweile weltbekannten – Marionettenfiguren zum Leben. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog das Theater zwar nach Prag um, aber das heutige Alfa Theater im selben Gebäude zeigt nach wie vor fantasievolle Stücke für Erwachsene und Kinder.

In ganz Tschechien hat das Puppenspiel eine lange Tradition. Und einen hohen künstlerischen Stellenwert. Flaggschiff des Kulturhauptstadt-Programms ist denn auch das Projekt „Jiří Trnka und die Welt der Animation“. Gezeigt wird u. a. in einer Ausstellung, wie das Puppenspiel und der tschechische Animationsfilm sich bis heute entwickelten.

Als wir aus dem Café treten, gehen wir rüber zum Platz der Republik. Denn neben den aktuellen Kulturveranstaltungen haben wir auch eine Prise Sightseeing eingeplant. Der Platz ist mit seinen rund 26.800 Quadratmetern einer der größten mittelalterlichen Plätze Europas.

Weithin sichtbares Wahrzeichen von Pilsen: die St. Bartholomäus Kathedrale.

Weithin sichtbares Wahrzeichen von Pilsen: die St. Bartholomäus Kathedrale.

Wir steuern zunächst auf den Turm der St. Bartholomäus Kathedrale zu. Das gotische Wahrzeichen der Stadt besitzt den höchsten Kirchturm Tschechiens, mit über 106 Metern Höhe. Und von der Aussichtsplattform auf 60 Metern Höhe haben wir einen fantastischen Blick über Pilsen.

Die Königsstadt wurde im Jahr 1295 gegründet und kam in der Zeit der Renaissance und des Barock zu Reichtum. Davon zeugen die kunstvollen Hausfassaden rund um den Platz der Republik. Auch das Rathaus, ab 1554 vom italienischen Baumeister Giovanni di Statia errichtet, trägt eine prachtvolle Renaissance-Fassade.

Überaus schmuck ist der Eingangsbereich zur Pilsener Urquell Brauerei.

Überaus schmuck ist der Eingangsbereich zur Pilsener Urquell Brauerei.

Davor steht die Pestsäule – als Dankeschön für den glimpflichen Ausgang der Seuche wurde sie 1681 erbaut. Und, fast hätten wir es verpasst: Hier befindet sich auch das Pilsener Marionettenmuseum mit einer riesigen Sammlung von Puppen in einem wunderschönen Haus.

Von Anfang an bewiesen die Pilsener übrigens einen guten Geschmack. Seit der Stadtgründung wurde vielerorts erfolgreich Bier gebraut. Allerdings: Über die Jahre hinweg verschlechterte sich die Qualität des Gerstensaftes. Es musste dringend eine Lösung gefunden -werden. Und die brachte ein bayerischer Braumeister nach Pilsen.

Ein Besuch der weltberühmten Brauerei ist auch im Kulturhauptstadtjahr ein absolutes Muss.

Ein Besuch der weltberühmten Brauerei ist auch im Kulturhauptstadtjahr ein absolutes Muss.

Mit seiner Rezeptur aus weichem Wasser, hellem Malz und Hopfen schuf Josef Groll aus Vilshofen ein Bier, das sich von den bisherigen Sorten wohltuend unterschied. Die Rezeptur des Pilsener Urquell war geboren. Im Jahre 1842 wurde das Bier erstmals ausgeschenkt.

eute ist die Pilsener Urquell Brauerei die größte in Tschechien – und weltberühmt. Auch das Brauerei-Museum im Herzen der Stadt lohnt einen Besuch. Weltweit einzigartig ist, dass Ausstellungsstücke wie antiker Schwelchboden oder Malzdarre in einem Gebäude ausgestellt sind, das im 15. Jahrhundert tatsächlich als Brauerei diente.

Zu den vielen prachtvollen Gebäuden in Pilsen zählt auch die Synagoge mit ihren auffälligen Türmen.

Zu den vielen prachtvollen Gebäuden in Pilsen zählt auch die Große Synagoge mit ihren auffälligen Türmen.

Bereichert mit Bier-Wissen aus dem Museum wenden wir uns wieder der Kunst zu. Die Idee, jährlich eine Kulturhauptstadt Europas zu küren, entstand vor genau 30 Jahren innerhalb der Europäischen Union. Und das Ziel, die EU-Länder durch Kunst miteinander zu verknüpfen, ist höchst erfolgreich. So fährt beispielsweise von Regensburg aus jeweils samstags und sonntags der „Zug zur Kultur“ nach Pilsen. Der Clou: In einem der Waggons treten auf einer Bühne Solokünstler und Bands auf. In den Abteilen werden u.a. Zauberei, Pantomine und Zeichenkunst gezeigt.

Spannend ist auch das Angebot des Circulárium, dem Zentrum des Neuen Zirkus in Pilsen mit Darstellern aus aller Welt. Neben Vorführungn können Interessierte beispielsweise Akrobatik-
Kurse buchen. Für Musikfreunde organisiert das Pilsener Konservatorium noch bis Mitte Mai eine Konzertreihe im Haus der Musik.

Die Altstadt von Pilsen besticht durch eine Reihe an prächtigen historischen Gebäuden.

Die Altstadt von Pilsen besticht durch eine Reihe an prächtigen historischen Gebäuden.

Etliche Ausstellungen begleiten das Kulturprogramm wie das Projekt „Gefälschte Zeit“ mit täuschend echt gemalten Fälschungen von Gemälden. Es soll auf den Aspekt der Fälschung in vielen Lebensbereichen aufmerksam machen.

Die Pestsäule ziert den Hauptmarkt von Pilsen.

Die Pestsäule ziert den Hauptmarkt von Pilsen. (Fotos: uschovna.plzen.eu)

Und in der Fresh Air Gallery sind alle Bürger aufgerufen, ihre Vorstellung von Kunst öffentlich zu präsentieren – in Form eines eigenen Gemäldes. Ein vielseitiges und spektakuläres Programm also, das allerdings eine Frage aufwirft. Was sollen wir uns bloß am nächsten Tag als erstes anschauen?

Infos: www.pilsen.eu, www.plzen2015.cz

Beste Reisezeit: Ganzjährig.

Klima: Gemäßigt. Der Juli ist mit durchschnittlich 18 °C 
der wärmste Monat.

Sprache: Tschechisch.

Geld: Tschechische Krone (CZK). 
1 Euro = ca. 28 CZK.

Essen & Trinken: 
Seit 1295 wird in Pilsen gebraut. Die süffigen Biersorten passen perfekt zur deftigen böhmischen Küche. Typisch sind Kulajda, eine Suppe mit Kartoffeln, Schmand und Dill; Gulasch im Brotlaib; Bratwürste mit Kraut und Knödeln. Zum Kaffee gibt es Apfelstrudel und Hefegebäck.

Restaurants: 
Original tschechische Küche und eine gute Bierauswahl gibt es im „Na Parkánu Senk“, Veleslavinova 59/4.

Sehenswert:
 Platz der Republik, St. Bartholomäus-Kathedrale, Rathaus, Große Synagoge, Pilsner Urquell Brauerei, Brauereimuseum.

Unbedingt machen: 
Den Turm der St. Bartholomäus-Kathedrale besteigen. Für Fans: ein Bierbad oder -Dampfbad in der Brauerei Purkmistraße nehmen.

Archiviert unter Topthema, Europa, Tschechien