Von 18. März 2016 Mehr →

Tourismus-Tsunami erfasst ganz Deutschland

Wenn der Tourismus sicher weiter so entwickelt, dürfte es im Sommer an Deutschlands Stränden eng werden.

Wenn der Tourismus sicher weiter so entwickelt, dürfte es im Sommer an Deutschlands Stränden eng werden.

Ganz ehrlich, es wird eng. Vermutlich richtig eng. In Deutschland droht kollektiver Platzmangel. Schuld ist der Tourismus. Die große Verunsicherung nach den Terroranschlägen in der Türkei und in einigen nordafrikanischen Ländern sowie die anhaltenden Flüchtlingsbewegungen im Mittelmeerraum führen dazu, dass dem einstigen Reiseweltmeister aus dem Land der Germanen die Reiselust ein Stück weit vergangen zu sein scheint. Heimatgefühle statt Fernweh dominieren entsprechend die Urlaubsplanung. Viele wollen offenbar in der vermeintlich schönsten Zeit des Jahres aus Sicherheitsgründen lieber in deutschen Landen umherreisen. Wobei noch offen ist, ob sie hier überhaupt ein Plätzchen finden, um gebührend zu entspannen.

Denn gleichzeitig müssen wir feststellen, dass Deutschland förmlich von ausländischen Touristen überrannt wird. Im vergangenen Jahr wurden nicht weniger als 79,7 Millionen Übernachtungen ausländischer Gäste registriert. Da reicht ein normaler Block nicht mehr aus, um dies ordentlich zu erfassen und die Strichliste übersichtlich zu führen. Eine Zahl, die allen am Tourismus Verdienenden leuchtende Augen bescheren dürfte. Eine Zahl, die fast identisch mit der Bevölkerungszahl von Deutschland ist. Mit anderen Worten, auf jeden Deutschen kommt ein ausländischer Übernachtungsgast.

Und ganz ehrlich, es bestehen berechtigte Zweifel, ob jeder Deutsche tatsächlich einen ausländischen Gast adäquat unterbringen kann. Viele haben vermutlich weder eine Gästezimmer noch eine Schlafcouch. Die Besucherritze im Elternbett kann man außer dem Stammhalter auch niemandem wirklich anbieten. Ebenso wenig eine Luftmatratze. Das geht mal für eine Nacht – aber im Normalfall nur in jungen Jahren. So einem reisenden Rentner, egal wie rüstig dieser auch sein mag, möchte man das bodennahe Nachtlager nicht wirklich zumuten.

Quietschschwarz-kleinWenn jetzt auch noch die Deutschen selber während der Ferien das eigene Land nicht mehr verlassen, könnte es, wie eingangs erwähnt, richtig, richtig eng werden. Niemand will seine Luftmatratze mit Wildfremden teilen. Die sich kanalisierenden Touristenströme drängen aber auch die Frage auf, ob an den Stränden der Nord- und Ostsee überhaupt genug Platz für die Menschenmassen ist? Oder musst da womöglich in diesem Sommer im Schichtbetrieb gebadet und gesonnt werden?

Gibt es in Neuschwanstein, Rothenburg ob der Tauber und am Kölner Dom überhaupt genügend kitschige Andenken, um dem wachsenden Bedarf gerecht zu werden? Oder müssen wir hier womöglich mit Handgreiflichkeiten im Kampf um die Souvenirs rechnen? Was wiederum bei den Unterlegenen und speziell bei den Kindern für bittere Tränen der Enttäuschung sorgen dürfte. Ein tränenreicher Urlaub wiederum für dazu, dass niemand an diesen Ort zurückkehren möchte. Was schlecht für die deutsche Tourismuswirtschaft wäre.

Also, ihr Deutschen, hört auf zu zögern und zu hadern und verteilt Euch im Sommer wie sonst auch rund ums Mittelmeer, damit wir weiterhin unsere ausländische Gästen gebührend empfangen können…

Buchtipp: Weitere augenzwinkernde Beiträge von Karsten-Thilo Raab finden sich auch in dem neuen Buch „Quietschschwarz“ (ISBN 978-3-939408-30-7), das für 9,99 Euro im Buchhandel oder versandkostenfrei direkt beim Westflügel Verlag erhältlich ist.

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