Von 16. April 2015 Mehr →

Spazierenstehen mit Ronaldo und Loriot

Während der Lamatour gehen die Tiere und Barbara Steinacher auch schon mal auf Schmusekurs. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Während der Lamatour gehen die Tiere und Barbara Steinacher auch schon mal auf Schmusekurs. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Mit dem Ball vermag Ronaldo überhaupt nicht umzugehen. Hohes Tempo liegt ihm ebenfalls nicht. Gleichwohl möchte er stets den Takt angeben. Ansonsten lässt es Ronaldo lieber gemütlich angehen. Und obwohl er mit einem Stockmaß von fast zwei Metern eine überaus imposante Erscheinung ist, legt er eher eine gewisse Zurückhaltung gegenüber alle Fremden und allem Fremdartigen an den Tag. Überhaupt hat Ronaldo nicht viel mit seinem prominenten Namensvetter, dem portugiesischen Weltfußballer aus Reihen von Real Madrid, gemeinsam. Okay, ein bisschen Imponiergehabe gegenüber den seinen vielleicht – und den kräftigen Körperbau. Er hat aber im Gegensatz zu seinem Namenspaten von der iberischen Halbinsel kein Gel im Haar, sondern wirkt eher ein wenig zottelig und ungekämmt. Statt eines Trikots oder Maßanzuges trägt er lieber Fell.

Was er aber mag, ist durch Pfützen zu latschen oder auch mal in einen See zu hüpfen. Dann schauen ihn seine beiden Kumpel Simon und Loriot aber eher mitleidig an. Normalerweise folgen die beiden Ronaldo auf Schritt und Tritt, doch am Ufer des Lauchsees inmitten der Kitzbüheler Alpen scheint die Freundschaft aufzuhören. Stattdessen zupfen Simon und Loriot mit ihren wulstigen Lippen an ein paar Kieferzweigen rum. Das ist irgendwie mehr nach ihrem Geschmack. Kein Wunder, handelt es sich bei dem Trio auf zwölf Beinen doch um eine kleine Lama-Herde, die seit mittlerweile vier Jahren auf einem kleinen Bauernhof in Fieberbrunn inmitten des Pillerseetals zuhause ist.

Auch wenn Ronaldo der Chef des Dreigestirns ist, hört eigentlich alles auf das Kommando von Barbara Steinacher. Die fröhliche Blondine ist ein Kind der Berge, wuchs in Sichtweite des markanten Kitzbühelhorns und des Wilden Kaisers auf einem Bauernhof auf. Dabei war der 35-jährigen die Liebe zu den Bergen und zur Natur quasi mit in die Wiege gelegt worden.

Während der Tour nimmt Lama Ronaldo gerne mal ein (Fuß-) Bad iom Lauchsee. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Während der Tour nimmt Lama Ronaldo gerne mal ein (Fuß-) Bad iom Lauchsee. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Ich muss nicht verreisen. Alles was ich brauche, finde ich hier“, schwärmt Barbara dann auch von ihrer Heimat. Ihren Lebensunterhalt bestreitet sie in einer ungewöhnlichen Kombination: sie arbeitet in einer Druckerei, züchtet aber auch Schafe und fungiert als Bergführerin. Vor einigen Jahren erwarb sie dann eher aus Spaß an der Freude mit Ronaldo ein erstes Lama. Schnell war sie der Überzeugung, dass der sanfte Riese noch ein paar Artgenossen bräuchte. Und so zogen bald auch Simon und Loriot auf den Steinacherschen Hof.

„Am Anfang wurde ich von Freunden und Nachbarn komisch beäugt, wenn ich mit den Tieren durch die Gegend gelaufen bin“, erinnert sich Barbara Steinacher wie die Menschen in ihrem Umfeld und die Tiere mehr und mehr die Scheu voreinander ablegten. Und irgendwann reifte die Idee, in ihrer Freizeit auch für Besucher Touren mit den Lamas durch das Pillerseetal anzubieten. Mit Erfolg. Mund-zu-Mund-Propaganda sorgte dafür, dass Barbara und ihre Lamas schon bald bekannt waren wie bunte Hunde. Mehr und mehr Urlauber wollen dann auch mit ihr für ein paar Stunden auf Tour mit den Lamas gehen – und dies ganzjährig und bei allen Wetterlagen.

Lama-Touren sind eine perfekte Art, um Stress abzubauen und zu entschleunigen. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Lama-Touren sind eine perfekte Art, um Stress abzubauen und zu entschleunigen. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Lamas sind ähnlich wie Delfine positiv-neugierig und gehen auf Fremde wie auf Bekannte zu. Gleichzeitig sind sie als Distanztiere immer bemüht, einen natürlichen Abstand zu wahren“, weiß Barbara, die sich längst zu einer Lama-Expertin gemausert hat. Ergänzend fügt die Tirolerin hinzu: „Das Schöne ist, die Tiere bedrängen die Teilnehmer nicht, sondern lassen ihnen die notwendige Zeit, sich mit ihnen anzufreunden und zeigen einem auch, was sie nicht mögen.“

Ronaldo zum Beispiel mag es nicht, wenn er am Kopf gestreichelt wird. Dann ist er für einen Moment so schnell wie sein Namensvetter beim Fußball. Mit einem Satz weicht er zurück, um dann wieder brav an einer langen Leine neben einem herzutrotten.

Aufmerksam beobachtet Loriot jede Bewegung. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Aufmerksam beobachtet Loriot jede Bewegung. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Vielleicht ist es, weil er der Chef der kleinen Herde ist, vielleicht ist es der verführerische Duft, vielleicht aber auch der Hunger. Denn mitunter ist Ronaldo während der rund 90-minütigen Wanderung rund um den Lauchsee, einem malerischen Moorsee auf fast 1.000 Metern über dem Meeresspiegel, störrisch wie ein Esel. Er bleibt immer wieder mal wieder unvermittelt stehen, schaut verträumt in der Gegend umher oder knabbert an Bäumen und Sträucher. Mit mehr oder weniger dezentem Zug an der Leine lässt er sich für ein kurzes Stück zum Weitergehen motivieren – bis zur nächsten Kunstpause.

Eilig haben es die Pausenkönige Ronaldo & Co eigentlich nie wirklich. Warum auch? Terminhatz ist ihnen fremd. Und so verstehen es die Lamas mit ihrem gemütlichen Gehtempo die gestressten Städter an ihrer Seite dezent zu entschleunigen. Keine Frage, die Miniherde erweist sich als eine kleine Gruppe tierischen Anti-Stress-Therapeuten.

„Ihre ruhige Art steckt im positiven Sinne an, und hilft, eine seelische Gleichgewicht herzustellen“, verweist Barbara auf die Tatsache, dass der Umgang mit den Lamas bei Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen zudem dazu beiträgt, die Motorik, Muskelkraft und Beweglichkeit, die Körperkoordination und das Körperbewusstsein zu fördern.

Und während es im Gänsemarsch um den 2,3 Hektar großen Lauchsee herum geht, besteht auch die Gelegenheit mit Vorurteilen gegenüber den Lasttieren, die eigentlich in den Anden zuhause sind, aufzuräumen.

Selbst kleinen Tierfreunden fällt der Umgang mit den Lamas nach einer kurzen Eingewöhnungsphase nicht sonderlich schwer. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Selbst kleinen Tierfreunden fällt der Umgang mit den Lamas nach einer kurzen Eingewöhnungsphase nicht sonderlich schwer. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Die Lamas spucken nur untereinander, um die Rangordnung herzustellen und zu behaupten“, weiß Barbara, dass niemand Angst haben muss, von den Tieren bespuckt zu werden. Immer im Frühjahr greift die Schafzüchterin dann zur Schere, um Ronaldo & Co das Winterfell abzuschneiden. Aus der Wolle wiederum fertigt sie für sich und ihren Lebensgefährten kleine Decke, mit denen sie es sich im Winter gemütlich macht.

„Gibt es auch bei Ihnen irgendwann mal kleine Lamas?“, will der siebjährige Titus wissen, der stolz wie Oskar den braun-weißen Loriot an der Leine führt. Doch Barbara lacht und winkt ab: „Ist eher unwahrscheinlich. Alle drei sind Jungs.“

Dafür dürfte Barbara mit ihren Jungs noch viel Freude haben. Denn, sofern sie nicht krank werden, haben Lamas eine Lebenserwartung von bis zu 20 Jahren. Genug Zeit also, um noch mit zahlreichen Tierliebhabern die wunderbare Bergwelt des Pillerseetals zu erkunden.

Informationen: Tourismusverband Pillerseetal-Kitzbüheler Alpen, A-6391 Fieberbrunn, Tirol, Telefon 0043-535456304, www.pillerseetal.at.

Lage: Das Pillerseetal in Tirol in Österreich wird eingerahmt von den Kitzbüheler Alpen sowie den Loferer und Leoganger Steinbergen. Es liegt zwischen Kitzbühel und Saalbach an der Grenze zu Salzburg.

Anreise: Die Anreise in das Pillerseetal mit dem eigenen Auto ist einfach: Ab dem Autobahnkreuz München-Süd geht es weiter über die Autobahn A8 in Richtung Salzburg und vom Autobahndreieck Inntal weiter über die A93 und über die A12 in Richtung Innsbruck und Kufstein. Die Autobahn wird an der Anschlussstelle Wörgl-Ost verlassen. Über die Lofererstraße (B178) geht es nach St. Johann in Tirol. Von hier weiter auf der B164 nach Fieberbrunn.

Charmante, mit viel Herzblut geführte Unterkunft in Fieberbrunn: das überaus empfehelneswerte Hotel Großlehen. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Charmante, mit viel Herzblut geführte Unterkunft in Fieberbrunn: das überaus empfehelneswerte Hotel Großlehen. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Lama-Touren: Abenteuer Lama, Barbara Steinacher, Lauchseeweg 24, A-6391 Fieberbrunn, Telefon 0043-676-6408306, www.abenteuer-lama.at. Die Lama-Touren werden nach vorheriger Absprache durchgeführt und beginnen bei 19 Euro. Alles, was man benötigt, sind festes Schuhwerk und wetterfeste Kleidung.

Essen & Trinken: Granbachhof, Granbach 2, A-6391 Fieberbrunn, Telefon 0043-676-3713761. Deftige Tiroler Küche.

Tennalm, Schönau Pertrach 14, A-6391 Fieberbrunn, Telefon 0043-5354-56013. Jausenstation mit kleiner, aber feiner Karte.

Übernachten: Hotel Großlehen, Lehen 21, A-6391 Fieberbrunn, Telefon 0043-5354-56455, www.grosslehen.at. Mit viel Liebe geführtes Familienhotel mit exzellenter Küche und großzügigen Zimmern. Übernachtung mit Halbpension ab 54 Euro pro Person und Nacht.

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