Von 18. August 2013 Mehr →

Goodbye Papier, goodbye! Ein Nachruf auf das Hotel-Briefpapier

Das Hotelbriefpapier gehört nicht nur aus Spargründen zu den vom Aussterben bedrohten Arten. Im digitalen Zeitalter greift kaum noch jemand zu Stift und Papier. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Das Hotelbriefpapier gehört nicht nur aus Spargründen zu den vom Aussterben bedrohten Arten. Im digitalen Zeitalter greift kaum noch jemand zu Stift und Papier. (Foto: Karsten-Thilo Raab)

Statt eines Kranzes hier ein letzter stiller Gruß. Goodbye, liebes Briefpapier, goodbye. Mach es gut! Was immer auch aus Dir werden mag. Über viele, viele Jahre warst Du ein treuer Begleiter. Still, unauffällig und zurückhaltend. Aber immer wenn man Dich brauchte, warst Du zur Stelle. Du hast Dich nie beschwert, wenn Du mit Missachtung bestraft wurdest. Du hast nie gejammert, wenn Du zweckentfremdet wurdest. Und Du hast Dich stets, wie von Geisterhand beflügelt, mit dem morgendlichen Glätten des Oberbettes erneuert. Dir hat es nie etwas ausgemacht, einfach so herumzuliegen. Für Dich war es vollkommen in Ordnung, dass Dich manch einer nicht mit einem einzigen Blick würdigte. 

Früher warst Du einfach begehrter. Dabei hast Du auch damals nicht viel anders ausgesehen als heute. Aber damals hatten die Menschen noch kein Handy, kein Notebook und kein Tablet-PC. Damals gab es noch keine SMS, keine Email oder WhatsApp-Mitteilungen. Ja, damals, als die Menschen aus dem Urlaub noch mit Stift und Papier Grüße sendeten. Da wurden Postkarten mit dem Bild des Hotels verschickt, auf dem dann das Fenster des eigenen Zimmers mit einem kleinen Pfeil markiert war. Wer mehr zu sagen hatte oder einfach seinen Emotionen zu Papier bringen wollte, war dankbar, dass es Dich gab.

Du hast Dich völlig unentgeltlich prostituiert. Du hast Dich komplett hergegeben, ohne jene nach einer Gegenleistung zu fragen. Du warst stets die Unaufdringlichkeit in Person. Du warst meist dezent. Weiß. Oft ein bisschen blass. Für Farbtupfer sorgte allenfalls das aufgedruckte Hotellogo. In Deiner totalen Entspanntheit hast Du zumeist gemeinsam mit einigen Briefumschlägen in eine Ledermappe oder einem Ledermappenimitat auf dem Nachttisch oder dem kleinen Schreibtisch des Hotelzimmers bereitgehalten. Du hattest als Briefbogen einfach den Bogen raus, ohne selbigen jemals zu überspannen.

Du hast Dich nie beschwert, wenn Du nicht zu postalischen Zwecken versandt, sondern als Schmier- und Malpapier für die Kleinen verwendet wurdest. Dir hat es nie etwas ausgemacht, wenn Du zu einem Papierflieger gefaltet wurdest, um dann im Sturzflug vom Balkon des Hotelzimmers Deine Flugeigenschaften unter Beweis zu stellen.

Vermutlich wurde auf Dir so mancher Vertrag entworfen, so manche Vereinbarung getroffen und die eine oder andere Rechnung aufgemacht und viele, viele Adressen von flüchtigen Bekannten ausgetauscht. Nicht selten bist Du aber auch ungenutzt als eine Art Erinnerungsstück in irgendwelchen Taschen oder Koffern gelandet.
Und jetzt machst Du Dich zunehmend dünne. Was nichts damit zu tun hat, dass die Papierdicke reduziert wird. Wie die Minibar und der Festnetzanschluss gehörst Du zunehmend zu den vom Aussterben bedrohten Serviceleistungen des Hotelgewerbes. Angebot und Nachfrage sind hier die bestimmenden Größen.

Nach den vielerorts bereits weitgehend papierlosen Büros drohen Reisenden nun die papierlosen Hotelzimmer. Und erst wenn der letzte Briefbogen aus dem Hotelzimmer verschwunden ist, erst wenn in keinem Hotelzimmer mehr ein Briefumschlag zu finden ist, werden Urlauber und Reisende endlich begreifen, dass digitale Medien ein weiteres Stück Hotelromantik vernichtet haben. Also, mach es gut, liebes Briefpapier, es war schön mit Dir!

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