Von 29. September 2012 Mehr →

Fremd-Betten-Allergie

Der Gast gilt allgemein als König, auch wenn er von Hause aus wenig blaues Blut mitbringt. Eine Botschaft, die viele  Hotels und Pensionen bis dato scheinbar noch nicht verinnerlicht haben. So ein König möchte nämlich nicht nur hofiert werden, sondern auch ein königliches Ambiente und eine königliche Ausstattung genießen. All dies scheint bei nicht wenigen Übernachtungsbetrieben bis dato völlig unbekannt zu sein. Für sie ist der Schlafgast so etwas wie eine zweibeinige Geldquelle mit Koffer in der Hand. Oder wie ließe sich sonst erklären, dass manche der vorgehaltenen Zimmer nicht nur größenmäßig an eine Hamsterschublade gemahnen und den Luxus und Komfort einer Wellblechhütte aufweisen?

Getreu dem Motto, der Gast ist sowieso allenfalls nur ein paar Tage hier, wird an der Ausstattung gespart, wo eben möglich. Das fängt damit an, dass vielerorts Betten deutlich schmaler und kürzer sind als normal. Vermutlich aus Angst, der Gast könne darin entspannt ruhen und dann womöglich länger bleiben wollen. Zudem sind die Matratzen oftmals derart durchgelegen, dass man meine könne, hier hätte sich zuvor ein Flusspferd eine paar Nächte verlustiert. Der positive Effekt ist, dass sich Paare in den kleinen französischen Betten irgendwie zu einander hingezogen fühlen. Denn, wenn sich nicht angestrengt auf der Bettkante liegen mögen, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als zum Partner rüberzurollen. Treffpunkt: Bettmitte.

Ganz Verzweifelte greifen in solchen Fällen gerne mal zur Selbsthilfe und legen entweder die Matratze auf den Boden, sofern genug Platz in der Dackelgarage namens Zimmer ist, oder demontieren den Kleiderschrank, um einen Einlegeboden als Verstärkung unter die Matratze zu schieben. Keine Wunder, dass mehr und mehr Reisende an einer Art Fremd-Betten-Allergie leiden und sich schon in der ersten Nacht nach ihrem eigenen Schlafzimmer und Bett sehnen.

Das Pendant zu diesen Unterkünften sind jene modernen Häuser mit Hightech-Ausstattung, in denen es eine kleine Ewigkeit dauert, um sich mit der Zimmertechnik vertraut zu machen, und in denen sich die surrende Klimaanlage nicht ausschalten lässt. Dafür gibt es dann aber gerne mal einen kleinen Fernseher im Bad sowie eine Minibar mit Champagner-Preisen für ein stilles Wasser. Was nur gerecht ist. Denn. wer wie die Fürsten dieser Welt logieren möchte, muss auch dafür zahlen. Das Volk will schließlich auch leben. Vor allem das Volk der Hotelbesitzer.

Buchtipp: Karsten-Thilo Raab: San Diego Waldfried,  (ISBN: 978-84-9015-620-9). Erhältlich ist der Kolumnenband im Buchhandel, direkt beimVerlag oder online zum Preis von 20,90 Euro.

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