Von 29. Oktober 2012 Mehr →

Entspannte Winterfreuden im Tiroler Oberland

„Am Ende bist Du immer ganz oben,“ philososphiert Andreas Thöni, als wir erschöpft, aber irgendwie auch zufrieden das Gipfelkreuz des Frudiger erreicht haben. Ein scharfer, eisiger Wind pfeift hier oben in 2100 Metern Höhe um den Hausberg von Pfunds, der größten Ortschaft im Tiroler Oberland. Die Kälte und der damit verbundene Dunst behindern die Aussicht auf das Städtchen am Ufer des Inn, das scheinbar unter einer dicken Schneeschicht in einem ruhigen Winterschlaf dämmert. Lange halten wir es jedoch dort oben am hölzernen Mahnmal nicht aus. Etwas unterhalb, geschützt durch einige Lärchenbäume machen wir Brotzeit. Aus seinem Rucksack zaubert Andy, der diplomierte Weinsommelier, eine riesige Thermosflasche mit dampfendem Tee. „Das ist normaler Früchtetee, kein Rum oder Schnaps drin, wie das sonst hier gern mal gemacht wird“, prostet er mir zu. „Und Glückwunsch zum erfolgreichen Gipfelsturm!“ Außerordentlich wohltuend und wärmend rinnt das Getränk durch die von der Kälte ausgetrocknete Kehle. Es erreicht jede Pore meines Körpers, durch den sofort neue Kräfte strömen. So müssen sich Insekten fühlen, wenn sie Blütennektar laben, um sich anschließend zu neuen Höhenflügen aufzuschwingen.

Knapp zwei Stunden dauerte unser Aufstieg über den tiefverschneiten Wanderweg von der Tschey zum Gipfel. Aber wir sind nicht einfach nur gelaufen, nein, ausgerüstet mit stabilen Schneeschuhen aus Kunststoff und Skistöcken zur ausgleichenden Stabilisierung haben wir uns unser Ziel erstapft, oder eben erwandert. Von der Handhabung etwas gewöhnungsbedürftig bieten diese Wintersportgeräte bergauf einen sicheren Stand. Widerhaken verhindern unbeabsichtigtes Rutschen talwärts, gleichwohl werde ich das Gefühl nicht los, dass die Gangart bergan ob des ungewöhnlichen Schuhwerks von Weitem ein wenig nach Watscheln aussehen könnte. Aber das ist jetzt egal, denn hier steht eindeutig das Naturerlebnis im Vordergrund. Und das ist wirklich überwältigend. Ungeachtet der selbst für hiesige Verhältnisse ungewöhnlich niedrigen Temperaturen bezaubert diese alpine Landschaft durch ihre schlichte Erhabenheit und ihre geradezu unglaubliche Ruhe, die sich über der jungfräulichen, blendend weißen und märchenhaft glitzernden Schneefläche ausbreitet. Zu hören ist nur das eigene Schnaufen und das in den Adern lebhaft pulsierende Blut. Ansonsten herrscht Stille. Selbst die Tierwelt, die es hier nachweislich gibt, so verraten entsprechende Spuren im Schnee, verharrt in fast demütiger Andacht.

Wie gemalt oder von einer unbekannten Macht zufällig dahin gestreut, stehen die hölzernen Heustadel, in denen herzhaftestes Viehfutter lagert, auf den offenen Flächen zwischen nahezu unsichtbaren Zäunen und den Nadelbäumen, die trotz ihres teils schon beträchtlichen Alters zwar über einen ordentlichen Umfang, aber über kein ausgeprägtes Höhenwachstum verfügen. Manch einer davon, vom Blitz getroffen, skurril verformt und Krone und Geäst beraubt, wirkt wie eine mystische Sagengestalt. Immer wieder schweift der Blick vom Weg hinaus in die Weite, in die traumhafte Berglandschaft. „Mit unseren Hausgästen machen wir auch gern diese Schneeschuhwanderungen. Warme Kleidung haben sie natürlich selbst dabei, die Schneeschuhe können bei uns für einen Tag geliehen werden. Aber eine ortskundige Führung ist unbedingt wichtig“, erklärt Andy, dessen Familienbetrieb, das ausgewiesene Wander-Hotel Berghof, sich im Pfundser Ortsteil Greit befindet. „Aber das Wandern im Schnee ist natürlich ganz anders als das Wandern im Sommer.“

Wir machen uns an den Abstieg, der nicht auf dem gleichen Weg erfolgt wie der Aufstieg zuvor, sondern sich eher als Variante querfeldein erweist. Abkürzung nennt Andy das und erklärt mir, dass mit den Schneeschuhen die vom klassischen Langlauf her bekannte Technik des Ausfallschrittes nun sehr nützlich sei. Für die notwendige Balance sorgen die Skistöcke. Allerdings fällt die Umsetzung dieses theoretischen Wissens in die Praxis einem Flachlandtiroler meiner Prägung doch etwas schwer. Glücklich beim Aufstieg nie die weiße Pracht aus der Nähe betrachtet haben zu müssen, liege ich nun ein ums andere Mal auf dem Allerwertesten und rutsche für mein Gefühl viel zu oft rücklings durch den Tiefschnee. Ich denke an Andys Worte vom Gipfel und schüttele den Schnee aus der Mütze, den ich nach einem weiteren fatalen Wackler einmal mehr zu spüren bekomme. Als wir letztlich unseren Startpunkt wieder erreichen, bin ich um einiges an Erfahrung reicher: Abstieg ist mindestens genauso anstrengend und kräftezehrend wie Aufstieg, bei großer Kälte schwitzt man nicht mehr, Füße werden sofort kalt, wenn man sich nicht mehr bewegt, die Landschaft ist einfach toll, Wandern und Wandern ist lange nicht das selbe und Schnee hält sich ausgesprochen lange in Jackentaschen.

Doch damit nicht genug: am nächsten Tag steht eine Skiwanderung auf dem Programm. Das klingt spannend, weil es wieder etwas mit Langlauf zu tun hat. Und mit Ruhe und Entspannung fernab vom trubeligen Skirummel zwischen Sesselliften und Bergbahnen, dem man aber durchaus auch in der nahen Umgebung von Pfunds frönen kann und der mittels regelmäßiger Skibusse angesteuert wird. Die populärsten Destinationen hier sind Nauders, Samnaun mit der Skiarena Ischgl, Serfaus oder das lokale Skigebiet Felders. Zunächst geht es mit dem gelernten Koch, passionierten Bergretter und Outdoorfreak par excellance Siegfried „Siggo“ Höllriegel in den Skishop. Anprobe von Skischuhen, ein merkwürdiges Gefühl in diesen störrischen Dingern, und Aussuchen und Präparieren der passenden Brettln. Bei den langen grünen Ski handelt es sich um ganz normale Alpinski, die für eine Skiwanderung besonders hergerichtet werden müssen. Ein aufgeklebtes Mohairfell, das über die ganze Länge der Skier gespannt wird, ermöglicht den Bergauflauf in der schon bekannten Langlauftechnik, weil es wie die Widerhaken der Schneeschuhe wirkt.

Und tatsächlich geht der Bergauflauf geradezu spielend leicht. Kurz erklärt mir Siggo was es zu beachten gilt: „Einfach geradeaus im klassischen Stil und Du siehst es geht wie geschmiert!“ sprachs und zieht los, wieder querfeldein über die mit fast zwei Metern verschneite Tschey. „Der Name kommt aus dem Räto-Romanischen und bedeutet nichts anderes als Wiese. Du musst wiederkommen, wenn es blüht. So im Frühsommer. Dann gibt es hier ein unbeschreiblich üppiges Blütenmeer und saftigstes Gras. Bestimmt eine der schönsten Alpenwiesen überhaupt“, erklärt er voll tiefster Überzeugung. Mein Blick schweift über das endlose Weiß, unterbrochen von den typischen braunen Heuschobern, die unter einer beachtlichen Schneelast ächzen, und einer kleinen weißen Kapelle, deren Farbigkeit jedoch nur zweiter Sieger in einem ungleichen Kampf um strahlende Schönheit bleibt. Das winzige Gotteshaus entstand aus einer privaten Initiative und hat mittlerweile trotz anfänglicher Skepsis der Pfundser viele Freunde gefunden. Wieder umgibt mich eine fast atemlose Stille, das ist Natur pur, ohne Wenn und aber. Ein Schneehase, zu flink für ein Foto, hoppelt behände durch die Beschaulichkeit, verschwindet im langen Schatten eines Heustadels.

Auf einer Anhöhe, bisher ging es nur bergauf, stoppt Siggo plötzlich. „So, ab hier geht es wieder runter“, erklärt er mir und zieht seinen und meinen Skiern das Fell ab. Nun rutscht es geradezu gewaltig und ich habe Mühe in der Senkrechten zu bleiben. Ich ahnte schon, diese Sache mit der Skiwanderung hat einen Haken. Die Abfahrt sei einigermaßen befestigt und sehr sanft, redet er mir zu. Meine Begeisterung hält sich aber in Grenzen. Schließlich ist bei mir keinerlei alpine Erfahrung vorhanden. Nach der dritten Erkenntnis, dass noch kein Meister vom Himmel gefallen ist, ein unverhoffter Skischüler beim ersten Mal aber sehr wohl in den, wenn auch weichen Schnee, beende ich das wintersportliche Abenteuer und setze meinen Weg ins Tal ohne diese langen, die Bewegungsfreiheit störenden Teile fort, wo mich Siggo, der zuvor noch einmal locker durch den Tiefschnee gewedelt ist, schon grinsend erwartet. Sanfter Tourismus geht eben manchmal auch mit sanften Stürzen ab.

Etwas größeres Geschick kann ich schließlich beim 3D-Jagdbogen-Biathlon unter Beweis stellen, als es mir trotz kalter Hände und Finger gelingt, den etwa lebensgroßen Kunststoffbären ordentlich anzuvisieren, ihn tatsächlich auch zu treffen und nicht nur die rustikalen Balken des Heuschobers dahinter. „28 Tiere hat unser Sommer-Parcours“, berichtet Johannes Sarsteiner, der geistige Vater dieser höchst beliebten und gern genutzten Einrichtung. „Die Leute bekommen eine kurze, aber sehr genaue Einführung in die Technik des Bogenschießens und machen sich dann auf den Weg. Es gibt sogar internationale Wettbewerbe in dieser Disziplin.“ Große und kleine Tiere aus der heimischen Fauna stehen und sitzen entlang der Strecke und sollten aus einer Entfernung von etwa sechs bis gut 40 Meter im günstigsten Fall mittels Pfeil getroffen werden. Genau drei Pfeile stehen dafür zur Verfügung, die natürlich auch wieder einzusammeln sind. „Alle Tiere bestehen aus einem stabilen Weichplastikmaterial, das sich verschließt, wenn der Pfeil herausgezogen wird.“ Gute vier Stunden dauert die Bewältigung des gesamten Parcours, jetzt im Winter begnügt man sich zunächst mit nur drei Zielübungen. Das Angebot dieser ursprünglichen Form des medial so populären Biathlonsportes muss sich eben erst noch etwas herumsprechen.

„This is Africa!“ schallt es lautstark aus mächtigen Lautsprecherboxen über den See von Ried. Das Außenthermometer zeigt -15° Celsius an. Sicher würde die zierliche kolumbianische Interpretin dieses Titels auf dem fast 30 cm dicken Eis eine ausgezeichnete Figur abgeben, aber ob sie auch Eiskunstlauf beherrscht und Pirouetten drehen kann, das muss erst noch in Erfahrung gebracht werden. Und so ziehen denn die Rieder Kinder, Familien, wenige Touristen und ein paar Jugendliche gemütlich ihre Bahnen über die riesige, vom Schnee geräumte Eisfläche. Die Kleinen erproben sich im Eishockey, die ganz Kleinen üben erste Schritte auf glatten Kufen. Selbst vierbeinige Zeitgenossen fühlen sich auf dem eisigen Untergrund pudelwohl. Am populären sommerlichen Badesee mit der langen geschwungenen Wasserrutsche sorgt nun ein Glühweinstand für die innere Erwärmung. Statt eines Heizstrahlers verströmt ein bollernder rustikaler Brennofen angenehme Wärme rund um den Tresen. Allerdings ist eine zügige Verkostung empfehlenswert, denn die Kälte verfehlt auch hier ihre Wirkung nicht.

Mitten im Zentrum von Pfunds steht eine riesige 17 Meter hohe Tropfkerze, an deren Körper weißes und hellblau schimmerndes Wachs herunterläuft. Viele Seile ringsum halten das Objekt in der Vertikalen. Tatsächlich handelt es sich jedoch um einen an dieser Stelle platzierten Baumstamm mit etwas verkürzten Ästen, der zu einer Eissäule erstarrt ist und mittlerweile ein Mehrfaches seines normalen Umfangs erreicht hat. Teilweise wirken die großen, herunterlaufenden Eiszapfen wie in die Außenwelt gekehrte Details einer Tropfsteinhöhle. „Die Bergrettung“, erzählt mir Siggo, „macht diese Aktion seit einigen Jahren. Früher hatten wir ein Stahlgerüst, einen alten Kran. Der war noch höher, sah aber nicht so gut aus, wenn es nicht vereist war. Und er rostete bald vor sich hin.“ Als Übung für die freiwilligen Helfer der Rettungswacht gedacht, fungiert der Baum gleichzeitig als vertikales Testgelände für das Klettern an zugefrorenen Wasserfällen. Viele Gäste des Ortes nutzen die Möglichkeit einmal gut gesichert und unter Anleitung den Eisturm zu erklimmen. Kalte Hände und fachkundige Hilfestellung inklusive. Aber nicht jeder bewältigt die Herausforderung und ist am Ende wirklich ganz oben.

Information: Tourismusverband Tiroler Oberland, Kirchplatz 48, A-6531 Ried im Oberinntal, Tel. +43/5472/6421, info@tiroleroberland.at, www.tiroleroberland.at

Anreise: Die schnellste Anreise erfolgt über den Flughafen Innsbruck. Air Berlin bietet von vielen deutschen Städten Verbindungen an. Weiter geht es mit dem Mietwagen, Taxi oder Bus ins Oberinntal, Fahrtzeit etwa 80 Minuten. Alternativ ist der Flug nach München möglich, hier dauert der Transfer dann aber etwa 2,5 bis 3 Stunden, oder auch nach Friedrichshafen. Transfer hier knapp zwei Stunden. Mit dem eigenen PKW erreicht man Pfunds über die Fernpassroute. Für Österreichs Autobahnen ist ein Pickerl erforderlich.

Unterkunft: Als eines von ursprünglich fünf Gasthäusern, die vor gut 100 Jahren die ersten Unterkunftsmöglichkeiten in der touristisch damals noch wenig erschlossenen Region darstellen liegt das 4-Sterne Hotel Kreuz unmittelbar an Ortseingang.  Daneben gibt es im Ort zahlreiche weitere Unterkünfte in allen Kategorien. Auf dem Weg zur Tschey liegt im Pfundser Ortsteil Greit das Wanderhotel Berghof.

Aktivitäten: Wintersport aller Facetten ist in Pfunds möglich oder in erreichbarer Nähe, Wochenprogramme und spezielle Angebote liegen in den jeweiligen Unterkünften aus und können, falls nötig, von hier gebucht und organisiert werden. Beispielsweise Eislaufen, Eishockey und Eisstockschießen auf dem Rieder Badesee; Schneeschuh- oder Langlaufwanderungen verschiedener Schwierigkeitsgrade, dies auch kombiniert mit dem 3D-Jagdbogenschießen, Nachtskilauf, Rodeln, Pferdeschlitten, Kutschfahrten oder auch Tandemfliegen mit Paraglidern.

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