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Von 13. Juni 2019 Mehr →

Die Schätze der schwäbischen Bäderstraße

Bäderstraße

Zu den besonderen Kleinoden an der schwäbischen Bäderstraße gehört fraglos das Kloster Schussenried.

Wie Ikarus wollte er fliegen. Gigantische Flügel aus Gänsefedern sollten ihn emporschwingen wie den Sohn des Daidalos in der griechischen Mythologie. Anders als dieser flog der Mönch Caspar Mohr (1575-1625) jedoch nicht Richtung Sonne, sondern vom Schlafsaal aus dem dritten Stock hinunter in den Garten und brach sich beim Aufprall den Fuß. Sehr zum Zorn des Abtes, der ihm den Flugversuch ausdrücklich verboten hatte. Nichtsdestotrotz wurde der wagemutige Prämonstratenser Mönch aus dem Kloster Schussenried 130 Jahre nach seinem Tod auf einem Deckenfresko samt seinen auf den Rücken geschnallten Flügeln verewigt. Direkt unter ihm steht neben einem Globus der Universalgelehrte und Benediktinermönch Hermann von Reichenau, der im 11. Jahrhundert den Minutentakt, die Einteilung der Stunden in 60 Minuten, erfand. Das gigantische ovale Deckengemälde im lichtdurchfluteten Bibliothekssaal des Klosters Schussenried zeigt ringsum Vertreter der Wissenschaften vergangener Jahrhunderte und mittig Jesus als Kind mit Maria, am Kreuz und als Lamm.

Die Deckenmalereien im Kloster Schussenried sind überaus beeindruckend. – Foto Cornelia Lohs

Auf Wunsch des Klosters brachte Barockmaler Franz Georg Hermann mit seinem Deckenfresko zum Ausdruck, dass Gott und der Glaube über den Wissenschaften stehen. Der Bibliothekssaal auf zwei Ebenen ist eine Pracht ohnegleichen. Säulen, Statuen aus weißem Alabastergipss, Gemälde, aufwendig geschnitzte Bücherschränke mit aufgemalten Buchrücken, Wandschmuck aus Stuck, goldene Verzierungen und 28 Fenster lassen den Raum erstrahlen. Die Schussenrieder Mönche hatten es gut. Lasen, studierten und forschten in wahrhaft himmlischen Gefilden. Allerdings nicht lange. Der barocke Neubau des 1183 gegründeten Prämonstratenser-Klosters wurde 1763 eingeweiht, das Kloster 40 Jahre später aufgelöst. Durch den Reichsdeputationshauptschluss fiel es 1803 zuerst an den Grafen von Sternberg-Manderscheid, drei Jahre später an das Königreich Württemberg. Um die 20.000 wertvollen Bücher und Handschriften der Bibliothek zankten sich der Graf und der württembergische König, letztendlich wurden sie verkauft.

Baufreudige und wissenshungrige Mönche

Nicht von ungefähr gilt die Klosteranlage in Schussenried als barockes Meisterwerk. – Foto Cornelia Lohs

Im Kloster Schussenried lebten und wirkten nicht nur flug- und wissbegierige, sondern auch baufreudige Mönche. Wie Abt Didacus Ströbele. Der ließ 1728 in Steinhausen, heute ein Ortsteil von Bad Schussenried, eine Wallfahrtskirche errichten. Dort, wo die Kirche steht, stand einst eine kleine Marienkapelle, in der sich seit 1415 ein Gnadenbild (Maria unter dem Kreuz) befand. Das zog Pilger an. Als deren Strom überhand nahm, beschloss Ströbele einen um ein Vielfaches größeren Neubau. Der Reichsprälat gewährte ihm dafür 9.000 Gulden. Für die Idee einer Kirche, die dem Abt vorschwebte, reichte der Betrag hinten und vorne nicht. Nach fünfjähriger Bauzeit hatten sich die Kosten verfünffacht und Ströbele wurde zur Strafe ins Schwarzwälder Kloster Allerheiligen verbannt.

Die Marienkirch in Steinhausen gilt als vermeintlich schönste Dorfkirche der Welt. – Foto Cornelia Lohs

Die Wallfahrtskirche, die mit Recht den Beinamen „schönste Dorfkirche der Welt“ trägt, ist ein Werk des seinerzeit bedeutenden Baumeisters Dominikus Zimmermann und glänzt mit einem reich verzierten, monumentalen Hochaltar mit dem Gnadenbild, prachtvollen Pfeilern und Rundbögen, Putten, 365 Engeln, Ranken, Blumen und zahlreichen Tierskulpturen an den Fenstern. Ein wahres Meisterwerk ist die Deckenbemalung von Johann Baptist Zimmermann, dem älteren Bruder des Architekten.

Bundespost als Schlossherrin

Prachtvoll ist die Wallfahrtskirche in Steinhausen von innen ausgestaltet. – Foto Cornelia Lohs

Im sieben Kilometer entfernten Schloss Aulendorf im gleichnamigen Kneipp-Kurort lädt Gräfin Paula in wallender Robe zum Kaffeeklatsch und entführt die Besucher ins Jahr 1881. Im gelben Salon steht auf einem Tisch ein Porträt der österreichischen Kaiserin Sissi in jungen Jahren. Was hat Sissi mit Aulendorf zu tun? Nur so viel, dass ihre frühere Hofdame, Gräfin Pauline („Paula“) von Bellegarde den Hofbeamten und Offizier Alfred Graf von Königsegg zu Aulendorf heiratete. Als das Paar den Wiener Hof 1869 verließ, um fortan auf Schloss Aulendorf zu leben, schenkte ihr die Kaiserin zum Abschied eine Mariastatue mit Kind, die in der Schlosskapelle steht. Sissi selbst war nie hier.

Schloss Aulendorf blickt auf eine lange, bewegte Geschichte. – Foto Cornelia Lohs

Die Schlossführerin alias Gräfin Paula erzählt von der wechselhaften Vergangenheit des Schlosses, das seit dem 14. Jahrhundert im Besitz der Grafen von Königsegg war. Um 1940 beschloss die Familie, das 20 Kilometer entfernte Schloss Königseggwald zum ausschließlichen Familiensitz derer von Königsegg-Aulendorf zu machen. Im Jahr darauf verkauften sie Schloss Aulendorf samt Inventar an die Deutsche Reichspost, die es als Erholungsheim für ihre weiblichen Angestellten nutzte. 1945 beschlagnahmte die französische Armee den Gebäudekomplex und machte aus den Räumen Offizierswohnungen. Nach Abzug der Franzosen war die Deutsche Bundespost bis 1966 Schlossherrin, danach diente es als Jugenderholungsheim, verfiel zusehend, bis das Land Baden-Württemberg das Schloss 1987 übernahm und es sanierte. Heute beherbergt der Gebäudekomplex das Rathaus sowie die Spielzeugsammlung des Württembergischen Landesmuseums Stuttgart.

Nonnen in Backlaune

Auch das Franziskanerinnekloster Wurzach weiß mit seiner Ausstattung zu begeistern. – Foto Cornelia Lohs.

Während die oberschwäbischen Mönche wagemutig, flugbegierig und baufreudig waren, experimentierten die Nonnen im Franziskanerinnenkloster Maria Rosengarten in Bad Wurzach mit Backwaren, spionierten in Sachen Moorbäder und ließen die schönste Hauskapelle Europas errichten. Im Jahr 1609 erfanden sie die legendären Trisinet-Schnitten. Ein hartes, zuckersüßes Gebäck, das sie in Rotwein tunkten und den Wöchnerinnen als Stärkungsmittel verabreichten. Heute ist die Konditorei Hager in Bad Wurzach der einzige Anbieter weit und breit, der das aufwendig hergestellte Gebäck nach dem überlieferten Originalrezept produziert. Als die Nonnen hörten, dass im bayerischen Bad Aibling Moorbäder verabreicht wurden, schickten sie Schwestern hin, um sich das genauer anzusehen. Sie waren von der Heilwirkung überzeugt, und da sie Dank des Wurzacher Rieds von Moor umgeben waren, boten sie 1936 die ersten Moorbäder an. Dank dieser wurde Wurzach 1950 das Prädikat Bad zugesprochen.

Wurzach ist bekannt für seine legendären Trisinet-Schnitte. – Foto Cornelia Lohs

Gründerin des Klosters war Helena von Hohenzollern, Tochter des Regenten der Grafschaft Hohenzollern, die später durch Heirat zur Gräfin Waldburg wurde. Als ihr Ehemann, drei ihrer Kinder und eine Schwiegertochter starben, war das der Schicksalsschläge zuviel. Sie gründete 1514 das Kloster, wurde im Alter von 52 Jahren Nonne und verstarb wenige Monate später. Ihr Sohn, Georg von Waldburg, der im Bauernkrieg 1525 den Bauern den Garaus machte, ging als Bauernjörg in die Geschichte ein. Das ehemalige Kloster beherbergt heute das Naturschutzzentrum mit der inter-aktiven Dauerausstellung „Moor Extrem“, das Städtische Archiv und im Kapitelsaal die Stadtbücherei, deren Buchbestände nach Sachgebieten in den ehemaligen Klosterzellen untergebracht sind. Noch im Originalzustand von 1717 und ein wahres Juwel ist die kleine Rokokokapelle, die als Hauskapelle in Europa ihresgleichen sucht.

Nachwächterführung mit Gänsehaut

Auf einer steilen Bergnase thront das Hohe Schloss über Bad Grönenbach. – Foto Jo. Herrmann

Eine dreiviertel Autostunde weiter südöstlich entlang der schwäbischen Bäderstraße thront auf einer steilen Bergnase das Hohe Schloss im Kneippheilbad Bad Grönenbach. Düster liegt das schwach beleuchtete Gemäuer in der Dunkelheit. Das schwere Holztor öffnet sich knarrend. Der richtige Einstieg zur Nachtwächterführung durch das fünfgeschossige Schloss. Jetzt fehlt nur noch der Ruf eines Waldkauzes und die gespenstische Szenerie wäre perfekt. Die Stufen der jahrhundertealten abschüssigen Holztreppe knarren unter jedem Schritt. Die Taschenlampen werfen Schatten über die Wände. Hier ein Gang, dort ein Gang – bei schwachem Lichtschein erscheinen die fünf Etagen wie ein Labyrinth. Die Räume sind leer.

Pappenheim

Die Pappenheimer hinterließen auch an der schwäbischen Bäderstraße ihre Spuren. – Foto Karsten-Thilo Raab

Außer einiger Stuckdecken ist von der Originaleinrichtung nichts mehr vorhanden. Das historische Gemäuer, dessen ältester Teil aus dem Jahr 1280 stammt, bewohnten einst die Rothensteins, die Pappenheimer (ja, die gab es tatsächlich!) und die Fugger. Zuletzt hielten die Ursberger Schwestern, eine franziskanische Ordensgemeinschaft der St. Josefskongregation, Einzug und pflegten hier körperlich und geistig behinderte Menschen. Seit Ende 1996 ist das 20.000 Quadratmeter große Schlossareal im Besitz der Gemeinde Bad Grönenbach, die es für Veranstaltungen nutzt.

Wildkräuterführung mit Geschmacksproben

Bei der Wildkräuterführung eröffnet sich ein ganz neuer Blick auf die heimische Flora. – Foto Cornelia Lohs

Beim zweiten Besuch am nächsten Morgen sieht das weiße Schloss gleich viel freundlicher aus. Im ersten Stock wartet die Allgäuer Wildkräuter-Expertin Rita Dopfer, die ihre Wildkräuterführung wegen des Dauerregens heute hier anbietet. Auf einem runden Tisch sind zahlreiche frisch gepflückte, regennasse Kräuter auf Küchenkrepp ausgebreitet. Voller Enthusiasmus erläutert die quirlige Expertin deren Heilkraft. Löwenzahn ist gut für Galle, Leber und Milz, Schafgarbe wirkt entzündungshemmend, Brennnessel reinigend und blutbildend, Vogelmiere antiviral, Salbei beruhigend, und sogar Gänseblümchen sind zum Verzehr geeignet. Sie regen den Stoffwechsel an und sind gut für die Haut. Es überrascht, dass das Wiesenblümchen gar nicht mal so schlecht schmeckt. Aber das wussten bestimmt schon die Pappenheimer! Weitere Informationen unter www.schwaebische-baederstrasse.de

Essen & Trinken: Schwäbisch schlemmen (auch vegan) im historischen Gasthaus zum Rad, Radgasse 1, Aulendorf

Übernachten: Landgasthof zur Linde in Steinhausen. Der 1609 vom Kloster Schussenried erbaute Gasthof zählt zu den ältesten Oberschwabens. Geräumige Zimmer in neuem Anbau, DZ mit Frühstück ab 100 Euro.