Von 4. März 2013 Mehr →

Audreys kleine Inselwelt: Gozo, Maltas liebliche Schwester

Die wohl bedeutendste Landmarke Gozos: Das Azur Window. (Copyright Karsten-Thilo Raab)

Die wohl bedeutendste Landmarke Gozos: Das Azur Window. (Copyright Karsten-Thilo Raab)

Um die Frisur muss sich hier niemand Gedanken machen. Selbst noch so elegante Damen können das, was einst eine liebevoll ondulierte Haarpracht war, getrost vergessen. Der anhaltend starke Wind wirbelt die Kopfbehaarung erbarmungslos durcheinander. Hüte und Kappen sind überflüssig, würden sie doch binnen Sekunden durch die Luft geschleudert. Vielleicht ist dies der Grund, warum Audrey Marie Bartolo ihr langes, lockiges Haar zu einem einfachen Pferdeschwanz zusammengebunden hat.

Ein Star auf Gozo und in Malta: Sängerin Audrey Marie Bartolo. (Copyright Karsten-Thilo Raab)

Ein Star auf Gozo und in Malta: Sängerin Audrey Marie Bartolo. (Copyright Karsten-Thilo Raab)

Fröhlich grinsend steht das 1,55 Meter große Energiebündel am Hafen von Mġarr. Weite Teile ihres hübschen Gesichts sind von einer viel zu großen Sonnenbrille bedeckt. Sofort sprudelt es aus ihr heraus. Audrey ist so etwas wie ein zweibeiniger Vulkan. Nur mit dem Unterschied, dass sie keine Lava speit, sondern fast unaufhörlich Worte über ihre Lippen kommen. Worte der Begeisterung, Worte der Faszination, Worte der Leidenschaft. In jedem Satz schwingt ihre Liebe zu ihrer Heimat mit. Für Audrey ist Gozo, die kleine, liebliche Schwester Maltas, der Nabel der Welt, ja, der schönste Fleck auf diesem Erdball.

Ein Fleck, zu deren Aushängeschildern sie gehört. Denn Audrey ist so etwas wie ein kleiner Star der winzigen Insel. Sie ist Sängerin, stand zuletzt 2011 im nationalen Finale des Eurovision Song Contests von Malta. Ihre Lieder komponiert und textet sie selber. Und fast alle handeln von Liebe – vor allem von der Liebe zu ihrer Heimat, dem gerade einmal 67 Quadratkilometer großen Island im Mittelmeer.

Luzzu-Boote im Hafen von Mgarr auf Gozo. (Copyright Karsten-Thilo Raab)

Luzzu-Boote im Hafen von Mgarr auf Gozo. (Copyright Karsten-Thilo Raab)

Auf Gozo, das in der Landessprache Għawdex heißt, ist Audrey bekannt wie ein bunter Hund. Im staatlichen Fernsehen und den Gazetten des Landes ist ihr Gesicht häufig zu sehen. Und bei den zahlreichen Festen auf Malta und Gozo steht sie regelmäßig auf der Bühne und sorgt für musikalische Unterhaltung. Natürlich ist ihr Bekanntheitsgrad auch ein bisschen der Tatsache geschuldet, dass auf einer Insel mit gerade einmal 30.000 Einwohnern ohnehin fast jeder jeden kennt. Auf Gozo ist Audrey geboren und aufgewachsen. Hier ist sie noch immer in der 6.000-Seelen-Gemeinde Xagħra zu Hause, auch wenn sie noch ein Apartment in Valetta ihr Eigen nennt.

pastizz tal-irkotta – eine lokale Spezialität aus Blätterteig und Ricottakäse. (Copyright Karsten-Thilo Raab)

pastizz tal-irkotta – eine lokale Spezialität aus Blätterteig und Ricottakäse. (Copyright Karsten-Thilo Raab)

Auf dem Weg vom zentralen Busbahnhof in Victoria, dem größten Ort der Insel, vorbei an der barocken St. Georg Basilika zur pittoresken Zitadelle müssen wir immer wieder stehen bleiben. Ein Pläuschchen hier, ein Schulterklopfen da. Alle wollen irgendwie ein bisschen Kontakt zu Audrey, sich ein wenig in ihrer Aura baden. An einer kleinen Bäckerei stürmt der Verkäufer heraus und schenkt jedem von uns eine pastizz tal-irkotta – eine lokale Spezialität aus Blätterteig und Ricottakäse. Dank der Tatsache, dass wir uns in Audreys Schlepptau befinden, bekommen auch wir etwas von dem köstlichen Gebäck geschenkt. Und auf der Pjazza Indipendenza, dem schmucken Marktplatz von Victoria, kommen wir auf die gleiche Weise in den kostenlosen Genuss eines te fit-tazza, eines Tees im Glas.

Einst fast 3.500 Jahre altes Bollwerk: Die Zitadelle von Victoria. (Copyright Karsten-Thilo Raab)

Einst fast 3.500 Jahre altes Bollwerk: Die Zitadelle von Victoria. (Copyright Karsten-Thilo Raab)

Durch enge Gassen mit typisch maltesischen Kalksteinhäusern sowie bunt vorstehenden Balkonerkern geht es im Zickzack hinauf zur Zitadelle. Hinter dem dicken Mauern des Bollwerks, dessen Areal bereits 1500 vor Christus befestigt wurde, leben gerade einmal zwei Familien. Das örtliche Gericht hat hier seinen Sitz. Und mit Santa Marija ist hier auch eine der bedeutendsten Kathedralen Maltas nebst dem dazugehörigen Bischofssitz zu finden. Von den Mauern des befestigten Areals, das sich fast genau in der Mitte der Insel befindet, bietet sich ein herrlicher Rundblick auf das überraschend grüne, wenn auch weitgehend baumlose Gozo. Und auch auf Vicoria, das kurioserweise zwei Opernhäusern sein eigen nennt.

Mit dem Boot geht es vom Inland Sea zum Azur Window. (Copyright Karsten-Thilo Raab)

Mit dem Boot geht es vom Inland Sea zum Azur Window. (Copyright Karsten-Thilo Raab)

Mit dem Linienbus geht es weiter nach Dwejra. An diesem zerklüfteten Küstenabschnitt liegt die wohl berühmteste Landmarke der Insel: Inmitten einer bizarren Gesteinswelt, die stark an eine Mondlandschaft erinnert, erhebt sich das Azure Window aus dem Meer. Ein gewaltiger Felsbrocken, der mit einer natürlichen Steinbrücke mit dem Festland verbunden ist.

„Die Natur hat es uns gegeben, die Natur wird es uns wieder nehmen“, sagt Audrey ein wenig philosophisch und ein wenig lakonisch zugleich, wohl wissend, dass das natürliche Steinfenster eine bröckelnde Schönheit mit begrenzter Halbwertzeit ist.

Bei Xagħra, Audreys Wohnort, befinden sich mit den Ġgantija Tempeln die vermeintlich ältesten, frei stehenden Strukturen der Menschheitsgeschichte. Die als Weltkulturerbe unter dem Schutz der UNESCO stehende neolithische Tempelanlage ist rund 5.500 Jahre alt.

Deutlich jünger, aber ebenso faszinierend sind die Salzbecken an der Obajjar Bay unweit von Masalforn im Norden der Insel. Dereinst von den Römern angelegt, werden die „Salt Pans“ noch heute für die Salzgewinnung genutzt. Die Ernte des einst als „Weißes Gold“ verehrten Meersalzes fällt allerdings eher bescheiden aus. Das Gros wird direkt von den Einheimischen konsumiert, ein  paar Kilos gehen in den lokalen Handel, wo sie als Souvenir für die Besucher Gozos feilgeboten werden.

Salzbecken an der Obajjar Bay unweit von Masalforn

Salzbecken an der Obajjar Bay unweit von Masalforn

Wer den neusten Tratsch und Klatsch über Gozo erfahren möchte, sollte auf dem Rückweg unbedingt auf ein Pint oder zwei im Gleneagles in Mġarr einkehren. Ein großer Schwertfisch schmückt die Fassade der populären Fischerkneipe und weist allen Durstigen und Klatschbasen gut sichtbar den Weg. Dort erzählen bierselige Insulaner gut gelaunt nicht nur über ihre Audrey, sondern auch über alles andere, was sie mit Stolz erfüllt, während von der Terrasse der Bar der Blick in den Hafen von Mġarr fällt. Dort dümpeln im Schatten der Fähre die knallbunten Luzzu-Boote der Fischer vor sich hin. Fast scheint es, als wollten sie im Rhythmus der Wellen zum Abschied leise winken. Vielleicht wollen sie auch den Takt vorgeben, damit Audrey doch noch eine Kostprobe ihres musikalischen Könnens gibt.

 

Allgemeine Informationen: Fremdenverkehrsamt Malta, Schillerstraße 30-40, 60313 Frankfurt, Telefon 069-285890, www.urlaubmalta.com und unter www.visitgozo.com.

Lage: Gozo ist die zweitgrößte Insel des Archipels der Republik Malta und liegt im Norden der Hauptinsel. Die Mittelmeerinsel misst eine Länge von gerade einmal 14 Kilometern und eine Breite von 7,2 Kilometern.

Anreise: Air Malta bietet Direktflüge von Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg und München nach Malta an. Weitere Informationen unter www.airmalta.com.

Der Hafen von Mgarr auf Gozo. (Copyright Karsten-Thilo Raab)

Der Hafen von Mgarr auf Gozo. (Copyright Karsten-Thilo Raab)

Fährverbindung: Zwischen Mgarr auf Gozo und Cirkewwa auf Malta verkehrt alle 45 Minuten eine Fähre in beide Richtungen. Die Fahrzeit beträgt rund 25 Minuten. Die Überfahrt kostet hin und zurück für Erwachsene 4,65 Euro, für Kinder 1,15 Euro. Informationen unter Telefon 00356-(0)2121-5111 und unter www.gozochannel.com.

Sprache: Maltesisch; auch Englisch wir überall gesprochen.

Währung: Zahlungsmittel ist der Euro.

Essen & Trinken: Gleneagles Bar, Triq Ix Xatt, Mġarr, Gozo. Erstklassiges Pint mit Blick auf den Hafen und dem neuesten Inseltratsch.

Il-Panzier, Charity Street, Victoria, Gozo, 00356-(0)2155-9979. Nettes, kleiners sizilianisches Restaurant.

Die Obajjar Bay im Norden Gozos. (Copyright Karsten-Thilo Raab)

Die Obajjar Bay im Norden Gozos. (Copyright Karsten-Thilo Raab)

Oleander, 10 Victory Square, Xagħra, Gozo, Telefon 00356-(0)2155-7230. Auf den Tisch des Hauses kommen lokale Spezialitäten wie Spaghetti mit Kaninchensauce.

Frtizza, Tower Road, Sliema, Malta, Telefon 00356-2720-4499, www.fortizzamalta.com. Britisch geprägtes Restaurant in einem historischen Gebäudekomplex. Auf den Tisch des Hauses kommen italienische und maltesische Speisen.

Übernachten: Kempinski Hotel, Triq ir-Rokon, San Lawrenz, Telefon 00356-(0)2211-0000, www.kempinski-gozo.com. Zwischen Victoria und Dwejra gelegenes Fünf-Sterne-Hotel.

Victoria Hotel, Gorg Borg Oliver Street, Sliema, Malta, Telefon 00356-2133-4711, www.victoriahotel.com. Vier-Sterne-Hotel rund fünf Gehminuten vom steinernen Fond Ghadir Beach.

Tipp: Die schönsten Impressionen aus Malta und Gozo hat Mortimer-Reisemagazin-Redakteur Karsten-Thilo Raab unter dem Titel „Faszination Malta“ in einem neuen Wandkalender zusammengestellt. Erhältlich ist dieser in den Formaten A2 bis A5 für Preise zwischen 18,90 und 49,90 Euro im Buchhandel, im Kalendershop des Mortimer Reisemagazin sowie bei Amazon.

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