Prunk, Pferde und Pistolen in Chantilly

Chantilly
Château de Chantilly – ein Prachtschloss und Filmkulisse. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Ein Schloss wie ein Traum, ein Park wie ein Gemälde und eine Geschichte, die von Fürsten, Kunstsammlern und einem Geheimagenten mit der Lizenz zum Töten geprägt wurde. Chantilly ist eine Symbiose aus Kunstschätzen, einer einzigartigen Reitsport-Tradition und dem Glanz eines Kino-Mythos, der hier Filmgeschichte schrieb.

Chantilly
Über einen Wassergraben geht es hinein ins Schloss. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Wenn der Morgennebel über den künstlich angelegten Kanälen aufsteigt, wirkt das Schloss Chantilly fast wie eine steinerne Fata Morgana vor den Toren von Paris. Nur 50 Kilometer von der französischen Hauptstadt entfernt scheint die Zeit ein wenig stillzustehen. Zwischen prächtigen Galerien, die nach dem Louvre die bedeutendste Sammlung alter Meister in Frankreich beherbergen, und den weitläufigen Gärten scheint jeder Kieselstein hier die Eleganz vergangener Jahrhunderte zu atmen. Majestätisch und beinahe schwebend erhebt sich das Bauwerk aus den umliegenden Wassergräben, die das Licht der Ile-de-France in zahllosen Nuancen reflektieren.

Steinerne Insel

Steinerne Jagdhunde scheinen das Anwesen zu bewachen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Die Weite des Parks bildet den Rahmen für ein Ensemble, das architektonisch den Spagat zwischen dem Mittelalter und der Renaissance wagt. Man sieht dem Komplex seine Zerstörungen während der Französischen Revolution heute kaum noch an, denn der Wiederaufbau im 19. Jahrhundert durch den Herzog von Aumale, den Sohn des letzten französischen Königs, geschah mit einer Akribie, die ihresgleichen sucht.

Die Geschichte des Ensembles reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Das Château de Chantilly teilt sich in das Petit Château aus dem 16. Jahrhundert und das Grand Château, das auf den Fundamenten seines Vorgängers thront. Der umliegende Park von Chantilly ist ein eigenes Universum. André Le Nôtre, der Gartenkünstler des Sonnenkönigs, schuf hier eine Landschaft, die in ihrer Geometrie und Weite an Versailles erinnert, aber zugleich eine eigene Handschrift trägt. Wasserkanäle durchziehen die Anlage, spiegeln Himmel und Schloss. Im anglo-chinesischen Garten wird die Strenge des Barock durch romantische Verspieltheit ersetzt. Kleine Brücken, Pavillons und verschlungene Wege schaffen eine Atmosphäre, die an Landschaften des 18. Jahrhunderts erinnert.

Palast der Kunst

Die Bibliothek gehör zu den beeindruckensten Räumlichkeiten des Prachtschlosses. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Im Inneren von Chantilly entfaltet sich eine Welt, die sich kaum in Worte fassen lässt. Räume, die mit Fresken, Gobelins und vergoldeten Ornamenten überzogen sind, wechseln sich ab mit intimen Salons, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Die Bibliothek, ein Heiligtum aus Holz und Leder, beherbergt mehr als 19.000 historische Bände, 1.500 wertvolle Schriften sowie weitere 17.500 Drucksachen. Zu den besonderen Schätzen zählt dabei das üppig illustrierte Stundenbuch des Herzogs von Berry („Les Très Riches Heures du Duc de Berry“) aus dem 15. Jahrhundert.

Das Museum ist gesprickt mit Gemäldern. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Das Musée Condé, das im Schloss untergebracht ist, beherbergt nach dem Louvre die bedeutendste Sammlung klassischer Malerei in ganz Frankreich. Der Herzog von Aumale war ein Sammler von beinahe besessenem Format, und sein Vermächtnis an das Institut de France war an eine strikte Bedingung geknüpft: Kein einziges Werk darf jemals das Schloss verlassen oder verliehen werden. Das führt dazu, dass die Hängung der Bilder noch immer dem Geist des 19. Jahrhunderts entspricht, was dem Besuch eine authentische, beinahe intime Atmosphäre verleiht.

Ein Museum, das den Atem raubt

Nach dem Louvre beherbergt Chantilly die bedeutendste Sammlung alter Meister. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

In den Galerien hängen Meisterwerke von Raffael, Botticelli, Ingres, Delacroix und Poussin so dicht beieinander, dass der Betrachter von einer Welle aus Farbe und Geschichte förmlich überrollt wird. Dabei folgt die Präsentation bewusst keiner modernen Museumspädagogik. Stattdessen herrscht der Geist des 19. Jahrhunderts: prunkvoll, überladen, selbstbewusst.

Duft von Leder und Freiheit

Die Stallungen erinnern von außen eher an einen Palast. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Doch Chantilly wäre nicht vollständig ohne das Wiehern und den Geruch von frischem Heu, der über das Gelände weht. Nur wenige Schritte vom Hauptschloss entfernt stehen die Grandes Écuries, die Großen Ställe, die in ihrer Dimension eher einem Palast als einer Behausung für Tiere gleichen und als größte Stallungen Europas gelten. Die Legende besagt, dass der Prinz von Condé fest daran glaubte, nach seinem Tod als Pferd wiedergeboren zu werden, und deshalb eine Unterkunft forderte, die seinem Stand entsprach. Ob diese Geschichte stimmt, bleibt ungewiss, doch die Architektur spricht für sich. Hohe Gewölbe, elegante Fassaden und großzügige Innenräume lassen die Stallungen zu einem Meisterwerk avancieren.

Regelmäßig beheimatet das Schlossareal bedeutende Reitwettbewerbe.

Hier wird die Dressurkunst auf höchstem Niveau zelebriert, und die prächtigen Schimmel und Hengste bewegen sich unter dem barocken Gewölbe mit einer Eleganz, die die Verbindung zwischen Mensch und Tier in den Rang einer Kunstform erhebt. Jedes Jahr im Juni, wenn die prestigeträchtigen Pferderennen auf der benachbarten Rennbahn stattfinden, verwandelt sich das beschauliche Städtchen in einen Laufsteg der Haute Couture und der internationalen Aristokratie, wobei das Schloss stets als die ultimative Kulisse im Hintergrund wacht.

Im Visier des Geheimagenten Ihrer Majestät

Die Stallungen dienten im Bond-Film als Teil des Gestüts von Bösewicht Max Zorin.

Diese visuelle Wucht blieb auch den Filmemachern nicht verborgen, und so avancierte Chantilly zu einem der markantesten Drehorte der James-Bond-Reihe. Im Jahr 1985 verwandelte sich das Schloss für das 007-Abenteuer „Im Angesicht des Todes“ mit Roger Moore in der Hauptrolle in den luxuriösen Wohnsitz des größenwahnsinnigen Max Zorin, gespielt von Christopher Walken: Als Bösewicht betreibt er in den Stallungen eine eigene Zucht und machte seine Pferde mithilfe eines implantierten Mikrochips förmlich unbesiegbar. Letztlich erweist sich das Gestüt nur als Tarnung. Denn Zorin will mit krimineller Energie den Weltmarkt für Mikrochips kontrollieren und das Silicon Valley zerstören.

Perfektes Setting, um Luxus und Protz auch im Bond-Abenteuer darzustellen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Die Produktion nutzte die majestätische Kulisse perfekt aus, um Zorins Reichtum und seinen Hang zur Exzentrik zu unterstreichen. Die Wassergräben, die langen Korridore, die opulenten Salons – all das bot eine Kulisse, die sowohl glamourös als auch geheimnisvoll wirkt.

Die Schlossgärten von Chantilly sind liebevoll angelegt. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Die Szenen, in denen die Gäste im Schlossgarten flanieren, während Bond versucht, die finsteren Pläne des Antagonisten zu enttarnen, haben sich tief in das Gedächtnis der Fans eingebrannt. Besonders die Innenräume und die weitläufigen Stallungen dienten als Schauplatz für Zorins dubiose Pferdezucht, was die reale Geschichte des Ortes auf clevere Weise mit der fiktiven Welt des Agenten-Thrillers verwob.

Ein Erbe für die Ewigkeit

Rund um das Schloss entfaltet sich die Gartenpracht. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Chantilly spielte hier nicht nur eine Nebenrolle, sondern war der stille Star, der die Eleganz der Alten Welt mit der harten Action des Kalten Krieges kontrastierte. Bis heute ist das Schloss daher auch eine Pilgerstätte für Cineasten. Und diese finden einen Ort der Ruhe und des Staunens or. Ob man durch den Hameau spaziert – jene kleinen rustikalen Häuschen, die später Marie-Antoinette als Vorbild für ihr Dorf in Versailles dienten – oder in einem der Salons die feinen Details der Schnitzereien bewundert: Chantilly fordert Aufmerksamkeit. Es ist ein Monument, das den Übergang von der feudalen Macht zur bürgerlichen Bewahrung von Schönheit markiert.

Vom Park eröffnen sich immer wieder tolle Blicke auf das Schloss. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Spätestens, wenn die Sonne langsam hinter den Dächern der Stallungen versinkt und die Schatten der Reiter sich auf dem Kies der Wege dehnen, versteht man, warum dieser Ort über Jahrhunderte hinweg Könige, Künstler und Filmemacher gleichermaßen fasziniert hat.

Informationen: www.chantilly-senlis-tourisme.com und unter https://chateaudechantilly.fr

Chantilly weiß nicht nur Cineasten zu begeistern. Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Die Recherchereise fand – ohne Einfluss auf die journalistische Ausarbeitung – auf Einladung / mit Unterstützung von nicko cruises statt.

Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.