Von 4. August 2012 Mehr →

Warnung vor dem Reise-Warnungs-Wahn

Sommerzeit, Ferienzeit – nicht wenige freuen sich seit Wochen, teilweise seit Monaten auf die vermeintlich schönsten Tage des Jahres. Wäre da nicht diese fiese Begleiterscheinung, diese Bedenkenkultur, die dazu führt, dass die Urlaubsfreude permanent von schlimmen Ängsten überschattet wird. Wer nicht von alleine von solchen Ängsten gepeinigt wird, dem helfen eine Fülle an Organisationen und Einrichtungen gerne mit alljährlich wiederkommenden Warnhinweisen auf die Sprünge. So wagen die Verkehrsverbände einen Blick auf die Straßen im In- und Ausland, um angesichts der Blechlawinen, die sich Richtung Urlaubsziel schieben, vor ellenlangen Staus zu warnen. Potenziert wird das Ganze durch den Hinweis auf etwaige Engpässe an Baustellen. Auf die Bahn auszuweichen hat da scheinbar auch nur wenig Zweck. Denn gerne erinnert die Fraktion der Bahnhasser an die schlechte Klimatechnik an Bord vieler Züge, die ohnehin immer große Verspätungen zusammenfahren.

Auch die Gesundheitskarte wird wieder verstärkt gespielt. Da sind die Warnungen vor dem Ozonloch und vor zu intensiver Sonneneinstrahlung, aber auch vor den üblen Krankheiten, die durch schlechtes Essen und mangelnde Hygiene übertragen werden können. In weite Teile Bayerns, Tschechiens und Österreichs kann per se nicht mehr gereist werden. Denn hier lauern unter jedem Strauch beißwütige Zecken. Und was die alles auslösen können, ist hinlänglich bekannt. Da ist Borreliose fast noch das Harmloseste.

Schlimmer noch als Bayern, Tschechien und Österreich zusammen ist Schweden. Denn hier gibt es nicht nur diese blutsaugenden Parasiten, sondern auch noch Milliarden von Mücken, denen es nach zweibeinigen Frischblutkonserven dürstet. Andererseits im Süden ist es ja auch nicht besser. Da lauern neben Stechmücken, die sich ernährungstechnisch ganz auf den gemeinen Touristen konzentrieren, auch noch Salmonellen im Eis, was wirklich kein Zuckerschlecken ist.

Und als ob das alles nicht genug wäre, versammeln sich in den Sommermonaten ganze Heerscharen von Taschendieben und Trickbetrügern an der Mittlermeerküste, um systematisch die Badegäste um ihr Taschengeld zu erleichtern und Kameras an sich zu nehmen. Auch sonst hat das Raubrittertum im Tourismus Hochsaison. Restaurants und Kneipen versuchen sich mit Wucherpreisen an einzelnen Touristen gesund zu stoßen. Wer aus Sparsamkeit und Vorsicht lieber eine Pommes auf die Hand nimmt, läuft Gefahr, von aggressiven Möwen bedrängt zu werden.

Zudem könnte einem der Tritt in einen Seestern den Urlaub vermiesen, Kokosnüsse könnten einen erschlagen, Hai das Surfbrett mit einer Robbe verwechseln, in den Bergen könnten die Geröllmassen einen mit in die Tiefe reißen und in Skandinavien drohen Elche in voller Fahrt durch die Windschutzscheibe zu donnern. Von der Terrorgefahr und drohenden Entführungen in einigen Länder ganz zu schweigen. Die Liste der Warnungen kann scheinbar gar nicht lang genug sein.

Anderseits haben wir in Deutschland im letzten Jahrzehnt jährlich immer mehr als 820.000 Tote zu beklagen. Im vergangenen Jahr waren es sogar 852.359. Da drängt sich schon die Frage auf, ob es im Ausland nicht doch ein wenig sicherer ist?

Buchtipp – weitere Kolumnen aus der Feder des Autors: Karsten-Thilo Raab: Thekenbrust & Zackendruse, Westflügel Verlag, ISBN 978-3-939408-11-6, 12,50 Euro. Erhältlich ist das Buch im Buchhandel oder direkt beim Verlag

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