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Der Benediktweg: 224 Kilometer durch Oberbayern – und der Papst ist immer dabei

Start und Ziel des Benediktwegs liegen im pittoresken Altötting. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Nirgendwo in Deutschland dürfte die Geranien-Dichte wohl größer sein. Fast scheint es, als ob sich alle Einwohner Oberbayerns an einem internen Wettbewerb beteiligen. Zu den Pfunden, mit denen Deutschlands beliebteste Ferienregion wuchert, zählen neben der Blütenpracht malerische Dörfer und Städte, urige Gasthäuser, herrliche Alpenpanoramen, liebliche Flußauen, einladende Badeseen, ausgedehnte Wälder und Wiesen sowie pittoreske Höhenzüge.

Am Benediktweg liegen so herrliche Stationen wie das Kloster Raitenhaslach. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Ein Potenzial, das am 25. April 2005 einen zusätzlichen Schub erhielt, als Joseph Ratzinger in Rom als Nachfolger von Papst Johannes Paul II. zum neuen Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt wurde. Ein kollektiver „Wir-sind-Papst-Jubel“ setzte in ganz Deutschland und insbesondere in Oberbayern ein. Denn der ehemalige Heilige Vater ist ein Sohn dieser Region. Einer Region, der Benedikt XVI. – ungeachtet seines Amtsverzichts am 28. Februar 2013 – bis zum heutigen Tage  eng verbunden ist. Eine Region, die dem „bayerischen Papst“ schon zu Lebzeiten ein besonderes Denkmal setzte. Denn am 11. August 2005 wurde der Benediktweg als 224 Kilometer langer Fahrradrundkurs eingeweiht.

Papstlinde als Startpunkt für den Benediktweg

Kleine Erfrischung mit Blick auf die Basilika von Altötting. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Und auf den Spuren des Papstes gibt es zwischen Inn, Salzach und Alpen viel zu entdecken. Dabei führt der abwechselungsreiche Rundweg nicht nur vorbei an den Stationen der Kindheit und Jugend von Joseph Alois Ratzinger, sondern erschließt eine der ältesten Kulturlandschaften Europas. Obwohl der Lebensweg des Heiligen Vaters das verbindende Element bildet und Klöster, Kirchen und Wallfahrtsstätten zu den markantesten Stationen entlang des Weges zählen, ist diese Tour keineswegs allein für gläubige Christen interessant. In fünf bis sechs Etappen lässt sich die Strecke fast mühelos in einem Tempo meistern, bei dem die Seele mitkommt, Entspannung garantiert ist und zudem unvergessliche Eindrücke gesammelt werden können.

Unterwegs sind bayerische Traditionen – so wie hier beim Festumzug in Chieming – zu erleben. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Start- und Zielpunkt ist die Papstlinde im Wallfahrtszentrum Altötting. Seit mehr als 500 Jahren tragen Menschen ihre Sorgen und Nöte, ihre Krankheiten und Kümmernisse zur dortigen Gnadenkapelle am zentral gelegenen Kapellplatz. Mehr als 2.00 Votivtafeln zeugen dabei von inständigen Bitten um Hilfe. Aber auch vom Dank für erwiesene Gnade und von dem einen oder anderen persönlichen Wunder.

Von Altötting geht es zu Ratzingers Geburtsort Marktl am Inn. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Um den Kapellplatz gruppieren sich noch weitere bedeutende Kirchenbauten. Etwa die Jesuitenkirche St. Magdalena aus dem Jahre 1700. Hinzu kommt die Bruder-Konrad-Kirche mit dem Reliquienschrein des 1898 verstorbenen Heiligen. Und nicht zu vergessen St. Philippus und Jakobus, die letzte gotische Hallenkirche Süddeutschlands. Lohnenswert ist ferner ein Besuch des Jerusalem Panoramas. Auf 1.200 Quadratmetern lässt sich in dem zwölfeckigen Bau die Zeit von Jesu Christus auf spannende Art und Weise erleben.

Hype rund um das Geburtshaus

Eher unscheinbar ist das zentral gelegene Geburtshaus von Joseph Ratzinger. (Foto Karsten-Thilo Raab)

„Altötting ist das Herz Bayerns und eines der Herzen Europas“, sagte Papst Benedikt XVI. kurz nach seiner Amtseinführung im Vatikan, über jene Stadt, zu deren Ehrenbürger er im Jahre 2006 ernannt wurde. Geboren wurde er am 16. April 1927 im Marktl am Inn, das über einen 18 Kilometer langen Radweg am Ufer des Donau-Zuflusses als zweite Station entlang des Benediktweges angesteuert wird. Im Mittelpunkt des Interesses steht hier vor allem das Geburtshaus des Papstes am Marktplatz 11.

Mit dem ehemaligen Papst lässt sich in Marktl am Inn so manches verdienen. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Rund um den kleinen Marktplatz gruppieren sich neben dem Rathaus und einem kleinen Heimatmuseum eine Reihe von Läden, die allesamt ihr Geschäft mit dem berühmtesten Sohn des Städtchens am Inn machen möchten. Eine der ortsansässigen Bäckereien hat alles vom Papst-Bier über Gebäck mit Kruzifixen bis hin zu Tassen mit Papstkonterfei im Angebot. Nur wenige hundert Meter weiter bietet die Konkurrenz Vatikanbrot an, auf dem ein weißes Kruzifix aus Mehl eingebacken ist. Am anderen Ende des Marktes erhebt sich die schneeweiße Kirche, in der Ratzinger noch am seinem Geburtstag getauft wurde.

Größte Burganlage in Europa

In der Festung von Burghausen finden sich auch ungewöhnliche Blickfänge. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Über die historische Poststraße geht es weiter in die alte Herzogstadt Burghausen mit ihrer mittelalterlich geprägten Altstadt und der größten Burganlage Europas. Vorbei am Kloster Raitenhaslach ist das nächste Ziel dann Tittmoning. Neben der beeindruckenden Burg bildet der zentral gelegene, gut 300 Meter lange Stadtplatz mit seiner typischen Bebauung im Inn-Salzach-Stil das Herzstück der Kleinstadt.

Das einstige Wohnhaus von Joseph Ratzinger in Tittmoning. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Die Prunkfassade des Rathauses mit ihren in Gold gefassten Porträtbüsten römischer Imperatoren entstand 1711. Das Portal des Verwaltungssitzes war übrigens für die gleichnamige Fernsehserie zum Sitz des „Königlich Bayerischen Amtsgerichts“ umfunktioniert worden. Das orangerote Stubenrauchhaus am Stadtplatz 39, das heute ein Geldinstitut beheimatet, ist das ehemalige Wohnhaus von Ratzinger, der hier von 1929 bis 1932 lebte.

Kindheitsstationen in Traunstein

Der Jackl-Turm gehört zu den Wahrzeichen von Traunstein. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Via Waging am See mit seinen bunten Häuserzeilen und dem informativen Bajuwarenmuseum führt der Benediktweg ins malerische Traunstein. Von der 750-jährigen Geschichte zeugen heute noch Reste der einstigen Stadtbefestigung wie der Brothausturm, das Löwentor und Teile der Stadtmauer. Sehenswert sind daneben das Heimatmuseum, der Lindl-Brunnen, der mächtige Jacklturm und die Kirche St. Oswald.

An der Pfarrkirche St. Oswald wird an das Wirken von Joseph Ratzinger erinnert. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Benedikt XVI. verbrachte weite Teile seine Kindheit in Traunstein. Er wohnte ab 1937 in Hufschlag in einem Bauernhaus am Eichenweg 19 und ging bis 1943 auf das Traunsteiner Chiemgau-Gymnasium, in dem heute eine Musikschule untergebracht ist. Nach dem Abitur besuchte Ratzinger ab 1939 zusammen das Erzbischöfliche Studienseminar St. Michael auf der Wartberghöhe. 1951 empfingen die Brüder die Priesterweihe durch Kardinal von Faulhaber. Ihren Primizgottesdienst feierten beide in der Pfarrkirche St. Oswald. 2005 ernannte Traunstein Benedikt XVI. zum Ehrenbürger.

Chiemsee von seinen schönsten Seiten

Von Gstadt aus lässt sich zur Herren- und Fraueninsel übersetzen. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Im nun folgenden Abschnitt erhält der Benediktweg einen ganz neuen Charakter. Entlang des Chiemsees und der Alz heißen die nächsten Stationen Chieming und die Römerstadt Seebruck, bevor mit dem Kloster von Seeon das nächste Highlight der Rundfahrt wartet. Von Gstadt bietet sich ein Abstecher auf die Frauen- und Herreninsel im Chiemsee an, ehe via Amerang mit seinem sehenswerten Schloss das pittoreske Wasserburg am Inn das nächste Ziel ist.

Wasserburg am Inn gehört zu den wohl schönsten Städten am Benediktweg. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Das Erreichen der historischen Altstadt kommt einer kleinen Zeitreise gleich. Die Straße über die Inn-Brücke führt direkt in das Brucktor, das seit dem Jahre 1374 den Zugang zur Stadt bildet. Direkt angrenzend befinden sich das Heiliggeist-Spital mit der Spitalkirche von 1341 sowie dem Ersten Imaginären Museum. Dieses präsentiert die Sammlung von Günter Dietz mit mehr als 500 originalgetreuen Kopien der bildenden Kunst vom 12. Jahrhundert bis heute. Ein besonderer Blickfang ist fraglos das historische Rathaus. Zwischen 1457 und 1459 errichtet, verfügt der spätgotische Verwaltungssitz über eine original erhaltene Ratsstube aus dem Jahre 1564.

Von Kloster zu Kloster

Das Kloster in Gars an Inn. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Vorbei am Kloster Gars führt das letzte Viertel des Rundweges zum Kloster Au, einem barocken Nachfolgebau einer um das Jahr 1000 bestehenden Benediktiner-Klosterkirche. Diese galt lange als Wallfahrtsort zu den Gebeinen der Heiligen Felicitas und ihrer sieben Söhne. Joseph Ratzinger erhielt hier im Kindesalter Musikunterricht auf dem Harmonium.

Der Benediktweg führt auch direkt am Kloster Au vorbei. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Wenige Kilometer weiter, in Aschau am Inn wohnte die Familie Ratzinger von 1932 bis 1937 an der Hauptstraße 21. Joseph Ratzinger besuchte in Aschau die Volksschule, empfing die Erstkommunion und wurde in der Nachfolge seines Bruders Georg Ministrant in der stattlichen spätgotischen Dorfpfarrkirche Mariä Himmelfahrt.

Schlussetappe von Mühldorf a. Inn nach Altötting

Bunte Häuser säumen den Marktplatz von Tüßling. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Die Schlussetappe durchquert Mühldorf am Inn mit seinem 500 Meter langen Stadtplatz und das beschauliche Marktfleckchen Tüßling, bevor der Benediktweg dann nach 224 Kilometern wieder in Altötting endet.

Auch am Kloster Seeon mit seinen markanten Zwiebeltürmen führt der Benediktweg vorbei. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Weitere Informationen unter www.benediktweg.info

Literaturtipp: Der Radwanderführer Der Benediktweg, (ISBN 978-3-86686-208-1) von Ulrike Katrin Peters, Karsten-Thilo Raab ist für 9,90 Euro im Buchhandel oder direkt beim Conrad-Stein-Verlag erhältlich.

Die Verehrung für den einstigen Papst lässt sich sogar schmecken. (Foto Karsten-Thilo Raab)

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