Oxford – Türme, Träume, Traditionen

Oxford
Die Radcliffe Camera gehört zu den markantesten Bauwerken in Oxford.

Zwischen honigfarbenem Kalkstein, ehrwürdigen Colleges und lebendiger Gegenwart vereint Oxford ikonische Architektur, literarische Geschichte, Filmkulissen und Pubs voller Geschichten.

Die berühmte englische Universitätsstadt Oxford empfängt weltoffen, auch wenn die Colleges ihre Pforten nicht immer öffnen. Die 39 Colleges, verstreut wie kleine Fürstentümer, verleihen der Stadt ihren unverwechselbaren Charakter. Manche öffnen ihre Tore nur in den Ferien, andere lassen Besucher jederzeit in ihre stillen Innenhöfe eintreten, in denen der Duft von Rosen und frisch gemähtem Gras in der Luft liegt.

Oxford aufs Haupt geschaut

Oxford
Aus der Vogelperpektive wirken die Colleges noch prachtvoller.

Ein besonders stimmungsvoller Beginn gelingt hoch oben: 99 Stufen führen auf den Carfax Tower, von dessen Plattform man erkennt, warum der gelbliche Kalkstein aus dem Umland die Stadt selbst an grauen Tagen warm leuchten lässt. Von hier oben wirkt Oxford wie ein Mosaik aus Jahrhunderten – mittelalterliche Dächer, barocke Kuppeln, moderne Glasfronten. Gleich nebenan erzählt das Museum of Oxford von kuriosen Traditionen, akademischen Rivalitäten und jenen liebenswerten Skurrilitäten, die Oxford so unverwechselbar machen.

Wo Magie und Geschichte verschmelzen

Unterwegs in der Christ Church Meadows.

Christ Church ist nicht nur das größte College der Stadt, sondern auch ein Ort, an dem Filmgeschichte geschrieben wurde. Viele Besucher betreten die ehrwürdigen Hallen mit einem leisen Déjà-vu – kein Wunder, schließlich diente das College als Inspiration für die Harry-Potter-Filme. Der Tom Tower, entworfen von Christopher Wren, trägt die monumentale Glocke „Great Tom“, die jeden Abend 101 Mal schlägt – eine Tradition, die an die ursprünglichen Studenten des Colleges erinnert.

Zwischen Wiesen und Wasser

Punten ist Volkssport und ein Besuchermagnet.

Hinter den Mauern öffnen sich die Christchurch Meadows, eine grüne Oase, in der Studierende picknicken, Spaziergänger flanieren und Punting-Boote über den Cherwell gleiten. Im Sommer duftet es hier nach wildem Klee und warmem Gras, und manchmal hört man das entfernte Lachen einer Gruppe Erstsemester, die sich zum ersten Mal aufs Wasser wagen.

Moderne Kontraste

Nur wenige Schritte entfernt setzt das Museum of Modern Art mit zeitgenössischer Kunst einen spannenden Kontrast zur historischen Kulisse – ein Ort, an dem man nach all der Tradition wieder in der Gegenwart landet.

Bücher, Kuppeln und kluge Köpfe

Stolze Büsten umrahmen das Sheldonian Theatre.

Südlich der High Street erhebt sich die Radcliffe Camera mit ihrer Kuppel, Herzstück der legendären Bodleian Library. Mehr als sechs Millionen Bände machen sie zu einer der bedeutendsten Bibliotheken der Welt. Gleich in der Nähe zeigt das Sheldonian Theatre, ebenfalls von Wren, wie römische Inspiration in englische Eleganz übersetzt wird. Hier wälzten Persönlichkeiten wie Oscar Wilde, Stephen Hawking, Indira Gandhi oder Sir Walter Raleigh die Bücher. Ein Bibliothekar erzählte einmal schmunzelnd, Wilde habe angeblich mehr Zeit damit verbracht, die Architektur zu bewundern, als tatsächlich zu lesen.

Bühne der akademischen Rituale

Das Museum of Natural History ist unbedingt einen Besuch wert.

Ganz in der Nähe zeigt das Sheldonian Theatre, ebenfalls von Sir Christopher Wren, wie römische Inspiration in englische Eleganz übersetzt wird. Bei Graduierungsfeiern füllt sich der Saal mit Talaren, stolzen Eltern und dem Duft frischer Blumensträuße.

Colleges voller Charakter

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Äußerst prachtvoll ist die Fassade des All Souls Colleges in Oxford.

Das Merton College, gegründet 1264, gilt als architektonischer Prototyp aller späteren Colleges. Im dem Mob Quad, , einem der ältesten Innenhöfe Englands, scheint die Zeit stillzustehen; wer hier verweilt, meint fast das Rascheln mittelalterlicher Roben zu hören.

Das Queen’s College und das New College, von den beiden kongenialen Architekten Christopher Wren und Nicholas Hawksmoor neu gestaltet, beeindrucken mit barocker Eleganz, während das Magdalen College mit seinem hohen Glockenturm und der Magdalen Bridge zu den Wahrzeichen der Stadt zählt.

Oscar Wilde und andere Legenden

Zahlreiche namhafte Köpfe gehören zu den Absolventen der Oxford University.

Die Great Hall, mit dunkler Eichenvertäfelung und Porträts berühmter Alumni wie die Schriftsteller Oscar Wilde, ist ein Ort, an dem Geschichte greifbar wird. Ein ehemaliger Student erzählte einmal, Wilde sei angeblich jeden Morgen mit den Worten begrüßt worden: „Guten Tag, Mr. Wilde – was werden Sie heute nicht tun?“ Eine charmante Anspielung auf seine Abneigung gegen frühe Vorlesungen.

Politische Orientierung

Der Zugang zu geballtem Wissen zwischen zwei Buchdeckeln.

An der Broad Street treffen Traditionen auf Temperamente: das Balliol College gilt als links, das Trinity College als konservativ. Dazwischen funkelt das Ashmolean Museum als Schatzhaus mit Kunst und Antiken von Weltrang. Gegenüber überrascht der Hof von St. John’s, dem vermeintlich reichsten College, mit stiller Grandezza.

Oxfords romantischste Brücke

Die Bridge of Sighs markiert den bekanntesten Brückenschlag der Stadt.

Zwischen den Gebäuden des Hertford College verbindet die 1914 fertiggestellte Bridge of Sighs zwei Teile der Anlage über die New College Lane hinweg. Obwohl ihr Name an die berühmte Seufzerbrücke in Venedig erinnert, erfüllt sie in Oxford vor allem eine praktische Funktion: Sie ermöglicht Studierenden und Lehrenden einen wettergeschützten Übergang zwischen den Gebäuden

Oxfords charmantestes Abenteuer

Die Universität besteht aus 39 eigenständigen Colleges.

Dort, wo Wasser und Tradition ineinander übergehen, zeigt sich Oxford besonders lebendig: Die Christchurch Meadows sind der Ausgangspunkt für das Punten. Wer zum ersten Mal auf einem dieser flachen Holzboote steht, merkt schnell, dass Eleganz hier eher ein Ziel als ein Ausgangspunkt ist. Ein Student erzählte einmal lachend, er habe erst dann gewusst, dass er wirklich in Oxford angekommen sei, als er kopfüber im Cherwell gelandet sei.

Rudern – Herzschlag der Colleges

Der Rudersport genießt in Oxford traditionell einen hohen Stellenwert.

Aber Oxford ist nicht nur eine Stadt der Wissensvermittlung und Gelehrten, sondern auch eine Stadt der Boote. Die Rudertradition reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Das jährliche Boat Race gegen Cambridge ist ein nationales Ereignis, das Millionen verfolgen. Wochenlang herrscht in den Bootshäusern eine Mischung aus konzentrierter Stille und ehrgeizigem Eifer.

Chaos mit Tradition

Oxford ist für die Punting-Saison bestens gerüstet.

Noch eigenwilliger als das Boat Race sind die Bumps Races auf der Isis. Da der Fluss zu schmal für klassische Regatten ist, starten die Achter hintereinander. Ziel ist es, das Boot vor sich zu „bumpen“, also einzuholen und zu berühren. Wer hier gewinnt, schreibt Geschichte auf engstem Flussraum; ein Spektakel, das oft in einem wilden Durcheinander aus Wasserfontänen und Anfeuerungsrufen endet.

Pubs, die Geschichten erzählen

Alt-ehrwürdig muten die Speisesäle in einigen Colleges an.

Die Stadt ist gespickt mit urigen Tavernen, in denen Literaturgeschichte geschrieben wurde, Debatten entbrannten und so manche Anekdote ihren Anfang nahm. Berühmt als Treffpunkt der „Inklings“, jener literarischen Runde, zu der J. R. R. Tolkien und C. S. Lewis gehörten ist etwa das „The Eagle and Child“. Hier diskutierten sie über Hobbits, sprechende Löwen und die großen Fragen der Welt.

Schlips-Schwipps

Die Colleges verteilen sich kreuz und quer durch das Stadtgebiet.

Eine beliebte Anlaufstelle ist daneben mit dem Bear Inn einer der ältesten Pubs Oxfords, bekannt für seine Sammlung abgeschnittener Krawatten. Ja, richtig gelesen: Hunderte Krawattenstücke hängen an den Wänden – ein kurioses Archiv studentischer Eskapaden. Beliebt bei Studierenden und Professoren ist gleichermaßen auch das King’s Arms. Ein Ort, an dem akademische Diskussionen nahtlos in gesellige Abende übergehen. Die Lage direkt an der Bodleian Library macht das Pub zum perfekten Zwischenstopp.

Auf den zweiten Blick

Immer wieder eröffnen sich prächtige Blickachsen.

Oxford steckt voller Überraschungen, die sich abseits der großen Sehenswürdigkeiten verbergen. Die Covered Market Hall beispielsweise ist ein Paradies für Genießer: frische Backwaren, handgemachte Pralinen, lokale Spezialitäten und kleine Boutiquen. Ein Ort, an dem man sich treiben lassen kann – und sollte.

Goldene Abende

Elegant und gepflegt gibt sich das Christ Church College.

Und dann wären da noch die vielen kleinen Buchhandlungen, die nach ungestilltem Wissensdurst duften, die geheimen Gärten hinter schweren Holztoren und die Colleges, die bei Sonnenuntergang in goldenes Licht getaucht werden. Wenn die Schatten länger werden und die Glocken der Colleges den Abend einläuten, legt sich eine besondere Ruhe über die Stadt. In solchen Momenten versteht man, warum Oxford so viele kluge Köpfe hervorgebracht hat – und warum sie jeden, der einmal hier war, nie ganz loslässt. Weitere Informationen unter www.oxford.gov.uk.

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Buchtipp für Freunde britischer Lebensart

TimeObwohl der Titel von Time for tea, sex and fun auf Englisch ist, wirft das amüsante wie lehrreiche Buch auf Deutsch mit viel Esprit einen liebenswerten Blick auf unsere englischen, schottischen und walisischen Freunde.

Demnach ist klar, dass es alle Arten von Briten gibt – große und kleine, hübsche und hässliche, dicke und dünne, freundliche und aggressive. Einige haben blonde Haare, einige braune, einige schwarze oder graue. Einige gar keine. Besonders in sonnigen Gefilden ist der ansonsten eher nordisch-blasse Brite daran zu erkennen, dass er nach einem Sonnenband wie ein abgebrühter Hummer aussieht, sich aber nichtsdestotrotz lustig weiter Tag für Tag in die pralle Sonne legt.

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Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.