Kommern – Zeitreise am Rande der Eifel

Kommern
Prachtvolle Fachwerkhäuser finden sich im Freilichtmuseum in Kommern. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Vor den Beginn der Zeitreise haben die Götter den Schweiß gestellt. Ein Umstand, der im Wesentlichen der Topgrafie der nördlichen Eifel geschuldet ist. Über eine steile Serpentine führt der beschwerliche Weg vom Parkplatz hinauf zum Eingangsbereich des faszinierenden LVR-Freilichtmuseums Kommern vor den Toren von Mechernich. Doch damit ist es noch nicht getan. Wer die gut 80 historischen Gebäude in Augenschein nehmen möchte, muss im wahrsten Sinne weite Teile eines fast 95 Hektar großen Areals erlaufen.

Kommern
Die Häuserensemble verteilen sich auf fünf Museumsteile. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Wie bergig dieser Teil der Eifel ist, wird schon beim Gang hinauf zum liebevoll errichten Dorf aus dem Westerwald beziehungsweise der Mittelrhein-Region deutlich. Mit jedem Schritt über das unbequeme Kopfsteinpflaster kommt man der Zeitreise durch 500 Jahre Siedlungsgeschichte näher. Zwischen Fachwerk, Feld und Federvieh wird Geschichte nicht schlicht ausgestellt, sondern inszeniert.

Fünfgeteilte Museumslandschaft

Zahlreiche Originalgegenstände sind im Museum ausgestellt. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Dabei gliedert sich das Museum in fünf Teile, die jeweils eine Region des historischen Rheinlandes repräsentieren: Eifel, Niederrhein, Bergisches Land, Westerwald und der Marktplatz Rheinland. Letzterer widmet sich der jüngeren Vergangenheit – der Zeit nach 1945 – und überrascht mit einem Quelle-Fertighaus, einer Milchbar und dem Flair der Wirtschaftswunderjahre.

Hier und da wirkt es, als seien die Hausbewohner nur kurz raus … – Foto: Karsten-Thilo Raab

Die übrigen Baugruppen führen durch bäuerliche Lebenswelten, in denen Fachwerkhäuser, Scheunen, Backhäuser und Dorfschulen originalgetreu wiederaufgebaut wurden. Die Gebäude wurden an ihren Ursprungsorten demontiert und in Kommern Stein für Stein rekonstruiert – ein architektonisches Puzzle mit historischem Anspruch.

Kommern
Idyllischer lässt sich eine Zeitreise kaum in Szene setzen. – Foto: Karsten-Thilo Raab

Zwischen Äckern, Bauerngärten, Obstwiesen und eindrucksvollen historischen Bauten wird schnell klar: Früher war nicht alles besser, aber definitiv langsamer. Die Häuser ducken sich unter Reet und Schiefer, als wollten sie sich vor der Gegenwart verstecken. Drinnen: Küchen ohne Induktion, Betten ohne Boxspring, Leben ohne WLAN. Und doch wirkt nichts museal – eher wie ein Dorf, das vergessen hat, dass es ein Museum ist.

Wo die Vergangenheit lebendig wird

Kommern
Alte Handwerkskunst wird in Kommern anschaulich demonstriert. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

In den historischen Werkstätten wird geschmiedet, gesponnen und gebacken. Interessierte können dem Handwerk über die Schulter schauen. Noch fesselnder sind die Begegnungen mit den historischen Figuren, die in Kommern immer wieder anzutreffen sind. Dabei schlüpfen nicht nur Museumsmitarbeiter in die Rolle von Zeitgenossen aus längst vergangenen Tagen, sondern leben deren Leben vor. Quasi eine Art gespielte Geschichte zum Anfassen, bei der Bäuerinnen, Drechsler, Hauswirtschafterinnen oder Schmiede den Besucher in ihren Erzählungen mit auf eine Zeitreise in das Gestern nimmt.

Kommern
Auch eine beeindruckende Windmühle fehlt nicht. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Eine weitere Besonderheit in Kommern: Die überwiegend frei umherlaufenden Tiere sind hier keine Kulisse, sondern Teil des Konzepts: Sie beleben die Szenerie und vermitteln, wie eng das Leben früher mit der Landwirtschaft verwoben war. So finden sich sehr zur Freude kleiner Weltentdecker zutrauliche Schafe, Ziegen, Kühe, Esel und Hühner.

Zwischen Sägemühle und Bockwindmühle

Das einstige Wohnhaus der Familie Mannesmann. – Foto: Karsten-Thilo Raab

Zu den markantesten Bauwerken in Kommern zählt fraglos das einstige Wohnhaus der Industriellenfamilie Mannesmann aus Bliedinghausen, während sich am „Niederrhein“ neben einem sehenswerten Korbmacherhaus auch eine historische Bockwindmühle findet. Und in der „Eifel“ sorgen neben einer Reihe von Gehöften und Bauernhäusern eine Zehntscheune, eine Sägemühle sowie eine historische Kapelle für eine Bilderbuchkulisse und vermitteln einen lehrreichen Einblick in das Wohnen und Wirtschaften der Landbevölkerung seit dem Ende des 15. Jahrhunderts.

Beim Wiederaufbau in Kommern wurde sogar der ursprüngliche Wassergraben mit angelegt. – Foto: Karsten-Thilo Raab

Wie begeisternd die Zeitreise durch das zweitgrößte deutsche Freilichtmuseum auch mehr als sechs Jahrzehnte nach der Eröffnung im Jahre 1961 ist, zeigt ein Blick auf die Besucherzahlen. Bis zu 250.000 Gäste stimmen jährlich mit den Füßen ab. Und viele von ihnen kommen wieder. Auch weil in Kommern noch Dutzende historische Gebäude eingelagert sind und darauf warten, in dem Museum errichtet zu werden. Weitere Informationen unter www.kommern.lvr.de

Für geschichtlich Interessierte gibt es in Kommen viel zu entdecken. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

*****

Buchtipp: Lost & Dark Places Ruhrgebiet

Bei Lost & Dark Places Ruhrgebiet denkt man sofort an das reiche Erbe der Industriekultur: Zeche Zollverein oder den Landschaftspark Duisburg-Nord. Doch nicht nur die einstigen Bergwerke und Hochöfen wissen Geschichte und Geschichten zu erzählen. Spannend sind auch die tatsächlich vergessenen oder verschwiegenen Zeugen früherer Epochen: die Überreste einer alten Nazi-Autobahn, ein einstiger Fliegerhorst, eine vergessene Flussbadeanstalt, …

„Das Buch öffnet sicher einen ganz anderen Blick auf das Ruhrgebiet und zeigt ein Gesicht der Region, das bislang nur sehr wenigen bekannt ist. Zudem zeigt das Buch, dass sich hinter mancher Ruine, hinter mancher Schrottimmobilie überaus spannende Geschichten verbergen. Ob es einen Folgeband geben wird, vermag ich nicht abzuschätzen. Das Potential für ein zweites Buch ist fraglos vorhanden. Einige Orte, die ich besucht habe, sind aus Platzgründen nicht ins Buch aufgenommen. Teil des Ansatzes war es, Lost Places in möglichst vielen Teilen des Ruhrgebietes mit aufzunehmen.“ erklärt Autor Karsten-Thilo Raab augenzwinkernd.

Karsten-Thilo Raab berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen gemacht als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführer sowie Bildbänden.

Pressestimmen: “Mit “Lost & Dark Places” lässt sich eine ganz besondere Seite des Ruhrgebiets entdecken.” ― Ruhr Nachrichten

Erhältlich ist Lost & Dark Places Ruhrgebiet (ISBN: 9783734320477) von Karsten-Thilo Raab für 22,99 Euro im Buchhandel, zum Beispiel bei Amazon oder direkt beim Bruckmann Verlag.

Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.