Kampanien – wo Italien noch Italien ist

Ein herrliches Stück begehbarer Geschichte: die Tempel von Paestum. (Foto Paul-Georg Meister/Pixelio)
Ein herrliches Stück begehbarer Geschichte: die Tempel von Paestum. (Foto Paul-Georg Meister/Pixelio)

Vermutlich hat Pater Antonio die schwere Eichentür seiner Kirche ganz bewusst offen gelassen. Damit die Gesänge der Gemeinde und seine Predigt nach draußen dringen. Denn an diesem Abend sind nur wenige Schäfchen seiner Herde zur Heiligen Messe erschienen. Das ganze Dorf ist beschäftigt. Mit den Vorbereitungen für ein großes Fest, das in knapp einer Stunde beginnen und drei Tage dauern soll: die Fiera de San Francesco, die Feier zu Ehren des Heiligen Franziskus, der Namenspatron für die Dorfkirche.

Paestum, von den Griechen gegründet, ist mehr als 2.500 Jahre alt. (Foto Paul-Georg Meister/Pixelio)

Ich sitze auf der Dorfmauer von Rocca Cilento, einem malerischen Bergnest im Herzen des Cilento. Während in meinem Rücken die Sonne langsam hinter den Hügeln versinkt, und ihre letzten Strahlen des Tages die Weinberge, Kastanienwälder und Olivenhaine in sanftes Licht tauchen, spielt sich vor mir reges Treiben ab.

Frauen marschieren mit Wassereimern und Schrubber bewaffnet die Kopfstein gepflasterte Dorfstraße in Richtung Burgruine hoch. Sie wollen den zum Partyraum umfunktionierten Gemeindesaal nochmal kurz frischmachen. Halbwüchsige Kinder passen derweil auf die jüngeren Geschwister auf, spielen mit ihnen. Eine Gruppe junger Männer klappt die Motorhaube eines neuen Alfa zu. Es wird allmählich Zeit für sie, das Feld zu räumen.

Und jeder, der bei mir vorbeikommt, grüßt mich freundlich. So, als würde ich bereits seit Jahren zur Dorfgemeinschaft gehören. Ich fühle mich sehr willkommen, fast schon eingebürgert in Rocca Cilento.

Mir gegenüber öffnet jetzt eine Kasse, provisorisch untergebracht in einem weiß getünchten Lagerraum. Ein Tisch, ein Stuhl, eine Metallkassette mit Kleingeld, bedruckte Zettel, fertig. Clever gemacht. Hier sucht man sich aus, was man essen und trinken möchte, bezahlt, bekommt entsprechende und holt sich an verschiedenen Tresen das Gewünschte: Fusilli, eine Nudelspezialität aus der Region, einen herzhaften Eintopf mit Ziegenfleisch und natürlich Bier oder Wein. Alles jeweils für ein paar Euro.

Keine Frage der Cliento weiß mit faszinierenden An- und Ausblicken zu begeistern. (Foto ENIT)
Keine Frage der Cliento weiß mit faszinierenden An- und Ausblicken zu begeistern. (Foto ENIT)

Gleich neben der Kasse hat ein grauhaariger Mann einen Stand eröffnet. Mit Büchern. Was mir ins Auge sticht, ist das handgeschriebene Plakat: „Auch in deutscher Sprache!“ Tatsächlich. Der Autor Lucio Isabella, ein ehemaliger Bauer, Blumenzüchter und Bauhandwerker, der sich selbst gern als Rebell bezeichnet, hat wohl an die 20 Romane veröffentlicht.

Agropoli gehört zu den beliebtesten Badeorten der Region. (Foto ENIT)
Agropoli gehört zu den beliebtesten Badeorten der Region. (Foto ENIT)

Ich kaufe den Titel „Die Kinder der Gastarbeiter“. Für zehn Euro. Soviel ist immerhin schon die Widmung wert, die „Il Ribelle“ mir vorn hineinschreibt: „con estimo“ – mit Wertschätzung. Das Buch selbst ist eine einzige Liebeserklärung an den Cilento. Die man verstehen kann, wenn man die Gegend etwas näher kennengelernt hat.

Inzwischen sind die kirchlichen Lieder aus der offenen Eichentür verstummt. Pater Antonio prozessiert mit seiner Herde die steile Dorfstraße hoch zum Festsaal. Im Gefolge eine Gruppe von Akkordeonspielern, die offenbar bekannte Weisen zum Besten gibt. Die Musiker sind schnell umringt. Man singt mit, wiegt sich im Takt und lacht.

Nun kommt Mattia leichten Fußes den Berg hoch. Der gelernte Koch hat sich gerade nach vielen Jahren in der Schweizer Gastronomie mit einer kleinen Tourismus-Agentur selbständig gemacht. „Kampanien erleben“ heißt sie. Und genau das verdanke ich der Einladung von Mattia DiNardo: Ich erlebe Kampanien, speziell den ursprünglichen Cilento – wo Italien noch Italien ist.

Wortreich entschuldigt sich Mattia für seine Verspätung. Aber eine frisch aus Deutschland eingetroffene Schulklasse benötigte dringend seine Hilfe. „Der Lehrer möchte, dass ich die Gruppe nach Amalfi führe“, sagt Mattia. „Aber die sind in einem zwölf Meter langen Bus unterwegs. Damit kommen sie dort gar nicht um die Kurven. Zehn Meter sind gerade noch okay, zwölf Meter nicht!“ Mattia konnte das Problem lösen. Irgendwas geht immer …

Auch an prächtigen Sandstränden mangelt es in Kampanien nicht. (Foto ENIT)
Auch an prächtigen Sandstränden mangelt es in Kampanien nicht. (Foto ENIT)

Beim Bier und den äußerst leckeren Fusilli treffen wir Paolo. Der Dachdeckermeister und Filialleiter einer Bank – diese Kombination muss man sich mal in Deutschland vorstellen! – ist unser Gastgeber. Gemeinsam mit Ehefrau Concetta hat Paolo hier in Rocca Cilento ein altes Kloster ebenso liebevoll wie stilsicher zu einem zauberhaften Hotel umgebaut: das
Antico Convento. Zusammen haben wir drei an diesem Abend viel Spaß.

Traumhafte Dörfer schmiegen sich in die Bergwelt Kampaniens. (Foto ENIT)
Traumhafte Dörfer schmiegen sich in die Bergwelt Kampaniens. (Foto ENIT)

Am nächsten Tag zeigt mir dann Mattia seine Heimat, die er so sehr liebt – den Cilento. Wir beginnen unsere Rundreise in Paestum. Ein bemerkenswerter Ort. Etwa 600 Jahre vor Christus wurde er von den Griechen gegründet, hieß damals noch Poseidonia, zu  Ehren des Meeresgottes Poseidon. Die Griechen schufen Wohlstand und eindrucksvolle Tempelanlagen. Drei davon sind in Paestum relativ gut erhalten. Es ist heute das größte komplette Ensemble antiker griechischer Tempel überhaupt.

Ja, da habe ich gestaunt, als mir Angelo Petillo das erzählte. Mit dem diplomierten Fremdenführer durch das Archäologische Museum von Paestum zu gehen, ist lebendigster Geschichtsunterricht. Von Angelo erfahre ich, dass die Stadt ihren lateinischen Namen so um 300 vor Christus bekam, unter römischer Herrschaft.

Aber mit Angelo und Mattia wandele ich nicht nur auf den Spuren der Griechen und Römer, sondern auch auf deutschen. Denn unser Dichterfürst Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) war auch schon mal hier, beschrieb den Ort im Rahmen seiner italienischen Reise.

Entspannung pur: Angeln im Sonnenuntergang in Kampanien. (Foto ENIT)
Entspannung pur: Angeln im Sonnenuntergang in Kampanien. (Foto ENIT)

Zurück in die Gegenwart. Denn auch heute lässt Kampanien das Entdeckerherz höher schlagen. Der Nationalpark Cilento liegt bei Paestum gleich vor der Tür. Und ist so beeindruckend, dass die UNESCO ihn als schützenswertes Welterbe einstufte In der hügeligen Landschaft mit ihren Wäldern, Olivenhainen und Flusstälern tummeln sich vom Aussterben bedrohte Steinadler und Wölfe, Wildkatzen und Fischotter.

Sowie echte Wasserbüffel, inzwischen domestiziert. Und die liefern mit ihrer Milch den Rohstoff für eine Delikatesse: Mozzarella di bufala. Die hat es sogar Prince Charles angetan. So sehr, dass ab und zu im königlichen Auftrag in Paestum ein Hubschrauber landet und Büffel-Mozzarella einlädt. Als Hoflieferant sozusagen.

Bekannt ist Kampanien für seine Wasserbüffel und die Mozzarella, die aus ihrer Milch hergestellt wird. (Foto ENIT)
Bekannt ist Kampanien für seine Wasserbüffel und die Mozzarella, die aus ihrer Milch hergestellt wird. (Foto ENIT)

Infos: Italienische Zentrale für Tourismus ENIT, Neue Mainzer Str. 26, 60311 Frankfurt/Main, Telefon 069-23 74 34, www.enit.de

Beste Reisezeit: Von Ende April  bis Anfang November ist Badesaison. In den Sommermonaten machen viele Italiener an der Küste Kampanens Urlaub. Ab September wird es ruhiger, bei angenehmen Luft- und Wassertemperaturen.

Klima: Mittelmeerklima mit heißen Sommern und milden Wintern. Doch selbst die heißen Sommermonaten Juli und August lassen sich durch den Wind aus den Bergen gut aushalten.

Restaurants: „Nonna Sceppa“ in der Nähe der Tempelanlagen von Paestum. Hier werden traditionelle Gerichte der Region serviert.

Wie überall in Italien sind auch im Cliento frische Teigwaren ein Genuss. (Foto ENIT)
Wie überall in Italien sind auch im Cliento frische Teigwaren ein Genuss. (Foto ENIT)

Sehenswert: Die Hauptattraktion sind zweifelsohne die Ausgrabungsstätte der griechischen Stadt aus dem 6. Jh. vor Chr. Zu besichtigen sind Reste von drei Tempeln, des Amphitheaters, einer Agora und ein Forum sowie Teile der Festungsmauer. Der Nationalpark Cilento beginnt gleich vor der Tür. Es gibt eine Vielzahl von Meeresgrotten, in die man mit einem Boot fahren kann. Die Amalfi-Küste ist mit dem Auto in einer halben Stunde zu erreichen. Hier gibt es viele lebhafte Badeorte sowie die Grotta di Smeralda (ähnlich der Blauen Grotte, nur etwas kleiner).

Unbedingt machen: Agropoli am Abend besuchen. Die Beleuchtung sorgt für ein fast romantisches Ambiente. Einen Bootsausflug einplanen.


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