Beloeil – ein Stück Rokoko im Belgiens Kohlenpott

Es gibt Regionen und Städte, die trotz aller Reize nur wenig bekannt sind. Zu diesen weitgehend unbeachteten Stücken Europas zählt fraglos der Hennegau. Die französischsprachige Provinz im Südwesten Belgiens fristet ein wenig ein Mauerblümchendasein, obwohl dieser Teil der Wallonie fraglos anderes verdient hätte. Die einstige Montanregion hat vergleichbar dem Ruhrgebiet einen gewaltigen Strukturwandel durchlebt. Längst bestimmen weder Zechen noch qualmende Schornsteine das Landschaftsbild. Stattdessen kann Hainut, so der französische Name für den Hennegau, mit ganz besonderen Pfunden wuchern: Von den dreizehn Bauwerken, Einrichtungen und Landstrichen Belgiens, die von der UNESCO zum Weltkulturerbe erhoben wurden, befinden sich nicht weniger als neun in der Region rund um die charmanten Städte Mons und Tournai. Dazu zählen die Belfriede von Mons, Thuin und Tournai, das Feuerstein-Bergwerk in Spiennes, die Kathedrale von Tournai sowie die vier hydraulischen Schiffshebewerke am Canal du Centre. Kein Welterbe, aber durchaus mit einem Weltruf gesegnet, sind das Prunkschloss und die Gärten von Beloeil, die einen faszinierenden Einblick in die Welt der Schönen, Reichen und Adeligen vermittelt.

Das prächtige Wasserschloss, das sich seit 1394 im Besitz der Fürsten von Ligne befindet, verdankt seinen Beinamen „Versailles des Nordens“ seinem grandiosen Barockgarten. Zudem umgibt das durch einen englischen Landschaftspark komplettierte Anwesen bis heute die Aura des, wie sein Zeitgenosse, der französische Dramatiker und Aufklärer Voltaire einmal konstatierte, „liebenswürdigsten Menschen Europas“. Gemeint ist der Prince Charles-Joseph de Ligne (1735-1814), der sich als einer der größten Bonvivants des Rokoko-Zeitalters mit Hingabe gutem Essen und den angenehmen Seiten des Lebens widmete, aber auch durch seinen gepflegten Umgang mit seinen Mitmenschen, durch elegantes Auftreten, Charme und Großzügigkeit bestach.

Als exzellenter Gesellschafter und Charmeur von internationalem Ruf umgab er sich den schillernden Figuren seiner Zeit. Der Bogen seiner namhaften Freunde und Wegbegleiter spannt sich von Marie-Antoinette und Zarin Katharina II. über besagten Voltaire und Casanova bis hin zu Fürst Potemkin und Rousseau. Und während der Fürst selber dank seiner Kontakte und namhaften Freunde Eingang in manches Geschichtsbuch fand, entwickelte der Lebemann mit der Schwäche für Rosa eine große Liebe für Bücher und trug eine der bedeutendsten Sammlungen seiner Zeit zusammen. Nicht weniger als 20.000, zumeist wertvolle Erstausgaben zählt die stattliche Bibliothek des Schlosses von Beloeil. Darunter Raritäten wie das persönliche Gebetbuch Marie-Antoinettes. Es wurde ihr dereinst von Ludwig XV. geschenkt und sie hat es bis zu ihrer Hinrichtung bei sich getragen. Nun steht es noch immer unter den anderen, allesamt in rotem Maroquin-Leder gebundenen und mit Wappen derer von Ligne geschmückten Büchern aus dem 18. Jahrhundert.

Dass dieser Schatz heute überhaupt noch zu bewundern ist, verdankt das Schloss den unerschrockenen und mutigen Bürgern von Beloeil. Denn als das Schloss im Jahre 1906 hellauf in Flammen stand und all sein Inventar zu verbrennen drohte, da kamen die Bauern und einfachen Menschen aus der heute 14.000 Seelen zählenden Gemeinde herbeigelaufen, um die Kostbarkeiten zu retten. Obwohl der Prince de Ligne gut ein Jahrhundert zuvor das Zeitliche gesegnet hatte, blieb sein legendäre Liebenswürdigkeit hier unvergessen. Wohl auch, weil der Lebemann nicht nur den Adeligen und Persönlichkeiten seiner Zeit, sondern auch dem einfachen Volk stets mit Charme und Höflichkeit begegnet sein soll. Und so überrascht es wenig, dass dank des beherzten Eingreifens der Menschen von Beloeil nicht ein einziges kleines Bändchen aus der berühmten Bibliothek verloren ging.

Aber der Prince de Ligne ist nicht nur in Büchern lebendig geblieben. Beim Gang durch die wie ehedem eingerichteten Salons und Appartements von Schloss Beloeil ist er irgendwie allgegenwärtig. Rosa hier, rosa dort, dazwischen Souvenirs aus aller Herren Länder wie etwa der zusammenklappbare Schreibtisch, den Friedrich der Große eigens für den belgischen Weltenbürger anfertigen ließ. Daneben nennt das Prachtschloss eine wertvolle Sammlung an Möbeln und Kunstgegenständen – darunter Geschenke und Erinnerungen an Peter den Großen, Marie Antoinette und Katharina die Große – sein Eigen.

Nicht von ungefähr hat sich zudem der ebenso strenge wie prunkvolle Barockgarten des Schlosses den Ehrentitel eines „belgischen Versailles“ erworben. In den letzten Jahren ist er mit viel Sorgfalt wieder in seine ursprüngliche Gestalt versetzt worden. Nicht minder prächtig gestaltet sich zudem der vom Prince de Ligne selbst entworfene englische Landschaftsgarten auf der anderen Seite des Schlosses. Als Charles-Joseph de Ligne schließlich von Napoleons Truppen vertrieben wurde und seinen geliebten Garten und Schloss zwangsweise in seiner rosafarbenen Kutsche für immer den Rücken kehrte, soll sich sogar das sonst stets „rosafarbene Gemüt“ des Bonvivant verdunkelt haben. Die glücklichen, sorglosen Zeiten des Rokoko waren damit in Beloeil endgültig vorbei, auch wenn sie beim Besuch des Schlosses irgendwie auf Schritt und Tritt wieder lebendig werden.

Allgemeine Informationen: Belgien-Tourismus Wallonie-Brüssel, Cäcilienstraße 46, 50667 Köln, Telefon 0221-277590, Fax 0221-27759100, www.belgien-tourismus.net

Informationen: Château de Beloeil, Rue du Château 11, B-7970 Beloeil, Telefon 0032-(0)69-689426, www.chateaudebeloeil.com

Eintritt: Der Eintritt für den Besuch des Schlosses und der Gärten beträgt 8 Euro, ermäßigt 4 Euro. Der Eintritt für die Gärten beträgt 4 Euro, ermäßigt 2 Euro.

Öffnungszeiten: Im April, Mai, Juni und September sind Schloss und Gärten nur an Wochenenden und Feiertagen von 13 bis 18 Uhr geöffnet, im Juli und August täglich.

Anreise: Das Hennegau liegt im westlichen Teil der Wallonie unweit der französischen Grenze und kann mit dem Auto über die Europastraße Lüttich – Paris (E42) bequem erreicht werden. Von Brüssel und Lüttich gibt es zudem Zugverbindungen nach Mons und Tournai. Die nächstgelegenen Flughäfen sind Charleroi sowie Lesquin (Frankreich).

Restaurants: L´Oliver, 19 Quai Notre-Dame, B-7500 Tournai, Telefon 0032-(0)69-843473, Fax 0032-(0)69-210918

Le Petit Cellier, Grand-Rue 88, B-7170 Manage, Telefon 0032-(0)64-555969

Unterkunft: St. James Hotel, Place de Flandre 8, B-7000 Mons, Telefon 0032-(0)65-724824, Fax 0032-(0)65-724811

Hotel Alcantara, Rue des Bouchers St-Jacques 2, B-7500 Tournai, Telefon 0032-(0)69-212648, Fax 0032-(0)69-212824,

Weiterführende Informationen: www.hainut.be, www.visithainaut.be