Urk oder Inselgefühle auf dem Festland

Urk
Das kleine Urk war einst eine Insel und liegt nun auf dem Festland. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Jahrhundertelang lag das niederländische Urk als kleine Insel in der bisweilen stürmischen Zuiderzee. Fischer lebten vom Meer, trotzten Wind und Wellen und entwickelten eine enge Gemeinschaft, die bis heute das Selbstverständnis der 22.000-Seelen-Gemeinde prägt. Erst mit dem Bau des Afsluitdijks im Jahr 1932 wurde aus der offenen Meeresbucht das heutige IJsselmeer. Wenige Jahre später verband die Trockenlegung des Noordoostpolders die Insel dauerhaft mit dem Festland. Geografisch verschwand Urks Insellage – emotional ist sie bis heute geblieben.

Zwischen Ginkies und Geschichte

Das Museum Het Oude Raadhuis arbeitet die Geschichte des Örtchens auf. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Das Herz des Ortes schlägt im alten Dorfkern. Hier verlaufen die „Ginkies“, jene schmalen, verwinkelten Gassen, die entstanden, als auf der kleinen Insel jeder freie Meter kostbar war. Weiße Fassaden, gepflegte Vorgärten und historische Häuser schmiegen sich eng aneinander. Viele Häuser stammen aus dem 18. und 19. Jahrhundert und stehen heute unter Denkmalschutz. Hinter jeder Ecke öffnet sich ein neuer Blick auf den Hafen oder das Wasser. Zu den wenigen Landmarken gehören die kleine „Kerkje aan Zee“ (Kirche am Meer) und das Museum „Het oude Raadhuis“ im alten Rathaus, das vom Leben in Urk in längst vergangenen Zeiten erzählt.

Leuchtturm und Hafenkade

Der Hafen ist bis heute die wichtigste Lebensader von Urk. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Das unverkennbare Wahrzeichen von Urk ist der 18 Meter hohe Leuchtturm, der seit 1845 den Schiffen den Weg weist. Bereits ab 1617 brannte an dieser Stelle ein Kohlefeuer, das den Fischern aus Urk und den Schiffen auf ihrem Weg nach Amsterdam als Orientierung diente. Heute ist das Leuchtfeuer zwar weniger wichtig geworden, doch der Turm bietet nach wie vor einen herrlichen Blick über das IJsselmeer und das Fischerdorf.

Der Rhythmus der Fischer

Alte Fischerhäuschen ducken sich in den Gassen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Am Fuße des Leuchtturms erstreckt sich die belebte Hafenkade, wo die Fischerboote ein- und auslaufen. Der Duft von frisch geräuchertem Aal, Matjes, Kabeljau oder Scholle liegt in der Luft. Der Hafen zählt noch immer zu den bedeutenden Zentren der niederländischen Fischwirtschaft. Moderne Fangmethoden, internationale Vermarktung und traditionsreiche Familienbetriebe prägen das Bild ebenso wie die kleinen Fischgeschäfte entlang der Kaikante.

Natur mit Weitblick

Nicht wenige Häuser haben mehr als 100 Jahre auf dem Buckel. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Rund um Urk öffnet sich die Landschaft des Noordoostpolders. Gerade Straßen schneiden durch weite Felder, Radwege führen entlang der Deiche, und hinter jeder Kurve scheint das IJsselmeer den Horizont neu zu zeichnen. Segelboote gleiten gemächlich über das Wasser, Möwen begleiten Spaziergänger entlang der Promenade, und mit etwas Glück färbt die untergehende Sonne den Himmel in jene intensiven Farben, für die das niederländische Licht seit Jahrhunderten Maler inspiriert.

Der Ommelebommelestien

Urk
Die maritime Vergangenheit ist in Urk allgegenwärtig. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Geprägt wird das Leben in Urk zudem von einer Legende, die sich bis heute um den Ort rankt: Während anderswo der Storch die Babys bringt, kommen sie hier vom Ommelebommelestein. Der eiszeitliche Findling direkt vor der Küste gilt als Geburtsort aller Urker Kinder. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit in knapp 70 Metern vom Ufer, hier eine Geburt mitzuerleben eher gering sein dürfte, ist der sagenumwobene Felsblock zumindest bei Niedrigwasser sichtbar.

Am Hafen präsentieren die Fischer morgens ihren Fang. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.