
Zeit spielt für die Schweizer Uhrenstadt Biel eine elementare Rolle. Und Zeit sollte man sich nehmen, um diese als Ausflugsziel oft unterschätzte und sehenswerte Stadt am Bieler See am Fuße des Jura kennenzulernen. Zeit für Biel – für weltberühmte Uhren, für außergewöhnliche Landschaft und Architektur, für Wein, Genuss und Begegnungen.
Biel offenbart sich nicht auf den ersten Blick. Biel will entdeckt werden. Und wer sich Zeit nimmt, wird belohnt. Biel ist die größte zweisprachige Stadt der Schweiz. Ihre sprachliche Doppelidentität zwischen Deutsch und Französisch prägt nicht nur den Alltag, sondern auch die Atmosphäre der Stadt: offen, lebendig und erfrischend vielseitig. Als eines der weltweit wichtigsten Zentren der Uhrenindustrie ist Biel Sitz weltberühmter Marken wie Omega, Rolex oder Swatch. Aber Biel hat viel mehr zu bieten als das.
Außergewöhnliche Altstadt

Anders als in vielen Schweizer Seenstädten liegt die Altstadt in Biel nicht direkt am Wasser. Da das Seeufer historisch Sumpfgebiet war, expandierte die Stadt erst spät zum See hin. Zwischen historischen Brunnen, Fachwerkbauten und schmalen Gassen scheint die Zeit hier stehen geblieben zu sein. Jahrhundertealte Sandsteinfassaden und Kopfsteinpflaster prägen das Altstadtbild. Baudenkmäler wie die Stadtkirche St. Benedikt (erbaut zwischen 1451 und 1470), das Rathaus (1530) oder das Zunfthaus zu Waldleuten (ca. 1493) zeugen von einer traditionsreichen Vergangenheit.

Heute befinden sich in der Bieler Altstadt hauptsächlich kleine Handwerks- und Kunsthandwerksbetriebe. In kleinen Werkstätten arbeiten Schreiner, Uhrmacher, Goldschmiede, Instrumentenbauer, Käser oder Winzer. Hinsichtlich des gastronomischen Angebots reiht sich hier nicht in unerwünschter Überfülle wie in manch‘ anderer Altstadt Restaurant an Restaurant, Imbiss an Imbiss, sondern es gibt eine angenehm überschaubare, ansprechende Anzahl an Einkehrmöglichkeiten. Ihr ursprünglicher Charme macht das Besondere der Bieler Altstadt aus. Hier wird noch wirklich gearbeitet und nicht inszeniert. Sie ist kein Ort zahlloser Souvenirshops oder überfüllter Touristenattraktionen. Sondern eine authentische historische Altstadt mit eindrücklichem Flair, bemerkenswert anders.
Zwischen Bauhaus und Belle Epoque

Biel ist eine unerschöpfliche architektonische Fundgrube. Das erleben wir auf einer Architekturführung durch die Stadt. Zwischen Jugendstil, Gründerzeit und funktionalistischer Moderne entstand ein Stadtbild, das sich jeder einfachen Einordnung entzieht. Expertin Cristien leitet die Führung und gibt uns Einblicke in Biels mannigfaltige architektonische Landschaften. Um die Bahnhofstrasse und den Zentralplatz beispielsweise erstreckt sich eine in dieser Konzentration seltene große zusammenhängenden Gebäudeansammlung aus den 1920er- und 30er-Jahren im Bauhaus- und internationalen Stil. Fassaden aus hellem Jurastein prägen das Bild.

Im nördlichen Biel wiederum bestimmen Häuser aus Gründerzeit, Jugendstil und Belle-Epoque das Stadtbild. Auch Art déco, Neues Bauen, Neoklassizismus haben in Biel ihre architektonischen Vertreter.
Kongresshaus mit Schwimmbecken
Das 1966 eröffnete Kongresshaus mit seinem einst größten Hängedach Europas ist ein bauliches Wahrzeichen Biels. Es wirkt auf uns zunächst wie ein Betonblock. Getreu ihres Leitsatzes: „Man muss manchmal ein Gebäude betreten, um dessen Geist zu erleben“ zeigt uns Expertin Cristien im Innern des Gebäudes eine Besonderheit: Ein in das Gebäude integriertes 25-Meter-Schwimmbecken. Dieses, als architektonisches Gestaltungselement und gleichzeitig als Hallenbad entworfen, ist heute Teil einer Wellness- und Fitnessanlage.

Sie fallen Bieler Besuchern sofort auf: die gut erhaltenen, aus den 1930er Jahren stammenden Tramwartehäuschen, die sogenannten „Pilze“. Sie sind über die ganze Stadt verteilt. Viele dienen noch heute als Buswartehäuschen oder einfach als Treffpunkt. Besonders auffällige finden sich am Zentralplatz und Juraplatz. Empfehlung: Unbedingt eine geführte Architektur-Tour von Tourismus Biel mitmachen, um sich die architektonische Vielfalt von Biel zu erschließen.
Uhrengeschichte für alle

Die „Cité du Temps“ ist eines der markantesten modernen Gebäude der Schweiz und verbindet den Swatch- mit dem Omega-Campus. Sie beherbergt unter ihrem Dach u. a. auch zwei Uhrenmuseen mit mehreren tausend Swatch- und Omega-Uhren: darunter wertvolle, kultige, seltene.

Das stylishe Omega Museum präsentiert 170 Jahre klassische Uhrengeschichte nebst Raumfahrt- und Sportzeitmessung. Highlights sind ikonische Modelle wie die Omega Speedmaster, die am Handgelenk von Buzz Aldrin als erste Uhr den Mond erreichte oder die James-Bond-Uhren.
Ein farbenfroher, bunter Kontrapunkt zur exklusiven Welt des Omega-Uhren ist das verspielte Swatch-Museum mit seinen farbigen Modellen aus Pop- Design- und Alltagskultur. Ungefähr 5000 verschiedene Modelle sind ausgestellt, insgesamt gibt es ca. 17000. Ein Besuch lohnt sich. Der Eintritt ist frei.
Geburtsstadt von Robert Walser

Biel war im Laufe der Zeit auch ein bedeutender Ort der Schriftsteller und Philosophen. Jean-Jacques Rousseau und Johann Wolfgang von Goethe besuchten die Stadt, Robert Walser wurde hier geboren.
Die Stadt Biel hat diesem bedeutenden schweizerischen Schriftsteller einen literarischen Spaziergang gewidmet. Neun verschiedene Stationen bieten Interessierten die Gelegenheit, Biel anhand literarischer Texte aus der Sicht Robert Walsers kennenzulernen. Jede Station ist mit einer Tafel gekennzeichnet, auf der ein Text Robert Walsers den jeweiligen Ort aus seiner Sicht beschreibt.
Landschaft des Wassers und der Reben

Der Bieler See mit der kulturhistorisch bedeutenden St. Petersinsel ist ein See von stiller Schönheit. Der 40 Quadratkilometer große See erstreckt sich mit einer Länge von 15 Kilometern zwischen steilen Juraweinbergen und der offenen Seelandebene und ist einer der bedeutenden Seen der Schweiz und des Drei-Seen-Lands. Auf einer Fahrt mit einem der weißen Ausflugsschiffe der Bielersee-Schifffahrts-Gesellschaft kann man das mediterrane Flair des Sees auf sich wirken lassen.

Rebenlehrpfad und -wege laden zu Wanderungen in bezaubernder Landschaft ein mit sonnenüberfluteten Rebhängen (wenn das Wetter mitspielt), schönsten Aussichten und beschaulichen Winzerdörfern. Wir wandern eine gut zweistündige Strecke auf dem Rebenweg von Biel nach Twann. Der Weg führt uns hinauf zu den Rebhängen, die wir auf beschilderten Wegen durchwandern. Begleitet von wunderschönen Aussichten auf den Bieler See erreichen wir das verträumte Twann.
Das Weindorf Twann

Twann ist eines jener Dörfer, die wirken, als seien sie aus dem Fels gewachsen und aus der Zeit gefallen: enge Gassen, giebelständige Häuser, Lauben und kleine Plätze und Winkel, die sich zwischen den Häusern öffnen, prägen das Ortsbild des Winzerdorfes. Weinbau hat hier jahrhundertelange Tradition.

Schon am Ortseingang stoßen wir auf das kleine Weingut Schott. Anne-Claire Schott, eine Weinbauerin mit spirituell-esoterischer Aura, kommuniziert mit ihren Weinen. Für sie haben Weine „ein Gesicht, geprägt von Weisheit, umspielt von Offenheit, aber verwurzelt in seinem Sein“, wie sie ihren Pinot Gris Orange charakterisiert. In noch höhere Sphären trägt es sie bei der Beschreibung ihres Anne-Sombre-Weines, einer Cuvée aus dunklen Traubensorten und Gewürztraminer: „Hell im Kontrast zu dunkel, blumig wie würzig, sanft und hart zugleich, vermischt er klare Horizonte, unfassbar wie ein Duft, der Gesang eines Vogels, die Glut des Feuers, dauerhaft wie erodierende Bergketten, beständig wie das ewige Eis.“ Ob man ihr dorthin zu folgen vermag und ob die Weine tatsächlich den Ansprüchen ihrer Beschreibung gerecht werden, kann man vor Ort bei einer Weinverkostung herausfinden.
Prämiertes Twanner Weingut
Traditionsbewusst und mit beiden Beinen auf der Erde – so geht es zu im Weingut zum Twannbach der Familie Klötzli. Hier wird nicht experimentiert, um Trends zu bedienen, sondern es werden Weine produziert, die sich an Qualität, Tradition und Herkunft orientieren, geprägt vom Terroir zwischen Jura und Bielersee.

Mehrfach für seine Weine ausgezeichnet, zählt Winzer Adrian Klötzli zu den besten des Drei-Seen-Landes. Das Weingut zum Twannbach liegt, wie der Name schon sagt, unmittelbar neben dem Twannbachfall, einem der markantesten Naturpunkte des Dorfes. Es verfügt über zwei Besonderheiten. Zum einen ist da sein historischer Gewölbekeller. In der steilen Felswand direkt unter der Twannbachschlucht gelegen, wird dieser für Degustationen und Führungen genutzt. Zum anderen gibt es eine idyllische Laube direkt am Wasserfall des Twannbachs.

Bei warmem Wetter lädt das Weingut hier zu Degustationen ein. Man sitzt schattig und kühl direkt am smaragdgrünen Weiher des Twannbachs mit dem Rauschen des Wasserfalls im Hintergrund. Wir probieren die klassischen, historisch verankerten Rebsorten dieser Region: einen fein-mineralischen Chasselas und einen elegant-würzigen Pinot Noir. Beide gehören zum Kernrepertoire des Weinguts. Wir sind sowohl von den Wein und dem Weingut als auch von der Freundlichkeit der Winzerfamilie sehr angetan. Ein stimmiger Abschluss unserer Weinwanderung.
Kulinarisches Biel
Kulinarisch zeichnet sich Biel mit einer Mischung aus Bodenständigkeit und Raffinesse aus. Empfehlenswert: Die „Nourritour“ des Bieler Tourismuscenters. Diese Kulinarik-Tour wird jeden Samstagmorgen zwischen 9 und 15 Uhr angeboten. Teilnehmer starten individuell vom Tourismus-InfoCenter am Bieler Bahnhofsplatz aus.
Die Tour führt über den Obst- und Gemüsemarkt zu sieben kleinen Zwischenstopps, an den man regionale, meist hausgemachte lokale Spezialitäten aus kleinen Manufakturen degoustiert – mal salzig, mal süß, mals französisch, mal deutsch. Mit dem „Nourrtitour-Pass“, den man beim Bieler Tourismuscenter erwirbt, geht man in eigenem Tempo zu den jeweiligen Stationen, die man auch mehrfach besuchen kann.
Restaurant-Tipps:

Das „Räblus“ am Bieler See punktet mit seiner schönen Lage mit wunderbarem Blick auf Bieler See und Weinreben und mit seinen Fischgerichten. Zu den typischen Spezialitäten, die man unbedingt probieren sollte, gehören Egli- oder Felchenfilets direkt aus dem Bieler See, gebacken oder meunière, mit Salzkartoffeln und Remouladensauce und die „Räblus“-Weinfischsuppe. Dazu passt ein gekühlter Chasselas oder Mon Blanc aus dem hauseigenen Weingut.
Das „Ecluse“ in Biel legt äußersten Wert auf Nachhaltigkeit. Es werden nur nachhaltige Produkte aus einem Umkreis von rund fünfzig Kilometern um das Restaurant verwendet, direkt vom jeweiligen Produzenten und ohne Zwischenhändler. Zudem kocht das „Écluse“ nach dem „Zero-Waste-Prinzip“ ausschließlich mit dem, was gerade saisonal und regional frisch verfügbar ist und verwertet jedes Produkt vollständig ohne Überfluss und ohne Abfall. Daher gibt es keine feste, sondern eine kleine, flexible Speisekarte, die abhängig ist von der Tagesverfügbarkeit. Diese Frische und den regionalen Charakter setzt das Küchenteam exzellent in seinen Gerichten um.
Mitten in Twann befindet sich das urige Restaurant „Zum Alten Schweizer“. Besonders schön sitzt man hier bei gutem Wetter draußen und kann sich an der Fachwerkatmosphäre des Winzerdorfes erfreuen. Und natürlich an den Spezialitäten auf der kleinen Speisekarte wie pochierte Zanderfilets in Twanner Rieslingsauce. Weitere Informationen unter www.biel-seeland.ch.
Peer Völz
lebt in Hannover und findet, dass nicht nur Niedersachsens Landeshauptstadt eine Reise wert ist. Der freie Reisejournalist und Autor schreibt seit 2019 regelmäßig für das Mortimer-Reisemagazin.