Von 6. Oktober 2015 Mehr →

Der Vogelflüsterer von Indiana Shores

Am Strand von Indiana Shores lässt es sich Ralph Heath nicht nehmen, täglich einige Pelikane zu füttern. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Am Strand von Indiana Shores lässt es sich Ralph Heath nicht nehmen, täglich einige Pelikane zu füttern. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Wer behauptet, der Mann habe einen Vogel, hat gar nicht mal Unrecht. Genauer genommen sind es Hunderte. Und diese machen mit Nachdruck auf sich aufmerksam. Das Zwitschern und Piepsen will nicht verstummen. Im Gegenteil, wenn Ralph Heath mit einem Plastikeimer bewaffnet, zum Strand von Indian Shores an der Westküste Florida schreitet, steigert sich das Geräusch in ohrenbetäubenden Lärm.

Die etwas andere Attraktion in Florida: das Seabird Sunctory in Indiana Shores. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Die etwas andere Attraktion in Florida: das Seabird Sunctory in Indiana Shores. (Foto Karsten-Thilo Raab)

In Sekundenschnelle umzingeln Hunderte von Pelikanen den stämmigen Mann mit dem gräulich melierten Haar, dem leichten Bauchansatz und den schwarzen Neoprenschuhen. Denn in seinem Eimer hat der 61jährige Sardinen, Heringe und andere Fische als kleine Häppchen für die versammelte Vogelschar.

„Wir sind die einzige kostenlose Touristenattraktion in Florida“, lacht Ralph Heath mit Blick auf sein Lebenswerk. Ralph Heath ist so etwas wie ein Vogelflüsterer. Ein kleiner Mann mit großem Herz für gefiederte Zeitgenossen.

Eigentlich wollte er Arzt werden. Doch dann kam der 3. Dezember 1971, ein Tag, der seine Lebensplanung auf den Kopf stellen und sein Leben nachhaltig verändern sollte. An jenem Tage fuhr der Medizinstudent in seinem Auto den Gulf Boulevard in Redington Beach entlang, als er am Straßenrand einen verletzten Kormoran liegen sah. Kurz entschlossen nahm sich Ralph Heath dem bemitleidenswerten Vogel an und päppelte Maynard, wie er sein „Findelkind“ taufte, nach und nach wieder auf.

Schnell verbreitete sich auf der Pinellas Halbinsel rund um St. Petersburg die Kunde, dass sich dort jemand liebevoll um kranke und verletzte Vögel kümmern würde. Plötzlich standen wildfremde Menschen vor der Tür von Ralph Heath, um hilfsbedürftige Vögel in seine Obhut zu übergeben.

In der Vogelklinik wird genau Buch über die Verletzungen und den Heilungsprozess eines jeden Vogels geführt. (Foto Karsten-Thilo Raab)

In der Vogelklinik wird genau Buch über die Verletzungen und den Heilungsprozess eines jeden Vogels geführt. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Und so eröffnete Ralph Heath wenig später auf dem elterlichen Grundstück direkt in bester Strandlage von Indiana Shores mit dem Suncoast Seabird Sanctuary eine private Vogelklinik. Aus kleinsten Anfängen ist die karitative Einrichtung zu einer Hilfsorganisation für Vögel angewachsen, die heute ein Umsatzvolumen von einer Million Dollar pro Jahr stemmt und 25 festangestellte Mitarbeiter beschäftigt.

Mit gekonntem Griff untersucht Ralph Heath einen angeschlagenen Pelikan. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Mit gekonntem Griff untersucht Ralph Heath einen angeschlagenen Pelikan. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Seit den 1970er Jahren haben Ralph Heath und sein Helferstab zusammen mit vielen, vielen Freiwilligen mehr als 200.000 kranken und verletzten Vögel geholfen. Und täglich kommen 20 bis 30 gefiederte Patienten neu hinzu. Sie alle haben zumeist körperliche Gebrechen, die sie sich bei Unfällen zugezogen haben.

„Vögel haben leider keine Krankenversicherung“, flachst Ralph Heath, dessen größte Sorgenfalten der enorme Kostenapparat bereitet, zumal die benötigten Gelder allein durch Spenden zusammengetragen werden. Seit den Terroranschlägen vom 9. September 2001 in New York und Washington ist das Spendenaufkommen stark gesunken. Gleichzeitig stieg der Preis für ein Pfund Fisch von 19 Cent auf über einen Dollar. Und die Vogelklinik benötigt pro Tag allein über 500 Pfund Fisch.

„Es ist verdammt schwer, den Betrieb mit Fünf- und Zehn-Dollar-Spenden aufrecht zu halten“, ist Ralph Heath für jede Form der Unterstützung dankbar. Doch ungeachtet der finanziellen Sorgenfalten tankt das Energiebündel Heath tägliche neue Kraft durch die beachtliche Bilanz des Suncoast Seabird Sanctuary.

Gedildig warten die Pelikane vor den Toren des Seabird Sancturys auf ihre Fütterung. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Gedildig warten die Pelikane vor den Toren des Seabird Sancturys auf ihre Fütterung. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Bis zu 10.000 Vögel werden hier jährlich aufgenommen und über 80 Prozent von ihnen können schon nach wenigen Wochen wieder in die Freiheit flattern. Andere, zumeist stark verkrüppelte Vögel, werden das Areal nie wieder verlassen können, wären in freier Wildbahn alleine nicht überlebensfähig. Über 500 solcher bemitleidenswerten Kreaturen sind Dauergäste in der Vogelklinik.

„Zunächst waren die meisten permanent geschädigten Vögel froh, ihr Leben zu haben. Nachdem sie sich an die Gefangenschaft gewöhnt hatten, war es interessant zu beobachten, dass sie schnell entdeckten, dass das Leben noch mehr zu bieten hat“, freut sich Ralph Heath, dass in der Vogelklinik bislang über 1000 Baby-Pelikane zur Welt gekommen sind. Und Ralph Heath ist mit allen perdu. Mit den gesunden wie mit den kranken Vögeln.

Sobald Ralph Heath mit einem Eimer voller Fische den Strand betritt, fliegen die Pelikane scharenweise ein. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Sobald Ralph Heath mit einem Eimer voller Fische den Strand betritt, fliegen die Pelikane scharenweise ein. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Da ist Patty, ein brauner Pelikan mit nur einem Flügel, der schon seit 30 Jahren in Indiana Shores Zuflucht findet. Da sind seine Artgenossen Roman und Ginger, ein weißer Pelikan. Beide haben nur ein Auge, während Cindy und Jeffrey jeweils ein Fuß fehlt. „Es gibt wohl kaum eine Verletzung, die wir noch nicht gesehen haben“, stellt sich Ralph Heath mit seinem Team tagtäglich neuen Herausforderungen – Überraschungen garantiert.

So etwa, als eine reiche Amerikanerin in North Carolina eine verletzte Seeschwalbe gefunden hat. Kurzerhand charterte die Millionärin ein Privatflugzeug. Und plötzlich stand ein Pilot mit der Seeschwalbe in einem Käfig in der Hand vor Ralph Heath und sagte: „Hier ist Ihr Vogel!“ Längst hat sich in den gesamten USA herumgesprochen, dass das Suncoast Seabird Sanctuary keine Tiere abweist.

Das Seabird Sanctury steht Besucher täglich bei freiem Eintritt offen. Allerdings werden Spenden gerne gesehen. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Das Seabird Sanctury steht Besucher täglich bei freiem Eintritt offen. Allerdings werden Spenden gerne gesehen. (Foto Karsten-Thilo Raab)

Und so hält sich in Florida hartnäckig das Gerücht, dass sich verletzte Vögel sogar selber auf den Weg nach Indiana Shores machen. Auf jeden Fall aber kann die Vogelklinik jährlich mehr als 100.000 Besucher aus aller Welt begrüßen. Kein Wunder, denn trotz der teilweise bemitleidenswerten Geschöpfe ist es ein überaus spannendes Erlebnis, dem Vogelflüsterer bei der Arbeit über die Schulter zu schauen. Und spätestens beim Fütterungsritual am Strand gewinnt ein jeder unvergessliche Eindrücke von der etwas anderen Attraktion Floridas.

Weitere Informationen unter www.seabirdsanctuary.com.


Archiviert unter Topthema, Amerika, Florida, USA