Von 17. August 2016 Mehr →

Ligurien – wo der Frühling ganzjährig überwintert

Ligurien von seiner schönsten Seite: Herrlicher Blick vom kleinen Portovenere im Golf von La Spezia. (Foto Katharina Büttel)

Ligurien von seiner schönsten Seite: Herrlicher Blick vom kleinen Portovenere im Golf von La Spezia. (Foto Katharina Büttel)

Die Ligurische Riviera ist ohne Frage eins der reizvollsten Reiseziele Italiens. Wo einst Europas Adel mit Grandezza überwinterte, ist mehr als ein Schuss Belle Epoque geblieben: Grandiose Steilküsten mit schönen Buchten, Wandern zwischen Weinreben und Meer, Köstliches in Trattorien, die Cinque-Terre-Dörfer, in denen die Zeit ein wenig stehengeblieben ist.

Terrassenblick auf die Hafeneinfahrt von Portofino. (Foto Katharina Büttel)

Ein Aussicht wie gemalt: der Terrassenblick auf die Hafeneinfahrt von Portofino. (Foto Katharina Büttel)

In Vitello tonnato mit Trüffeln, Panzotti mit Steinpilzen, Wildschweinragout mit Polenta kann man unten in der Altstadt schwelgen. Von hier oben, der Terrasse der privaten Residenzia über Rapallo ist es die sensationelle Aussicht auf die palmengesäumte Uferpromenade, auf Schiffe und Yachten im alten Hafen, auf Adelspaläste in den allerschönsten Tönen der Farbpalette. Welches bezahlbare Hotel kann da mithalten in dem einstigen Kurort der Spitzenklasse?

Willkommen an der Ligurischen Riviera: der Ponente im Westen von Ventimiglia bis Genua – Italiens wichtigster Hafenstadt – und der Levante südöstlich bis hin nach La Spezia. Ein 300 Kilometer langer, schmaler Küstensaum vor den dunklen Bergketten der Ligurischen Alpen.

Spätestens in Santa Margherita Ligure möchte man dann aus dem Zug springen. Mitten hinein in dieses Fin-de-siècle-Idyll mit dem ewig blauen Himmel und den weißen Grandhotels und Palästen, mit Agaven, Pinien und Zypressen. Riviera! Das Wort allein klingt nach Aristokratinnen in Spitzenkleidern mit zarten Sonnenschirmen. Und gealterten Lordschaften, die vor dem Regen und Nebel Londons in den Süden flohen und dereinst Zerstreuung in den Casinos suchten.

Elegant, eleganter, Riviera di Levante

Ligurien gibt sich überaus einladend, und nicht nur, wenn es Nacht wird in den Trattorien... (Foto Katharina Büttel)

Ligurien gibt sich überaus einladend, und nicht nur, wenn es Nacht wird in den Trattorien… (Foto Katharina Büttel)

An der Riviera di Levante, zwischen Portofino, Santa Margherita, Rapallo, Sestri Levante und den Cinque Terre, ist die Küste noch so elegant, wie der Klang ihres Namens verheißt. Und nicht etwa verbaut mit banaler Ferienarchitektur im Massengeschmack wie hier und dort an der Küste bis San Remo. In den „maurischen“ Schlösschen und den Phantasiebauten mit ihrer typischen Fassaden-Scheinarchitektur rechts und links der kurvenreichen Küstenstraße wohnen keine kränkelnden Adligen mehr, sondern internationale Hochfinanz und Multiunternehmer.

Jedenfalls rund um Portofino ist das so, wo im üppigen Grün der Hänge Prominente wie Giorgio Armani, die Agnellis, Pirellis, Silvio Berlusconi und Filmstars ihre Villen verstecken. In den kleinen Hafen mit den bunt bemalten, hier und da blätternden, schmalen Fassaden kommt man am besten mit dem Boot, denn einen Parkplatz findet man ohnehin kaum.

Ein Bilderbuch-Traum: der Hafen von Portofino. (Foto Katharina Büttel)

Ein Bilderbuch-Traum: der Hafen von Portofino. (Foto Katharina Büttel)

Camogli, ein Ort weiter, gibt auch so eine Opernkulisse her. Das Fischerstädtchen hat keinen Platz zwischen Hafen und Steilküste. Es strebt unglaublich steil mit sechsgeschossigen Wohnbauten ohne Zwischenräume – Manhattan gleich – in die Höhe; die Fassaden in blassen Gelb-, Rot- und Ockertönen beeindrucken Besucher in seiner Geschlossenheit und Mächtigkeit.

Sestri Levante – Perle mit zwei Buchten

Der nächste Höhepunkt der ligurischen Perlenkette ist dann Sestri Levante – vielleicht nicht so mondän wie Portofino und Santa Margherita, auf jeden Fall aber mit den nötigen Riviera-Attributen ausgestattet: Strandpalazzi, die beim Sonnenuntergang ihre Farben glühen lassen, eine kopfsteingepflasterte Altstadt und zwei Buchten, die ihren Namen alle Ehre machen: Baia delle Favole, Märchenbucht, heißt die eine und Baia del Silenzio, Bucht der Stille, die andere.

Gelungenes Beispiel eines Belle-Epoque-Palazzo. (Foto Katharina Büttel)

Gelungenes Beispiel eines Belle-Epoque-Palazzo. (Foto Katharina Büttel)

Bald tauchen die steilen Weinberge der Cinque Terre im äußersten Südosten der Riviera auf – dramatisch schön. Eingeschachtelt in die Steilküsten hocken vier der fünf Örtchen wie Storchennester auf den Felsen: Vernazza, Corniglia, Manarola, Riomaggiore. Nur Monterosso bleibt auf dem Boden. Noch immer am bequemsten erreicht man sie mit der Eisenbahn. Der Wanderweg „Sentiero Azzuro“, der hoch über dem Meer durch Rebterrassen führt, ist ohne Übertreibung einer der schönsten der Erde. Einer der großen Gefühle jedoch ist der Promenadenweg Via dell’Amore, der Riomaggiore und Manarola verbindet.

Typische dolce - die süßen Cubeletti. (Foto Katharina Büttel)

Typische dolce – die süßen Cubeletti. (Foto Katharina Büttel)

Am Golf von La Spezia, gibt es einen weiteren, wunderbaren Grund, die gute alte Riviera zu mögen: Portovenere, der Hafen der Venus, mit einer vielfarbigen Wand hoher, schmaler Häuser, die einst als bewohnte Festungsmauer vor Piraten und anderen Feinden schützte.

Grotte des Romantikers

Der Romantiker Lord Byron, so jedenfalls erfährt man an der nach ihm benannten Grotte, schwamm von hier oft hinüber zum exzentrischen Poeten Shelley, der in Lerici ein weißes Haus am Meer bewohnte. Als „Golfo dei Poeti“ zog die Bucht einst wahre Pilgerströme aus.

Verwinkelte Gassen in jedem Ort, endlose Treppenstiegen, Torbögen, Dachterrassen, unglaubliche Durch- und Ausblicke auf Kirchen, Türme und Burgruinen bieten unzählige Fotomotive. Nach einem Pesto-Menü und erfrischendem Cinque-Terre-Wein unter Mimosenbäumen auf einer der Piazzas geht es zum Ausgangspunkt Rapallo am Golf von Tigullio per Boot zurück.

Vernazza - eins der Cinque Terre-Dörfer. (Foto Katharina Büttel)

Vernazza – eins der Cinque Terre-Dörfer. (Foto Katharina Büttel)

Wunderschön, nochmals die in frischem Terracotta bis zu müdem Lavendel angemalten Puppenstuben-Dörfer im Abendlicht von der Seeseite aus zu sehen – Zauber in Zeitlupe. In Levanto braust der Regionalzug von der „Stazione“ unter gellendem Tuten durch unzählige Tunnel nach Nordwesten. Wo sonst gibt es Bahnhöfe mit Meeresbrandung und üppig blühendem Oleander auf dem Bahnsteig?

Europas viaduktreichste Autobahn

Die Via dell'amore verbindet Riomaggiore mit Manarola. (Foto Katharina Büttel)

Die Via dell’amore verbindet Riomaggiore mit Manarola. (Foto Katharina Büttel)

Von der Autostrada ab Rapallo – in die Geschichte eingegangen durch den 1922 im Hotel Imperiale abgeschlossenen Vertrag zwischen Deutschland und Russland – sieht man, wie sich die Landschaft Richtung Genua zu einer Endlos-Stadt verheddert. Verlässt man schließlich die tunnel- und viaduktreichste Autobahn Europas, bleibt einem nur der Weg über die enge, kurvenreiche, meist verstopfte Küstenstraße, die alte Via Aurelia der Römer. Nähert man sich nach Westen hin der „Blumenriviera“ und San Remo, so nehmen die Staus mit den anschwellenden Schwärmen der abenteuerlich kurvenden Mopedfahrer erneut zu.

Parkplätze gibt es in Vernazza scheinbar nur für Boote. (Foto Katharina Büttel)

Parkplätze gibt es in Vernazza scheinbar nur für Boote. (Foto Katharina Büttel)

Auf der Promenade von San Remo heißt eine Marmordame „Primavera“, der „Frühling“. Sie erklärt symbolhaft, weshalb im 19. Jahrhundert der halbe europäische Adel hier im milden Klima auftauchte und überwinterte. Die Reichen und Mächtigen kamen und verschwanden, sobald es wärmer wurde, gebadet wurde nie. Es kamen die Romanows, die Hohenzollern, die Zarin Maria Alexandrowna spendierte die Palmen für die Promenade, die seitdem Corso Imperatrice heißt.

Camogli - schöner Schein mit künstlerischem Wert. (Foto Katharina Büttel)

Camogli – schöner Schein mit künstlerischem Wert. (Foto Katharina Büttel)

Der 99-Tage-Kaiser Friedrich III. verbrachte hier seinen letzten Winter, Alfred Nobel soll in seiner Villa das Dynamit erfunden haben. Als erste Nobelherberge entstand das Grand Hotel Londra, später das Royal. Diese und manch andere Grand Hotels gleichen alternden Diven. Manche tragen die Jahre mit Würde, andere sehen wieder ganz flott aus, ein paar wirken ein bisschen dick gepudert, andere lassen Charme und Glamour kaum mehr erahnen.

Glücksspieltempel in San Remo

Alte Pracht mit Glücksspielfaktor: das Casino in San Remo. (Foto Katharina Büttel)

Alte Pracht mit Glücksspielfaktor: das Casino in San Remo. (Foto Katharina Büttel)

Am Casino ist die Fassade edel wie damals, drinnen aber hat das Laster nicht mehr den Stil der vergangenen Glanzzeiten. Wie aus einer anderen Welt wirkt der Altstadthügel La Pigna mit seinem düsteren Labyrinth aus Torbögen, Gassen und Treppen. Beim Verlassen der Stadt bleibt dann das Gefühl, eine alte Bekannte besucht zu haben. Charme hat sie noch, das muss man ihr lassen.

Das Splendido - Hotellegende über der Hafeneinfahrt von Portofino. (Foto Katharina Büttel)

Das Splendido – Hotellegende über der Hafeneinfahrt von Portofino. (Foto Katharina Büttel)

Außerhalb der Stadt fällt dann eine Kunstlandschaft aus verschachtelten Spiegeln auf. Nein, nicht etwa ein Verpackungswerk von Christo, es ist Natur unter Glas. Aus den Treibhäusern beliefert man die Welt mit dem berühmten Blumenschmuck. In der Nähe empfehlen sich daneben Albenga mit den exotischen Gärten des Engländers Hanbury und Alassio mit feinem Sandstrand. Das Hinterland überrascht schließlich mit tiefen Schluchten, dichten Kastanien-, Lärchen- und Buchenwäldern. Mit verlorenen Bergnestern, den Ruinen gewaltiger Kastelle vor leicht begrünten, fast samtigen, kahlen Höhenzügen. Eine Trattoria muss man hier finden, in der die Mamma nur sich selbst an die schweren Töpfe lässt – gerade jetzt, zur Steinpilz- und Trüffelzeit…

 Wissenswertes zu Ligurien in Kurzform

Der Hafen von Rapallo an der Ligurischen Riviera. (Foto Katharina Büttel)

Der Hafen von Rapallo an der Ligurischen Riviera. (Foto Katharina Büttel)

Allgemeine Informationen: www.enit.de

Reisezeit: Frühjahr und Herbst sind fraglos am schönsten; im Januar sind durchaus noch 12 Grad Celsius.

Ein Stück Bilderbuch-Italien in Ligurien. (Foto Katharina Büttel)

Ein Stück Bilderbuch-Italien in Ligurien. (Foto Katharina Büttel)

Anreise nach Rapallo: Mit dem Flugzeug oder der Bahn bis nach Genua. Mit dem Auto über Lindau-Chur-San Bernadino-Genua; im Reisezug bis nach Allesandria.

Empfehlenswerte Ausflüge: Wandern oberhalb der Cinque-Terre-Dörfer; Besuch von Genua und San Remo. Fahrten zu den Bergdörfern hinter Albenga, beispielsweise zum Künstlerort Castelvecchio di Rocca Barbena, zum Weinort Orterenooder zur Trüffelstadt Millesimor; berühmt für Oliven und -öl sind insbesondere die Täler von Imperia.

Veranstalter: Ferienhäuser, Apartments und Villen vermittelt Novasol; Beispielsweise in Rapallo: Maisonette-Wohnung in einer Villa mit Park und Pool; 66 Quadratmeter mit zwei Schlafzimmern, zwei Bädern, Klimaanlage, kleiner Terrasse sowie Parkplatz. Nur wenige Minuten sind es von hier zu den Stränden, zur Promenade, in die Altstadt mit Läden, Cafés, Restaurants oder zum Bahnhof. Preis je nach Saison für eine Woche ab 1069 Euro für vier Personen.

Literatur: „Ligurien“ – ein ausführlicher Reiseführer aus dem Michael Müller Verlag für 19,90 Euro; alternativ: von Dumont „Ligurische Küste“ mit Faltplan für 9,99 Euro.

Archiviert unter Topthema