Von 10. März 2016 Mehr →

Grönland – Rock n’ Roll in der Diskobucht

Große Wäsche in Grönland: Beinkleider mit Eisbärfell gefüttert. (Foto Katharina Büttel)

Große Wäsche in Grönland: Beinkleider mit Eisbärfell gefüttert. (Foto Katharina Büttel)

Zart taucht die Mitternachtssonne die stille, arktische Landschaft aus Fels, Eis und Meer in magisches Licht – goldfarben wie schmelzendes Edelmetall. Morgens aber, Schlag acht Uhr, kracht, bebt und vibriert es. Voller Schwung schlägt der Bug der MS Fram hart auf die Wellen, unsanft werden die Passagiere geweckt.

Trommeln gegen böse Geister ist Tradition in Grönland. (Foto Katharina Büttel)

Trommeln gegen böse Geister ist Tradition in Grönland. (Foto Katharina Büttel)

„Zur Abwechselung tanzen wir jetzt Rock n’ Roll, bei Einfahrt in die Diskobucht ist das Wasser wieder sanft und süß“, tönt heiter und beschwingt die Stimme des Kapitäns über das Mikrofon.

Dabei haben sich die Gäste in den vergangenen Tagen wahrlich nicht gelangweilt. Sie haben den längsten Fjord der Welt, den Kangerlussuaqfjord, durchfahren, in Sisimiut erstmals arktisches Festland betreten. In Ukkusissat, 50 Kilometer nördlich des Polarkreises, tanzten sie mit Grönlands Ureinwohnern, den Inuits.

An der Gletscherfront des Eqip Sermia schauten sie begeistert den Eiskolossen zu, wie sie mit donnerndem Getöse ins Meer kalbten. Doch der sechste Tag an Bord soll den Höhepunkt bringen.

Sehnsuchtsziel ist Grönlands wichtigste Sehenswürdigkeit: der sagenhafte Kangia Ilulissat Eisfjord an der Westküste, seit fast zehn Jahren UNESCO-Weltnaturerbe. Aber noch zieht die „Fram“, Eisklasse 1A, vorbei an Schären nach Süden.

Könnte der Eispalast der Schneekönigin sein... (Foto Katharina Büttel)

Könnte der Eispalast der Schneekönigin sein… (Foto Katharina Büttel)

Aus den Orten hört man ab und an das Heulen der Schlittenhunde. Plötzlich verändert sich etwas. Je mehr das Schiff in die spiegelglatte Diskobucht vordringt, umso größer und häufiger werden die Eisberge.

Perfekter Schutz: Eisbärmütze gegen Wind und Kälte.(Foto Katharina Büttel)

Perfekter Schutz: Eisbärmütze gegen Wind und Kälte.(Foto Katharina Büttel)

Im Licht der Morgensonne strahlen sie blau, türkis und weiß wie Diamanten. Bizarre Skulpturen, manche höher als 100 Meter. Wie Fregatten unter vollen Segeln treiben sie dicht an der Reling vorbei hinaus in den arktischen Eisgarten. Kameras werden vors Auge gehalten, klamme Finger fummeln am Auslöser. Es zoomt und blitzt, schließlich will man die Zauberwelt im Bild festhalten.

Und es kommt noch besser, als diese vier Worte ertönen: „Whales on the left!“ Kapitän Jesper stoppt die Maschinen, hundert Meter weiter bricht die Wasseroberfläche ungestüm auf. „Er bläst, er bläst“, ruft er den ersten Wal persönlich aus. Der Wassernebel des meterhohen Atemstrahls glitzert in der Sonne wie Blattgold. Ein zweiter und dritter Blas folgen, dann tauchen gewaltige, grauschwarze Rücken auf.

Finnwale! Abwechselnd wedeln sie mit ihren imposanten Fluken, um dann wieder blitzschnell und elegant in der Tiefe zu verschwinden. „Was für ein Anblick“, murmelt eine sportliche Dame an der Reling und wippt verzückt auf ihren Zehen.

Starke Kontraste: Zionskirche am Rand des Ilulissat-Eisfjords. (Foto Katharina Büttel)

Starke Kontraste: Zionskirche am Rand des Ilulissat-Eisfjords. (Foto Katharina Büttel)

Blau ist der Himmel, grün, rot oder gelb leuchten die Giebelhäuser aus dänischer Kolonialzeit in Ilulissat. Im Sommer, wenn die Tage kein Ende nehmen, nimmt hier das Leben mit den circa 4000 Einwohnern seinen gewohnten Lauf: Grönlandfrauen präparieren auf Gestellen Walfleisch und Stockfisch für den Winter.

Kajaks werden ausgebessert, neu mit Robbenhaut bespannt; die satt gefressenen Schlittenhunde sonnen sich faul auf porösem Basaltgestein. Wie bei uns die Autos, werden hier neben den bunten Häusern Holz- und Motorschlitten geparkt. Davor sitzen die Männer und rauchen Pfeife.

Stolz präsentieren diese Grönländer ihre Tracht. (Foto Katharina Büttel)

Stolz präsentieren diese Grönländer ihre Tracht. (Foto Katharina Büttel)

Heute, am Nationalfeiertag, ist alles anders. Jung und Alt grüßen freundlich die Besucher. Die Grönländerinnen tragen ihre vielfarbige spitzen- und perlenverzierte Tracht und Kamiken, dunkelbraune und weiße, beinlange Stiefel aus echten Eisbärfellen. Großfamilien sind von Kopf bis Fuß in traditionelle Seehundkleidung gehüllt, die beim Laufen und Sich-Bewegen nicht gerade bequem aussieht.

Walkiefer vor der Bethel-Kiche in Sisimiut. (Foto Katharina Büttel)

Walkiefer vor der Bethel-Kiche in Sisimiut. (Foto Katharina Büttel)

„An die 1.000 Euro kostet eine Frauentracht, alles Handarbeit“, verrät Bürgermeister Antan, dessen Brust eine schwere Amtskette mit Grönlandmotiven auf Silberplatten ziert. In der eiskalten Sonnenluft führt er gemeinsam mit stolzen Fahnenträgern die Prozession an, hinunter bis zur Zionskirche. Einsam thront sie auf einem Felsplateau direkt am Meer.

 

Der Innenraum ist in den Farben Weiß, Türkis und Gelb getüncht – Symbole für Schnee, Eisberge und Sonne. Leise, wie die Landschaft, dringen Kirchenlieder nach draußen bis zu den Kajakfahrern, die im Eiswasser ihre berühmten Eskimorollen geschickt vorführen. Jugendliche springen übermütig in die alten Frauenboote, die Umiaqs, in denen früher Nomadenmütter mit ihren Kindern von Siedlung zu Siedlung fuhren.

„Die Sommerzeit müsse man ausnutzen. Die Menschen sind fröhlich und ausgelassen und das Land bekommt Farbe – weiße, gelbe, pinkfarbene Blüten, Flechten und leuchtend grüne Moose bedecken den Boden wie kostbare Teppiche“, freut sich das Inuitpaar Ajako und Nivi. Vergnügt schauen sie den Tanzpaaren auf der Holzbühne vor dem Knud Rasmussen-Museum zu.

Bis heute in Grönland hoch verehrt: Polarforscher Knut Rasmussen. (Foto Katharina Büttel)

Bis heute in Grönland hoch verehrt: Polarforscher Knut Rasmussen. (Foto Katharina Büttel)

„Ein ehrenvolles Andenken an unseren großen Polar- und Grönlandforscher (1879-1933). Er liebte uns und das Land und machte unsere Insel draußen bekannt“, sagt Ajako und lädt spontan zum „Kaffeemik“ ein, was wir als Kaffekränzchen kennen. Dabei erzählt er mit Stolz aus seinem bewegten Jägerleben: 74 Eisbären habe er erlegt, Wale und Ringelrobben – sie waren ideale Jagdbeute für alle Bedürfnisse des Lebens.

„Heute haben sie keine wirtschaftliche Bedeutung mehr. Die jungen Leute lernen in der Schule und wollen lieber Jobs im Tourismus oder in der IT-Branche.“

Endlich! Der Flug im Helikopter über den Kangia-Eisfjord ist der Höhepunkt jeder Grönlandreise, lässt alles ringsum vergessen. Einer der Mythen Grönlands liegt in seiner ganzen Erhabenheit und kalten Schönheit unter uns – elf Kilometer breit und über 40 Kilometer lang, prall gefüllt mit glitzernden Eisriesen.

Die Jahrtausende alten Schneemassen werden von der 50 Kilometer entfernten Abbruchkante des Sermeq Kujalleq-Gletschers mit Urgewalt Tag für Tag hierher geschoben, um dann ihren Weg hinaus aufs Meer anzutreten. Die Größten davon, nahezu 1000 Meter dick, schaffen es bis zur amerikanischen Küste. Einer dieser gigantischen „Nomaden“ erwischte die „Titanic“ vor gut 100 Jahren.

Ein frostig-schönes Erlebnis: eine Bootstour im Ilulissat-Eisfjord. (Foto Katharina Büttel)

Ein frostig-schönes Erlebnis: eine Bootstour im Ilulissat-Eisfjord. (Foto Katharina Büttel)

„Der Gletscher bricht pro Tag soviel Eis ab, wie New York Wasser in einem Jahr verbraucht“, erklärt der Pilot und dreht gern und gekonnt eine Extraschleife für die Fotografen: Auf riesigen Eisschollen tummeln sich Robben in aquamarinblauen Seen, die sich durch warme Sonnenstrahlen gebildet haben.

Der Blick auf die zerklüfteten Eisfelder des Fjords überwältigt. Er ähnelt an diesem Tag dem Paradies, das sich manch ein Naturliebhaber von seiner Reise in arktische Gewässer erträumt hat. Hier begreift man auch das berühmte Zitat von Rasmussen: „Gebt mir Winter, gebt mir Hunde, dann könnt ihr den Rest behalten“.

Schlittenhunde sind der Reichtum der Grönländer. (Foto Katharina Büttel)

Schlittenhunde sind der Reichtum der Grönländer. (Foto Katharina Büttel)

Informationen: Visit Greenland. E- mail: info@greenland.com; www.greenland.com/de

Anreise: Täglich mit Air Greenland von Kopenhagen bis Kangerlussuaq, kleine Maschinen fliegen weiter zu den zehn Inlandsflughäfen – ab ca. 750 Euro.

Tipp: Da die Naturparadiese meist abseits liegen – für Individualisten kaum erreichbar – ist eine Expeditions-Seereise ideal. Sie ist anders als auf Karibikschiffen – großartiger, stiller, aufregender – und mit erheblich geringerer Passagierzahl.

Faszination pur: Nachmittagssonne am Eqip Sermia-Gletscher. (Foto Katharina Büttel)

Faszination pur: Nachmittagssonne am Eqip Sermia-Gletscher. (Foto Katharina Büttel)

Kleidung: Winddichte Anoraks, gefütterte Gummistiefel und Wanderschuhe mit griffiger Sohle, Wollmützen.

Pauschalen: Kreuzfahrten entlang der Westküste Grönlands bieten mehrere Veranstalter von Juni bis August an. Bei Hurtigruten beispielsweise kosten zwölf Tage von Kangerlussuag in die Diskobucht und zurück ab 6.288 Euro pro Person inklusive Vollpension, Flug ab Deutschland, Reiseleitung/Lektorate, Landgänge, Polarjacke, Zodiac-Exkursionen, u.a. Infos unter Telefon 0800- 7244333; service@kreuzfahrten.de; www.hurtigruten.de


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