Von 17. Juni 2017 Mehr →

Auf den Spuren der Strandvögte: Zu Fuß von Föhr zur Insel Amrum

Amrum lädt förmlich zu ausgiebigen Wanderungen entlang der Küste ein. (Foto Oliver Franke)

Wandern an der Nordseeküste? Doch, durchaus! Voller Vielfalt und landschaftlich reizvoll – und einzigartig. Auf den Spuren der Strandvögte geht es entlang der Südküste der Insel Föhr und später weiter an der wilden Westküste der Insel Amrum – dazwischen der vielleicht faszinierendste Teil dieses Törns: eine Wanderung auf dem Meeresboden, von Insel zu Insel. Am besten geht es sich in drei Etappen: Von der Föhrer Inselhauptstadt Wyk bis an die Westküste bei Utersum, dann die Wanderung durch das Watt (und dies nur mit fachkundiger Führung!) von Dunsum auf Föhr bis zur Nordspitze Amrums, die letzte Etappe von dort zum Fährhafen Wittdün. Faszinierend und mit phantastischen Eindrücken; seien es die Vögel des Meeres oder Seehunde an der Amrum Odde, sei es der gemütliche Strand auf Föhr oder der wilde Westen von Amrum. Und mit Leuchtturm inklusive.

Der Dünenwanderweg auf Amrum führt über gut ausgebaute Holzstege. (Foto Oliver Franke)

Los geht es in Wyk. Kurz nach Verlassen der Strandpromenade wird es zunehmend einsamer. Ein Reetdachhaus duckt sich gleich einem Postkartenmotiv in die Dünen. In der Ferne scheinen die Halligen von Langeneß über dem Wattenmeer zu schweben, davor schiebt sich die Kulisse eines historischen Segelschiffes über den Horizont. Ansonsten eine für Ohr und Auge wohltuende Stille und Unaufgeregtheit, unterbrochen nur vom leisen Plätschern der Wellen und dem klagenden Schrei der Möwen. Es ist ein Bild wie in alten Tagen. Damals waren hier auch Leute unterwegs, die die Interessen der Obrigkeit vertraten, wenn es galt Strandgut und gestrandete Schiffe zu bergen. Und sie waren quasi die Steuererheber vom Strand – die Strandvögte. Waren auf Kontrollgang, besonders nach Sturm und Flut. Wetterfeste Männer in ständigem Rennen mit denen, die am Strand ihren Schnitt ohne die Steuer machen wollten. Und ist es nicht auch heute noch so, dass mancher Insulaner nervös wird, wenn es heißt: „…Bauholz über Bord!“ Oder Ü-Eier. Oder Turnschuhe. Kommen Sie mit und wandern Sie mal auf den Spuren der Strandvögte. Und halten Sie dabei die Augen offen!

Sonnenaufgangsstimmung auf der Nordseeinsel Föhr.

Das Wasser hat sich zurückgezogen und draußen sind die Silhouetten von zwei Leuten zu erkennen, die sich immer wieder bücken. Nach einem funkelnden Stück Bernstein oder nach einem kuriosen Stück Strandgut? Die Nordsee wirft immer etwas auf den Strand, besonders nach schwerem Sturm und an exponierten Stellen. Früher waren derlei Fundsachen ein fester Posten im Ein- und Auskommen der Insulaner. Begehrt war Holz auf den waldarmen Inseln, sei es als Brennholz oder zum Bauen, noch heute finden sich wohl in manchem historischen Friesenhaus Balken und Bohlen von gestrandeten Schiffen.

Typische Friesenhäuser mit Reetdach finden sich sowohl auf Amrum als auch auf Föhr.

Am kommenden Morgen geht es ins Watt. Die Strecke von Föhr nach Amrum ist auf festem Sandboden sehr gut zu laufen. Zweieinhalb Stunden vor Niedrigwasser startet die Wanderung durch das Watt in Dunsum, um den tiefen Priel direkt vor Amrum bei tiefster Ebbe überhaupt queren zu können. Weite Flächen sind bereits trocken gefallen, andere glänzen im Sonnenlicht wie geschmolzenes Silber. In den Prielen eilt das Wasser der Nordsee hinterher. Es geht in einem Bogen auf die Nachbarinsel zu und der Wattführer zeigt ein Schiffswrack. Viel ist nicht mehr übrig; ein paar Holzspanten, die im Watt stecken. 1825 kam die „City of Bedford“ in einem Unwetter vom Kurs ab und zerschellte in diesem Irrgarten aus Sandbänken, Lagunen und Wasserläufen, drei Männer kamen ums Leben.Es sind auch die Geschichten, die die Wattführer erzählen, die eine Wanderung über den Meeresboden spannend machen. Und sicher ist es nur mit einer Führung, man selbst genießt die Weite und das schaurig-schöne Gefühl, dort sein zu können, wo Menschen nicht hingehören. Ohne sich Gedanken machen zu müssen, wohin genau man gehen muss.

Amrum

Amrums Küste wartet immer wieder mit herrlichen An- und Aussichten auf.

Wer in Norddorf auf Amrum übernachtet, kann noch hinauf zur Nordspitze der Insel, kann die Odde umrunden. Mit Glück und Fernglas lassen sich von einer Plattform Seehunde – und manchmal sogar Kegelrobben – beobachten. Am kommenden Tag: Machtvoll donnert die Nordsee an die Westküste der Insel. Vorgelagert ist ihr eine der größten Sandmassen Europas – der Kniepsand. Vor der Küste ist eine gewaltige Brandung zu erkennen, hier ist einer der größten Schiffsfriedhöfe der Nordsee – unzähligen Schiffen wurde diese Küste zum Verhängnis. Und immer wieder spült die Nordsee Treibgut an. Was genau, kann man zum Beispiel in der Bude zwischen den Dünen nördlich von Nebel sehen. Aus Brettern und Bohlen haben die Leute eine Hütte zusammengezimmert, Tische aus Treibholz. Turnschuhe hängen an der Wand und ein Tierskelett. Krass und kurios. Kurz vor Wittdün führt der Weg durch eine wilde und romantische Dünenlandschaft, die der Wind wieder und wieder aufs Neue formt und hier sein ewiges Lied singt. Bald wird es Sturm geben, der auch manchen Friesen an den Strand treibt. Strandgut suchen. Wie die Strandvögte.

Wissenswertes zum Strandvogt-Weg

Vom Bohlenweg bei Nieblum auf Föhr bieten sich herrliche Blicke auf den Strand und das Meer. (Foto Moritz Kertzscher)

Strandvögte vertraten in früheren Jahren die Interessen der Obrigkeit zum Beispiel bezüglich Strandfunden und Strandungen von Schiffen und waren verantwortlich für die Bergung, sowie für das Ermitteln von Steuern und Bergelohn aus solchen Fällen. Der „Strandvogt-Weg“ ist kein ausgewiesener Fernwanderweg, sondern Idee und Anreiz, auf den Spuren der damaligen Strandvögte auf den Inseln Föhr und Amrum, sowie im Rahmen einer geführten Tour im Watt zwischen den Inseln zu wandern. Die Strecke ist bei diesem Tourenvorschlag ca. 34 Kilometer lang und verläuft am Strand entlang – aber es lohnen sich Abstecher ins Hinterland: Auf Föhr zum Beispiel in das Friesendorf Nieblum mit seinen hübschen Reetdachhäusern oder zur historischen Stätte „Lembecksburg“. Auf Amrum zum Beispiel über die Vogelkoje mit dem rekonstruierten Steinzeithaus in das Friesendorf Nebel – ebenfalls Reetdachromantik! – mit seiner Windmühle. Zwischen den Inseln wird im Watt gewandert – und das nur mit fachkundiger Führung! Termine für geführte Wattwanderungen von Föhr nach Amrum oder umgekehrt sind unter www.foehr.de/veranstaltungskalender oder www.amrum.de/veranstaltungen zu finden.