Unterwegs auf dem Karnischen Höhenweg

Ein natürliches Kleinaod am Karnischen Höhenweg: der Wolayersee (Foto Profer Partner)

„Die Weitläufigkeit, die Vielfalt und die selten gewordene Unberührtheit“ – Helmut Ortner beschreibt mit diesem natürlichen Dreiklang nicht etwa den Gipfel des Mount Everest oder des Aconcagua, sondern seine Heimat, die Karnischen Alpen. Wie ein 150 Kilometer langes Küchenmesser trennen sie im Südosten des Alpenbogens Kärnten, genauer: das Lesach- und das Gailtal, von Italien. Des Messers Schneide ist dabei derart fein geschliffen, dass sie von der Spitze im Westen (Sillian in Osttirol) bis zum Schaft in Arnoldstein nur zwei Einkerbungen hat: den Plöckenpass (1357 m) und den Nassfeldpass (1530 m).

Apropos Nassfeld: Die „Sonnenalpe“ trennt nicht nur das österreichische Kärnten von Italien, sondern verbindet vielmehr Kärntner „Schmäh“ mit italienischem „Dolce Vita“ zu einem einmaligen Mix aus alpinem Süden zwischen Bergen und Meer. Und das bis weit in den Oktober hinein! Wo man andernorts in den Alpen bereits an winterdicht verpackte Berghüttentüren klopft, kann man hier auf der Südseite der Alpen noch teilweise bis Ende Oktober die Wanderstiefel schnüren.

Die, die bis in den Herbst hinein nochmals hoch hinaus wollen, steigen dem Reißkofel, dem mit 2371 Metern höchsten Gipfel östlich des Gailbergsattels, aufs Haupt. Dank seiner imposanten Statur wird er auch “König der Gailtaler Alpen” genannt.

Das Grenzgebiet zwischen Österreich und Italien ist wunderbar wanderbar. (Foto Franz Gerdl)

Ein Stockwerk weiter unten, am Nassfeld, geht man mit dem Wanderführer auf eine Zeitreise in die faszinierende Geschichte der Grenzregion zwischen Kärnten und Italien – auf die sogenannte „Historische Meile Nassfeld“. Die führt von der Staatsgrenze bis zur Watschiger Alm und über eine Schwefelquelle zurück. Dabei lernt man die geologischen Besonderheiten kennen, taucht aber auch in die Geschichte dieses Gebietes mit Schwerpunkt Erster Weltkrieg ein.

Noch ein Stockwerk über dem Nassfeld liegt das Lesachtal. Das naturbelassenste Tal Europas bietet Reisenden zahlreiche kulinarische Köstlichkeiten, befindet sich hier doch auch die weltweit erste Slow Food Travel-Destination. In „Fast Food“-Zeiten erlebt man hier die kulinarische Wiederentdeckung der Langsamkeit. Bei der Familienwanderung „Vorbeugen ist besser als heilen“ lernen kleine und große Kräuterhexen, wie man Wildkräuter erkennt und sammelt. Seminarbäuerin Gertrude Wastian zeigt im Gitschtal, dass für jeden Geschmack ein Kraut gewachsen ist – und Unkraut Ansichtssache ist.

Dank der guten Beschilderung fällt die Orientierung auf dem Karnischen Höhenweg nicht sonderlich schwer. (Foto Profer Partner)

Und wer beim Kräuterpflücken hoch schaut, der sieht weit über sich den Karnischen Grenzkamm. Wer wie Bergführer Helmut Ortner auf Gratwanderungen steht, der kann dem Karnischen Grenzkamm bei einer etwa zehntägigen Wanderung von Hütte zu Hütte und über die höchsten Gipfel folgen. Ebenfalls noch bis weit in den Kärntner Herbst hinein. Los geht’s in Sillian oder in Thörl-Maglern. Über Berge mit so lautmalerischer Opulenz wie „Hoher Trieb“, „Hochweißstein“ oder „Hohe Warte“ kraxelt man stets gen Osten, bis man weit über 150 Kilometer Laufleistung und acht Übernachtungen später am Nassfeld ankommt.

„Der Karnische Höhenweg ist sicherlich einer der spektakulärsten Höhenwege der Ostalpen“, sagt Achttausendermann Ortner. Wo heute schwindelfreie Freizeitmessners drahtseilgesicherte Gipfel erklimmen, tobte vor genau 100 Jahren die Hölle des Gebirgskrieges. Im Ersten Weltkrieg nämlich war der natürliche Sperrriegel der Karnischen Alpen heiß umkämpft. Von beiden Seiten – österreichisch-ungarische Kaiserjäger auf der einen und italienische Alpini auf der anderen Seite – wurden Nachschubwege, Kasernen und Schützengräben in den Kalkstein getrieben.

Die Vergwelt in der in der Region Nassfeld-Pressegger See und Lesachtal hat für Wanderer viel zu bieten. (Foto Franz Gerdl)

Heutzutage freuen sich friedliebende Wanderer, Klettersteiggeher und Alpinisten über das kriegerische Wegenetz aus dem „Grande Guerra“. Und erleben dabei das Gebirge zwischen Seen und Meer in all seiner „selten gewordenen Unberührtheit“, wie es Bergführer Helmut Ortner ausdrückt.

Infos: Der Karnische Höhenweg in der Region Nassfeld-Pressegger See und Lesachtal führt entlang der italienischen Grenze und ist in der Regel bis Ende Oktober begehbar. Er ist rund 150 Kilometer lang und kann in acht bis elf Etappen bewältigt werden. Weitere Inforamtionen unter www.wandern.nassfeld.at  und unter www.nassfeld.at/karnischer-hoehenweg.