Das französische Rouen zählt mehr als 2.000 Fachwerkhäuser. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Die Normandie zeigt sich in Rouen von ihren wohl schönsten Seite. Die 100.00-Seelen-Gemeinde an der Seine erweist sich als ein mittelalterliches Schmuckkästchen voller Kirchen, Fachwerk und Geschichten, in deren Mittelpunkt die legendäre Jungfrau von Orleans steht.
Place Barthélémy mit der Kirche Saint-Maclou. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Wer sich Rouen vom Wasser aus nähert, könnte meinen, er steuere auf eine Mischung aus Lagerhalle und Betonpoesie zu. Schmucklose Kais, nüchterne Zweckbauten – nichts deutet darauf hin, dass sich hinter dieser industriellen Tarnkappe eine der wohl prachtvollsten Städte Frankreichs duckt. Denn in der Altstadt entfaltet Rouen, die Hauptstadt der Normandie und Heimat von knapp 100.000 Menschen, das wahre Gesicht: mittelalterlich, charmant, überraschend – eine Ansammlung von Fachwerk, Kirchtürmen und Kopfsteinpflaster.
Ein Bauwerk für die Ewigkeit
Wahrzeichen der Stadt ist die mächtige Kathedrale. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Seit dem 4. Jahrhundert ist Rouen Bischofssitz – und die Kathedrale Notre-Dame fungiert quasi als das steinerne Tagebuch dieser langen Geschichte. Über 15 Generationen hinweg errichtet, vereint sie Gotik, Renaissance und eine Prise architektonischen Größenwahns. Claude Monet, ein Sohn der Region, war so fasziniert, dass er die Fassade über 30 Mal malte – immer im anderen Licht, immer mit anderer Stimmung. Wer davorsteht, versteht sofort, warum.
Die Kathedrale verfügt über zahlreiche Skulpturen und Schätze. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Denn die Kathedrale ist nicht nur hoch, sie ist überwältigend. Ihr filigraner Spitzenturm – mit 151,5 Metern der höchste in Frankreich – wirkt wie ein steinernes (und in Teilen metallenes) Gebet, das weithin sichtbar in den Himmel geschrieben wurde. Im Inneren fällt Licht durch bunte Glasfenster, die Geschichten erzählen: von Heiligen, von Königen, von Kriegen und Wundern. In einer Seitenkapelle ruht das Herz von Richard Löwenherz, ein Relikt, das die Verbindung zwischen Normandie und englischer Krone greifbar macht.
Die ewige Heldin
An Jeanne d’Arc führt in Rouen kein Weg vorbei. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Doch Rouen wäre nicht Rouen ohne Jeanne d’Arc, der berühmten Jungfrau von Orleans. An der Wand des Bischofssitzes erinnert ein Bild an die junge Frau, die hier in der Normandie ihren letzten Atemzug tat. Nur wenige Schritte weiter widmet ihr ein modernes Museum eine eindrucksvolle Hommage. Die Stadt trägt ihre Geschichte mit Würde und einem Hauch Pathos.
Der Märtyrerin wird an vielen Stellen im Stadtgebiet gedacht. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Jeanne d’Arc, die einfache Bauerntochter aus dem lothringischen Domrémy, wurde in Rouen zur Märtyrerin. Hier, auf dem Marktplatz, wurde sie im Jahre 1431 als Ketzerin verurteilt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt – ein politisches Urteil, das mehr über die Machtspiele der Zeit aussagt als über die junge Frau selbst.
Allgegenwärtige Jeanne d’Arc
Die Kirche Sainte-Jeanne-d’Arc. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Heute gilt sie als Nationalheilige, als Symbol für Mut, Glaube und Widerstandskraft. In Rouen begegnet man ihr an jeder Ecke: in Straßennamen, in Denkmälern, in den Erzählungen der Stadtführer, die ihre Geschichte mit einer Mischung aus Stolz und Wehmut vortragen.
Aufwendig gestaltete Buntglasfenster prägen die Kirche Sainte-Jeanne-d’Arc. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Am Vieux-Marché, dem alten Marktplatz, steht die Kirche Sainte-Jeanne-d’Arc – ein moderner Bau aus den 1970er Jahren, der sich mit seinen geschwungenen Linien wie ein Schiff aus Holz und Glas über den Platz legt. Ihr Dach erinnert an die Form eines umgedrehten Wikingerschiffs, eine Anspielung auf die normannische Vergangenheit. Im Inneren leuchten mittelalterliche Glasfenster, die aus einer zerstörten Kirche stammen und hier ein neues Zuhause gefunden haben. Es ist ein Ort, der gleichzeitig modern und ehrfürchtig wirkt – ein stilles Versprechen, dass Rouen seine Heldin nie vergessen wird.
Schönheit und Schaudern
Die ehemaligen Beinhäuser sind bestens erhalten. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Am Place Barthélémy erhebt sich die spätgotische Kirche Saint-Maclou – eingebettet in ein Ensemble aus prächtigen Fachwerkhäusern. Gleich nebenan wartet das L’Aître Saint-Maclou, eines der letzten vier Beinhäuser Frankreichs. Ein Ort, der morbide Geschichte mit architektonischem Charme verbindet. Im Innenhof lagen einst Massengräber aus der Pestzeit. Später wurden die Knochen in die umliegenden Fachwerkhäuser integriert. Das Skelett einer mumifizierten Katze, das hier ausgestellt ist, wirkt wie ein makabrer Gruß aus einer Zeit, in der Aberglaube und Alltag eng beieinander lagen.
Die Stadt der 100 Kirchen
Prachtvolle Fachwerkhäuser prägen das Bild der Innenstadt. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Victor Hugo soll Rouen die „Stadt der 100 Kirchen“ genannt haben. Ein wohlgemeinter, gleichwohl poetischer Ausrutscher, denn so viele sind es dann doch nicht. Dafür aber finden sich in der malerischen Altstadt über 2.000 mittelalterliche Fachwerkhäuser. Und sie verleihen Rouen eine ganz besondere Atmosphäre, die irgendwo zwischen Zeitreise und Filmkulisse schwebt.
Die Große Uhrarkade aus dem 16. Jahrhundert überspannt die Rue du Gros Horloge. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Wer durch die Rue du Gros Horloge schlendert, spürt, wie die Zeit hier anders tickt. Und dies im wahrsten Sinne des Wortes: Die kunstvoll verzierte Wochenuhr aus dem 16. Jahrhundert, eingebettet in einen Renaissancetorbogen, scheint die Stunden nicht zu zählen, sondern zu zelebrieren. Kein Wunder, dass hier in den 1970er Jahren die erste Fußgängerzone Frankreichs entstand – ein Ort, an dem man sich gern treiben lässt.
Frankreichs älteste Gaststätte
Rund um den Marktplatz gruppieren sich zahlreiche Restaurants, Cafés und Bars. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Am Marktplatz steht mit La Couronne die älteste Gaststätte Frankreichs, gegründet im Jahre 1345. Wer hier einkehrt, spürt sofort, dass Tradition nicht altmodisch sein muss. Denn die Normandie schmeckt nach Cidre, Calvados, cremigem Käse und einer leichten Meeresbrise, obwohl der Ärmelkanal rund 90 Kilometer entfernt liegt.
Das La Couronne ist als ältestes Restaurant Frankreichs eine Legende. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Und doch ist Rouen ein bedeutender Hafen: Über 3.500 Frachtschiffe legen hier jährlich an, und die Auswirkungen von Ebbe und Flut sind selbst mitten in der Stadt spürbar. Ab Rouen wird die Seine allmählich breiter, wilder, industrieller – ein spannender Kontrast zur mittelalterlichen Altstadt, die sich wie ein gut gehütetes Geheimnis an den Fluss schmiegt.
Unabhängig davon ist Rouen ein Paradies für alle, die gerne schlemmen – und noch lieber gut. In den kleinen Gassen rund um die Kathedrale duftet es nach Butter, Äpfeln und Meer. In den Fromagerien türmen sich Käsesorten, deren Namen klingen wie Gedichte: Neufchâtel in Herzform, Pont-l’Évêque mit goldener Rinde, Livarot mit seinem würzigen Charakter.
Rouen bildet die perfekte Kulisse für Historienfilme. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Wer Süßes liebt, sollte die Teurgoule probieren, einen cremigen Reispudding mit Zimt, der seit Jahrhunderten in der Normandie zuhause ist. In den Brasserien gibt es Moules-frites, Jakobsmuscheln und Fischsuppe. Und wer es rustikaler mag, bestellt eine „Galette complète“ – Buchweizenpfannkuchen mit Schinken, Käse und Ei, begleitet von einem Glas perlendem Cidre. Rouen ist eine Stadt, die man nicht nur besichtigt, sondern auch kostet.
Wenn der Tag sich neigt..
Der Gang durch die Straßen von Rouen kommt einer kleinen Zeitreise gleich. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Am Abend, wenn die Sonne hinter den Fachwerkfassaden versinkt und die Kathedrale in warmes Gold getaucht wird, zeigt Rouen seine poetischste Seite. Die Glocken läuten, in den Cafés und Bars klirren Gläser, auf den Plätzen sitzen Menschen, die den Moment auskosten, und über der Seine liegt ein silbriger Schimmer, der die Stadt als einer der schönsten Orte in der Normandie wie ein Versprechen umhüllt.
Tipp: Auf dem Wasserweg nach Rouen
Nicht von ungefähr gilt Rouen als eine der schönsten Städte der Normandie. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Rouen liegt auch auf der Route einer achttägigen Flusskreuzfahrt auf der Seine Comtesse zwischen der französischen Hauptstadt Paris und Le Havre und zurück, die nicko cruises von März bis Oktober anbietet.
Die Seine Comtesse verkehrt regelmäßig zwischen Paris und dem Ärmelkanal und macht auch in Rouen Station. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin
Das Flusskreuzfahrtschiff ist 114,3 Meter lang, 11,4 Meter breit und bietet Platz für maximal 150 Passagiere. Die Kabinen sind zwischen elf und 14 Quadratmetern groß. Statt des roten Teppichs verleiht der ganz in Rot gehaltene Rumpf der Seine Comtesse eine fürstliche Note. Das Flusskreuzfahrtschiff macht seinem Namen alle Ehre und ist ein perfektes Schiff, um Paris und die bezaubernde Normandie – auch Dank der aufmerksamen und sehr freundlichen Crew – perfekt zu erkunden. Weitere Informationen unter www.nicko-cruises.de.
Die Recherche fand – ohne Einfluss auf die journalistische Ausarbeitung – auf Einladung / mit Unterstützung von nicko cruises statt.
Karsten-Thilo Raab
berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.
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