Christiania als buntes Paralleluniversum

Christiania
Zwischen selbstgezimmerten Häusern, rauchigen Gassen und Kunstwerken zeigt Christiania, wie lebendig ein Experiment sein kann. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Mitten in Kopenhagen liegt mit Christiania ein farbenfrohes Paralleluniversum mitten in Kopenhagen, in dem Regeln eher Empfehlungen sind und zwischen bunten Hütten und selbstgebauten Häusern Kreativität als Grundrecht gilt.

Christiania
Bei der Gestaltung der Häuser kennt die Phantasie keine Grenzen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Wer das ehemalige Kasernengelände im Herzen der dänischen Hauptstadt Kopenhagen betritt, spürt sofort, hier ist etwas anders. Vielleicht liegt es an den bunt bemalten Mauern, vielleicht an der improvisierten Architektur, vielleicht an der Mischung aus Lagerfeuerduft, Freiheit und einem Hauch von Rebellion, der in der Luft liegt. Sicher ist nur: Die dänische Ordnung bleibt am Eingangstor von Christiania zurück, und man selbst tritt ein in ein soziales Experiment, das seit über fünfzig Jahren erstaunlich lebendig ist.

Gigantisceh Wandbilder zieren einige Häuser. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Die Geschichte beginnt im Jahre 1971, als eine Gruppe von Aussteigern, Idealisten und Hausbesetzern beschloss, ein verlassenes Militärgelände in Christianshavn zu ihrem eigenen kleinen Utopia zu erklären. Sie nannten es „Fristad Christiania“, Freistadt Christiania, und formulierten ein Credo, das bis heute gilt: eine selbstverwaltete Gesellschaft zu erschaffen, in der jeder Mensch Verantwortung für das Wohl der Gemeinschaft trägt. Eine Ort ohne Behördenapparat, Bauvorschriften und klassische Hierarchien leben kann.

Zwischen Woodstock und Wikingerdorf

Viele Fassaden sind absolute Hingucker. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Wer heute durch Christiania spaziert, fühlt sich wie in einer Mischung aus Woodstock, Wikingerdorf und futuristischem Öko-Labor. Die Architektur folgt keiner Norm, keinem Bauamt und keinem rechten Winkel. Neben den einstigen Kasernengemäuern ducken sich Behausungen, die sich in ihrer Bau- und Machart überwiegend als Wildwuchs fernab jeglicher Konventionen erweisen.

In den Cafés und Restaurants kommt man mit den bewohnern ins Gespräch. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Manche wirken wie Hobbit-Höhlen, andere wie futuristische Baumhäuser, wieder andere wie Kunstinstallationen, die zufällig bewohnbar sind. Dazwischen Gärten, die eher verwunschen als gepflegt wirken, und Kunstwerke, die plötzlich aus dem Boden zu sprießen scheinen. Überall begegnet man Farben, Formen und Ideen, die sich nicht um Stilrichtungen scheren. Ein Bauwagen wird zur Galerie, ein Schuppen zum Café, eine Wand zur Leinwand.

Fahrräder und Kunst prägen Christiania bis heute. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Die gut 1.000 Bewohner von Christiania leben ohne Autos, ohne Motorräder, ohne Waffen und ohne harte Drogen. Dafür mit viel Kreativität, Gemeinschaftssinn und einer erstaunlichen Portion Pragmatismus. Viele verdienen ihren Lebensunterhalt mit Kunst, Handwerk oder den berühmten Christiania-Fahrrädern, die längst weltweit verkauft werden und so etwas wie das inoffizielle Maskottchen der Freistadt geworden sind.

„You are now leaving the EU“

Eher schlicht und aufgeregt wirkt der Schriftzug über einem der Zugänge. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Der Moment, in dem man die ikonische Markierung „You are now leaving the EU“ überquert, fühlt sich an wie ein kleiner Grenzübertritt. Nicht politisch, sondern atmosphärisch. Plötzlich wird alles ein bisschen bunter, ein bisschen lauter, ein bisschen entspannter. Man hat das Gefühl, in ein Universum einzutreten.

Sprühkunst findet sich an nahezu jeder Ecke. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Hier fragt niemand nach einem Plan. Hier fragt man eher, ob man einen Pinsel braucht, um eine Wand zu bemalen. Und wenn man sich umschaut, versteht man schnell, warum: Jede freie Fläche ist eine Leinwand. Jede Mauer erzählt eine Geschichte. Jede Ecke wirkt wie ein improvisiertes Kunstprojekt, das nie ganz fertig wird – und genau darin liegt sein Charme.

Pusher Street und Green Light District

Der Drogenumschlag in der Pusher Street gehört der Vergangenheit an. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Natürlich kommt man in Christiania nicht an der legendären Pusher Street vorbei, die jahrzehntelang als Zentrum des offenen Cannabis-Handels galt. Heute geht es dort ruhiger zu, doch die Regeln sind klar: Fotografieren verboten. Nicht aus Geheimniskrämerei, sondern aus Respekt vor den Menschen, die hier leben. Wer weitergeht, landet im Green Light District, wo Wandmalereien, Skulpturen und kleine Bühnen für Blickfänge sorgen. Abends erklingen hier Live-Konzerte, manchmal spontan, manchmal angekündigt.

Entlang der Straßen und Gassen lässt sich ein Eindruck von der Lebensweise in Christiania gewinnen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Wer glaubt, Christiania sei nur ein Ort zum Staunen, irrt. Man kann hier wunderbar Zeit verbringen – und zwar auf eine Weise, die sich nicht nach Tourismus anfühlt. In der Christiania Art Gallery hängen Werke lokaler Künstler, die oft genauso unkonventionell sind wie ihre Schöpfer. In kleinen Werkstätten entstehen Möbel aus recycelten Materialien, Schmuck aus Fundstücken und Fahrräder.

Ein Ort, der sich selbst gehört

Auch ein eigenes Postamt fehlt nicht. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Zwischendurch lohnt sich ein Stopp in einem der Cafés, wo man vegane Gerichte, selbstgebackenen Kuchen oder einfach einen Kaffee in der Sonne genießen kann. Die Gespräche, die man hier führt, sind oft überraschend tiefgründig. Vielleicht, weil die Menschen in Christiania es gewohnt sind, über Alternativen nachzudenken – zu Lebensmodellen, zu Gesellschaftsstrukturen, zu sich selbst.

Die Fahrräder, die in Christiania hergestellt werden, sind Kult. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Lange Zeit war Christiania ein politisches Reizthema. Der Staat und die Stadt Kopenhagen wollte das Gelände räumen, die Bewohner wollten bleiben. Im Jahre 2011 kam es schließlich zu einer Lösung, die so ungewöhnlich ist wie der Ort selbst: Die Einwohner von Christiania kauften ihr eigenes Areal. Für mehr als 76 Millionen Kronen – rund zehn Millionen Euro. Seitdem gehört die Freistadt offiziell den Bewohnern, auch wenn einige Häuser auf Naturschutzflächen weichen mussten. Doch der Geist von Christiania blieb. Vielleicht sogar stärker als zuvor. Denn wer sein Zuhause selbst kauft, verteidigt es nicht nur mit Worten, sondern mit Herzblut.

Die Welt einmal anders sehen

Christiania
Bunt, bunter, Christiania. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Geführte Touren mit Bewohnern geben Einblicke in das Leben hinter den bunten Fassaden. Flohmärkte, Saunatreffs und sogar ein Stadterkundungsspiel per App machen Christiania zu einem Ort, an dem man sich stundenlang verlieren kann.

Selbst die Skateranlage ist mit Graffitis übersät. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Es ist diese Mischung aus Lässigkeit und Lebendigkeit, die Christiania in Kopenhagen so einzigartig macht. Man riecht Lagerfeuer, hört Gitarrenklänge, sieht Menschen, die barfuß über Kopfsteinpflaster laufen, und spürt eine Atmosphäre, die irgendwo zwischen Hippietraum und urbanem Experiment schwebt. Kurzum, Christiania ist eine besondere Erfahrung. Eine Einladung, die Welt für einen Moment anders zu sehen. Ein bisschen chaotisch, ein bisschen unbequem, aber immer inspirierend.

Ein Haus, das fast zu normal für die Aussteiger-Community wirkt. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Informationen: www.christiania.org

An Instagram-Spots mangelt es sicher nicht… – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.