Rīga – Retro-Charme und Art Nouveau

Rīga
Das Schwarzhäupterhaus gehört fraglos zu den beeindruckensten Gebäudekomplexen in Rīga. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Nicht von ungefähr gilt Lettlands Hauptstadt als Perle des Baltikums: Rīga – wo Jugendstil-Drachen von den Fassaden blicken, Marktfrauen militärisch charmant verhandeln und die Altstadt wie eine Fußmassage mit Geschichtsbonus wirkt.

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Hier und da gibt sich die Altstadt der lettischen Hauptstadt knallbunt. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Irgendwie hat Lettlands Hauptstadt Rīga etwas von einer baltischen Version einer Wundertüte: außen kühl und nordisch elegant, innen quirlig, bunt und mit einem Hauch sowjetischer Nostalgie. Zwischen Jugendstilfassaden und hippen Cafés stolpert man durch eine Stadt, die sich nicht entscheiden kann, ob sie lieber melancholisch oder mondän sein will – und genau darin liegt ihr Reiz.

Altstadt mit Kopfsteinpflaster und Charakter

Die Altstadt von Riga wirkt wie ein gut sortiertes Antiquariat: verwinkelt, charmant und voller Geschichten. Wer hier morgens durch die Gassen schlendert, entdeckt an jeder Ecke einen neuen architektonischen Twist – Gotik küsst Jugendstil, Renaissance flirtet mit einem Hauch Sowjet-Retro.

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Die „Drei Brüder“ markieren das älteste Häuserensemble von Rīga. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Ob Schwarzhäupterhaus, ein gotisches Schmuckstück mit Renaissance-Flair am Rathausplatz, ob die Drei Brüder, das älteste Wohnensemble der Stadt, oder der Gang durch die Skarnu iela und Rozena iela, der schmalsten Straße Rīgas, – sie alle stehen für den charmanten Zauber der lettischen Hauptstadt.

Auch Reste der historischen Stadtmauer ducken sich in der Altstadt. – Foto: Karste-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

„Der Gang durch unsere mit Kopfsteinpflaster ausgelegten Straßen ist eine permanente Fußmassage und ein Stück weit eine Reise in die Vergangenheit“, räumt Andra Brice ein, dass ein Rīga-Rundgang bei aller Romantik eine Tortur für Leute ist, die Gehschwierigkeiten haben oder älter sind. „Dennoch kann sich wohl niemand der Faszination entziehen“, schwärmt die zweifache Mutter, die aufbauend auf ihr Geschichts- und Kulturstudium Interessierte in Französisch oder Englisch durch ihre Wahlheimat führt.

Hoch hinaus mit Aussicht und Ausblick

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Von der Petrikirche fällt auch die futuristische Nationalbibliothek ins Auge. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Und was wäre geeigneter, als sich zunächst einen Überblick aus luftiger Höhe zu verschaffen: Die inmitten der Altstadt gelegene Petrikirche reckt sich gut sichtbar 123 Meter in den Himmel und lädt dazu ein, von der Aussichtsplattform in 70 Metern Höhe der lettischen Kapitals aufs Haupt zu schauen. Nicht minder an- und aussichtsreich ist der Blick von der frei zugänglichen Skyline Bar in der 26. Etage des Radisson Hotels.

Marktgeschrei mit Charme

In den ehemaligen Zeppelin-Hangars findet sich heute der Zentralmarkt. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Nur wenige Schritte vom historischen Zentrum entfernt erstreckt sich unter dem Dach von gleich fünf ehemaligen Zeppelin-Hangars der Zentralmarkt. Zwischen Räucherfisch, eingelegten Gurken, Roggenbrot und Honig in Gläsern verhandeln hier die Marktfrauen fast kollektiv mit einer Tonlage, die irgendwo zwischen liebevoll und militärisch anmutendem Kommando pendelt.

Jugendstil mit Drachenblick

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Die Neustadt von Rīga fasziniert mit ihren imposanten Jugendstil-Gebäuden. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Wer Rīga allerdings nur auf seine Altstadt reduziert, verpasst das eigentliche Spektakel: Das Jugendstilviertel rund um die Alberta iela fasziniert mit floralen Ornamenten, verspielten Türkäufen sowie Drachenköpfen und steinernen Gesichter, die von den Wänden herabblicken. Noch mehr Art nouveau finden Interessierte im Jugendstil-Museum, wo in einem prachtvollen Gebäude aus dem Jahre 1903 ein Blick in eine original eingerichtete Wohnung wartet.

In den Jugendstil-Bauten avancieren selbst die Treppenhäusern zu Kunstwerken. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

„Vor allem Konstantīns Pēkšēns hat den Jugendstil in unserer Stadt nachhaltig geprägt und alleine rund 250 art nouveau Gebäude in Riga entworfen“, zeigt sich nicht Andra Brice von der Schaffenskunst des wohl bekanntesten lettischen Architekten begeistert.

Große Dame mit Strahlkraft

Kleine Zeitreise im Jugendstil-Museum. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Die imaginäre Grenze zwischen der Neustadt mit ihren Jugendstil-Bauten und zahlreichen Botschaften sowie der Altstadt markiert das im Jahre 1935 errichtete, knapp 43 Meter hohe und weithin sichtbare Friedensmonument. Auf dem Postament des Denkmals erhebt sich ein 19 Meter hoher Obelisk, auf dessen Spitze sich die 9 Meter große „Allegorie der Freiheit“ befindet.

Weithin sichtbar ist das lettische Friedensmonument. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

„Die Statue, die exakt an der Stelle steht, an der unter russischer Herrschaft das Denkmal von Zar Peter dem Großen stand, verkörpert die Selbständigkeit Lettlands“, erläutert Andra, dass die drei Sterne in den Händen der weiblichen Figur die drei historischen Regionen Lettlands – Kurzeme, Vidzeme und Latgale – symbolisieren.

Kultur mit Kaffeepause

Die Lettische Nationaloper grenzt an einen hübschen, kleinen Park. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Nur einen Steinwurf vom Friedensmonument findet sich mit der lettischen Nationaloper das kulturelle Aushängeschild von Rīga. Ein neoklassizistisches Schmuckstück, das nicht nur mit Aufführungen, sondern auch mit einem Café im Foyer lockt, in dem man sich wie ein Intendant auf Kaffeepause fühlt. Alternativ lädt das palastähnliche Art Museum Rīga Bourse dazu ein, die umfangreiche Sammlung, die von flämischen Meistern bis zu japanischen Lackarbeiten reicht, zu erleben.

Gänsehaut im „Corner House“

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Geschichtsträchtig ist das schmucke Schwedentor. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Einen ganz anderen Blickwinkel rückt derweil das „Corner House“, mit Gänsehaut und Geschichtsbewusstsein in den Fokus: einst war es das Hauptquartier des sowjetischen KGB in Lettland. Heute beherbergt es eine Ausstellung zur Arbeit des Geheimdienstes und bietet Führungen durch die original erhaltenen Räume.

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Fast unauffällig reiht sich das Parlamentsgebäude in die Altstadt ein. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

„Wer mag, kann einen Blick in Gefängniszellen, Verhörräume und Innenhöfe – Orte, die einst Schauplatz politischer Repression waren“, unterstreicht Andra, dass die Tour nicht nur dunkle Kapitel der lettischen Geschichte greifbar macht, sondern auch eindrucksvoll an die Opfer des Regimes erinnert. Zudem, so die gelernte Historikerin weiter, sei das Gebäude während der sowjetischen Okkupation zum Symbol totalitärer Macht geworden. Auch im 21. Jahrhundert steht es als Mahnmal für eine Epoche voller Krieg, Unterdrückung und Leid – mitten im modernen Riga.

Szene mit Seele in Miera iela

Die malerische Altstadt besticht durch zahlreiche prachtvolle Gebäude. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Weiter geht es ins Viertel entlang der Miera iela. Zwischen Vintage-Läden, veganen Bistros und Plattenläden pulsiert eine kreative Szene, die sich nicht laut bemerkbar macht, sondern lieber mit einem Lächeln. Im „Taka“ gibt’s lokale Biere und Gespräche über lettische Literatur, im „Rocket Bean“ Espresso mit Charakter und im Laima-Schokoladenmuseum eine süße Zeitreise durch die Geschichte der lettischen Nascherei.

Flirren am Fluss

Immer wieder öffnet sich der Blick in malerische wie farbenfrohe Gassen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Wer noch mehr Rīga-Feeling aufsaugen möchte, schlendert durch das abends stimmungsvoll beleuchtete Spīķeri-Viertel am Daugava-Ufer, wo Galerien, Bars und Konzerte die Stadt in ein leises, kreatives Flirren versetzen. Unabhängig davon ist Rīga wegen seiner hohen Kneipen- und Club- Dichte ein Stück weit auch beliebter Treff der Feierlustigen. Im Cafè Cuba etwa legt ein DJ auf und bedient sich dabei ausschließlich Schallplatten aus Vinyl – und Rīga tanzt, als gäbe es kein Morgen.

Kulinarik mit Charakter

Das berühmte Roggenbrot wird in vielen Varianten feilgeboten. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Natürlich darf ein Streifzug durch die landestypischen Genüsse nicht fehlen. So sind etwa graudainā zupa (Graupensuppe), Speķa pīrāgi (Speck-Piroggen), Pelēkie zirņi ar speķi (graue Erbsen mit Speck), Kāpostu sacepums (Kohlauflauf) und Jāņu siers (lettischer Käse) unbedingt eine Versuchung wert. Ebenso wie das Sklandrausis, ein traditionelles Gebäck mit Karottenfüllung. Damit das Ganze besser rutscht, empfiehlt sich ein Kvass, ein Roggenbrotbier, oder ein Melnais balzams, Rīgas legendärer Likör aus Kräutern, Blüten, Ölen und Beeren.

Wissenswertes zu Rīga in Kurzform

Mit Einbruch der Dunkelheit versprüht die lettische Hauptstadt einen besonderen Charme. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Informationen: www.latvia.travel/de und www.liveriga.com

Anreise: AirBaltic bietet Direktflüge von Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg. München, Wien und Zürich nach Rīga an. Besonderheit an Bord ist kostenfreies Wlan via Starlink. Dafür ist die Bestuhlung leider sehr eng.

Der Flughafen in Rīga wird täglich aus Deutschland, Österreich und der Schweiz angeflogen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Einreise: Lettland ist Teil des Schengen-Raums. Ein Personalausweis genügt.

Währung: Zahlungsmittel ist der Euro.

Zeit: Lettland ist der Mitteleuropäischen Zeit (MEZ) eine Stunde voraus.

Nicht nur Architektur-Liebhaber begeistern sich für die Jugendstil-Bauten in der Neustadt. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Stadtführungen: Andra Brice bietet auf Englisch und Französisch individuelle Stadttouren durch Rīga an. Informationen unter www.andraguideriga.com/en

Museum Rigaer Jugendstil-Zentrum, Alberta iela 12, Rīga LV-1010, Lettland, Telefon 00371-67-181465, www.jugendstils.riga.lv. Geöffnet dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr.

Rīga
Das Kaļķu vārti gehört zu den Restaurant-Empfehlungen in Rīga. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Essen & Trinken: Kaļķu vārti, Jauniela 20, Vecrīga, Rīga. Lettland, Telefon 00371-67-224576, www.kalkuvarti.lv. Das direkt in der Altstadt gelegene Restaurant bietet saisonale lettische Küche mit Pfiff.

Petergailis, Skarnu iela 25, Rīga, LV-1050, Lettland, Telefon 00371-67-212888,www.petergailis.com. Das Altstadt-Restaurant bietet gehobene lettische Küche.

Neiburgs Hotel
Moderner Chic hinter alten Mauern im Hotel Neiburgs in Riga. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Übernachten: Hotel Neiburgs, Jauniela 25/27 LV1050, Rīga, Lettland, Telefon 00371- 20-235504, www.neiburgs.com. Das charmante Vier-Sterne-Haus liegt perfekt inmitten der Altstadt. Die exzellente Küche ist im Michelin-Guide gelistet.

Wellton Riverside SPA Hotel 1. novembra krastmala 33, Centra rajons, Rīga, LV-1050, www.wellton.com. Modernes Vier-Sterne-Haus zwischen Altstadt und dem Daugava-Ufer.

An Prachtbauten wie dem historischen Gilden-Haus mangelt es nicht. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Die Recherche fand – ohne Einfluss auf die journalistische Ausarbeitung – auf Einladung / mit Unterstützung von Latvia Travel, dem lettischen Fremdenverkehrsamt, statt.

Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.