Franche-Comté: Frankreichs grüner Osten

Wahrzeichen von Besançon in der Franche-Comté ist die mächtige Zitadelle. – Foto: Klaus Pfenning / Mortimer Reisemagazin

Gerade einmal zwei Autostunden sind es von der deutsch-französischen Grenze bei Freiburg bis in die Franche-Comté, der ehemals „Freien Reichsgrafschaft“ im Osten Frankreichs. Den Besucher erwarten dort neben viel Landschaft, Natur, Ruhe und gutem Essen auch mehrere Weltkulturerbestätten.

Spektakulär zieht der Doubs bei Besançon seine Schleifen. – Foto: Klaus Pfenning / Mortimer Reisemagazin

Perfektes „Einfallstor“ in die Franche-Comté und das angrenzende Jura ist deren Hauptstadt Besançon. An der Schnittstelle mehrerer Handelswege hatte die Stadt bereits unter den Römern eine erste Blütezeit erlebt. Bis ins 17. Jahrhundert war Besançon eine freie, nur dem Kaiser des Heiligen Römischen Reichs unterstellte Stadt. Erst 1678 wurde sie von Sonnenkönig Ludwig 14. gegen heftigen Widerstand Frankreich einverleibt.

Sébastien Le Prestre Seigneur de Vauban wurde im wahrsten Sinne des Wortes ein Denkmal gesetzt. – Foto: Klaus Pfenning / Mortimer Reisemagazin

Der Kern der kleinen Universitätsstadt kuschelt sich förmlich in eine Schleife des Flusses Doubs. An ihrer engsten Stelle dominiert eine mächtige Zitadelle die Stadt, errichtet vom königlichen Großbaumeister Vauban. Zusammen mit elf anderen Bauwerken mit der gleichen Handschrift, darunter das im elsässischen Neuf-Breisach, zählt das Wahrzeichen der Stadt seit 2008 zum Unesco-Weltkulturerbe. Rund 160 Befestigungsanlagen hat Vauban im Dienste seiner Majestät in die französische Landschaft gesetzt. Die Zitadelle von Besançon gilt als eines seiner Meisterwerke, eine Hommage an die Region. Sébastien Le Prestre Seigneur de Vauban, so sein offizieller Titel, stammt aus dem benachbarten Burgund. Franche-Comté und Burgund bilden seit 2016 eine Region. Sitz der Präfektur ist Dijon, Hauptsitz der Regionalverwaltung ist Besançon mit seinen 120.000 Einwohnern.

Frankreichs grünste Stadt

Besançon – Idylle pur am Fluss. – Foto: Klaus Pfenning / Mortimer Reisemagazin

Besançon ist eine schöne, eine friedliche, eine geschäftige und zugleich Ruhe ausstrahlende Stadt. Partnerstadt ist Freiburg im Breisgau – besser könnte es kaum passen. Und: Besançon gilt als die grünste Stadt in ganz Frankreich. Ein Viertel der Gemarkung ist bewaldet, das Zentrum wird von einem Grüngürtel umschlossen. Hinzu kommen mehrere Parks, Promenaden und botanische Gärten. Kein Wunder, dass Besançon als Stadt mit einer der höchsten Lebensqualitäten im Land gilt.

Anlaufstelle für Literaturliebhaber: Das Geburtshaus von Victor Hugo. – Foto: Klaus Pfenning / Mortimer Reisemagazin

Darüber hinaus trägt sie seit mehr als 30 Jahren offiziell den Titel als „Stadt der Kunst und der Geschichte“. Mit dem Museum für moderne Kunst steht mitten im Zentrum das älteste Museum Frankreichs, 100 Jahre älter als der Pariser Louvre. Das Musée du Temps in einem alten Palais gibt es dagegen erst seit 20 Jahren und widmet sich höchst sehenswert der Zeitmessung jedweder Art, von der Sonnen- bis zur Atomuhr. Ab dem frühen 19. Jahrhundert war Besançon das Zentrum der französischen Uhrenindustrie. Nur einen Steinwurf vom Museum entfernt steht das Geburtshaus des berühmtesten Sohns der Stadt, Victor Hugo. Keine 50 Meter weiter steht das Geburtshaus der Brüder Lumière, die – nomen est omen – als Erfinder des Kinematografen gelten, einer Kombination aus Filmkamera und Projektor.

Saline mit langer Leitung

An gemütlichen Einkehrmöglichkeiten – so wie hier in Besançon – mangelt es nicht. – Foto: Klaus Pfenning / Mortimer Reisemagazin

Eine halbe Autostunde weiter südlich wartet bereits das nächste Weltkulturerbe: die Königliche Saline von Arc-et-Senans. König Ludwig 15. hatte sie ausgangs des 18. Jahrhunderts dort anlegen lassen, obwohl es rund um den Ort weder Salz noch Sole gibt. Stattdessen kam das salzhaltige Wasser über eine 22 Kilometer lange hölzerne Leitung. Die Erklärung für das aufwendige Procedere ist einfach. Zum Verdampfen des Wassers und dem damit verbundenen Kristallisieren des Salzes braucht es Feuer – und damit Holz. Nahe der Quellen waren die Ressourcen aber erschöpft, dafür gab es umso mehr Bäume in der Nähe von Arc-et-Senans. Also errichtete man aus 15.000 Fichtenstämmen eine doppelte Wasserleitung, aus der Tag für Tag mehr als 100.000 Liter Sole in die Saline flossen. Der königliche Baumeister Claude Nicolas Ledoux, ein architektonischer Visionär seiner Zeit, entwarf hierzu eine halbrunde Anlage mit einem Durchmesser von 200 Metern, zwei Produktionsgebäuden an der Längsseite und einer Arbeitersiedlung.

Die Franche-Comté macht ihren Ruf als grüner Osten Frankreichs alle Ehre. – Foto: Klaus Pfenning / Mortimer Reisemagazin

Wer die landschaftlichen Reize der Franche-Comté wirklich kennenlernen will, der muss raus auf’s Land. Und rein in die Ausläufer des Jura, der geologischen Fortsetzung der Schwäbischen Alb in der Schweiz und in Frankreich. Am besten tut man dies auf dem Rad oder mit geschnürten Wanderschuhen. Etwa auf der „Échappée Jurasienne“, einem gut 300 Kilometer langen Fernwanderweg von Dole bis in die Schweiz. „Echappée“ bedeutet so viel wie Ausreißer oder, etwas freier übersetzt, „Flucht aus dem Alltag“. Fliehen lässt sich hier tatsächlich ganz wunderbar: in eine Welt voller Wälder, deren Bäume sich durch die hohe Luftfeuchtigkeit der Region in einen grünen Zauber voller Moose, Flechten und Farne verwandelt haben. Mit kleinen Dörfern, in denen die Zeit schon lange, sehr lange sogar, stillzustehen scheint. Rennes sur Loue beispielsweise. Oder La Chapelle du Furiente. Wer die Ruhe mag, der wird die Franche-Comté lieben.

Schrittmacher des Weinbaus

Die Saline von Salin les Bains lädt zu einer spannenden Zeitreise ein. – Foto: Klaus Pfenning / Mortimer Reisemagazin

Eines der Tagesziele ist das Thermalbad Salins-les-Bains. Wie manch anderer französischer Kurort verströmt auch er einen etwas morbiden Charme. Dennoch sollte man sich hier Zeitnehmen zum Besuch der alten Saline mitten im Ort. Schon zu Zeiten Karls des Großen wurde hier in einer großen Anlage Sole zu Salz gesiedet. Welch schweißtreibende und knüppelharte Arbeit dies war, zeigt eine Besichtigung dieses Weltkulturerbes. Von hier aus nahm auch die Soleleitung in die später errichtete Salzsiederei von Arc-et-Senans ihren Anfang.

Mit vielen Weinen der Region tun sich vinophile Einsteiger wohl eher schwer. – Foto: Klaus Pfenning / Mortimer Reisemagazin

In stetem Auf und Ab führt der Weg weiter in Richtung Süden. Immer wieder bieten sich weite Blicke in eine grüne Weidelandschaft. Außerhalb der Saison trifft man auf dem Weg kaum einen Menschen. Dafür lädt aber auch kein Restaurant oder keine Bar zu einer Pause ein – Rucksachverpflegung ist angesagt. Ziel dieser Etappe ist Arbois, die Weinmetropole der Franche-Comté. Auch der größte Sohn der Stadt hatte eine Verbindung zum Wein, wenn auch auf besondere Art. Louis Pasteur hat mit seiner Arbeit auf dem Gebiet der Mikrobiologie und der Gärungsprozesse wesentlich zur Entwicklung des modernen Weinbaus beigetragen. Im Dachgeschoss seines früheren Wohnhauses lässt sich ein guter Einblick gewinnen, wie Forschung im 19. Jahrhundert aussah.

Ungewöhnliche Weinspezialitäten

Zu Besuch bei Louis Pasteur. – Foto: Klaus Pfenning / Mortimer Reisemagazin

Die heutigen Weine der Franche-Comté sind freilich nichts für vinophile Einsteiger. Sie sind so eine Art „Gallisches Dorf“ unter den französischen Tropfen. So ziemlich alles, was hier in die Flasche kommt, widersetzt sich den herkömmlichen Geschmacksvorstellungen. Paradebeispiel hierfür ist der Vin Jaune, der „gelbe Wein“, hergestellt aus der bei uns weitgehend unbekannten weißen Traube Savagnin. Mindestens sechs Jahre muss er unter einer dicken Hefeschicht in Barriquefässern reifen, bevor er in den Handel gelangt. Oder der süße Vin de paille, der „Strohwein“. Bevor die Trauben gepresst werden, legten die Winzer sie früher auf Strohmatten. Die Sonne verwandelte sie in halbe Rosinen, was dem Wein einen hohen Zuckergehalt bescherte. Platzhirsche bei den roten Sorten sind Trousseau und Poulsard, die nahezu ausschließlich hier wachsen. Juraweine sind etwas für spezielle Liebhaber. Für alle werden Preise aufgerufen, von denen deutsche Winzer nur zu träumen wagen.

Der Comté gehört zu den beliebten Käsespezialitäten der Region. – Foto: Klaus Pfenning / Mortimer Reisemagazin

Wenn Arbois die Hauptstadt des Weins ist, dann ist Poligny gut zehn Kilometer weiter südlich die des Käses. An jeder Ecke der verschlafenen Gemeinde gibt es Käseläden. Von großen Laiben wird hier der Comté abgeschnitten, ein aromatischer Hartkäse aus Kuhmilch, der kräftiger als ein Emmentaler, aber etwas weniger würzig als ein Greyerzer oder Appenzeller daherkommt. Deutlich kräftiger als der Comté ist der ebenfalls schnittfeste Morbier, der von einer feinen, blauschwarzen Ader mit essbarer Asche durchzogen ist. Von gänzlich anderer Natur ist der weiche Vacherin, der nur vom 15. August bis zum 31. März produziert wird. Der Grund: Bei wärmeren Temperaturen würde das hocharomatische Produkt einfach davonlaufen. Einen guten Einblick in die Welt der Jura-Käse bietet das erst vor drei Jahren eingeweihte, hochmoderne Maison du Comté in Poligny.

Naturliebhaber kommen in der Franche-Comté voll auf ihre Kosten. – Foto: Klaus Pfenning / Mortimer Reisemagazin

Informationen: https://de.montagnes-du-jura.fr/


Die Recherche fand – ohne Einfluss auf die journalistische Ausarbeitung – auf Einladung / mit Unterstützung des Comité Régional du Tourisme (CRT) Bourgogne-Franche Comté statt.

Klaus Pfenning

arbeitete jahrzehntelang in der Unternehmenskommunikation. Statt über Druckmaschinen, Schaltanlagen oder Gabelstapler schreibt er heute lieber über andere Dinge: guten Wein, tolles Essen, spannende Reisen.