Unbekanntes Brasilien: Brasília und Goiás

Wahrzeichen von Brasília ist die vom berühmten Architekten Oscar Niemeyer entworfene Kathedrale. – Foto: Philip Duckwitz / Mortimer Reisemagazin

Wer an Brasilien denkt, dem kommen unwillkürlich die tiefen Wälder und Landschaften des Amazonas-Gebiets oder des Pantanal in den Sinn, pulsierende Metropolen wie Rio de Janeiro, Receife oder Sao Paolo. Seltener verschlägt es Reisende in die Hauptstadt Basilia, die erst seit April 1960 existiert und aus dem Nichts auf 5.800 Quadratkilometern entstanden ist.

Der Itamaraty-Palast, auch bekannt als Palast der Bögen (Palácio dos Arcos), ist das Hauptgebäude des Außenministeriums von Brasilien – Foto: Philip Duckwitz / Mortimer Reisemagazin

Realisiert von dem brasilianischen Architekt Oscar Niemeyer deutscher Abstammung aus Rio de Janeiro und dem französisch-stämmigen Stadtplaner Lucio Costa. Noch weniger zieht es ausländische Besucher in die um Brasília herum liegenden Bundesstatt Goiás und dem dortigen, sehr wasserreichen Nationalpark, der sich in de Steppenlandschaft der Region einfügt. Genau hier liegt der Reiz der nicht überlaufenen Region und der Hauptstadt mit seinen Schönheiten der Natur und Architektur.

Die Stadt als Idee

Der Nationalkongress, der Congresso Nacional, ist der Sitz der Legislative Brasiliens. – Foto: Philip Duckwitz / Mortimer Reisemagazin

Bereits im Anflug auf die Hauptstadt Brasília zeichnet sich das Bild einer auf dem Reissbrett geplanten Stadt ab und man erkennt direkt die Anordnung der Gebäude, Viertel und Zusammenhänge zwischen den Stadtteilen. Eine Belohnung für den komplizierten Anreiseweg, denn die Hauptstadt ist aus Europa nur von Lissabon aus direkt zu erreichen, oder man muss umsteigen.

Der 244 Meter hohe Fernsehturm in Brasília, der Torre de TV de Brasília, wird nachts blau angestrahlt. – Foto: Philip Duckwitz / Mortimer Reisemagazin

Ich lande in Brasília und habe sofort das Gefühl, in einer Idee zu stehen. Nicht in einer gewachsenen Stadt, sondern in einem Gedanken, der Form angenommen hat. Alles wirkt klar, fast kühn – Linien schneiden durch die Landschaft wie Versprechen. Hier hat jemand nicht einfach gebaut, sondern geträumt. Und dieser Traum trägt Namen: Oscar Niemeyer und Lúcio Costa. Der eine formt Beton zu Poesie, der andere entwirft die Stadt wie ein Flugzeug aus Licht und Raum. Brasília ist kein Zufall. Brasília ist Absicht.

Die Decke der Kathedrale besteht aus markanten blauen und grünen Glasmalereien, die von der Künstlerin Marianne Peretti entworfen wurden. – Foto: Philip Duckwitz / Mortimer Reisemagazin

Die Geschichte dieser Hauptstadt beginnt mit Mut – und einem leeren Stück Land. In den 1950er Jahren erschaffen Oscar Niemeyer und Lúcio Costa aus Staub und einer Idee eine Stadt auf dem Reißbrett. Ihr Plan: Brasilien ein neues Herz geben. Heute stehe ich mitten darin und sehe, wie ihre Linien lebendig geworden sind.

Architektur, die berührt

Die Kathedrale wurde im Jahre 1970 eingeweiht. – Foto: Philip Duckwitz / Mortimer Reisemagazin

Ich beginne meinen Weg an der Kathedrale, der Catedral Metropolitana Nossa Senhora Aparecida. Ihre weißen, gebogenen Säulen strecken sich in den Himmel wie betende Hände. Innen fällt Licht durch farbige Glasflächen, die den Raum in Blau und Grün tauchen – ich fühle mich wie unter Wasser, schwerelos. Über allem schwebt der Gedanke an Don Bosco, den Schutzpatron der Stadt, dessen Vision von einer neuen Zivilisation hier Wirklichkeit geworden sein soll.

Klein, aber fein: Die Igrejinha Nossa Senhora de Fátima. – Foto: Philip Duckwitz / Mortimer Reisemagazin

Ein paar Schritte weiter stehe ich vor der kleinen, fast zarten Igrejinha Nossa Senhora de Fátima. Sie wirkt bescheiden, fast schüchtern, doch genau darin liegt ihre Schönheit. Azulejos erzählen Geschichten, während ich die Ruhe in mich aufsauge. Am Wunschbaum bleibe ich stehen, berühre vorsichtig ein Band, lasse einen Gedanken darin hängen. Vielleicht bleibt er hier, vielleicht reist er weiter.

Zwischen Beton und Himmel

Eher schlicht ist das Innere der Igrejinha Nossa Senhora de Fátima. – Foto: Philip Duckwitz / Mortimer Reisemagazin

Die Stelzenhäuser überraschen mich. Sie schweben über dem Boden, leicht und funktional, als hätten sie Angst, die Erde zu sehr zu berühren. Diese Stadt denkt in Ebenen, in Perspektiven. Ich sehe das Nationalkongress-Gebäude – die Kuppeln wie Gegensätze: eine nach oben geöffnet, die andere nach innen gewölbt. Daneben das Justizministerium, streng und zugleich elegant, Wasserflächen spiegeln die Architektur und machen sie lebendig.

Voller Stolz tragen die Brasilianer das Trikot der Seleção, der Fußballnationalmannschaft. – Foto: Philip Duckwitz / Mortimer Reisemagazin

Brasília ist kein Zufall. Es ist ein Manifest. Und ich gehe mittendurch. Brasília ist eine Meisterleistung – entworfen auf dem Reißbrett, umgesetzt mit einer Konsequenz, die selten ist. Ich gehe durch diese Stadt und spüre, wie sie mich zwingt, anders zu schauen. Nicht romantisch im klassischen Sinne, sondern kühn, visionär, fast futuristisch. Und doch – irgendwo zwischen Beton und Himmel finde ich auch etwas Zartes.

Aufbruch nach Goiás

Imposantes Wandbild in Kalunga Quilombo. – Foto: Philip Duckwitz / Mortimer Reisemagazin

Doch die Reise zieht mich weiter, hinaus aus der Stadt, hinein in den benachbarten Bundesstaat. Die Landschaft verändert sich langsam – das Urbane weicht dem Weiten, Beton wird zu Erde, Linien zu Horizonten. Ich verlasse die klare Geometrie und fahre hinaus nach Goiás. Die Landschaft öffnet sich, wird weit, wild und weich zugleich. Die Chapada dos Veadeiros empfängt mich mit einem anderen Rhythmus. Hier zählt nicht Linie, sondern Leben.

Engagiert und kenntnisreich stellt Jorge Moreira de Oliveira die Besonderheiten seiner Heimat vor. – Foto: Philip Duckwitz / Mortimer Reisemagazin

Ich wandere im Kalunga Quilombo. Die Luft ist warm, der Weg staubig, doch voller Geschichten. Die Menschen hier sind Nachfahren ehemaliger Sklaven. Ihr Leben ist einfach, aber nicht arm. Es ist tief verwurzelt, getragen von Gemeinschaft und Wissen. Mein Guide, Jorge Moreira de Oliveira, geht ruhig voran. Er bleibt stehen, zeigt mir Pflanzen, zerreibt Blätter zwischen den Fingern. „Heilung“, sagt er, „ist oft näher, als wir denken.“ Er erzählt von Kräutern, von Traditionen, vom Leben hier – ehrlich, ohne Pathos.

Rituale des Loslassens

Badvergnügen unterm Wasserfall. – Foto: Philip Duckwitz / Mortimer Reisemagazin

Der Weg führt uns zur Cachoeira Santa Bárbara. Und plötzlich ist da dieses Blau. Ein Wasserfall, etwa 30 Meter hoch, stürzt in ein Becken, das so türkis ist, dass es fast unwirklich wirkt. Ich ziehe die Schuhe aus, tauche die Füße hinein. Kühl. Klar. Still. Der Moment bleibt.

Ein Traum im Grünen: Die Pousada in Alto Paraíso. – Foto: Philip Duckwitz / Mortimer Reisemagazin

Später erreiche ich eine Pousada in Alto Paraíso. Nach der Wanderung fühlt sich alles langsamer an. Ich lasse mich ein auf Dinge, die ich sonst vielleicht belächelt hätte: Reiki, ein Kräuterfußbad, ein Klangkonzert in einer runden Halle. Die Töne legen sich wie Wellen um mich, tragen mich irgendwohin zwischen Wachsein und Traum. „Rota Viva Veadeiros Experience“, nennt sich das. Ich nenne es: Loslassen.

Im Tal des Mondes

Ungewöhnlich: Ein Klangkonzert mit Kräuterfußbad in der runden Halle. – Foto: Philip Duckwitz / Mortimer Reisemagazin

Am nächsten Morgen wandere ich wieder. Diesmal durch das Vale da Lua. Das Tal wirkt wie von einem anderen Planeten. Wie von Wasser gemeißelte Mondlandschaften – glatt, rund, fast surreal. Jahrtausende haben hier ihre Spuren hinterlassen, und ich gehe darüber wie über eine fremde Welt.

Beeindruckende Felsformationen prägen das Vale da Lua. – Foto: Philip Duckwitz / Mortimer Reisemagazin

Weiter geht es nach São Jorge, ein ehemaliges Goldgräberdorf, heute Ausgangspunkt für Abenteuer. Ich folge den Pfaden des Chapada dos Veadeiros Nationalpark – über Stock und Stein, durch Hitze und Wind. Der Nationalpark Chapada dos Veadeiros zeigt sich rau und spektakulär. Ich folge der Trilha dos Cânions, höre das Rauschen der Tiefe. Auf der Trilha dos Saltos sehe ich Wasserfälle, die sich in die Weite stürzen. Die Trilha do Mirante da Janela belohnt mich mit einem Blick, der mir den Atem nimmt – wie ein Fenster in eine andere Welt.

Zwischen Vision und Natur

São Jorge gibt sich überaus farbenfroh. – Foto: Philip Duckwitz / Mortimer Reisemagazin

Im Garten von Maytrea wird alles stiller. Die Landschaft wirkt fast spirituell, weit und offen. Irgendwo versteckt sich ein geheimer Wasserfall, den ich nur mit Mühe finde. Und genau das macht ihn besonders. Am Ende stehe ich am Jardim de Maitreya Lookout. Die Sonne sinkt langsam, taucht die Ebene in warmes Licht. Ich schaue hinaus und verstehe plötzlich, was diese Reise war.

Landschaftlich gibt sich dieser Teil von Brasilien abwechslungsreich. – Foto: Philip Duckwitz / Mortimer Reisemagazin

Brasília hat mir gezeigt, was der Mensch erschaffen kann, wenn er groß denkt. Goiás hat mir gezeigt, was entsteht, wenn man einfach sein lässt. Zwischen Architektur und Natur, zwischen Idee und Erde, finde ich etwas, das beides verbindet: ein Gefühl von Weite.

Mit dem Pick-up geht es durch die weitläufige Landschaft. – Foto: Philip Duckwitz / Mortimer Reisemagazin

Diese Reise ist mehr als ein Weg von Ort zu Ort. Sie ist ein Tanz zwischen Gegensätzen – zwischen der kühlen Perfektion von Brasília und der wilden Seele von Goiás. Zwischen Beton und Wasser, Linie und Chaos, Vision und Wirklichkeit. Ich nehme all das mit: das Licht der Kathedrale, das Rauschen der Wasserfälle, das leise Wissen der Pflanzen. Goiás erinnert mich daran, dass die Erde selbst die größte Künstlerin ist. Und irgendwo dazwischen finde ich mich selbst – ein wenig freier, ein wenig leichter, und ganz erfüllt von der Schönheit dieser Welt.

Wissenswertes in Kurzform

Die spektakulären Sonnenuntergänge sind ein weiteres Highlight. – Foto: Philip Duckwitz / Mortimer Reisemagazin

Anreise: Der einfachste und schnellste Weg aus Europa nach Brasília führt über Lissabon und von dort mit der Fluglinie TAP direkt nach Brasilia. Die Reisezeit beträgt etwa 18 Stunden.

Zeitzone: Brasilien liegt minus fünf Stunden, beziehungsweise sechs Stunden je nach Jahreszeit hinter der MEZ.

Der indige Teil der Bevölkerung gibt sich gegenüber Fremden durchaus aufgeschlossen. – Foto: Philip Duckwitz / Mortimer Reisemagazin

Währung: In Brasilien gilt der Real, Ein Euro entspricht etwa 5,88 Real

Klima: Ganzjährig warm, im dortigen Herbst zwischen 25 und 28 Grad Celsius.

Die Natur ist das große Pfund, mit dem Goiás wuchern kann. – Foto: Philip Duckwitz / Mortimer Reisemagazin

Shopping: Spektakulär ist das Einkaufszentrum Shopping Brasilia mit seiner markanten, halbrunden Form, die architektonisch ein echter Hingucker ist.

Aktivitäten: Das Besucherzentrum für das Quilombo Kalunga-Territorium befinden sich in an der Associação Quilombo Kalunga (AQK), Rua 05, quadra 72, lote 773, setor Cavalcantinho, in Cavalcante .

Tierische Begegnungen sind in Brasília und Goiás an der Tagesordnung. – Foto: Philip Duckwitz / Mortimer Reisemagazin

Das Vale da Lua befindet sich auf Privatgelände an der GO-239, km 29, zwischen Alto Paraíso de Goiás und dem Dorf São Jorge.

Das Besucherzentrum des Parque Nacional da Chapada dos Veadeiros lieht an der Rodovia GO 239, Km 36 – Vila de São Jorge, Alto Paraíso de Goiás – GO.

Kulianarisch wissen Brasília und Goiás ebenfalls zu begeistern. – Foto: Philip Duckwitz / Mortimer Reisemagazin

Essen & Trinken: Gut speisen kann man im Almeria Restaurante in Brasilia und in künstlerisch-harmonischer Umgebung im hochklassigen Restaurant Brasis Ateliê Gastronômico mit Spezialitäten aus der Region.

Übernachten: In Brasilia wohnt man gut und sehr zentral im B Hotel. In Alto Paraiso bietet sich die Pousada Meu Talento als wunderschöne und entspannende Unterkunft in der Natur an, in der auch eine ausgezeichnete Vogelbeobachtung möglich ist.

Herrlich entspannen lässt sich am Pool der Pousada Meu Talento. – Foto: Philip Duckwitz / Mortimer Reisemagazin

Die Recherche fand – ohne Einfluss auf die journalistische Ausarbeitung – auf Einladung / mit Unterstützung des brasilianischen Tourismusamts Embratur statt.

Philip Duckwitz

Philip Duckwitz

unternahm 2007 seine erste Pressereise nach Guatemala. Damals ahnte er nicht, dass er seitdem mehr als 90 Länder besuchen würde. Der Germanist und Politologe ist als Weltenbummler bis heute stets auf der Suche nach unbekannten Regionen, interessanten Menschen und ungewöhnlichen Stories.