Ein kurzer Ruck, dann wird ein lang gehegter Traum zur Realität. Sanft gleitet der Rocky Mountaineer aus dem gleichnamigen Bahnhof in Vancouver. Ja, ich sitze tatsächlich in dieser Legende auf Schienen, nehme teil an einer „First Passage to the West“, kann mein Glück kaum fassen. Den übrigen Fahrgästen geht es wohl ähnlich. Deutlich ist in unserem Waggon ein Gefühl der Vorfreude spürbar. Aufgeregtheit. Gespannte Erwartung. Wie bei Kindern im Weihnachtsmärchen, bevor sich der Theatervorhang hebt.
Auch Elaine, die uns als Zugbegleiterin perfekt betreut, trägt nicht viel zur allgemeinen Beruhigung bei. In ihrer offiziellen Begrüßung sagt sie Spektakuläres voraus, das uns in den kommenden zwei Tagen auf der Fahrt nach Banff erwartet. Und sie nennt ein paar historische Eckdaten.
1990 übernimmt ein gewisser Peter Armstrong, ein cleverer Kaufmann, aus Landesbesitz einen maroden Zugservice und macht daraus ein luxuriöses Erlebnis auf Schienen. 1999 stellt der Rocky Mountaineer mit 41 Wagen einen neuen Rekord als längster Passagierzug in der Geschichte Kanadas auf. Im Jahr 2002 wird der 500.000-ste Fahrgast an Bord begrüßt, sechs Jahre später der millionste.
Inzwischen liegt die schöne Küstenstadt Vancouver hinter uns. Wir fahren landeinwärts, durch üppige Nadelwälder, passieren idyllische Seen. Durch das Panorama-Glasdach kommen die ersten Gipfel ins Blickfeld, zum Teil schneebedeckt.
So allmählich wird mir klar, warum der Rocky Mountaineer mit Auszeichnungen überhäuft wurde. Gleich mehrfach gewinnt er den World Travel Award in der Kategorie „Beste Zugreise weltweit“. Und bereits vor zehn Jahren nahm eine BBC-Dokumentation die Bahnfahrt in die Liste der „50 Things to do before you die“ auf.
Lunchtime. Im Speisewagen lerne ich Berthold Wagner kennen. Er ist vor mehr als 50 Jahren aus Nürnberg in die USA ausgewandert, mittlerweile Rentner. Ein großer Eisenbahn-Fan. Wagner kennt den Indian Pacific, den Royal Scotsman, The Ghan in Australien, den Golden Chariot in Indien.
„Aber keine Reise“, sagt mein Tischnachbar, „ist so spektakulär wie die Fahrt mit dem Rocky Mountaineer.“
Wagner hat sie im Paket mit einer Alaska-Kreuzfahrt gebucht. „Diese Kombination ist so beliebt“, weiß er, „dass die Mountaineer-Betreiber ihr Streckennetz bis nach Seattle ausgedehnt haben, wo die Kreuzfahrtschiffe ablegen.“
Apropos spektakulär. Dies trifft auch auf unsere Bewirtung zu. Fine Dining auf höchstem Niveau. Die kulinarischen Genüsse verdanken wir dem französischen Sternekoch Frédéric Couton, dessen berufliche Vita Top-Restaurants in Paris, Genf, Bangkok und Montreal beinhaltet. Im Rocky Mountaineer verarbeitet er mit seinem Team besten Wildlachs aus dem Pazifik oder erstklassige Rinder aus Alberta zu köstlichen Menüfolgen, begleitet von erlesenen Weinen.
Wir durchfahren nun Fraser Valley. „Mitte des 19. Jahrhunderts hat man in dieser Gegend Gold gefunden“, erklärt mir Berthold Wagner. „Und das war auch der Grund, warum man für die Siedler hier eine Bahnlinie gebaut hat. Auf dem Höhepunkt des Goldrush hatte Yale rund 20.000 Einwohner, war die größte Stadt nördlich von San Francisco und westlich von Chicago. Und heute? Leben, glaube ich, keine 200 Seelen mehr in dem Ort.“
Hinter Yale werden die Hänge der Schlucht steiler, der Fraser River wilder. Wir nähern uns einem landschaftlichen Höhepunkt der ersten Tagesetappe – dem Tor zur Hölle. „Hell‘s Gate“ nannte Simon Fraser, der Erforscher des Tals, einst den engen Canyon mit seinen gefährlichen Stromschnellen. Heute spannt sich eine rote Brücke über die knapp 35 Meter breite Schlucht.
Und auch auf der Foto-Plattform zwischen den Waggons wird es wieder eng. Wie jedesmal, wenn Elaine ein optisches Highlight ankündigt. Den Rainbow Canyon beispielsweise, dessen oxidierte Felsen in allen Farben schimmern. Oder Ashcroft, das alte Minenstädtchen. Und natürlich die Hoodoos – erodierte Sandsteinfelsen, die einer Legende nach böse Riesen sind, die nachts mit Steinen auf Reisende werfen.
Überhaupt gibt die charmante Elaine während der Fahrt manche Anekdote zum Besten. So soll es entlang der Strecke einen Farmer gegeben haben, der im Sommer immer splitternackt durch die Gegend streifte und auf die vorbeifahrenden Züge schoss. Weil ihr Signalhorn seine Kühe krankmachte.
Am Abend erreichen wir Kamloops, das Ziel unserer ersten Tagesetappe. Hier kreuzen sich mehrere Highways und Eisenbahnlinien. Ansonsten ist es ein recht unscheinbares Städtchen. In einem Pub probiere ich örtliche Biersorten aus, bin aber zeitig im Hotelbett. Denn am nächsten Morgen startet unser Rocky Mountaineer um Viertel nach sechs zur zweiten Etappe.
Und erst einmal ist Bescherung angesagt. Wer am Vortag Souvenirs bestellt hat, bekommt sie jetzt in einer Tüte überreicht – Rocky Mountaineer DVDs, -Poloshirts, -Rucksäcke etc. Derweil gleitet unser Zug am Shuswap Lake entlang bis zur Mündung des Adams River. Hier treffen sich in jedem Spätsommer Millionen von Lachsen und schwimmen den Fraser oder Adams River hoch, um dort zu laichen. „Im August und September kann man vom Zug aus beobachten, wie die Lachse übermütig aus dem Wasser springen“, sagt Elaine.
An den Ufern des Eagle und Columbia River fährt der Rocky Mountaineer weiter in Richtung Revelstoke. Stetig bergauf. Durch das Glasdach entdecke ich immer mehr schneebedeckte Gipfel, die ringsum in den Himmel ragen.
Kurz vor dem Big Hill, an der Wasserscheide Nordamerikas, wird das Gelände dann so steil, dass die Konstrukteure der Bahnlinie hier tief in die Trickkiste greifen mussten: Am Mount Ogden und Cathedral Mountain sprengten sie den Streckenverlauf spiralförmig in die Berge.
Elaine: „Wenn ein Zug 80 Waggons hat, kann man vom ersten aus beobachten, wie der letzte in den Tunnel einfährt.“ Und wer hat‘s erfunden? Genau. Die Schweizer. Als Vorbild diente den Kanadiern die Biaschina-Doppelschleife nördlich von Lugano.
Unsere Reise geht ihrem Ende entgegen. Manche Passagiere steigen schon in Lake Louise aus. Berthold Wagner fährt wie ich bis Banff. Dort will er am Sulphur Mountain ein paar Tage die heißen Quellen genießen.
Beim Abschied verneigen wir uns im Geiste noch einmal vor den Menschen, denen wir diese zauberhafte Eisenbahnfahrt durch die Rocky Mountains verdanken. Allen voran den Erbauern der Bahnlinie, die den Osten und den Westen Kanadas miteinander verbindet. Welch eine Meisterleistung vor rund 130 Jahren!
Exakt am 7. November 1885 hatte Donald Smith, ein Großaktionär der Canadian Pacific Railway, symbolisch den letzten Nagel der Strecke eingeschlagen. „Es war ein simpler Eisennagel“, erzählt Berthold. Für einen vergoldeten oder gar goldenen Nagel sei der gebürtige Schotte damals zu geizig gewesen …
Allgemeine Informationen: http://de.canada.travel
Rocky Mountaineer: www.rockymountaineer.com/de
Beste Reisezeit: Ganzjährig möglich. In der Hochsaison, im Juli und August, sind die touristischen Ziele allerdings sehr voll.
Klima: Kontinental. Die Sommer sind kurz, aber warm. Die Winter sind lang und kalt. Der Chinook, ein warmer Fallwind, kann die Temperatur im Winter kurzfristig stark ansteigen lassen.
Zeitzone: MEZ minus 10 Stunden.
Sprache: Englisch. Einige „First Nations“ konnten ihre Sprachen konservieren, z.B. Inuit, Aleut, Tlingit.
Geld: Kanada-Dollar (CAD). 1 EUR = 1,35 CAD.
Dokumente: Maschinenlesbarer Reisepass.
Essen & Trinken: Nichts geht ohne Wildlachs. Fünf Arten werden unterschieden: Chinook (Königlachs), Sockeye (Rotlachs), Coho (Silberlachs), Chum (Ketalachs) und Pink Salmon (Buckellachs). Häufig kommt Wild auf den Tisch, neben Wildschwein auch Bison, Elch und Karibu. Ein beliebtes kanadisches Rezept ist Pâte chinois (Hackbraten geschichtet mit Mais und Kartoffelpüree). Ebenfalls sehr populär: Maple Syrup (Ahornsirup), wird nicht nur für Süßspeisen verwendet..
Restaurants: An Bord des Rocky Moutaineer genießen die Fahrgäste erstklassige Mahlzeiten, die von prämierten Köchen zubereitet werden, z.B. Wild oder British Columbia Sockeye Salmon mit lokalem Gemüse in einer Senf-Vinaigrette.
Sehenswert: Calgary: Austragungsort der Olympischen Spiele von 1988 mit echtem Cowboy-Feeling. Banff: Banff National Park mit dem wunderschönen Lake Louise. Vancouver: Stanley Park mit der Seilbahn auf den Grouse Mountain; Capilano, die längste und höchste Hängebrücke der Welt.
Aktivitäten: Tierbeobachtungen (z.B. Bären), Angeln, Wandern, Kanu, Rafting, Huskytouren.
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Mortimer
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