
Die peinliche Umpack-Zeremonie am Check-in des Flughafens hat mehr Sinn, als man denkt: Flugsicherheit, Treibstoffkosten und Rückenschutz fürs Bodenpersonal.
Wer hat nicht schon einmal diese kleine, peinliche Zeremonie am Check-in-Schalter erlebt? Da stellen Passagier ihre prall gefüllten Koffer auf die Waage, und das kleine digitale Display leuchtet ihnen mit einer Zahl entgegen, die so unerhört hoch ist, dass sie glatt als Telefonnummer einer Fluggesellschaft in Rechnung gestellt werden könnte. Übergewicht!
Und dann beginnt der augenzwinkernde Notfallplan der Airlines, die einen zwingen, den Koffer zu öffnen und – quasi als Akt der göttlichen Fügung – die schwersten Gegenstände herauszuholen und sie feierlich ins Handgepäck zu verfrachten. Doch warum diese Farce, bei der das Gewicht lediglich von A nach B, sprich vom Frachtraum in die Kabine, verschoben wird? Die Wahrheit ist eine köstliche Mischung aus Logik, Sicherheit und einem Hauch von Rücksichtnahme.
Weight and Balance
Fliegen ist Physik für Fortgeschrittene. Jedes Kilogramm zählt, nicht nur wegen der Kosten, sondern vor allem wegen der Flugsicherheit. Das Gesamtgewicht eines Flugzeugs muss exakt berechnet werden, um Start, Steigflug und Landung optimal zu gewährleisten.

Zudem verbraucht ein schwereres Flugzeug mehr Kerosin. Jedes zusätzliche Kilo ist ein Schluck mehr teurer Treibstoff. Die Airlines sind knallharte Rechner, und sie sehen in dem übergewichtigen Gepäck nicht nur einen Koffer, sondern einen unnötigen Mehrverbrauch, den der Fluggast bitteschön extra zu bezahlen hat.
Ritter der Wirbelsäule
Das Gewicht muss im Frachtraum perfekt verteilt sein, um die Balance des Flugzeugs zu gewährleisten. Ein Koffer über dem Limit ist ein Störfaktor in dieser minutiösen Berechnung. Das Umladen ins Handgepäck verschiebt das Gewicht zwar, aber es befindet sich dann in einem Bereich, der als Teil der kalkulierten Kabinenzuladung aus der Zahl der Passagiere und dem Handgepäck gesehen wird. Es ist ein Umbuchen im großen Logistik-Haushalt.
Viel wichtiger als das gebuchte Limit von zumeist 23 Kilogramm in der Economy-Klasse ist die harte, gesetzliche Obergrenze von 32 Kilogramm pro Gepäckstück. Das ist keine Willkür der Airline, sondern ein Akt der Gewerkschaftsarbeit und Arbeitssicherheit. Denn das Bodenpersonal muss diese Koffer oft von Hand anheben und verladen. Ein 32-Kilo-Koffer ist bereits eine Herausforderung für den Rücken. Alles, was darüber liegt, wird in vielen Ländern als Gesundheitsrisiko für die Mitarbeiter eingestuft und muss als Sonderfracht behandelt werden – oder eben auf wundersame Weise leichter werden.
Alles im Gleichgewicht

Und so kommt es zu dieser wunderbaren Theaterszene: Weil der Koffer bei 24,5 Kilogramm liegt und somit 1,5 Kilogramm zu viel! Auf die Waage bringt, und der Fluggast nicht gewillt ist, eine teure Übergewichtsgebühr zu zahlen, wandelt sich der Passagier notgedrungen zur Umpackfachkraft. Der dicke Wälzer über Quantenphysik? Ins Handgepäck. Die gefühlt zehn Pullover? Um den Arm gewickelt. Das schwere Paar Wanderstiefel? Am besten gleich anziehen!
Das Ergebnis: Das Gepäckstück im Frachtraum ist nun konform, und das Übergewicht wird einfach auf den Rücken und die Schultern des Passagiers verlagert. Die Airline hat gewonnen: Das Frachtstück ist sicher verladbar und die Gewichtsbilanz ist formal eingehalten.
Kurzum, wer das nächste Mal laut fluchend Socken und Bücher panisch umpackt, sollte daran denken: Man (oder frau) ist nicht der einzige Passagier. Das Umsortieren und Auspacken ist daher ein wichtiger Beitrag zur aerodynamischen Integrität des Fluges und ein Schutzengel für die Wirbelsäule des Bodenpersonals.
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Buchtipp mit Übergepäck-Potential: Nur Fliegen ist schöner
Bekannt ist der Franke Stefan Schöner eigentlich als begeisterter Kreuzfahrer, der seine kleinen und großen Erlebnissen in den beiden Erfolgsbüchern „Urlaub auf hoher See“ (ISBN 978-3-939408-12-3) und „Mehr Urlaub auf hoher See“ mit Witz und Esprit verarbeitet hat. Das Fliegen mag er gar nicht. Allerdings hat Schöner bei seinen Kreuzfahrten ein kleines Problem: Seine Heimat Unterfranken liegt hunderte von Kilometern vom Meer und vom nächsten Kreuzfahrthafen entfernt. Deswegen muss er, ob es ihm gefällt oder nicht, auch immer wieder ins Flugzeug steigen. Mit dem Ergebnis, dass er nun mit Nur Fliegen ist schöner eine Sammlung mit heiteren Kurzgeschichten rund ums Fliegen vorgelegt hat.
Und auch beim Fliegen gibt es für ihn immer bemerkenswerte Erlebnisse. Ob die Technik streikt oder das Kabinenpersonal, ob das Wetter verrückt spielt oder der Taxifahrer am Flughafen, Schöner spießt die kleinen Widrigkeiten des Reisealltags genauso mit Witz und einem Augenzwinkern auf wie die Eigenheiten der Mitarbeiter der Fluggesellschaften und des Sicherheitspersonals und natürlich auch die der lieben Mitreisenden.
Wie in den bereits erschienenen Kurzgeschichtenbänden beschreibt Schöner heitere wie nachdenkliche Episoden mit Humor und liebevollem Blick fürs Detail und beweist, dass man mit der richtigen Perspektive eigentlich immer und überall amüsieren kann.
Erhältlich ist Nur Fliegen ist schöner (ISBN 978-3-939408-29-1) von Stefan Schöner für 10,99 Euro im Buchhandel oder versandkostenfrei direkt beim Westflügel Verlag.
Karsten-Thilo Raab
berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.
