Topkapi-Palast: Prunk, Protz und Harem

Topkapi
Prunkvoll mutet noch heute der einstige Audienzsaal im Topkapi-Palast an. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Wenn Mauern sprechen könnten, würde der Topkapi-Palast in der türkischen Megametropole Istanbul vermutlich ein paar pikante Anekdoten über Haremsdramen, Dolchspielchen und osmanische Traditionen sowie Gebräuche zum Besten geben. Stattdessen steht er da – majestätisch, leicht überfordert vom nicht enden wollenden, täglichen Besucheransturm und vermutlich mit mehr Geschichten im Gepäck als ein türkischer Großvater beim Familienfest.

Wie aus 1001 Nacht

Der Topkapi-Palast, strategisch auf dem Serail-Hügel zwischen Goldenem Horn und Marmarameer platziert, war über 400 Jahre lang das Machtzentrum des Osmanischen Reiches. Sultan Mehmed II. ließ das prunkvolle Anwesen im 15. Jahrhundert errichten – vermutlich mit dem Ziel, nicht nur zu herrschen, sondern dabei auch verdammt gut auszusehen. Heute wirkt der Palast wie ein Mix aus Märchenkulisse, Museumskomplex und Instagram-Hotspot. Vier Höfe, unzählige Pavillons, Gärten, Moscheen und – nicht zu vergessen – ein Harem, der weniger mit frivoler Unterhaltung als mit strenger Etikette zu tun hatte.

Von Diamanten und Dolchen

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Selbst die ausgestellten Rüstungen versprühen einen gewissen Glanz. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

In der Schatzkammer funkelt es wie in einem Juwelierladen: Der berühmte Topkapi-Dolch – mit Smaragden so groß wie Oliven – ist ebenso zu bestaunen wie der sagenumwobene Löffelmacher-Diamant. Warum der so heißt? Weil angeblich ein Löffelmacher ihn auf dem Basar gefunden hat. Ob das stimmt? Nun ja, das mag für immer des Sultans Geheimnis bleiben.

Mehr als Seidenkissen und Seufzer

Noch heute versprüht der Palast den Glanz längst vergangener Tage. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Das am meisten missverstandene Areal des Palastes ist zweifellos der Harem – jener sagenumwobene Ort, der in westlichen Köpfen lange als Mischung aus Wellness-Oase, Liebesakademie und Seidenkissenparadies galt. Tatsächlich gab es hier statt frivoler Tänze und Bauchtanz klare Hierarchien und Hackordnungen. Wer durch die engen Gänge wandelt, spürt noch heute den Hauch von Parfüm, Macht und gelegentlicher Eifersucht.

Kleiner Harem-Knigge

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Eunuchen bewachten den Harem im Topkapi-Palast. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Spontane Flirtversuche mit dem Sultan galten als gefährliches Unterfangen. Wer sich ungefragt in seine Nähe wagte oder zu offensichtlich intrigierte, drohte schnell zur Hauptdarstellerin in der nächsten Palasttragödie zu avancieren. Wer sich jedoch an die Etikette hielt, konnte es weit bringen – vielleicht sogar bis zur Lieblingsfrau des Sultans.

Heilige Reliquien

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Auch ein Blick in die früheren Privatgemächer der Sultane wird gewährt. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Überaus imposant mutet auch der Audienzsaal an. Hier empfing der Sultan Gesandte und den einen oder anderen Bittsteller, während sich der Pavillon der Heiligen Reliquien als die eigentliche (religiöse) Schatzkammer des Topkapi-Palastes erweist. Für eine besondere Atmosphäre sorgt hier ein Imam, der rund um die Uhr aus dem Koran rezitiert – ein Brauch, der über Jahrhunderte hinweg gepflegt wurde.

Beim Barte des Propheten

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Sogar ein vermeintlicher Fußbadruck des des Propheten Mohammed wird vorgehalten. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Der Pavillon, einst Teil der privaten Gemächer der Sultane, beherbergt heute einige der kostbarsten und meist verehrten Objekte der islamischen Welt. Zu den Ausstellungsstücken gehören vermeintlich persönliche Gegenstände des Propheten Mohammed – darunter sein Mantel, sein Schwert, ein Brief, seine Sandale, sein Fußabdruck und sogar eines seiner Bart-Haare. Ergänzt wird die Sammlung durch Objekte, die mit anderen bedeutenden Persönlichkeiten der abrahamitischen Tradition in Verbindung gebracht werden – etwa dem Stab von Moses oder dem Schwert Davids.

Osmanisches Disneyland?

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Der weitläufige Palast besteht aus zahlreichen Gebäudekomplexen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Für Skeptiker mag es ein wenig nach einem osmanischen Disneyland klingen, doch die kunstvoll präsentierten Reliquien stehen nicht allein für ihren materiellen Wert, sondern sind Ausdruck einer überlieferten, ehrwürdigen Verbindung zwischen Herrschaft, Glauben und Tradition. Und vielleicht gehören zum wahre Schatz des Topkapi-Palasts weder Artefakte noch Gold oder Juwelen, sondern die Erkenntnis, wie nah Vergangenheit und Gegenwart beieinander liegen. Denn hier verweilt die Geschichte spürbar zwischen Mosaiken, Manuskripten und Marmorgängen.

Historische Kleider der Sultans-Familie sind ebenfalls zu bestaunen. – Foto: Karsten-Thilo Raab/ Mortimer Reisemagazin

Informationen: www.topkapipalace.gen.tr

Öffnungszeiten: Vom 1. April bis 30. September von 9 bis 18 Uhr, vom 1. Oktober bis 31. März von 9 bis 16:45 Uhr

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Das imposante Eingangsportal zum Topkapi-Palast. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.