Klotzen, statt kleckern im polnischen Katowice: Leuchttürme der Kultur statt Kohle

Katowices "fliegendeUntertasse": Szymon Polan.
Katowices „fliegendeUntertasse“: Der Spodek, eine Sport- und Veranstaltungshalle. (Foto Szymon Polan)

Kohle und Stahl bestimmten lange Zeit das Leben der oberschlesischen Metropole Katowice (Kattowitz). Heute setzt man dort auf Wissenschaft, Dienstleistungen und schöne Künste. Für stolze 400 Millionen Euro wird gerade eine ehemalige Zeche im Stadtzentrum zur „Achse der Kultur“. Alexander Liebreich, ein junger Dirigent aus Bayern, ist nicht nur begeisterter Beobachter, sondern wichtiger Akteur bei der unglaublichen Verwandlung von Katowice zu einer europäischen Kulturmetropole.

Alexander Liebreich, der in Regensburg aufwuchs und in München seinen Lebensmittelpunkt hat, sieht seine Wurzeln in Mitteleuropa. Sein Vater stammt aus Böhmen. Urgroßeltern von ihm kamen in Auschwitz ums Leben. So begab sich Liebreich 1987 nach dem Abitur auf Spurensuche in den Osten. Als er damals zum ersten Mal nach Katowice reiste, rauchten dort noch die Schlote und die Luft galt als eine der schlechtesten in Europa. Rund 15 Jahre später kam er als mittlerweile gefeierter Dirigent wieder. Die Luft war besser und der Himmel über der Rawa wieder blau.

Der deutsche Stardirigent Alexander Liebreich  ist längst zu einem musikalischen Aushängeschild Katowices geworden. (Foto Thomas Rabsch)
Der deutsche Stardirigent Alexander Liebreich ist längst zu einem musikalischen Aushängeschild Katowices geworden. (Foto Thomas Rabsch)

Das in Katowice beheimatete Nationale Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks hatte Liebreich als Gastdirigent eingeladen. „Ich habe gleich gespürt, wie fantastisch das Orchester ist“, erinnert er sich. Es folgten weitere Gast-Auftritte, bis schließlich vor zweieinhalb Jahren ein Anruf seine Laufbahn neu justierte. Ihm wurde die künstlerische Leitung des renommierten Klangkörpers angetragen.

„Meine Frau war skeptisch, aber für mich war sofort klar, dass ich das machen möchte.“ Am 1. September 2012 wurde Liebreich als erster Deutscher nach dem Zweiten Weltkrieg Chefdirigent eines polnischen Orchesters. Das Nationale Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks galt schon damals als führend im Nachbarland. Ursprünglich 1935 gegründet, begann der Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg in Katowice, da die Hauptstadt Warschau noch in Trümmern lag. Das Orchester blieb in Oberschlesien, feierte Erfolge mit Dirigenten wie Jan Krenz, Tadeusz Strugała oder Antoni Wit und internationalen Gästen wie Leonard Bernstein oder Kurt Masur und trat als kultureller Botschafter Polens in aller Welt auf.

In Deutschland galt die Berufung von Liebreich, der seit 2006 auch Chefdirigent des Münchener Kammerorchesters ist, als kleine Sensation. Für Polen war es eher ein Zeichen von Normalität. Kritische Diskussionen über seine Person, so der Dirigent, habe er bisher nicht wahrgenommen.

Im Hotel Monopol bezieht Alexander Liebreich regelmäßig eine Suite.  (Foto Thomas Gezbus)
Im Hotel Monopol bezieht Alexander Liebreich regelmäßig eine Suite. (Foto Thomas Gezbus)

Seit fast zwei Jahren pendelt Liebreich zwischen seiner Heimatstadt München und Katowice. Etwa ein Viertel seiner Zeit verbringt er in der 320.000 Einwohner zählenden schlesischen Metropole. Seine Suite im noblen Art-Deco-Hotel Monopol ist dem früheren Gast und bedeutenden polnischen Komponisten Karol Szymanowski gewidmet. Das Monopol ist Sinnbild für die wechselhafte Vergangenheit und Zukunft von Katowice gleichermaßen. 1903 eröffnet, war es vor dem Zweiten Weltkrieg das vornehmste Hotel in ganz Schlesien, Hotspot für Künstler wie den berühmten Operntenor Jan Kiepura. Nach dem Krieg verblasste der Glanz, das Haus stand Jahre lang leer, bevor ein polnischer Investor es mit viel Geld und Geschmack wieder in ein Schmuckstück zurückverwandelte, in dem sich jetzt Tradition mit Moderne verbindet.

Alexander Liebreich fühlt sich wohl in der Stadt, er schwärmt von vielen neuen asiatischen Restaurants, wo alles superfrisch ist, geht mittags gerne ins kleine Bistro „8 Stolików“, gleich um die Ecke vom Musiksaal, wo die Bedienung seine Wünsche schon kennt und viele Stammgäste ihn freundlich grüßen. In München lebt er gerne, schätzt seine eher intimere Arbeit mit dem Münchener Kammerorchester, aber die Tätigkeit in Katowice möchte er nicht missen. In München habe das kulturelle Angebot ein sehr hohes Niveau. In Katowice erlebt er aber die Umbrüche in der Gesellschaft, der Stadt, der Kultur hautnah mit.

Die Heimat des Nationalen Rundfunksinfonieorchesters in Katowice.
Die neue Heimat des Nationalen Rundfunksinfonieorchesters in Katowice.

„Für mich ist es ein Geschenk, dass ich daran teilhaben kann.“ Er schätzt, dass er sich inhaltlich mit der Musik auseinandersetzen kann, nicht unter Quotendruck steht. Die Menschen dort seien sehr fokussiert auf ihre Arbeit. Dieses positive Erbe der Bergbau-Traditionen könne er auch im künstlerischen Bereich erleben. Obwohl er selbst mit 18 Jahren aus der Kirche ausgetreten ist, fasziniert ihn die Gläubigkeit der Menschen, die mit dem Katholizismus verbundene Mystik, die Suche nach Erlösung, die auch ein Leitmotiv für seine musikalische Arbeit ist.

„Der Anspruch eines national führenden Orchesters muss es sein, in der Weltspitze vergleichbar mitzuspielen“, gibt sich Liebreich unbescheiden. Dafür kann er nicht nur auf ein hervorragendes Ensemble zurückgreifen, sondern verfügt auch über einen der höchsten Etats für ein Orchester in Polen.

Im Herbst erhält er zudem einen Konzertsaal, den er ohne zu zögern zu den drei besten in Europa zählt. Der neue Sitz des Nationalen Rundfunk-Symphonieorchesters entsteht derzeit auf dem Gelände der ehemaligen Zeche „Katowice“ im Zentrum der Stadt. Für 400 Millionen Euro schaffen Stadtverwaltung und Regionalregierung dort die neue Mitte der oberschlesischen Metropole. Nicht kleckern, sondern klotzen, so könnte das Motto lauten. Flankiert wird die neue Philharmonie auf der einen Seite von einem hochmodernen Kongresszentrum, das im Frühjahr 2015 eröffnet wird und gemeinsam mit der benachbarten Sporthalle Spodek das größte Veranstaltungszentrum Polens bilden wird. Auf der anderen Seite ragen gläserne Kuben aus der Erde, die zum ebenso spektakulären Neubau des Schlesischen Museums gehören. Dessen Ausstellungsflächen befinden sich größtenteils unter der Erde, dort also, wo der Aufschwung der Stadt begann.

Blick in den neuen Museentempel von Katowice.
Blick in den neuen Museentempel von Katowice.

Das Konzerthaus bildet den Mittelpunkt auf der neuen „Achse der Kultur“. Mit seinen klaren Formen knüpft der mächtige Kubus an die Tradition der Klassischen Moderne in Oberschlesien an, vertikale Fensternischen nehmen dem Bau die Schwere, der rote Backstein und die roten Umrahmungen der Fenster schaffen eine Verbindung zur Bergbau-Architektur, wie sie in der historischen Kattowitzer Arbeitersiedlung Nikiszowiec (Nikischschacht) bis heute erhalten geblieben ist.

Alexander Liebreich findet es bemerkenswert, dass die Stadt den Mut hatte, mit Tomasz Konior einen jungen Architekten aus Katowice mit der Planung zu beauftragen, statt auf große Namen und Effekte zu setzen. Spektakulär ist vor allem das Innenleben des Baus, der 1.800 Plätze in einem großen und weitere 300 in einem kleinen Saal bietet. Für die Akustik holte man mit der japanischen Firma Nagata Acoustics die beste ihres Faches, die weltweit für einige der berühmtesten Konzertsäle verantwortlich war und aktuell auch für die Hamburger Elbphilharmonie tätig ist. Für die Konstruktion und ihre akustischen Messungen schufen sie ein realistisches Modell der Konzertsäle im Maßstab 1:10. Neben der herausragenden Akustik schätzt Alexander Liebreich die Anordnung der Sitze, die einen unmittelbaren Kontakt zwischen Musikern und Zuhörern ermöglicht.

Die einst dominante Bergbau-Architektur, ist in der historischen Kattowitzer Arbeitersiedlung Nikiszowiec (Nikischschacht) bis heute erhalten geblieben.
Die einst dominante Bergbau-Architektur, ist in der historischen Kattowitzer Arbeitersiedlung Nikiszowiec (Nikischschacht) bis heute erhalten geblieben.

Die Eröffnung des neuen Kulturtempels soll groß gefeiert werden. Am 1. Oktober wird Liebreich mit seinem Rundfunk-Symphonieorchester an einige der bekanntesten zeitgenössischen Komponisten Polens erinnern. Stücke von Witold Lutosławski, Krzysztof Penderecki, Wojciech Kilar und Henryk Mikołaj Górecki stehen auf dem Programm. Gemeinsam mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks und dem Pianisten Krystian Zimerman wird danach ein Auftragswerk des oberschlesischen Komponisten Eugeniusz Knapik uraufgeführt, bevor Beethovens Neunte den Abschluss des Abends bildet. Auftritte der Wiener Philharmoniker, des London Symphony Orchestras, ein Gastspiel von Ennio Morricone, Konzerte mit polnischen Jazzgrößen wie Leszek Możdżer und Jan Wróblewski sowie die Eröffnung des traditionsreichen Rawa Blues Festivals stehen im Eröffnungsmonat ebenfalls auf dem Spielplan.

Fiebert der Eröffnung des neunen Konzerthauses bereits entgegen: Alexander Liebreich. (Foto Thomas Rabsch)
Fiebert der Eröffnung des neunen Konzerthauses bereits entgegen: Alexander Liebreich. (Foto Thomas Rabsch)

Auch wenn er keinen Quotendruck empfindet, so steht Liebreich vor der Herausforderung, dass sein neues Vorzeige-Haus auch gefüllt werden soll. Sein Rundfunk-Symphonieorchester wird häufiger in Katowice spielen, der neue Saal hat 800 Plätze mehr als der bisherige. Doch immerhin leben in dem oberschlesischen Ballungsgebiet mehr als zwei Millionen Menschen und Katowice zieht zunehmend auch internationale Besucher an. Mit einem neuen Festival unter dem Titel „Kultura Natura“ will Liebreich die Bedeutung der Stadt als Musikzentrum unterstreichen.

Vom 15. bis 24. Mai 2015 wird es erstmals im neuen Konzerthaus veranstaltet und soll dann einen festen Platz im jährlichen Kulturkalender haben. Sein Münchener Kammerorchester, London Sinfonietta, der RIAS Kammerchor, das Berliner Kuss Quartet und Solisten wie Mikols Pereny oder Nicolai Luganski werden zur Premiere von „Kultura Natura“ erwartet, für das Liebreich als Direktor vorgesehen ist. Sein Vertrag als künstlerischer Leiter des Rundfunk-Symphonieorchesters läuft noch bis 2016 und Liebreich lässt keinen Zweifel daran, dass er gerne länger in Oberschlesien bleiben möchte. So wird er sich auch noch eine Weile als Botschafter für Katowice betätigen: „Ich habe schon viele Freunde und andere Künstler hierher gebracht, und alle waren sehr angetan von der Stadt.“

Informationen über das Nationale Symphonieorchester des Polnischen Rundfunks unter www.nospr.org.pl und über Katowice unter www.katowice.eu. Allgemeine Auskünfte unter www.polen.travel.