Cockneys – die einzigen echten Londoner

Cockneys
Cockneys sind die „echten“ Londoner, sie sprechen eine eigene Sprache und sind in Hörweite der Glocken der St. Mary-le-Bow Kirche geboren. – Foto: Mortimer Reisemagazin

Auf den ersten Blick scheinen Charlie Chaplin, Fotomodelllegende Twiggy, Popmusiker Boy George und Oscar-Preisträger Michael Caine nicht mehr als ihre Berühmtheit gemeinsam zu haben. Doch die international bekannten Stars verbindet noch mehr. Sie alle sind Cockneys, waschechte Londoner. Auch wenn viele der mehr als sieben Millionen Einwohner der Themse-Metropole in der britischen Kapitale das Licht der Welt erblickt haben, dürfen sich nur die wenigsten als Cockneys bezeichnen. Denn im strengen Sinne ist ein Cockney nur, wer in der Hörweite der Glocken der St. Mary-le-Bow Kirche in Cheapside im Londoner East End geboren wurde.

Seit dem 17. Jahrhundert tragen die „Ur-Einwohner“ der britischen Hauptstadt den klangvollen Spitzennamen, der im ursprünglichen Sinne alles andere als schmeichelhaft war. Abgeleitet wird Cockney von „cokene ey“, was so viel wie Hahnen-Ei, also „missratenes Ei“, bedeutet. Namensgeber war die britische Landbevölkerung, die damit ihre Wertschätzung gegenüber den aus ihrer Sicht völlig verweichlichten Großstädtern zum Ausdruck bringen wollte.

Auch echte Gentlemen in gestreiften Anzügen sind in London noch vereinzelt anzutreffen. – Foto: Mortimer Reisemagazin

Heute werden die Ur-Einwohner Londons gerne als „Seele der Stadt“ und als das „Lebenselixier Londons“ bezeichnet. Sie gelten als Vertreter der Arbeiterklasse par excellance und zeichnen sich laut eigenem Bekunden durch eine ordentliche Portion Pfiff sowie große Herzlichkeit aus. Sie lieben angeblich Deftiges wie „Bangers and Mash“, fetttriefende Würstchen mit Kartoffelpüree. Und Aal darf auf keiner Hochzeit fehlen. Auch ihr Zusammengehörigkeitsgefühl ist schon legendär.

Daneben siedeln Cockneys ihre persönliche Freiheit deutlich vor Reichtum auf der Werteskala an. Zum Erntedankfest, aber auch bei der Londoner Parade am Neujahrstag oder beim legendären Notting Hill Carnival treten die „Pearly Queens“ und „Pearly Kings“ in den Blickpunkt. Ihre mit Perlmuttknöpfen übersäten Festtagsgewänder konservieren die Mode des späten 19. Jahrhunderts. Damals nähten sich die Cockneys solche Knöpfe an ihre Kleider, um zu dokumentieren, dass ihr Gemeinschaftsgefühl und ihr Stolz stärker seien als ihre Armut.

Cockneys mit Vorzeigecharakter. – Foto: Mortimer Reisemagazin

Doch auch sprachlich unterscheiden sich die Cockneys von den übrigen Einwohnern Londons. Sie entwickelten im Laufe der Zeit eine eigene, variantenreiche Sprache mit zahlreichen Facetten und sozial bedingten Unterschieden. Literarische Berühmtheit erlangte das Cockney in George Bernhard Shaws “Pygmalion” und dem darauf basierenden Musical “My Fair Lady”. Besondere Eigenheit des Cockney ist neben phonologischen Abweichungen vom Standard Englisch, der „rhyming slang“, eine humorige, plastische Bildsprache, die im 19. Jahrhundert entstand und Begriffe durch völlig andere Reimwörter ersetzt.

Füße, „feet“, sind für den Cockney „plates of meat“ (Fleischteller). Ein Kumpel oder mate wird zu „China plate“, einem Porzellanteller. Bienen und Honig, „bees and honey“, stehen für Geld, „money“, ein Leib Brot („loaf of bread“) für Kopf („head“) und „Mince Pies“ (gefüllte Hackfleischpastete) für „Eyes“ (Augen). Es gibt eine Menge von Wörtern, die nur den Ur-Londonern zu Eigen sind: „boozer“ für Kneipe, „kip“ für Nickerchen und „the smoke für London.

Der Stolz auf die Heimat ist bei einigen Briten unübersehbar. – Foto: Mortimer Reisemagazin

Ja, Cockney ist für Außenstehende mitunter ein Buch mit sieben Siegeln: „Would you Adam and Eve it? His trouble and strife fell down the apples and pears.” Ein simpler Satz, der sich bereits als unüberwindbare Hürde erweisen dürfte. Es sei denn, man weiß, dass „Adam and Eve“ (Adam und Eva) „believe“ (glauben, sich vorstellen können) bedeutet, dass „trouble and strife“ (Kummer und Unfrieden) für „wife“ (Ehefrau) steht und “apples and pears” (Äpfel und Birnen) mit „stairs“ (Treppen) gleichgesetzt werden.

So lebhaft die Londoner Cockney-Szene auch sein mag, so sehr ist sie in ihren Grundfesten erschüttert. Denn die Zahl derer, die heute noch im alten Herzen von London geboren werden und in Hörweite der Bow Bells leben, geht stark gegen Null. Denn das Londoner East End, das lange Jahre eine Wohngegend der Arbeiterklasse galt, hat sich unlängst in eine Bürolandschaft verwandelt. Eine Bürolandschaft, in der nur wenige leben und die sich allabendlich in eine fast menschenleere Geisterstadt verwandelt. Dennoch ist Cockney noch lange kein „brown bread“ – soll heißen „dead“…

Weitere Informationen unter www.cockney.co.uk; mehr zum Rhyming Slang unter www.aldertons.com und unter www.cockneyrhymingslang.co.uk.

Buchtipp: Time for tea, sex and fun

TimeObwohl der Titel von Time for tea, sex and fun auf Englisch ist, wirft das amüsante wie lehrreiche Buch auf Deutsch mit viel Esprit einen liebenswerten Blick auf unsere englischen, schottischen und walisischen Freunde.

Demnach ist klar, dass es alle Arten von Briten gibt – große und kleine, hübsche und hässliche, dicke und dünne, freundliche und aggressive. Einige haben blonde Haare, einige braune, einige schwarze oder graue. Einige gar keine. Besonders in sonnigen Gefilden ist der ansonsten eher nordisch-blasse Brite daran zu erkennen, dass er nach einem Sonnenband wie ein abgebrühter Hummer aussieht, sich aber nichtsdestotrotz lustig weiter Tag für Tag in die pralle Sonne legt.

Doch der Brite ist nicht nur gegen Hitze resistent, auch jegliches Kälteempfinden scheint ihm fremd. Wer diese stereotypen Ansichten teilt oder Bestätigung für diese sucht, wird in Time for tea, sex and fun von Mortimer Reisemagazin Redakteur Karsten-Thilo Raab ebenso fündig werden, wie derjenige, der seine alten, verkrusteten Ansichten über die Briten endlich ins rechte Licht rücken möchte. Auf jeden Fall dürfte in dem Buch viel Interessantes, Kurioses, Unterhaltsames und Wissenswertes über die Briten und ihre Lebensgewohnheiten zu entdecken sein.

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Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.