
Zwischen Marmorfliesen und Regendusche fehlt in vielen Hotels und Beherbergungsbetrieben ein unscheinbarer Held: die Toilettenbürste. Ein globales Phänomen, das mehr über Hotelhygiene und Design verrät, als man denkt.
Selbst Vielreisende stolpern immer wieder über ein Phänomen, das sie seit Jahren auf ihren Reisen zwischen Tokio und Toronto, zwischen luxuriösen Fünf-Sterne-Tempeln und charmanten Boutique-Bunkern begleitet. Ein stilles, borstenloses Geheimnis, das in der wohl intimsten Ecke des Hotelzimmers lauert: Die fehlende Toilettenbürste.
Ein hygienisches Diktat
Man kommt an, bestaunt das Design-Bad – die Marmorfliesen, die Regendusche, das Duft-Shampoo, das so tut, als käme es direkt aus einem Bergquell. Alles klinisch rein, auf Hochglanz poliert. Doch dann, wenn der Verdauungstrakt dem Ruf der Natur Rechnung tragen muss, sucht das Auge verzweifelt nach dem Retter in der Not, dem stillen Diener in Plastik und Borste. Und findet: Nichts. Man fühlt sich ertappt, allein gelassen. Denn, in der Luxus-Herberge mangelt es sehr zur Verwunderung an einer Toilettenbürste.
Warum gibt es diese weitverbreitete, kollektive Verweigerung der Hotels für das begehrte und zu Hause regelmäßig eingesetzte Reinigungsutensil? Die Antwort ist so simpel: Hygiene. Hoteliers, die das Phänomen der „verlorenen Ehre“ in ihren Bädern seit Jahren studieren, haben die Bürste als öffentlichen Feind Nummer eins der Keimfreiheit identifiziert. In der nüchternen Logik der Hotellerie ist die Bürste nicht der Problemlöser, sondern der Problemverursacher.
Bakterienschleuder deluxe
Selbst in der schicksten Halterung ist die Bürste ein Sammelplatz für Keime und Rückstände. Sie sieht schnell unansehnlich aus und vermittelt den Eindruck, als hätte der Vorgänger sie gerade erst nach einem Dschungelabenteuer benutzt. Moderne Hotelbäder sind zudem häufig auf Minimalismus und Design getrimmt. Ein sichtbarer Plastik- oder Metallbehälter mit Borsten voller… Vergangenheit… stört die klare, aufgeräumte Ästhetik, die so gut auf Instagram funktioniert.
Hinzu kommt die Illusion der Reinheit: Der Gast soll sich nicht um „Hausmeistertätigkeiten“ kümmern müssen. Ein Fünf-Sterne-Haus möchte dem Besucher diese „erniedrigende Tätigkeit“ ersparen. Die Botschaft ist: Wir kümmern uns. Du sollst nur entspannen und Kaviar essen.
Die stille Lösung: Technisches Spülen
Wie aber wird dann für die nötige Sauberkeit gesorgt? Hier kommen die unsichtbaren Helden des Hotel-Hygienekonzepts ins Spiel: Die Spülung der Superlative. Besonders in den USA, aber auch in vielen modernen Häusern weltweit, sind die Toiletten oft anders konstruiert. Sie haben einen deutlich höheren Wasserspiegel und/oder eine stärkere Spülkraft – manchmal fast schon in der Liga einer Flugzeugtoilette. Das Prinzip: Was das Auge nicht sieht, ist nicht da. Oder genauer: Was der hohe Wasserdruck nicht wegsaugt, soll es zumindest verdecken.
Die Hotelleitung geht außerdem davon aus, dass das Hauspersonal, oft ausgestattet mit industriellen Reinigungsmitteln und – Achtung! – eigenen Bürsten, die nötige Nacharbeit leistet. Sie betreten das Zimmer, bewaffnet mit Chemikalien, die wahrscheinlich eine ganze Fußbodenheizung auflösen könnten, und stellen die Ursprüngliche Sauberkeit mit brachialer Effizienz wieder her.
Spontane Papierlösung
Manch findiger Reisender hat die Lösung unterdessen schon selbst gefunden: Ein paar Blätter Toilettenpapier dienen als Behelfswerkzeug. Einmal kurz „nachpoliert“ und dann einfach abspülen. Nicht elegant, nicht öko, aber effektiv.
Das Fehlen der Bürste in den meisten Hotels ist somit kein Versehen, sondern eine bewusste Design- und Hygienestrategie. Es ist ein Zeichen dafür, dass das Hotel die „schmutzige Arbeit“ selbst übernehmen will, um dem Gast die Illusion einer perfekten, unbefleckten Welt zu erhalten.
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Wer sich also das nächste Mal in dieser bürstenlosen Zwangslage wiederfindet, sollte über das skurrile Phänomen lächeln, dass das 21. Jahrhundert uns Raumschiffe und Smartphones beschert hat, aber im Kampf gegen eine kleine braune Spur die Waffen streckt. Und dann einfach die Rezeption anrufen und etwas verlegen nach einer „Reinigungshilfe für sensitive Rückstände“ fragen…
Buchtipp: Bettgeflüster – Amüsantes unter der (Bett-) Decke
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Karsten-Thilo Raab
berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.
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