Rivoli kreativ: Wildes Pariser Künstlerhaus

Rivoli
Allein das Treppenhaus im Künstlerhaus an der Rue de Rivoli in Paris ist einen Besuch wert. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Wo Paris aus dem Rahmen fällt: Hinter der Fassade von 59, Rue de Rivoli brodelt ein kreatives Chaos: Das Künstlerhaus ist ein lebendiges Statement gegen Konventionen.

Wer glaubt, die Pariser Kunstszene sei nur im berühmten Louvre konserviert oder im Musée d’Orsay gerahmt, wer glaubt, Kunst müsse immer nur still, ehrfürchtig und hinter Glas präsentiert werden, der hat noch nicht die 59, Rue de Rivoli in der französischen Hauptstadt betreten. Ein Gebäude, das aussieht, als hätte Banksy mit Vincent Van Gogh und Keith Haring eine WG gegründet und Picasso zusammen mit Andy Warhol die Wände mitgestaltet. Denn das alternative Künstlerhaus präsentiert nicht nur Kunst auf gleich sechs Etagen, sondern ist selbst ein beeindruckendes Kunstwerk.

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Das Treppenhausist ein faszinierendes Gesamtkunstwerk. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Schon von außen wirkt das Künstlerhaus wie ein rebellischer Farbtupfer im eleganten Grau der Pariser Innenstadt: wild bemalt, verspielt, ein bisschen verrückt. Wer hier eintritt, lässt die Welt der klassischen Kunst hinter sich und taucht ein in ein kreatives Paralleluniversum, in dem Pinsel, Spraydose und Fantasie eindeutig das Sagen haben. Ein Meer aus ungebremster Schaffensfreude, Kreativität voller gewagter Kunstwerke. Ob Malereien, Zeichnungen, Fotografien, Skulpturen oder Installationen – sie alle finden hier ihren Raum. Ebenso wie einige Kunstrichtungen, die sich eher schwerlich kategorisieren lassen. Aber gerade diese Phänomen macht den besonderen Charme des Künstlerhauses an der Rue de Rivoli aus.

Stiegenkunst auf Schritt und Tritt

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Etage für Etage eröffnen sich neue Blickfänge. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Es ist ein Ort, der mit seinen unzähligen Blickfängen nicht nur Kunstbeflissene in seinen Bann zieht. Alleine das Treppenhaus, dessen Anmutung von Etage zu Etage wechselt, ist ein Gesamtkunstwerk. Hier windet sich nicht einfach eine Stiege nach oben. Das Ganze ist eher eine vertikale Galerie, die in Teilen fast schon den Hauch eines psychedelischen Farbstrudels widerspiegelt. Die Wände sind bemalt, beklebt, besprayt, bekritzelt – ein wilder Dialog zwischen Dada und Street Art, zwischen Ironie und Ekstase.

Die Ateliers im Künstlerhaus an der Rue de Rivoli stehen den Besuchern offen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Genie und Wahnsinn scheinen hier Stufe um Stufe eng beieinander zu liegen. Es riecht nach Farbe, nach Freiheit, nach ausgelebtem Traum – und ein bisschen nach gestern Nacht. Das Treppenhaus ist eine Bühne für und ein Liebesbrief an die künstlerische Freiheit. Wer hier hochgeht, begibt sich in ein Paralleluniversum, das sich selbst nicht ganz ernst nimmt.

Von Hausbesetzung zum Künstlertreff

Ganz verschiedene Kunststile finden sich im Pariser Künstlerhaus unter einem Dach. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Fakt ist, im Treppenhaus und in allen sechs Etagen wird Kunst nicht nur gemacht, sondern spürbar gelebt wird. Entsprechend ist man in dem altehrwürdigen Gemäuer an der Rue de Rivoli nie ganz sicher ist, ob das, was man sieht, schon fertig ist – oder gerade erst beginnt. Mitten im Herzen der Millionenmetropole an der Seine erhebt sich zwischen dem Louvre und dem Hôtel de Ville, dem Rathaus von Paris, ein Gebäude, das sich der klassischen Vorstellung von Kunst widersetzt – und gerade darin seine Kraft entfaltet.

Einige der Kunstwerke sind durchaus streitbar. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Was einst als besetztes Haus begann, ist heute ein offiziell anerkanntes Künstlerkollektiv, das über 30 Ateliers beherbergt und jährlich Tausende Besucher aus aller Herren Länder empfängt. Hier begegnet man der Kunst nicht auf Sockeln, sondern im direkten Austausch. Roh, ehrlich und oft überraschend. Manchmal anmutig, manchmal überaus provokant. Mitunter auch überaus an- und aufregend.

Mehr als brotlose Kunst im Bankgebäude

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Einige Werke bieten durchaus Diskussionsstoff. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Das Haus wurde ursprünglich im 19. Jahrhundert erbaut und diente lange Zeit als Sitz eines Geldinstituts. Nach dessen Auszug stand das Gebäude jahrelang leer – bis es 1999 von einigen Künstlern besetzt wurde. Die kleine Heerschar der Kreativen wandelte das Gemäuer ungefragt in ein öffentlich zugängliches Atelierhaus um, das schnell große Aufmerksamkeit erregte. Die Resonanz war von Beginn an so groß, dass die Stadt Paris von den Plänen abrückte, das Haus räumen zu lassen und der Einrichtung, die sich heute überwiegend aus Spenden finanziert, nach Jahren der Duldung offiziell den Stempel der Legalität verlieh.

Alles geht, alles ist erlaubt an der Rue de Rivoli. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Dabei ist es dem Künstlerhaus im Laufe der Jahrzehnte gelungen, den rebellischen Geist zu bewahren. Neben 15 Künstlern, die hier dauerhaft arbeiten, wird auch jungen Künstler auf Antrag jeweils für drei Monate für eine geringfügigen Kostenbeitrag von 150 Euro pro Monat ein Schaffens- und Präsentationsraum zur Verfügung gestellt. Der Austausch und die Expertise der anderen Künstler inklusive.

Instagram-Hotspot mit künstlerischem Mehrwert

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Jeder Raum im Künstlerhaus ist ein kleine Welt für sich. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Entsprechend erweist sich das Künstlerhaus für jeden spürbar als ein im wahrsten Sinne des Wortes buntes Kaleidoskop aus Ideen, Materialien und kreativen Persönlichkeiten, die sich beim Erstellen ihrer Werke bereitwillig über die Schultern schauen lassen. Die Künstler sind mal exzentrisch, mal charmant verwirrt.

Die vielen, vielen Kunstwerke machen das Künstlerhaus zum Hotspot für Social-Media-Jünger. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Kurzum: Zwischen knarzenden Dielen, offenen Ateliertüren und dem Duft von Farbe und Ideen stolpert man hier nicht nur über Kunst, sondern auch über ganz individuelle Geschichten, die noch keiner aufgeschrieben hat. Die Künstler leben zwischen Vision und Improvisation, und wer sich traut, einen Blick hinter die Leinwand zu werfen, entdeckt: Hier wird nicht nur gemalt, hier wird gelebt. Am Ende geht man mit einem Lächeln, einem Gedanken mehr – und vielleicht einem kleinen Farbspritzer auf der Jacke. Aber das gehört dazu. In diesem Sinne: Also: Merci, Rivoli! Für die Kunst, die Kaffeeflecken auf dem Atelierboden – und das Gefühl, dass man in Paris eben doch noch ein bisschen verrückt sein darf.

Durchaus provokant ist die Sammelbox mit der Aufschrift „„pour aller aux putes“, was so viel bedeutet wie „um zu den Nutten zu gehen“. -Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Informationen: Künstlerhaus 59 Rivoli, 59 Rue de Rivoli, 75001 Paris, Frankreich, www.59rivoli.org

Wissenswertes zu Paris in Kurzform

Paris
Zu den Wahrzeichen der Stadt gehört der Arc de Triomphe de l’Étoile. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Informationen: www.parisinfo.com

Anreise: Aus dem Westen Deutschlands verbindet der Eurostar täglich die Stationen Dortmund, Essen, Duisburg, Düsseldorf, Köln, Aachen, Lüttich, Brüssel und Paris bis zu fünfmal miteinander. Buchen lassen sich die Fahrten unter www.eurostar.com. Tickets in der Kategorie „Standard“ gibt es bereits ab 32 Euro pro Person, in der Comfort-Klasse ab 70 Euro und in der Premium-Klasse ab 135 Euro.

Vom Gare du Nord geht es mit dem Eurostar bequem zurück in den Westen Deutschlands. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Fahrradverleih: In Paris finden sich überall im Stadtgebiet verteilt rund 1.400 Verleihstationen mit mehr als 30.000 Rädern, die über eine App gemietet und an verschiedenen Stellen im Stadtgebiet wieder abgestellt werden können. 24-Stunden-Tickets kosten 5 Euro. Informationen unter www.velib-metropole.fr.

Pariser Restaurant-Vielfalt

Aligot ist unbedingt eine Versuchung wert. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Essen & Trinken: Le Plomb du Cantal, 3 Rue de la Gaite, 75014 Paris, Telefon 0033- 1-43351692. Das Traditions-Restaurant ist bekannt für seine Aligot-Varianten

Douze, 2 Passage Emma Calvé, 75012 Paris, Telefon 0033-1-45312400, www.douze.paris. Wechselnde regionale und ökologische Produkte stehen auf der kleinen Speisekarte des Nachbarschaftsprojekts.

An bärenstarken Einkehrmöglichkeiten mangelt es nicht. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Creatures, 25 Rue de la Chau. d’Antin, 75009 Paris, www.creatures-paris.com. Dinner mit Aussicht auf den Eiffelturm, die Oper, und Sacre Coeur bietet das Restaurant auf dem Dach der berühmten Galeries Lafayette. Serviert werden vornehmliche vegetarische Gerichte und mediterrane Küche.

Les Bariolés de Maud, 8 Rue Saint-Bernard, 75011 Paris, www.lesbariolesdemaud.fr. Bekannt für eines der besten und kreativsten Brunch-Angebote der Stadt.

Das Ibis Paris Gare Montparnasse Catalogne besticht durch ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis und die Lage. – Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Übernachten: Ibis Paris Gare Montparnasse Catalogne, 7-11 Rue du Texel, 75014 Paris, Frankreich, Telefon 0033-(0)7 56 43 04 45. Empfehlenswertes Stadthotel in Montparnasse mit ordentlicher Ausstattung in einer ruhiger Straße nur wenige Minuten vom Bahnhof und der nächsten Metrostation entfernt. Doppelzimmer werden ab 120 Euro angeboten; für das Frühstück werden zusätzlich 13,80 Euro fürs Frühstück pro Person in Rechnung gestellt.


Die Recherche fand auf Einladung / mit Unterstützung von Eurostar, der Accor Gruppe in Zusammenarbeit mit uschi liebl pr statt, ohne Einfluss auf die journalistische Ausarbeitung zu nehmen.

Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.