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Leichter Reisen ermöglicht barrierefreien Genuss

Leichter Reisen

Die AG Leichter Reisen ermöglicht den barrierefreien Zugang zu vielen Reisezielen in Deutschland so wie hier in Magdeburg. – Foto Andreas Lander

Vom rollstuhlgerechten Herbst- und Weihnachtsmarkt bis hin zur barrierefreien, kulinarischen Stadtführung: Die Arbeitsgemeinschaft Leichter Reisen setzt sich dafür ein, dass Menschen mit und ohne Behinderungen Deutschlands Genusswelt ohne Barrieren entdecken können. Im Herbst und Winter laden fünf Regionen unter anderem zu Käseseminaren, Kastanienfesten und Teezeremonien ein.

Fränkisches Seenland: Fisch, Walnüsse und Käse

Unter Wassersportlern hat sich das Fränkische Seenland, südwestlich von Nürnberg bereits einen Namen gemacht. Im Sommer lockt es Surfer, Angler und Badehungrige an die sieben Seen. Jetzt im Herbst kommen Genießer auf ihre Kosten. Mit dem Rollstuhl zugängliche Wochenmärkte in Gunzenhausen, Weißenburg und Roth bieten frische, regionale Produkte. Beim Fischerfest in Wald am Altmühlsee am 12. und 13. Oktober dreht sich alles um die heimischen Fische. Das Festgelände ist weitestgehend rollstuhlgerecht.

Ein echter Leckerbissen: Käse von der Schmalzmühle. – Foto Archiv Tourismusverband Fränkisches Seenland und Partner/Florian König

In der Schmalzmühle, am Fuß des Hesselbergs, werden Besucher in das Geheimnis der Käseherstellung eingeweiht. Auf dem Vierseithof, der auch barrierefreie Ferienwohnungen bietet, gibt es regelmäßig Käseseminare für Menschen mit und ohne Behinderungen. Eine Spezialität ist der Schmalzmüller Hochwasserpegel, ein Hartkäse mit schwarzer Pfefferrinde.

Wallnuss-Produkte kommen aus der Manufaktur „Gelbe Bürg“. Seit Jahren wachsen in den Ortschaften um den Berg „Gelbe Bürg“ alte Walnussbäume. Seit der Gründung einer Genossenschaft im Jahr 2013, welche die Nüsse verwertet, gewinnen sie wieder an Bedeutung. In der Manufaktur entstehen Wallnussöl, -nudeln und -mus, das in den Läden der Region verkauft wird.

Südliche Weinstraße: Kastanien, Wein und Wild

Rollstuhlfahrerin mit Familie unterwegs auf dem Keschdeweg. – Foto Südliche Weinstrasse e. V./ jacksenn.com

Zwischen Weinbergen und Pfälzerwald am Haardtrand sind die Früchte einer anderen Baumart im Herbst allgegenwärtig: die Esskastanien. Die Römer brachten sie einst in die Südpfalz. Zwischen dem 1. Oktober und 15. November dreht sich bei den traditionellen Kastanienmärkten an der Südlichen Weinstraße alles um die „Keschde“, wie die Kastanien in der Region genannt werden. Höhepunkt ist das barrierefreie Keschdefeschd in Annweiler am 5. und 6. Oktober, bei dem Kastanienhonig, -marmelade und -likör, aber auch Pfälzer Spezialitäten wie Zwiebelkuchen und neuer Wein probiert werden können. Zu Fuß und mit dem Rollstuhl sind Wege, Festzelt und Bühne gut zu erreichen. Speise- und Getränkekarten sind klar lesbar, Informationen zur Barrierefreiheit werden auf Hinweisschildern bekannt gegeben.

Typische Pfälzer Gerichte und Wein – diese Kombination gibt es auch bis November in der barrierefrei zugänglichen Straußwirtschaft Aloisiushof in St. Martin, die nach „Reisen für Alle“ zertifiziert ist. Ausgeschenkt werden die Tropfen des eigenen Weingutes. In Maikammer begeben sich Weinconnaisseurs auf Entdeckungstour. Die „Weinreise“ führt von der Vinothek durch den Ort zu zwei Weingütern. Die Strecke ist durchgängig für Rollstuhlfahrer geeignet. Von November bis Dezember laden die Gastronomen zu den Wildwochen ein. Sie bringen Wildbret aus dem Pfälzerwald, dem Bienwald und den Rheinauen auf den Tisch. Mehrere Restaurants sind nach „Reisen für Alle“ zertifiziert.

Ostfriesland: Tee und Fisch

Überaus beliebt in Ostfriesland: Die Teezeremonie und Ostfriesentorte. – Foto www.ostfriesland.travel

So wie die Pfälzer Stunden am Tisch bei einer Flasche Wein verbringen können, so zelebrieren die Ostfriesen ihre Teezeremonie. Die Teekultur ist 300 Jahre alt und gehört seit 2016 zum immateriellen Kulturerbe in Deutschland. Eine „Teetied“, die Teezeit mit einem weißen Stück Kandiszucker und einer Sahnewolke, ist typisch ostfriesisch. Im stufenlos zugänglichen Ostfriesischen Teemuseum Norden können Besucher mit und ohne Rollstuhl die traditionelle Zeremonie kennenlernen, in der ebenfalls mit dem Rolli befahrbaren J. Bünting Coloniale in Leer können sie ausgewählte Tee-Spezialitäten kaufen.

Die Tee-Zeremonien sind auf Borkum auch Bestandteil des teilweise barrierefreien „Kulinarischen Herbstes“, der vom 26. Oktober bis 17. November gefeiert wird. Bäckermeister und Küchenchefs haben außerdem kreative Menüs aus Grünkohl, Fisch und Sanddorn entwickelt, dazu erzählt der Inselschäfer spannende Anekdoten und das Team vom Nationalpark-Feuerschiff klärt über die Zutaten aus Neptuns Garten auf. Die Seehafenstadt Emden lädt Gäste mit und ohne Mobilitätseinschränkungen zur öffentlichen Stadtführung „Emden mundjet“ ein. Dabei werden typische Emder Spezialitäten an verschiedenen Orten verkostet.

Magdeburg: Absinth, Glühwein und Lümmel

Absinth vom Abtshof. – Foto Abtshof Magdeburg GmbH

Auch Magdeburg, die Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt, nimmt ihre Gäste mit auf eine kulinarische, barrierefreie Reise durch die Stadt. Hier trifft jahrtausendealte Stadtgeschichte auf moderne Kochkunst. Teilnehmer kommen in den Genuss von regionaler, aber auch internationaler Küche und probieren kleine Leckereien des traditionellen Konditorhandwerks.

Ab 25. November öffnen sich die Türen des Weihnachtsmarktes. Für Menschen mit Mobilitätseinschränkung ist der Markt über abgesenkte Bordsteine barrierefrei zugänglich.
Besucher können zwischen 50 verschiedenen Glühweinsorten wählen oder eine würzige Rostbratwurst, den „Lemsdorfer Lümmel“ probieren, die nach einem wiedergefundenen Rezept von 1924 hergestellt wird.

Im selben Jahr begann auch die Geschichte des Abtshofes, der heute für seinen Absinth über die Landesgrenzen hinaus bekannt ist. Die Destillerie fertigt die Spirituose in Handarbeit aus Wermut, Anis, Fenchel und weiteren Kräutern. Führungen, Genussabende und Besichtigungen sind eingeschränkt barrierefrei.

Erfurt: Schokolade, Klöße und Schittchen

Schmeckt nicht nur auf dem erfurter Domplatz – die Thüringer Bratwurst. – Foto Erfurt Tourismus und Marketing GmbH / Foto: B. Neumann

Traditionelle Thüringer Küche und ihre moderne Interpretation lässt sich in der Landeshauptstadt Erfurt erleben. Bei der barrierefreien, kulinarischen Stadterkundung lernen Gäste drei Thüringer Gerichte an verschiedenen Orten kennen. Die Entdeckungsreise „Wein und Schokolade“ entführt in die Welt von „Goldhelm Schokolade“, einer Schokoladenmanufaktur auf der Krämerbrücke, wo Pralinen, mit aufwendigen Zeichnungen vom Chocolatier persönlich verziert werden.

In den Restaurants werden im Herbst traditionell Thüringer Klöße, Rotkohl und Martinsgans serviert. Im rollstuhlgerechten Restaurant Köstritzer „Zum Güldenen Rade“ wird die Thüringer Küche zelebriert. Sogar Papst Benedikt XVI. konnte den hausgemachten Klößen des Güldenen Rades nicht widerstehen.

Der imposante Erfurter Dom liefert ab 26. November die Kulisse für den barrierefrei zugänglichen Weihnachtsmarkt. Asphalt und Pflaster sind gut berollbar, der Zugang zum Haupteingang erfolgt über abgesenkte Bordsteine. Probieren sollte man Thüringer Rostbratwurst und „Erfurter Schittchen“, einen Stollen aus schwerem Hefeteig mit Butter und Rosinen.

Über weitere Reiseideen informieren die Mitglieder der AG Leichter Reisen unter www.barrierefreie-reiseziele.de.

Wissenswertes über Leichter Reisen

Zehn deutsche Urlaubsregionen und Städte haben sich seit 2008 zur Arbeitsgemeinschaft Barrierefreie Reiseziele in Deutschland (seit 2018: Leichter Reisen) zusammengeschlossen. Gemeinsam leisten sie Pionierarbeit bei der Entwicklung von Reiseangeboten für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen, mit Hör-, Seh- und Lernbehinderungen, für Gehörlose und Blinde sowie für Familien und Senioren. Zu den Mitgliedern gehören die Regionen Eifel, Ostfriesland, Sächsische Schweiz, Südliche Weinstraße, das Fränkische, Lausitzer und Ruppiner Seenland, außerdem die Städte Erfurt, Magdeburg und Rostock.

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