Kurioser Hype: Tomatensaft im Flugzeug

Tomatensaft
Tomatensaft im Flugzeug: Ein geheimnisvolles Getränk, das viele am Boden ablehnen, aber in der Luft verehren. – Foto: Mortimer Reisemagazin

Warum bestellen Menschen im Flugzeug plötzlich Tomatensaft, obwohl sie ihn am Boden verschmähen? Ein Getränk, das am Boden kaum jemand freiwillig anrührt, wird in 10.000 Metern Höhe zum heimlichen Superstar der Lüfte und zu einem Phänomen, das Wissenschaft, Airlines und Passagiere gleichermaßen verblüfft.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, höchstens wundern. Und wundern dürften sich viele, sobald sie in einem Flugzeug Platz genommen haben und plötzlich zu völlig neuen kulinarischen Vorlieben finden. Kaum hat der Jet die Reiseflughöhe erreicht, verwandelt sich die Bordküche in eine Art fliegende Saftbar, in der ein Getränk dominiert, das am Boden ein Schattendasein fristet: Tomatensaft.

Ein Getränk, das in Kneipen, Bars oder Restaurants kaum jemand bestellt, wird über den Wolken zum Renner. Fast wirkt es, als würde eine unsichtbare Macht die Hände der Passagiere lenken, bis sie bei der Flugbegleiterin mit einem überraschend entschlossenen „Tomatensaft, bitte“ landen.

Der rote Höhenrausch

Über den Wolken ist die Nachfrage nach Tomatensaft ungewöhnlich hoch. – Foto: Mortimer Reisemagazin

Dabei ist das Phänomen keineswegs nur eine Randnotiz der Luftfahrt. Rund drei Prozent der weltweiten Tomatensaftproduktion werden in Flugzeugen konsumiert – eine erstaunliche Zahl, wenn man bedenkt, dass der Saft am Boden eher in die Kategorie „Getränke für sehr spezielle Momente“ fällt. Besonders eindrucksvoll zeigte sich das Phänomen im Jahr 2008, als die Lufthansa erstmals mehr Tomatensaft als Bier ausschenkte. 1,7 Millionen Liter des roten Saftes flossen durch die Bordküchen der Kranich-Flotte, während der Gerstensaft mit 1,65 Millionen Litern knapp dahinterlag. Ein Triumph, den wohl niemand vorhergesagt hätte.

Wie Kabinendruck den Geschmack prägt

Eine eindeutige Erklärung für dieses Verhalten existiert nicht, doch zahlreiche Untersuchungen liefern Hinweise. Forschende des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik fanden in einer vielzitierten Studie heraus, dass der Geschmackssinn in der Flugzeugkabine deutlich verändert ist. Der niedrige Kabinendruck und die trockene Luft sorgen dafür, dass süße und salzige Aromen bis zu 30 Prozent schwächer wahrgenommen werden.

Bitterstoffe hingegen bleiben stabil oder wirken sogar intensiver. Tomatensaft, ohnehin reich an Umami-Noten, entfaltet unter diesen Bedingungen eine völlig neue Wirkung. Während er am Boden oft als schwer, erdig oder gar muffig empfunden wird, schmeckt er in der Höhe frischer, fruchtiger und überraschend angenehm.

Ein Dämpfer für die Riechknospen

Viel bedarf es nicht, um einen eigenen Tomatensaft herzustellen. – Foto: Karsten-Thilo Raab / Mortimer Reisemagazin

Die Kabinenluft, die ungefähr der Atmosphäre auf einem 2.000 bis 2.500 Meter hohen Berg entspricht, dämpft zudem den Geruchssinn. Da Geschmack zu einem großen Teil aus Geruch besteht, verändert sich das gesamte sensorische Erlebnis. Plötzlich wirkt der Tomatensaft nicht mehr wie ein Getränk aus der Kategorie „medizinisch wertvoll, aber geschmacklich diskutabel“, sondern wie eine solide, fast elegante Wahl.

Ein wenig Salz, ein Hauch Pfeffer, vielleicht ein Spritzer Zitrone – und schon rinnt die dickflüssige, rubinrote Flüssigkeit erstaunlich geschmeidig den Rachen hinunter. Von einem kulinarischen Höhenflug zu sprechen wäre vielleicht übertrieben, doch ein gewisser Höhenwahn lässt sich nicht leugnen.

Die stille Strategie der Airlines

Natürlich bleibt ein solches Phänomen nicht unbemerkt. Airlines beobachten seit Jahren, dass Tomatensaft in der Luft eine Art magische Anziehungskraft besitzt. Manche vermuten sogar, dass die Fluggesellschaften den Saft nicht nur aus Tradition, sondern aus Kalkül anbieten. Die im Tomatensaft enthaltenen Bitterstoffe sollen den Appetit zügeln – ein nicht ganz unpraktischer Effekt, wenn man bedenkt, dass Bordmenüs nicht immer den höchsten gastronomischen Ansprüchen genügen. Wer Tomatensaft trinkt, ist möglicherweise weniger kritisch, wenn das Essen serviert wird. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Das Saft-Phänomen scheint mit dem Kabinendruck zusammenzuhängen. – Foto: Mortimer Reisemagazin

Gleichzeitig erfüllt der Saft eine weitere Funktion: Er vermittelt ein Gefühl von Ritual und Stabilität. Während draußen Wolken vorbeiziehen und die Turbulenzen gelegentlich an der Maschine rütteln, wirkt der Tomatensaft wie ein verlässlicher Begleiter. Er ist das Getränk, das man nur im Flugzeug trinkt, das Getränk, das den Übergang vom Boden in die Luft markiert. Eine Art flüssige Bordkarte für das Unterbewusstsein.

Zwischen Turbulenzen und Tomatenflecken

Natürlich birgt der Tomatensaft auch Risiken. Wer schon einmal erlebt hat, wie der Sitznachbar bei unerwarteten Turbulenzen sein Glas nicht fest genug hielt, weiß, dass der Saft eine erstaunliche Fähigkeit besitzt, sich über Kleidung, Sitze und Tabletts zu verteilen. Die Farbe ist dabei ebenso hartnäckig wie der Geruch. Doch selbst solche Erlebnisse scheinen dem Kultstatus des Getränks keinen Abbruch zu tun. Vielleicht gehört gerade dieses kleine Risiko zum Reiz dazu – ein Hauch Abenteuer im ansonsten streng regulierten Raum eines Flugzeugs.

Die Wissenschaft hinter dem Höhengetränk

Neben den bekannten Untersuchungen zum Geschmackssinn in der Höhe gibt es weitere spannende Beobachtungen. Forschende der Cornell University stellten fest, dass Umami – der sogenannte fünfte Geschmack – in trockener Luft besonders gut wahrgenommen wird. Tomatensaft ist reich an Glutaminsäure, einem natürlichen Umami-Träger. Während salzige Snacks in der Luft eher fade wirken, gewinnt Tomatensaft an Tiefe und Komplexität

Im Flugzeug wird das Kultgetränk weniger stilvoll präsentiert.

Auch die Psyche spielt eine Rolle. Fliegen bedeutet für viele Menschen Stress, sei es durch Enge, Höhe oder die ungewohnte Umgebung. Tomatensaft gilt als beruhigend, sättigend und stabilisierend. Manche Passagiere verbinden ihn sogar mit Kindheitserinnerungen oder dem Gefühl von Geborgenheit. Ein Getränk, das am Boden kaum Emotionen auslöst, wird in der Luft zum emotionalen Anker.

Ein Getränk zwischen Mythos und Realität

Ob der Tomatensaft im Flugzeug nun ein wissenschaftlich erklärbares Phänomen, ein psychologischer Reflex oder schlicht ein Ritual ist, bleibt letztlich offen. Sicher ist jedoch, dass er über den Wolken eine Bedeutung erlangt, die ihm am Boden niemand zutrauen würde. Er ist das Getränk, das Menschen verbindet, das Gespräche anregt und das selbst notorische Saftverweigerer zu überraschenden Entscheidungen verleitet.

Vielleicht ist es gerade diese Mischung aus Wissenschaft, Mythos und Humor, die den Tomatensaft zu einem der charmantesten Kuriositäten des modernen Reisens macht. Ein Getränk, das zeigt, wie sehr sich Wahrnehmung verändern kann, sobald der Boden unter den Füßen verschwindet. Und ein Beweis dafür, dass selbst in der streng durchorganisierten Welt der Luftfahrt noch Platz für kleine Wunder bleibt.

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Und auch beim Fliegen gibt es für ihn immer bemerkenswerte Erlebnisse. Ob die Technik streikt oder das Kabinenpersonal, ob das Wetter verrückt spielt oder der Taxifahrer am Flughafen, Schöner spießt die kleinen Widrigkeiten des Reisealltags genauso mit Witz und einem Augenzwinkern auf wie die Eigenheiten der Mitarbeiter der Fluggesellschaften und des Sicherheitspersonals und natürlich auch die der lieben Mitreisenden.

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Karsten-Thilo Raab

berichtet seit mehr als drei Jahrzehnten für eine Vielzahl von Zeitungen und Magazinen über Reiseziele weltweit. Zudem hat er sich einen Namen als Autor von mehr als 120 Reise-, Wander- und Radführern sowie Bildbänden gemacht.